Zusammensein, aber nicht zusammenwohnen: Living Apart Together


5. August 2022 von in ,

Ich wohne alleine in meiner eigenen Wohnung – aber bin in einer langjährigen, festen Beziehung. Und es ist nicht so, als würden wir unser Zusammenziehen in der kommenden Zeit planen, ganz im Gegenteil: Ich bin bewusst bei meinen Eltern ausgezogen, um alleine zu wohnen. Was für manche ganz normal, fast schon langweilig klingen mag, scheint bei anderen irgendwie komisch anzukommen. Selbst meine Eltern haben es für nötig befunden, sich bei mir zu erkundigen, ob denn alles okay laufe bei mir und meinem Freund – denn normalerweise würde man nach ein paar Jahren doch zusammenziehen. Oder?

Eigentlich hatte ich nie geplant, alleine zu wohnen. Nicht mal während meiner Uni-Zeit habe ich ernsthaft in Erwägung gezogen, eine Wohnung als einzelne Person zu beziehen. Zu teuer und vor allem zu einsam. Bei meinen Eltern war ich es gewohnt, in einem lauten und vollen Haushalt zu leben. Eigentlich fand ich das immer ganz gut – also wäre für mich der nächste logische Schritt gewesen, in eine WG zu ziehen oder eben mit meinem (zukünftigen) Partner zusammenzuwohnen.

Vielleicht war es die Art der Sozialisierung – denn meine Eltern sind der Meinung, Frauen wohnen nicht alleine, außer es muss halt sein. Vielleicht hatte ich Angst davor, mich den Hürden des Erwachsenwerdens zu stellen. Mit Stromrechnungen, Internetanschlüssen und SCHUFA-Scores beschäftigt man sich ja ohnehin nicht gerne. 

Auf die Idee, es doch mit dem Alone-City-Life auszuprobieren, brachte mich ironischerweise mein Freund. Die Person, mit der ich eigentlich zusammenziehen wollte. In unseren unzähligen Gesprächen darüber, welche Stadt für uns die beste wäre oder wann wir zusammenziehen wollen, ließ er mich immer wieder wissen, dass es theoretisch auch okay sei, wenn ich eine Zeit lang einfach alleine wohne. Fair enough – aber eigentlich not my thing, dachte ich.

Der Gedanke, es dann wirklich auszuprobieren, kam dann sehr spontan. Letztes Weihnachten, als ich mich wieder darüber ausließ, wie stressig Home-Office mit meinen Eltern und Geschwistern unter einem Dach sei. Und tja, kurze Zeit später wohnte ich auch schon alleine und mein Freund ebenso.

Living Apart Together, kurz LAT, ist ein modernes Beziehungsmodell, bei dem Paare sich aktiv dazu entscheiden, in getrennten Wohnungen zu leben

Lasst mich vorab eins sagen: Alleine zu wohnen war eine der besten Entscheidungen überhaupt. 

Zum ersten Mal in meinem Leben gestalte ich meinen Alltag ganz genau, wie ich es will. Ich koche, wann ich will, ich lade Freunde ein, wann ich will und ich putze, wann ich will – selbst wenn mir mal samstags um 3 Uhr nachts danach ist. Natürlich müssen manche Dinge einfach gemacht werden. Aber wow, die Freiheit zu entscheiden, wann und wie das passiert ist einfach *amazing*.

Das hat natürlich auch einen direkten Einfluss auf meine Beziehung. Obwohl ich – natürlich – sehr gerne Zeit mit meinem Partner verbringe, habe ich die Zeit alleine noch mal auf eine andere Art und Weise schätzen gelernt – und liebe es, einige meiner Hobbys einfach nur für mich zu haben. Sei es abends alleine kochen, irgendwas basteln oder neue DIY-Projekte. Ich habe eine neue appreciation dafür entwickelt, neue Dinge zu lernen und zu kreieren – und das am liebsten ganz alleine. Mit mehr Unabhängigkeit und der Gewissheit, alleine recht gut klarzukommen, kommen natürlich auch einige unangenehme Fragen auf: Brauche ich die andere Person eigentlich? Was gibt mir meine Beziehung, was ich alleine nicht habe? 

Beide Fragen kann ich inzwischen recht einfach beantworten: Nein, ich brauche die andere Person nicht und eigentlich kann ich das Leben auch solo bestreiten. Und das ist auch gut so, denn für mich macht das die romantische Beziehung mit einer anderen Person umso besser. Zu wissen, man braucht einander nicht, aber man entscheidet trotzdem, das Leben gemeinsam zu meistern.

 

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Dass wir getrennt voneinander wohnen, birgt dabei einige, ich nenne es mal, Vorteile. Ganz oben auf der Liste ist dabei der eigene Space, den wir jeweils haben. 

Jeder hat den Raum, sich individuell zu entfalten, ohne dass die andere Person diesen für sich einnimmt. Man besucht sich, aber im Endeffekt bleibt es der eigene Space. Für mich bedeutet das vor allem eins: Selbstständigkeit. Eine Beziehung, in der man sich gegenseitig unterstützt, beisteht und trotzdem weitestgehend unabhängig bleibt. So weit, so gut. 

In meiner konkreten Situation ist das Alleinewohnen auch die perfekte Möglichkeit, meine ersten Erwachsenen-Jahre zu meistern. Wenn ich mich nicht um Dinge kümmere, dann bin ich die einzige Person, die das ausbaden muss. Käme jetzt noch mein Freund dazu, dann wär das ziemlich unentspannt. Sei es jetzt das WLAN, um das ich mich viel zu spät gekümmert hatte – und ohne das ich dann auch mehrer Wochen im Home Office (!) auskommen musste. Oder der orientierungslose Staubsaugerroboter, für den ich unverhältnismäßig viel gezahlt habe. Manche Fehler macht man lieber allein. Was für mich auch dazu gehört, ist zu lernen, was einem wirklich wichtig ist. Vor allem so banale Dinge wie das Aussehen der eigenen Möbel oder die Art, wie man seine Wäsche wäscht. Welches Putzmittel man benutzt und so ein Kram. Da bilde ich mir lieber selbst eine Meinung zu, bevor ich mich den Empfehlungen und Wünschen einer anderen Person hingebe.

Und dann gibt es noch ein großes Thema: Quality Time. Jede Beziehung, die die Hürde der ersten Monate übersteht, wird irgendwann dem Alltagstrott verfallen. Denn das ist der Lauf der Dinge. Die Aufregung und Nervosität verblasst, man fühlt sich wohl mit der anderen Person und versucht sich auch nicht mehr krampfhaft von der besten Seite zu zeigen. Und so lange man das Gegenüber nicht vernachlässigt und weiterhin liebevoll miteinander umgeht, ist das ja auch schön. Denn eine Person, bei der man einfach authentisch sein kann, ist doch das Beste, was es gibt – das gilt ja auch für platonische Beziehungen. Um genau zu sein für jede Art von Beziehung.

Ein normales Treffen mit meinem Partner ist zwar kein Schmetterlinge-im-Bauch-Date mehr, aber fühlt sich trotz allem Alltagsstress immer noch ziemlich frisch an.

Nun, da die andere Person nicht immer da ist, vermisst man sie doch ein wenig und wenn man sich dann sieht, ist es umso schöner. Meine unangenehmen Erledigungen mache ich alleine, ich richte mich nicht zwingend nach der Routine meines Partners und – platt gesagt – streite mich nie darüber, wer nun das Klo putzt. Die Zeit, die wir dann verbringen, ist auch die Zeit, in der wir einfach einen freien Kopf haben und miteinander sind. 

Jetzt könnte ich nun hier sitzen und noch mehr tolle Dinge aufzählen. Aber das wäre langweilig und vor allem auch nicht so ganz ehrlich. Versteht mich nicht falsch: Ich bin absolut zufrieden mit meiner Wohnsituation. Aber ich merke auch, dass meine Beziehung, so ernst sie mir auch ist, noch nicht den nächsten Schritt gemacht hat – und ihn so schnell wahrscheinlich auch nicht machen wird. Und mit nächster Schritt meine ich nicht, dass man die eigene Partnerschaft irgendwo eintragen lässt oder eine viel zu teure Zeremonie abhält.

Was ich mit nächster Schritt meine, ist ein neues Level an Verständnis für die andere Person, Intimität, geteilte Verantwortungen und noch so viel mehr, was mit dem Zusammen-Wohnen einhergeht. Dass man sich aufeinander einstellt, Rücksicht nimmt und neue Kompromisse schafft. Das alles kann ich nicht machen. Und das ist auch ok so. 

Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich meine Beziehung so auf lange Dauer gestalten will. Denn ich merke: Ein komplett eigener Space räumt einem auch die Möglichkeit ein, vor den unangenehmen Dingen zu flüchten. Konflikte werden gerne mal aufs nächste Treffen verschoben oder gar nicht zu Ende besprochen. Bei Meinungsverschiedenheiten müssen gar keine Kompromisse geschlossen werden. Zuhause hat man immerhin das alleinige Sagen.

Gerade ist das sehr entspannt und definitiv das, was ich will. Aber zum Leben gehört auch, dass man sich entwickelt – einmal für sich und dann auch gemeinsam mit anderen – sei es Familie, Freunde oder Partner*innen. Und so eine Entwicklung macht man vor allem dann, wenn es uncool wird. Oder das Gefühl hat, manche Dinge ändern zu müssen, die man eigentlich gerne weitermachen würde. Ich meine, wir kennen es alle. Nach dem ersten Streit mit einer Person, hat man (im Idealfall) das Gefühl: Irgendwie verstehen wir uns jetzt besser. Dafür muss man sich aber erst mal streiten.

Um das Ganze mal zusammenzufassen: Für mich macht das Alleinewohnen total Sinn. Und ich würde auch jedem empfehlen, es zumindest ein Mal zu machen. Um sich selbst besser kennenzulernen, unabhängig zu sein und diese Freiheit mindestens ein Mal erlebt zu haben. Wenn man mich fragen würde, ob ich LAT grundsätzlich als das einzig richtige Lebensmodell empfehle, wüsste ich nicht so recht. Letztendlich ist es ein zweischneidiges Schwert, eine individuelle Entscheidung, die auch abhängig ist von Lebenssituationen. Was man aber definitiv nicht haben sollte: Angst vor dem Living-Apart-Together-Modell – denn es hat ziemlich viele gute Seiten!

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3 Antworten zu “Zusammensein, aber nicht zusammenwohnen: Living Apart Together
”

  1. Danke für den Text, Alina.
    Ich sehe das ähnlich. Es ist toll seinen eigenen Space zu haben und seine Wäsche so machen zu können wie man es will. Dadurch gibt es weniger Reiberein wegen Haushalts/Alltagskram in der Beziehung. Denn sich wegen der verkehrt eingehängten Klopapierrolle zu ärgern oder zu diskutieren wie das Besteck korrekt in die Geschirrspülmaschine kommt, ist doch eigentlich unschön, nervig und verdirbt schnell die Laune. Aber eigentlich macht ja gerade das eine Beziehung spannend und intimer – und stellt einen vor Herausforderungen. Und in manchen Punkten kann man ja sogar noch was voneinander lernen. Außer beide sind Sturschädel, dann eher nicht :D

    Aber was ich eigentlich fragen wollte ist: Wird beim LAT-Modell zwischen der Distanz zur Partner*in-Wohnung differenziert?
    Denn es macht ja schon einen Unterschied, wenn der Partner*in nicht in der selben Stadt wohnt, oder?

  2. Super Artikel, das Thema beschäftigt mich selber zur Zeit extrem. Ich bin zu meinem Mann in die USA gezogen, nachdem wir mega spontan geheiratet haben. Er wohnt in einer Kleinstadt, hat zwei Kinder aus vorherigen Beziehungen und ist im Restaurant Business. Ich komme aus Berlin, liebe die Großstadt und meinen Job und musste plötzlich in ein anderes Land, aufs Dorf und Stiefmutter spielen. Habe mich nach sechs Monaten entschieden nach NYC umzuziehen, er lebt ca. 4 Stunden entfernt und wir feiern es total. Jeder lebt das Ideal und wir können an dem anderen Leben teilhaben. Außerdem haben wir das Gemeinsame und verbringen viel mehr Qualitätszeit miteinander, wenn wir uns sehen. So gewöhnen wir uns an die verschiedenen Kulturen und gehen das Thema „für immer du und ich“ langsam an.
    Klappt hervorragend, besonders wenn man sich liebt aber die Lebensmodelle zum aktuellen Zeitpunkt schwer vereinbar sind.

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