Wieso ich aufgehört habe, über Essen zu sprechen

6. Juli 2020 von in

Triggerwarnung: Essen / Anorexie

Es ist 9 Uhr morgens und die Temperaturen sind bereits auf 29 Grad geklettert. Noch vor der Mittagshitze decken wir den Frühstückstisch, da es bald zu heiß sein wird, um sich leidenschaftlich den Lebensmitteln zu widmen. Lieber früh als spät eröffnen wir also in diesem Urlaub das morgendliche Buffet. Der Tisch ist reich gefüllt an wachsweich gekochten Eiern, Käse, saftigen Tomaten, cremigem Joghurt, aromatischen Nüssen. Wie Königinnen fühlen wir uns, bis zu diesem Zeitpunkt:

„Isst du gar nichts?“
„Nee, ich kann morgens nicht so gut essen.“
„Ok…“
Stille.

Alle vier Freundinnen am Tisch versuchen, den Moment zu überbrücken. Die besonders Hungrigen unter ihnen versuchen, sich von der Konversation nicht beeindrucken zu lassen. Trotzdem kommen sie ins Zweifeln. Essen sie selbst wohl zu viel? Sollten sie lieber etwas weniger essen? Sie greifen diesmal vielleicht nur halb so beherzt zu, wie sie es eigentlich gerne getan hätten. Sie denken sich außerdem ihren Teil dabei, dass eine am Tisch appetitlos in ihrem Joghurt herumstochert.

„Isst du kein Brot?“
„Nein, ich vertrage Weizen nicht so gut.“
„Ok…“

Die nächste Gesprächs-Hürde bahnt sich an. Alle fühlen sich nun latent unwohl. Diejenigen, die nichts oder weniger als die anderen essen, fühlen sich wie Divas oder als seien sie magersüchtig, nur weil sie morgens nicht so gerne essen. Sie spüren förmlich, wie ihre Freundinnen innerlich die Augen rollen. Die anderen, die am Morgen besonders appetitfreudig sind, verlieren ihren wiederum. Nur, weil sie sich unweigerlich mit den anderen beiden vergleichen.

Diese Essenssituation habe ich mit Freundinnen in der Vergangenheit so oder so ähnlich erlebt. Gerade im Urlaub. Sicherlich bin ich dabei nicht alleine. Die meisten Frauen unter uns haben eine Situation wie diese wahrscheinlich in unterschiedlichen Abwandlungen erlebt. Schlimmer noch: Wir haben uns eigentlich daran gewöhnt, uns gegenseitig mit unseren Essgewohnheiten zu verunsichern. Auch, wenn die meisten von uns im Laufe ihres Alters selbstbewusster hinsichtlich ihres Körpergefühls geworden sind, schwingt womöglich bis heute gelegentlich noch das Gefühl mit, dass wir uns für unser Essverhalten rechtfertigen müssen. Sei es, weil wir zu wenig essen oder zu viel. Sicherlich haben auch einige Männer mit ihrem Verhältnis zu Essen zu kämpfen. Doch dass es in ihrer Jugend das Gesprächsthema Nummer 1 war, wage ich einfach mal zu bezweifeln. 

Heroin Chic als Schönheitsideal

Wir Millenials – oder auch Generation Y – sind in einer Zeit groß geworden, in der „Heroin Chic“ das erstrebenswerte Schönheitsideal war. Mitte der Neunziger kam der Begriff erstmals auf, der sich mindestens zehn Jahre lang hielt. Heroin Chic, das waren beispielsweise Kate Moss und Pete Doherty. Sie verkörperten das, was die Mehrheit als schön empfand. Knochige Körper, ein ungesunder Lifestyle, Zigaretten, Drogen, Alkohol. Natürlich sahen die wenigsten von uns aus wie das Supermodel der Zweitausender, doch es stand repräsentativ für ein unerreichbares Ideal: dünn, dünn, und nochmal dünn.

In dieser Zeit fingen viele junge Frauen an, Diäten für sich zu entdecken. Sie entwickelten ein gestörtes Essverhalten und hörten teilweise nahezu komplett auf, zu essen. Ich habe früher nicht nur eine Freundin im Krankenhaus wegen ihrer Anorexie besucht. Damals galten diese Frauen in vielen Kreisen als „uncool“. Sie würden nur zwanghaft Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen, hieß es. Als wäre die Krankheit, die von einer Gesellschaft erzeugt wird, die Frauenhass reproduziert, nicht schon schlimm genug. Doch diese Verurteilung von außen trieb sie noch weiter von einem gesunden Körpergefühl hinweg.

In dieser Zeit entstand die Pro-Ana-Bewegung. Bis heute tauschen sich hier vornehmlich Frauen über ihre Anorexie aus und bestärken sich gegenseitig in ihrer Erkrankung. Sogar Hashtag-Challenges auf TikTok ermutigen viele Mädchen dazu, noch dünner zu werden. Kein Wunder, dass insbesondere Frauen ein gestörtes Essverhalten haben. Natürlich gab es noch die Frauen, die sich von dem Körperkult bis heute distanzieren und gelernt haben, sich selbst zu akzeptieren. Good for them. 

Esst doch, was ihr wollt!

Ich habe ab meiner Pubertät noch ungefähr zehn weitere Jahre gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen. Einen, an dem ich sagen kann: Ich esse, was ich will. Oder ich esse nicht, was ich nicht will. Ohne mich dafür zu rechtfertigen. Gleichzeitig halte ich mich heute aus den Essensgewohnheiten meiner Freundinnen raus. Kurz: Ich spreche einfach nicht mehr über Essen. Weder kommentiere ich die Weizenintoleranz von Maren, noch die glutenfreie Ernährung von Lisa, ich gehe nicht auf die Candida-Diät von Jule ein, oder auf die fünf Kugeln Eis von Bettina, noch auf die vierte Portion Nudeln von Joana. Esst doch, was ihr wollt!

Wir haben lange genug ein Thema daraus gemacht, wer was isst und wer nicht. Sofern wir in keiner lebensbedrohlichen Lage sind, sollten wir lernen, uns aus dem Essverhalten anderer rauszuhalten. Wenn wir aufhören, uns gegenseitig mit Kommentaren zu triggern und anzustacheln, können wir uns vielleicht ein Leben ermöglichen, in dem Frauen aufhören, sich über ihre Ernährung zu definieren. Wir müssen aufhören, Essens-Stigmata zu reproduzieren. Es heißt schließlich nicht umsonst „My Body, my choice.“

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Eine Antwort zu “Wieso ich aufgehört habe, über Essen zu sprechen”

  1. Danke für den Text!
    Mir fällt grad auf, dass ich seit meiner Kindheit nicht mag, wenn mich jemand, mit dem ich gerade in Speisekarten stöbere, im Restaurant fragt, was ich nehme.
    Ich kann noch nichtmal genau begründen, warum das so ist, warum mich das stört. Aber irgendwie fühlt es sich immer wie eine Prüfungsfrage an, auf die man auch falsch antworten kann. Vielleicht, weil normalerweise immer irgendein Satz auf die Antwort nachgeschoben wird, wie „Kuchen zum Frühstück?“, „xyz mag ich nicht.“, „Nur die Vorspeise?“ oder „Um die Uhrzeit kann ich nichts mehr essen, das ist mir zu spät.“ Also es folgt oft irgendeine Bewertung meiner Wahl. Und um diese Bewertung zumindest zeitlich ein bißchen aufzuschieben, bin ich immer froh, wenn ich meine Essensentscheidung nicht schon vor der Bestellung kundtun muss.

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