Weißsein als Privileg: Ich habe meine Extrawurst erkannt – und ihr?

5. November 2018 von in

Ich habe in meiner Schulzeit viel Mist erlebt. Ihr wisst schon, eben Mädchenkram: Mir wurde auf dem Weg in die Schule als junges Mädchen an den Po gefasst, oder ich überraschte meine Sportlehrer damit, dass ich nicht wie ein „Mädchen“ warf. Solche Dinge. Woran ich mich aber nicht erinnern kann, sind LehrerInnen, die mir von vornherein nichts zugetraut haben und die sich selbst bei positiven Leistungen nicht für mich freuen konnten. Ich erinnere mich nicht daran, dass mir wildfremde Menschen in die Haare fassten als wäre ich irgendein Hund und mich hat auch meines Wissens kein Mensch jemals grundlos bespuckt oder herablassend beleidigt. Es wechselte auch in Gottes Namen niemals jemand den Sitzplatz in der U-Bahn, wenn ich mich setzte. Ja, ich wurde in der Vergangenheit angestarrt, weil ich eine Frau war. Lasziv. Ich wurde gecatcalled. Wildfremde, eklige Männer, die mir nicht im Geringsten gefielen, schmetterten mir dumme Sprüche entgegen, als ich mich sowieso schon elendig fühlte: „Hey Baby!“, „Geiler Arsch“, „Komm mal her!“, oder so, doch die Blicke und Sprüche sagten nie, dass ich mich fern halten soll. Im Gegenteil.

Kein fremder Mensch sah mich je in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Straße abfällig an, und ich wurde noch nie grundlos von einem Menschen dazu aufgefordert, das Land zu verlassen.

Ich besuchte eine katholische, private Mädchenschule und erinnere mich an zwei türkische Klassenkameradinnen, die immer zu zweit herum hingen. Ich mochte sie, hatte aber nie großen Bezug zu ihnen. Sie gingen in den Ethikunterricht und sie absolvierten beide niemals den Abschluss an unserer Schule. Erst ging die Eine, kurz darauf die Andere. Ein Zufall? Ich habe mir damals nie große Gedanken darüber gemacht. Auf der weiterführenden Schule saßen in meiner Klasse nur Weiße, und mein Freundeskreis besteht bis heute fast ausschließlich aus Weißen – mit wenigen Ausnahmen. Ich umgab mich mein Leben lang unwissend und ungeplant von privilegierten Weißen und warf früher fröhlich „Wir sind alle gleich“ um mich. Bis ich verstand, dass das zwar ein netter Gedanke meinerseits war, aber auch ein naiver und vor allem aber ein egoistischer. Schließlich kann ich das wohl aus meinem Blickwinkel sagen, der immer bevorzugt wurde und der sich nie fehl am Platz fühlen musste und der „nur“ mit Sexismus zu kämpfen hatte, was natürlich schlimm genug ist! Doch ich habe keine Ahnung, wie es ist, eine andere Hautfarbe zu haben, einer anderen Religion als dem Christentum anzugehören oder aus einer anderen Kulturkreis zu kommen und das jeden Tag aufs Neue von meinem Umfeld zu spüren zu kriegen.

Ich habe keine Ahnung, wie es ist, eine andere Hautfarbe zu haben, einer anderen Religion als dem Christentum anzugehören oder aus einer anderen Kulturkreis zu kommen und das jeden Tag aufs Neue von meinem Umfeld zu spüren zu kriegen.

Rassismus ist verdammt nochmal real und ich verstehe nicht, wieso so viele Weiße nicht akzeptieren wollen, dass sie privilegiert sind. Critical Whiteness, oder auch die kritische Weißseinsforschung, will Weiße darauf aufmerksam machen, dass sie nicht nur „Menschen“ sind, sondern dass sie aufgrund ihres Aussehens bevorzugt werden. Eine ganze Gesellschaft beruht auf dem System, das sich an der Figur und den Bedürfnissen des weißen Menschen orientiert, und dieses System ist für viele Menschen so unauffällig, weil es so normal ist. Weil es nie anders war.

Ich komme aus einem geordneten, bayerischen, studierten Familienhaushalt und habe mich aufgrund meiner Hautfarbe niemals fehl am Platz gefühlt. Ich werde aufgrund meiner Hautfarbe von keinem dumm angeredet oder herablassend behandelt. Ja, ich bin eine Frau und ja, das ist oft genug scheiße. Aber ich bin weiß und verstehe mittlerweile, dass das einen Unterschied macht. Dank meiner Freunde of Color, denen ich zuhöre und die ich versuche zu verstehen, obwohl ich sie natürlich niemals verstehen werde. Jeder Mensch, der der Meinung ist, Hautfarben wären egal, ist vermutlich weiß – denn er hat keine Ahnung, wie es sich anfühlt, nicht weiß zu sein.

Die Erkenntnis, dass Rassismus als System bis heute existiert, bedeutet nicht, dass ich keine Probleme hätte oder dass ich an dem System schuld wäre.

Sie bedeutet nur, dass ich es mir leisten konnte, mich nie ernsthaft mit Rassismus zu beschäftigen, weil ich es nicht musste. Weiße können benachteiligt sein, unter Armut leiden oder sonstige Probleme haben. Doch das ist ein anderes Thema. Rassismus beruht nämlich auf einem System und ist in der Gesellschaft tief verankert. Das Rassismus-System beruht bis heute auf der ungleichen Machtverteilung zwischen People of Color und Weißen und keiner hat sich seine Hautfarbe oder Herkunft ausgesucht, aber das ändert nichts daran, dass die Einen mehr Privilegien genießen als die Anderen. Diese Einsicht mag schwer fallen, weil sich das eigene Leben so oft so gar nicht einfach anfühlt. Aber sie ist extrem wichtig. Denn wir wissen ja alle: Einsicht ist der Weg zur Besserung.

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5 Antworten zu “Weißsein als Privileg: Ich habe meine Extrawurst erkannt – und ihr?”

  1. hey Amelie! Guter Ansatz aber es liegt nicht nur an den Weißen! Es gibt überall Menschen die rassistisch sind. Ich bin käseweiß und habe bereits in verschiedenen Ländern gelebt in der die Mehrheit der Bevölkerung „dunkel“ ist. Ständig wurde ich belästigt und als Sonderling und nicht als Mitmensch wahrgenommen. Auf Details möchte ich nicht eingehen. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen dass auch Rassisten andere Hautfarben haben können. Grundsätzlich gilt, dass sich jeder bei der eigenen Nase nehmen muss und außerhalb von seiner Blase die Welt wahrnehmen sollte. Ich habe mittlerweile gelernt dass es an dem Charakter/Bildung und nicht an der Hautfarbe liegt.

    • Liebe Sandra, ich glaube zwar zu verstehen was du eigentlich sagen möchtest, allerdings sagst du hier gerade genau das, was ich in meinem Artikel widerlegen möchte :). Ich spreche hier von Rassismus als System und wenn du dich in einem anderen Land oder einer anderen Kultur von gewissen Menschen nicht aufgenommen gefühlt hast und schlecht behandelt, beleidigt o.Ä. wurdest, ist das zwar wirklich doof, doch kannst du diesen Rassismus als System nicht umkehren. Das heißt nicht, dass alle Menschen gut sind mit Ausnahme aller Weißen. Überhaupt nicht. Es geht hier um Machtverhältnisse auf der ganzen Welt, die noch nie fair aufgeteilt waren aufgrund dieses Systems.

      Wenn du dich für das Thema interessierst oder besser verstehen möchtest, wovon ich in diesem Text spreche, empfehle ich dir zusätzlich noch diesen Artikel: https://sz-magazin.sueddeutsche.de/leben-und-gesellschaft/hoert-auf-zu-jammern-alte-weisse-maenner-85975?fbclid=IwAR3atLPzQGXyAd3vUoaBuzMrjyjvwNVOdQ_yB1oLDR-7BEYH3ks5fih97dc – Falls du gerne Podcasts oder Hörbücher hörst, empfehle ich dir außerdem „Deutschland Schwarz Weiß“ auf Spotify!

      Liebe Grüße,
      Amelie

    • Sandra, wie würdest du dich fühlen, wenn ein Mann auf ein Artikel zu Feminismus und wie Frauen auf so vielen Ebenen benachteiligt werden, antworten würde: „Es liegt nicht nur an den Männern! Ich habe auch schonmal die Erfahrung gemacht von Frauen blöd angemacht zu werden. Es liegt nicht am Geschlecht sondern an dem Menschen selber, Arschlöcher gibt es überall. Sexismus existiert entweder gar nicht oder in beide Richtungen!“.
      Niemand will oder kann so eine Erfahrung absprechen, aber es ist einfach nicht das gleiche. Einmal hat eine Person einen unschöne individuelle Erfahrung gemacht (der Mann) und einmal erfahren Personen als Kollektiv (die Frauen) systematische Diskriminierung und sehen sich gezwungen, ob sie wollen oder nicht, gegen dieses System anzukämpfen, wenn sie denn wirklich gleichberechtigt sein wollen.
      Siehst du den Zusammenhang? Ich kann jedem der anfängt sich mit diesem Thema zu beschäftigen Rachel Cargles Website und Instagram empfehlen.

    • Ich empfehle dazu ein (zumindest am Rande) passenden Roman eines weißen, privilegisierten, alten Mannes: Philipp Roth,
      Der menschliche Makel

      :):

  2. Wichtiger Artikel. Ich freue mich zu sehen, dass diese Thematik endlich auch mehr nach Deutschland rüberschwappt. Ich folge schon länger black anti racism activists auf Instagram und habe von ihnen viel, viel lernen können. Als ich angefangen haben, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, hatte ich das Gefühl ins kalte Wasser geschmissen zu werden. Wütende schwarze Frauen, sauer auf Menschen wie mich.. dabei hab ich doch eigentlich gar nichts getan? Wenn man sich als weiße Frau in dieses Feld begibt, fühlt man sich vielleicht ein bisschen wie weiße Männer sich bisher im Feminismus gefühlt haben: defensiv, beleidigt, angegriffen und ziemlich unwohl; not all men/white women und das alles. Diese Reaktionen zeigten mir jedoch nur wie viel ich noch zu lernen haben. Warum fällt es uns so schwer einfach mal zuzuhören und uns nicht gleich zu verteidigen, wenn diskriminierte Minderheiten aufsprechen? Weil wir es nicht gewöhnt sind so behandelt zu werden aka eine privilegierte Position in unserer Gesellschaft inne haben. Es fühlt sich nicht gut an plötzlich auf der Seite der „schlechten“, privilegierten Mehrheit zu stehen und angegriffen werden, wenn man vom weißen Feminismus doch gewöhnt ist, auf der „guten“ Seite zu stehen. Also, es ist an der Zeit für uns weiße Menschen zuzuhören, unseren Stolz herunter zu schlucken und mit helfen die Drecksarbeit zur Beseitigung von Rassismus zu übernehmen. Und wenn man sich länger damit beschäftigt und lernt, ist es plötzlich auch gar nicht mehr so bedrohlich sich selbst und die eigene Bequemlichkeit zu hinterfragen.

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