Ich bin froh, dass meine Eltern getrennt sind

23. Januar 2020 von in

Wir sind uns wahrscheinlich alle einig darin, dass Scheidungen ziemlich unschön sind. Sie kosten Geld, Energie, sie machen unglücklich und verletzen. Die Scheidungskinder, wie auch ich eines bin, haben teilweise schon im jungen Alter mit einschneidenden Veränderungen in ihrem Leben zu kämpfen. Ich war acht oder neun, als mir meine Mama im Urlaub eröffnete, dass sie und mein Papa sich trennen würden. Wir waren gerade im Italienurlaub, und ich erinnere mich daran, dass ich anfing zu weinen. Anschließend kaufte mir meine Mama eine riesige Kugel Amarenaeis, die so viel heißen sollte wie: „Es tut mir so leid.“

Dabei habe ich es gut erwischt. Meine Eltern haben sich nie lauthals gestritten und ich musste nie hinter meiner verschlossenen Zimmertür das dumpfe Geschreie meiner Angehörigen mitkriegen. Ich musste mir nie die Ohren zuhalten oder Pumuckl so laut aufdrehen, dass die Stimmen des Meister Eders die meines Vaters überschatteten. Meine Eltern sind ruhige Menschen, die selten stritten und wenn, dann in der Abwesenheit von meiner Schwester und mir. Außerdem blieb mir das Prozedere des Umzugs erspart, der für viele Kinder einen noch größeren Einschnitt in ihr Leben bedeutet. Der Umzug in eine kleinere Wohnung. Ich durfte mein Leben im Grunde genauso weiter leben wie vor der Trennung meiner Eltern.

Schon klar, wir Scheidungskinder haben es nicht leicht. Wir feiern doppelt Weihnachten und Geburtstag, wir haben unsere Eltern weinen gesehen, wir haben neue Partner kommen und gehen sehen, womöglich Rebounds mitbekommen, haben unsere Eltern in Krisen erlebt und in ihrer Reinkarnationsphase. Das führte jedoch dazu, dass ich meine beiden Eltern eigentlich erst wirklich kennenlernte. Während sie früher einfach nur Eltern waren, deren einzige Lebensaufgabe – meiner Meinung nach – darin bestand, mich zu umsorgen und bedingungslos zu lieben, wurden sie nach ihrer Trennung für mich zu Menschen. Sicherlich hat auch meine Pubertät ihren Teil dazu beigetragen, dass ich nicht mehr nur gelangweilt vor dem Fernseher hing und anfing, ihnen echte Fragen zu stellen und Interesse an ihrer Person zu entwickeln. Die Zeit, die ich mit ihnen verbrachte, hatte plötzlich Qualität. Ich aß mit meinem Papa zu Mittag und wir unterhielten uns über das Leben und die Liebe, ich trank mit meiner Mama stundenlang Milchkaffees und tauschte mich mit ihr über mein und ihr Leben aus.

Ich aß mit meinem Papa zu Mittag und wir unterhielten uns über das Leben und die Liebe, ich trank mit meiner Mama stundenlang Milchkaffees und tauschte mich mit ihr über mein und ihr Leben aus.“

Es war, als wäre durch die Trennung eine Art Familienbann gebrochen worden, der die Rollen neu verteilte. Ich fiel durch sie immer seltener in kindliche Muster, da sich mein Kinderleben von meinem Leben spätestens ab 18 elementar unterschied: In diesem Alter zog ich mit meiner Mama aus unserem einstigen Familienhaus in eine Wohnung in die Stadt, und dieser Schritt veränderte mein Verhältnis zu beiden Elternteilen. Es wurde erwachsener. Ehrlicher. Schöner. Dafür bin ich ziemlich dankbar.

Wenn ich heute meine Familie besuche, gibt es keine üblichen Abläufe mehr am Essenstisch, die mich auf die Palme bringen. Das alte Kinderzimmer, an dessen Wände immer noch die Poster meiner früher Jugend hängen, existiert nicht mehr. Die Auslöser, die in einem pubertäre Züge auch noch im Alter von 30 Jahren hervorkitzeln, sind verschwunden. Meine Eltern sind heute zwei unabhängige Personen, deren Leben stets in Bewegung ist und die mir immer etwas Neues zu erzählen haben – und umgekehrt.

Der Schritt zur Scheidung ist schwer. Vor allem, wenn nicht alles komplett scheiße ist. Es aber auch nicht mehr das ist, was es mal war und beide schlichtweg unglücklich sind. Sie erfordert Mut und Energie, vor allem, wenn Kinder involviert sind. Denn die Reinkarnationsphase hatten nach der Trennung nicht nur meine Eltern, die erst einmal von vorne herausfinden mussten, wer sie überhaupt waren ohne den jeweils anderen. Die fand auch in uns statt, die – wenn auch so sachte wie möglich – ins kalte Wasser geworfen wurden. Wir Kinder mussten nämlich herausfinden, wer wir waren, ohne unserem geschützten Familien-Umfeld, das da hieß: Mutter, Vater, Kind.

Doch so eine Reinkarnation, eine Art Wiedergeburt, nach einer Trennung kann heilend wirken.“

Doch so eine Reinkarnation, eine Art Wiedergeburt nach einer Trennung, kann heilend wirken. Das Leben zeigt uns neue Facetten und wir fangen an, uns zu verändern und immer mehr wir selbst zu werden. Schon klar: Eine gute und funktionierende Beziehung ist besser als eine Trennung. Doch eine Trennung ist besser als eine belastende Beziehung, oder eine Stagnation. Denn in einer stagnierenden Beziehung – da bin ich mir mittlerweile sicher – stagnieren auch wir selbst. 

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8 Antworten zu “Ich bin froh, dass meine Eltern getrennt sind”

  1. Toller Beitrag!
    Genauso ist es bei mir auch. Erst durch die Trennung habe ich meine Eltern richtig kennen gelernt und mich viel intensiver mit ihnen unterhalten. Ich fahre dieses Jahr sogar mit beiden Einzeln in den Urlaub. Das ist eine tolle und ganz neue Erfahrung für mich.

  2. Amen! Ich kommentiere selten, aber das spricht mir aus der Seele. Meine Eltern trennten sich kurz nachdem ich ausgezogen war – Auch als fast Erwachsene war die Zeit für mich unfassbar schwer. Einige Jahre später kann ich sagen, dass die Zeit viele Wunden heilt. Manchmal bin ich wehmütig, aber vielleicht eher nach der Kindheit als der heilen Familie. Danke für deinen Text.

  3. Liebe Amelie, mit Deinen Ausführungen wird mir ein Gedanke bestätigt, welcher mir während meiner ganzen Kindheit und Jugend bis heute insgeheim im Kopf geschwirrt hat, den ich ich aber lange nicht auszusprechen gewagt habe: eine Trennung ist nicht schön, aber sie ist ungleich besser (bzw. weniger schlimm) als eine belastende Beziehung, die bis ins Unerträgliche aufrechterhalten wird. Und diese Erkenntnis sage ich aus der entgegengesetzten Perspektive, nämlich aus der Sicht eines jungen Mädchens und später einer heranwachsenden jungen Frau, welches/welche bis zu ihrem 19. Lebensjahr mit unglückenlichen Eltern zusammengelebt und sich nach einer erlösenden Scheidung gesehnt hat. Es wurde viel gestritten und es hagelte täglich Unmengen von Vorwürfen aus beiden Richtungen, die ich natürlich hautnah miterlebt habe. Insgeheim habe ich mir gedacht, dass Scheidungen für ein Kind doch viel leichter zu ertragen seien als dabei zusehen zu müssen, wie sich die wichtigsten Menschen tagein tagaus unglücklich machen (mich eingeschlossen). Nur habe ich es nie ausgesprochen, schon gar nicht vor meinen Freunden mit geschiedenen Eltern, denn naja, sowas sagt man für gewöhnlich nicht.
    Mittlerweile weiß ich natürlich, dass beide Zustände von ganz unterschiedlichem Charakter sind und es hier falsch ist, zu wetteifern, wer sich denn nun in der schlimmeren Situation befinde. Aber ja, ich bin mit einem großen Schaden aus dieser Familienkonstellation herausgegangen; und in vielerlei Hinsicht bin ich in eine Stagnation geraten, aus der ich mich heute mit therapeutischer Unterstützung kräftezehrend herausarbeiten muss.
    Dies soll keine Selbstmitleidsbekundung sein, sondern viel mehr als ein zustimmendes Nicken aus einer ganz anderen Position heraus dienen. Ich sehe, dass Du Dir Deines Glückes (wenngleich bitter sweet) bewusst bist und es wertzuschätzen weißt; und ich gönne Dir, dass Deine Eltern den Umgang damit derart erträglich gestaltet haben.
    Lieben Gruß aus Hamburg, Olga

    • Liebe Olga, wow. Danke für deine ehrlichen Worte. Du hast recht, es geht nicht um wetteifern. Sondern darum, seinen Weg durch ungeplante Schicksalsschläge zu finden und im besten Falle etwas Positives für sich selbst daraus zu ziehen und an ihnen zu wachsen. Dein Text hat mich sehr berührt! Liebe Grüße!

      • Liebe Amelie, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, den Kommentar zu lesen und zu beantworten. Vielleicht hilft es einer anderen Person da draußen, die in einer ähnlichen Situation ist, sich mit diesen Gedanken und Gefühlen nicht alleine zu fühlen. Lieben Gruß! Olga

  4. Hm. Ich verstehe dass gern positive Beispiele genannt werden, um anderen Scheidungskindern auch Mut zu machen, etwas Positives aus der Trennung zu ziehen. Aber um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass eine Trennung der Eltern immer besser ist. Das ist mir zu pauschal. In meinem Fall haben sich meine Eltern getrennt, als ich 14 Jahre alt war. Eigentlich muss man eher sagen, dass mein Vater meine Mutter für eine andere Frau verlassen hat. Das geschah praktisch über Nacht. Meine Mutter hat sehr darunter gelitten. Nicht jeder ist so stark, damit gut umgehen zu können und auch sein Kind dabei noch aufzufangen. Meine Mutter konnte es nicht und ich kann es ihr nicht verdenken. Die Trennung kam für mich zu einem Zeitpunkt, in dem ich mich mit mir selbst hätte beschäftigen müssen, ich war ja mitten in der Pubertät. Das war mir aber nicht möglich, ich war darauf bedacht, meine Mutter nicht noch mehr zu belasten. Ich habe bis zum meinem 19. Lebensjahr mit niemandem darüber gesprochen, dass meine Eltern sich getrennt haben. Nicht einmal mit meiner besten Freundin. Ich habe Mittel und Wege gefunden, mir nichts anmerken lassen. Weil es mir so wehgetan hat, dass ich einfach nicht konnte, nicht wusste wie. Die Trennung meiner Eltern war für mich schlimm und wirkt bis heute in mein Leben nach. Ich habe eine mehrjährige Therapie gemacht, um Problem aufzuarbeiten, die viel damit zu tun haben. Meine Eltern sind beide wieder glücklich verheiratet. Ich dagegen habe aus der Zeit große Verletzungen davongetragen, und kämpfe noch heute damit, mein Leben davon nicht negativ beeinflussen zu lassen. Das kann schwer sein und nicht alles ist eine einzige Frage des Willens. Auch das sollte mal gesagt werden. Leider bin ich als Verlierer aus der Trennung meiner Eltern hervorgegangen. Ich weiß nicht, was gewesen wäre, wenn sie zusammengeblieben wären. Vielleicht wäre das auch schlimm gewesen.

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