„Unser Blickwinkel soll im gesellschaftlichen Diskurs künftig mitgedacht werden“: Warum das neue Online-Magazin „Eigenes Zimmer“ so wichtig ist

10. Mai 2021 von in

Waren es früher die Fashion-Accounts auf Instagram, die mir den Tag versüßten, sind es heute ganz andere Feeds, denen ich gerne folge. Feeds von Frauen, die so stark sind, dass ich wünschte, ich könne mir eine kleine Scheibe abschneiden. Frauen, die eine so andere Lebensrealität haben, dass ich dankbar bin, einen Einblick in ihr Leben zu bekommen. Und Frauen, die sich klar positionieren, weiterdenken und gesellschaftliche Veränderungen fordern sowie Missstände aufdecken. Und genau dafür liebe ich diesen kleinen Ort namens Instagram.

Vor gut über einem Jahr stieß ich in der Lockdown-Langeweile auf Anne Dittmann. Journalistin und alleinerziehende Mutter. Ihre Texte sprachen mich an. Weil sie so klar auf die vergessenen Eltern in der Pandemie aufmerksam machte, Mental Load thematisierte und nicht einfach still blieb. Ich blieb hängen und bin so froh darüber. Denn dank Anne habe ich einiges gelernt, neue Blickwinkel bekommen und vor allem schon vieles für mein Irgendwann-vielleicht-Mutter-Dasein abgespeichert.

Dass die Journalistin jetzt mit einem eigenen Online-Magazin um die Ecke kommt, verwundert mich nicht. Ich freue mich. Riesig. Denn zum einen glaube ich fest daran, dass jedes weitere gute Online-Magazin uns alle nur belebt und es gar nicht genug weibliche Stimmen geben kann, die wichtige Themen besprechen. Und zum anderen finde ich die Idee des Magazins so großartig, so anders, so wichtig, dass ich gar nicht anders konnte, als euch das neue Eigenes Zimmer Mag ans Herz zu legen.

Denn gemeinsam mit Eszter und Jasmin bildet Anne das neue Eigenes-Zimmer-Mag-Trio. Es sind drei wirklich einzigartige Frauen, denen vor allem eines am Herzen liegt: Ihre ganz besonderen Blickwinkel nach außen zu tragen und so in der Gesellschaft sichtbar zu machen. Das reicht vom Blick der alleinerziehenden Mutter über das Leben als Schwarze Frau oder Migrantin bis hin zum Leben als Autismus. Es sind Blickwinkel, die oft vergessen werden. Blickwinkel, die marginal sind. Blickwinkel, die wichtig sind. Denn es gibt eben so viel mehr, als unsere eigene Bubble uns oft glauben lässt.

Uns so habe ich mir die Drei geschnappt und gefragt: Warum Eigenes Zimmer Mag? Wie kam’s zum Namen? Und worüber wird es vor allem gehen?

Anne, Jasmin und Eszter, ihr habt Eigenes Zimmer Mag kürzlich gelauncht: Wie kam es dazu?

Anne: Ich hatte vor über einem Jahr Virginia Woolfs „Ein Zimmer für sich allein“ gerade zu Ende gelesen, mir das Reclam-Cover noch einmal angesehen und dachte: Ein Zimmer, das brauchen im 21. Jahrhundert nicht nur Frauen im Allgemeinen, sondern viele marginalisierte Menschen – Schwarze Menschen, Menschen mit Behinderung, trans* Personen, Alleinerziehende, Mütter und nicht-binäre Eltern, Braune Menschen. Es gibt so viele Perspektiven auf unsere Gesellschaft, aber in den Medien nehmen immer noch überwiegend gleiche Stimmen den Raum ein. Mir war schnell klar: Das kann ich als gelernte Journalistin und Social-Media-Profi ändern – ich habe ja das Werkzeug, um diesen Raum aufzubauen. Natürlich nicht alleine, denn meine Perspektive ist begrenzt. Darum habe ich die klügsten und kritischsten Frauen gefragt, die ich kenne: Eszter und Jasmin.

Jasmin: Als Anne uns ihre Idee zum Magazins vorgestellt hat waren Eszter und ich sofort begeistert, da wir zu diesem Zeitpunkt gemerkt haben, dass wir gehört werden wollen und dass Leute uns hören möchten.

Eszter: Wir kannten uns damals ja schon eine Weile über Instagram. Wir diskutierten, tauschten uns aus, schickten uns Memes. Ich war damals an dem Punkt, dass ich mehr machen wollte. Mehr machen musste, um eine bessere Welt für meine Kinder und alle Menschen zu gestalten. Um nicht die Hoffnung zu verlieren.

„Ich war damals an dem Punkt, dass ich mehr machen wollte. Mehr machen musste, um eine bessere Welt für meine Kinder und alle Menschen zu gestalten. Um nicht die Hoffnung zu verlieren.“

Anne

Woher kommt ihr, wer seid ihr und was habt ihr vorher gemacht?

Eszter: Ich lebe mit meinen drei Kindern und deren Vater in einer großen Stadt. Ich stamme aus einer migrantischen Familie und habe früh auf eigenen Beinen stehen und mich durchschlagen müssen. Mein Studium musste ich abbrechen, um mich um meiner Kinder zu kümmern. Ich bin pflegende Mutter. Mein Alltag ist geprägt von Carearbeit und die Therapien und Termine der Kinder. Ich habe das Schreiben immer geliebt und mich viel mit politischen und gesellschaftlichen Themen beschäftigt. Aber ich habe mich lange nicht getraut, diesen Wunsch zu verfolgen. Nach der Geburt meines ersten Kindes fing ich wieder an, meine Texte öffentlich zu machen. Ich musste anschreiben gegen das enge Bild von Mutterschaft, unter dem ich litt. Nach der Geburt meines dritten Kindes wusste ich, dass ich nicht wieder aufhören dürfte. Irgendwo dazwischen baute ich mir eine kleine Follower*innenschaft auf Instagram auf und schrieb über Feminismus, Mutterschaft und soziale Gerechtigkeit. Ich habe mittlerweile Texte bei Edition F veröffentlicht und habe zusammen mit Jasmin und Bárbara den Blog Kaiserinnenreich von Mareice Kaiser übernommen, wo wir über unser Leben als pflegende Mütter schreiben.

 

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Jasmin Dickerson (@darshanawhynot)

Jasmin: Ich komme aus dem Saarland, habe von 2005 bis 2018 in Berlin gelebt und bin dann, etwa acht Monate nach der Geburt meiner Tochter wieder zurück nach Saarbrücken gezogen, da ich alleinerziehend bin und sie pflegebedürftig. Ich bin 35 Jahre alt, afrodeutsch, autistisch mit ADHS. Ich wollte diesen Satz zuerst nicht schreiben, da ich mich überall so vorstelle – und vielleicht reicht es irgendwann einfach mal. Aber die Wahrheit ist, dass diese Aspekte einen Großteil meines Seins ausmachen und mich geprägt haben. Bevor ich Mutter wurde, habe ich in einem Berliner Design Startup als Head of Customer Service gearbeitet und nebenbei als Gastautorin bei verschiedenen Online-Magazinen geschrieben.
Nach meinem Umzug ins Saarland begann ich, bei Instagram meine Geschichte als alleinerziehende, pflegende Mutter zu erzählen und habe die Leser*innen nebenbei an meiner eigenen Reise zu meinen Diagnosen als neurodiverse Person teilhaben lassen.

Anne: Ich bin studierte Journalistin und habe direkt nach dem Studium bei der Berliner Zeitung als Online-Redakteurin angefangen. Ich wurde im Studium schwanger und kurz darauf bin ich alleinerziehend gewesen. Das war eine extrem harte Zeit, in der ich gespürt habe, was soziale Ausgrenzung und strukturelle Benachteiligung bedeuten. Damals habe ich angefangen, meine Erfahrungen und Gedanken auf Instagram zu beschreiben. So habe ich zum Thema Alleinerziehend eine Community aufgebaut. Bei der Zeitung landete ich durch meine Teilzeitstelle schnell auf dem Abstellgleis – was nicht gerade das ist, was man sich als Berufsanfänger*in wünscht. Daher habe ich nach vier Jahren dort gekündigt, aber sofort Aufträge für verschiedene Magazine bekommen, die durch meinen Instagram-Account auf mich aufmerksam geworden waren. Ich schreibe seitdem für Magazine wie die Brigitte BeGreen und andere Brigitte-Ablegerinnen, für Iconist und LittleYears. Außerdem ist gerade meine monatliche Kolumne bei Solomütter gestartet.

„Aufmerksamkeit ist endlich. Und ich finde auch, dass nicht immer nur die gleichen Menschen gehört werden sollten – weiß, mit akademischem Abschluss und Vitamin B.“

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Eigenes Zimmer Mag (@eigeneszimmermag)

Warum habt ihr euch entschlossen, Eigenes Zimmer Mag zu gründen?

Eszter: Ich persönlich wollte mehr schreiben und mehr Menschen erreichen. Eigenes Zimmer Mag war die Möglichkeit, sich über Hürden hinwegzusetzen. Ich habe keine guten Kontakte, Abschlüsse, Praktika. Jemand wie ich kann nicht einfach irgendwohin gehen und sagen: „Lasst mich mal für euch schreiben.“ Bei Eigenes Zimmer Mag spielt das alles keine Rolle. Hier kann jede*r schreiben. Hier können wir wirklich alle zusammenkommen, egal welchen Background du hast. Das ist einfach viel spannender und interessanter.

Anne: Eszter spricht da einen wichtigen Punkt an: Aufmerksamkeit ist endlich. Und ich finde auch, dass nicht immer nur die gleichen Menschen gehört werden sollten – weiß, mit akademischem Abschluss und Vitamin B. Dann passieren nämlich so Dinge wie in der Pandemie: Dass Menschen vergessen werden, zum Beispiel die Situation von Eltern. Oder dass Menschen mit Behinderung nicht mitgedacht werden. Wir leben in einer Welt, die von und für Menschen gemacht wurde, die der Norm entsprechen. Je mehr ein Mensch und ihr*sein Leben dem Ideal entspricht, desto mehr Privilegien genießt dieser Mensch. Und das will ich abbauen und in meinen Texten mitdenken. Gesellschaften sollten für alle Menschen gemacht werden. Und diese Umstrukturierung wird nur gelingen, wenn man uns zuhört. Mit der Gründung von Eigenes Zimmer Mag habe ich mich entschlossen, laut zu sein. Für mich, mein alleinerziehendes Ich aus der Vergangenheit und andere.

„Wir haben im Kleinen das gemacht, was die Welt zu einem besseren Ort machen würde: Einander zu hören, hinsehen, Lösungen für ein gutes Miteinander finden.“

Jasmin

Wie war der Weg von der Idee zum Launch?

Jasmin: Holprig, voller Tränen, Freundschaft, Zusammenhalt, Streit und Ambition. Es war eine schwere und sehr herausfordernde Zeit und ich habe oft gedacht, dass nichts funktionieren wird. Letztendlich waren es aber die erschwerten Bedingungen, die uns zusammen wachsen ließen und durch diesen Zusammenhalt konnten wir die nötige Kraft schöpfen, dieses Projekt umzusetzen.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Eszter (@polyeszterbindung)

Eszter: Wir haben uns aber auch immer bewusst Zeit gelassen. Wir wollten nicht einfach schnell was zusammenschustern. Wenn man sich zusammensetzt und etwas Nachhaltiges aufbauen will, dann dauert das. Eigenes Zimmer Mag zu schaffen war auch ein Prozess, in dem jede von uns individuell gewachsen ist und sich entwickelt hat. Da steckt viel emotionale Arbeit drin. Wir haben Diskussionen geführt und waren füreinander da. Wir haben im Kleinen das gemacht, was die Welt zu einem besseren Ort machen würde: Einander zu hören, hinsehen, Lösungen für ein gutes Miteinander finden.

Solidarität, Information, Inspiration und Wut wollt ihr vermitteln – welche Themen erwarten die Leser:innen auf Eigenes Zimmer Mag?

Jasmin: Wir sind alle drei thematisch recht bunt. Ich habe gerade einen Artikel über die Unsichtbarkeit pflegender Angehöriger veröffentlicht. Von Eszter kam vor kurzem ein hammermäßiger Kommentar online mit der These „Wie unser Ableismus Menschen tötet“ und Anne hat gerade einen Artikel über neue Cyber-Silencing-Strategien und das neue Hatespeech-Gesetz fertig geschrieben. Außerdem haben wir Gastbeiträge im Mag, die neue und spannende Themen ansprechen. Ich kann unseren ersten Gastbeitrag über trans* Maskulinität von Shoshana-Saide Wegfraß sehr empfehlen. Er trägt den Titel: „Ich bin maskulin, auch mit Schminke und im Rock“

Welche Themen liegen euch besonders am Herzen?

Anne: Ich beschäftige mich viel mit institutioneller und partnerschaftlicher Gewalt gegen Mütter, feministischer Mutterschaft, den Neuen Rechten und psychologischen Themen. Außerdem gebe ich super gerne Buchtipps.

Eszter: Meine Themen sind vor allem Mutterschaft, Inklusion und soziale Gerechtigkeit.

Jasmin: Ich schreibe viel über Antirassismus, Behinderung, Pflege und Neurodiversität.

„Meinen Blickwinkel als Schwarze, alleinerziehende Autistin mit ADHS und behindertem Kind gibt es sehr selten. Erst recht nicht in großen Medien oder der Politik. Ich möchte ihn aber mitgeben, damit mein Zimmer, mein Raum als Eindruck im Gedächtnis unserer Leser*innen bleibt. Und damit sie an diesen Raum denken, wenn sie die Gesellschaft gestalten.“

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Eigenes Zimmer Mag (@eigeneszimmermag)

Was möchtet ihr euren Leser:innen mitgeben?

Eszter: Wenn ich zum Beispiel über mein Leben als pflegende Mutter schreibe, versuche ich meine Texte offen enden zu lassen. Ich bin weder die bemitleidenswerte Mutter noch die tapfere. Ich bin voller Energie und Hoffnung und ich bin müde und verzweifelt. Ich bin all das und alles dazwischen. Ich möchte den Leser*innen alle Nuancen mitgeben. Ich möchte, dass sie die Texte und Gedanken mitnehmen und nachwirken lassen. Sie weiterdenken und teilen.

Jasmin: Meinen Blickwinkel als Schwarze, alleinerziehende Autistin mit ADHS und behindertem Kind gibt es sehr selten. Erst recht nicht in großen Medien oder der Politik. Ich möchte ihn aber mitgeben, damit mein Zimmer, mein Raum als Eindruck im Gedächtnis unserer Leser*innen bleibt. Und damit sie an diesen Raum denken, wenn sie die Gesellschaft gestalten. Auf der anderen Seite stelle ich es mir schön vor, dass Menschen unsere Texte lesen und sich verstanden und zugehörig fühlen. Als Teil einer diversen Community, in der wir unsere politischen Anliegen gegenseitig unterstützen und uns zuhören.

Eszter

Warum sollte man Eigenes Zimmer Mag unbedingt in seiner Leseliste mit aufnehmen?

Anne: Weil wir oft Dinge aussprechen werden, die viele Menschen als diffuses Unwohlsein mit sich herumtragen, ohne es benennen zu können. Wir ordnen Dinge anders ein als viele Medien mit normativer Redaktionsbesetzung. Und das kann heilsam sein, zu recht wütend machen und Kraft geben. Wir konfrontieren unsere Leser*innen mit ihren eigenen Gefühlen. Man kann an uns also wachsen. Das können wir alle drei aus Erfahrung sagen, weil wir seit Jahren unsere Texte für Instagram geschrieben und dieses Feedback bekommen haben. Auf dem Mag schreiben wir nun aber noch politischer und tiefgründiger. Das ging auf 2000 Zeichen nicht immer.

Eszter: weil wir gute Texte schreiben.

„Wir wollen die Aufmerksamkeit auf marginalisierte Themen lenken und somit Energien und Diskurse dorthin verschieben, wo sie am meisten gebraucht werden.“

 

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Anne Dittmann (@anne_dittmann)

Was ist euer Ziel – vielleicht auch gesellschaftlich gesehen – mit Eigenes Zimmer Mag?

Jasmin: Definitiv! Und uns für eine gerechtere Gesellschaft einzusetzen. Wir werden nicht nur unsere Leser*innen mit sich konfrontieren, sondern auch Unternehmen und Politiker*innen. Wir wollen die Aufmerksamkeit auf marginalisierte Themen lenken und somit Energien und Diskurse dorthin verschieben, wo sie am meisten gebraucht werden.

Anne: Ich hoffe, dass dieser Raum groß wird und immer größer. Voll mit Menschen, die selbstbestimmt leben wollen und mit uns laut dafür einstehen werden. Und privat hoffe ich, dass wir als Gründerinnen es schaffen werden, von dieser Arbeit zu leben und künftige Autor*innen für ihre Texte gerecht bezahlen zu können. Dabei kann man uns über Steady unterstützen.

Anne findet ihr hier auf Instagram, Eszter hier und Jasmin hier.
Und hier geht’s zum Eigenes Zimmer Mag Instagram-Account. 

– Anzeige wegen Markennennung –

Sharing is caring

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars bestätigst Du, dass Du unsere Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen hast.