Till Lindemann, das lyrische Ich & die Romantisierung von sexualisierter Gewalt

9. April 2020 von in

Marieke Fischer ist freie Journalistin aus Berlin. Wenn sie nicht gerade schreibt, studiert sie neuerdings wieder. Einen Studiengang, den sie aus reinem Interesse im Alter von 28 angefangen hat. Die Fächer Gender Studies und Kulturwissenschaften helfen ihr, Zusammenhänge in der Welt noch besser zu verstehen – und vor allem aber, in Diskussionen über Sexismus und Rassismus selbstsicher und mit Fakten untermauert ihren Standpunkt zu vertreten. Diesen vertritt sie heute auf amazed – gegen das Vergewaltigungs-Gedicht von Till Lindemann.

Hier sitze ich und versuche meine Gedanken zu sortieren. Gedanken, ausgelöst von einer Person, der ich eigentlich keinen Raum in meinem Kopf, nirgendwo, geben möchte. Und doch hat er es geschafft. Till Lindemann, Frontmann der Band Rammstein, der – wenn er nicht gerade bei megalomanischen Bühnenshows Nazi-Symbolik heroisiert – Gedichte verfasst. Kürzlich hat er seinen zweiten Lyrikband, „100 Gedichte“ beim renommierten Verlag Kiepenheuer und Witsch veröffentlicht. Besonders ein Werk sorgt seitdem für Empörung: „Wenn du schläfst“ heißt es und geht (Triggerwarnung!) so:

Schlaf gerne mit dir wenn du träumst
Weil du alles hier versäumst
Und genau so soll das sein (so soll das sein so macht das Spaß)
Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas)
Kannst dich gar nicht mehr bewegen
Und du schläfst
Es ist ein Segen

Zieht mensch die mangelhafte poetische Qualität ab, bleibt: eine Vergewaltigung. Sexualisierte Gewalt gegen eine fiktive Frau, hinterlistig betäubt, unantastbar gemacht durch den gemütlichen Deckmantel der vermeintlichen Lyrik. So stellt sich das zumindest Helge Malchow, editor-at-large von KiWi, vor. Der verkündet in einem übel gelaunten Statement:

„Die moralische Empörung über den Text dieses Gedichts basiert auf einer Verwechslung des fiktionalen Sprechers, dem sogenannten „lyrischen Ich“ mit dem Autor Till Lindemann. Die Differenz zwischen lyrischem Ich und Autor ist aber konstitutiv für jede Lektüre von Lyrik wie von Literatur allgemein und gilt für alle Gedichte des Bandes wie für Lyrik überhaupt.“, und weiter: „[…] Dass der im Gedicht dargestellte Vorgang unter moralischen Gesichtspunkten zutiefst verwerflich ist, ist eine Selbstverständlichkeit und erlaubt keine persönliche Diffamierung des Autors.“, Na gut, Herr Malchow, wenn Sie so enthusiastisch mansplainen, diffamiere ich eben Ihr System.

Das Argument der künstlerischen Freiheit

Da ist es nämlich, das universelle Argument der künstlerischen Freiheit. Während die Intention dieser Debatte selbstverständlich eine wichtige ist und stets subversive Diskussionen mit sich bringt, so schreie ich dennoch in Großbuchstaben: BULLSHIT. Ich will es nicht länger lesen, sehen, hören, fühlen, dass der immer gleiche Schutzmechanismus namens „künstlerische Freiheit“ zum Vorteil von übergriffigen Arschlöchern verwendet wird. Egal, ob lyrisches oder reales Arschloch.

Wenn ein Vergewaltigungs-verherrlichendes Gedicht wie dieses Immunität erhält, ist das nicht nur ignorant gegenüber den Erfahrungen von Betroffenen. Es offenbart auch das gefährliche Selbstverständnis einer weißen, männlichen Bildungselite, die es gewohnt ist, keine Grenzen zu erleben. Weder in ihrer Kunst, ihrem Ansehen, dem monetären Erfolg oder generellem, nunja, Dasein. Auch wenn sich langsam eine Veränderung abzeichnet, ein Großteil der Ausstellungsräume, Bühnen, Leinwände, Podien, Einzelbüros und akademischen Institutionen (oder wie Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray treffend formuliert: Fuckademia) wird weiterhin von weißen Männern dominiert. Sie profitieren von einem selbsterschaffenen System, das von Klassismus, Rassismus und Sexismus bestimmt ist. Das zeigt sich in den Werken, die als sogenannte „Hochkultur“ gelten und an den Menschen, denen eine Partizipation mindestens erschwert wird.

Bereits der Kulturbegriff selbst hat eine kontroverse Historie: Europäische Denker des 18. und 19. Jahrhunderts haben ein binäres, heteronormatives System erschaffen, in dem Frauen und Männern gegensätzliche Geschlechtscharaktere zugeordnet wurden, um die damalige Gesellschaftsordnung aufrechtzuerhalten. So wurden Frauen beispielsweise mit „Natur“ und Männer mit „Kultur“ beschrieben. Die patriarchale Kultur wurde der Natur übergeordnet und diente fortan als Legitimation für machtvolle Unterdrückung jeglicher Art, sei es von Frauen, Arbeiter_innen oder während der Kolonialzeit. Diese sexistische Geschichte zieht sich bis heute.

Das Rape-Gedicht „Heidenröslein“ von Goethe findet weiterhin Platz im Lehrplan. Bei einer komödiantischen Inszenierungen des „Nibelungenlied“ im Hamburger Schauspielhaus wurde Brünhild von zwei Männern vergewaltigt. Die Wissenschaftlerin Joanna Bourke stellte 2007 fest, dass in jedem achten Hollywood-Film sexualisierte Gewalt dargestellt wird. Die Kunstgeschichte ist gefüllt von grafischen Malereien, auch die aktuelle Szene scheut sich nicht vor der Thematik. Und jetzt ist da halt auch noch Till Lindemann, der brachiale Stadionsänger mit den Rhyme-Skills eines Teletubby.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen muss von ihrem Stigma befreit werden. Doch ist für mich in vielen Fällen schwer nachzuvollziehen, welchen Zweck männliche Lyriker, Schriftsteller, Regisseure, Musiker oder Maler verfolgen, wenn sie diese Art der Gewalt romantisieren. Sie plakativ, provokativ und brutal aufzeichnen. Sind sie sich bewusst, welche traumatisierenden Auswirkungen solche Konfrontationen für Betroffene haben können? Sind sie sich bewusst, welches Bild der Frau sie wieder und wieder statuieren? Sind sie sich bewusst, dass sie reale Verletzungen bewirken? Auch, wenn es „nur“ das lyrische Ich ist, das spricht? Sind sie sich dessen bewusst – und ignorieren es penetrant?

Okay, Kunst soll frei entstehen können. Auch frei von den moralischen Maßstäben der Zeit. Sie muss sogar aus ziemlich logischen Gründen gegen die Einflussnahme von Politik oder der jeweilig vorherrschenden Ethik geschützt werden. Und ja, Kunst und ihre Erschaffenden mÜsSeN kEiNeM ZwEcK dienen. Doch ständig die selben Geschichten und Bilder zu reproduzieren, ist so unkreativ, so billig. So banal. So Lindemann.

Hier sitze ich also und versuche meine Gefühle zu lenken. Till ist meine Wut nicht wert, das System, in dem er sich bewegt, das ist es schon.

 

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2 Antworten zu “Till Lindemann, das lyrische Ich & die Romantisierung von sexualisierter Gewalt”

  1. Ich bin beim Lesen des „Gedichts“ tatsächlich etwas erschrocken.
    Ich finde es beängstigend, dass so etwas durch die künstlerische Freiheit geschützt wird aber ständig wird über bewusst feministische Kunst gelacht.
    Kunst sollte natürlich keiner Zensur unterliegen, aber immer noch mit den Menschen-und Grundrechten vereinbar sein.
    Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und auch Frauen sind Menschen, Herr Lindemann.

  2. Danke, für diesen unglaublich guten Text, den dieses abartige billo Gedicht gar nicht verdient hat.
    Der aber-wie du schon richtig schreibst- diese Abgründe im Bereich „Kultur“ sehr treffend an die Wand stellt .
    Es macht mich so wütend , so traurig , so fassungslos, dass sowas bei einem renommierten Verlag , in den Druck geht .
    Müssen die es nötig haben …

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