Chick Flicks: Die frühen Computer der Nasa trugen Röcke

31. Januar 2017 von in

Love cinema, hate gender roles! Das ist das Motto der neuen Rubrik auf AMAZED, die ich euch heute voller Stolz zum ersten Mal präsentieren darf. Chick Flicks – das sind „Frauenfilme“. Allein bei dem Wort rollen sich mir die Fußnägel hoch. Deswegen lautet meine Mission: Den Ausdruck „Chick Flick“ neu besetzen! Wir leben im Jahr 2017, und es gibt Menschen, die tatsächlich der Meinung sind, dass wir in der westlichen Welt die Gleichberechtigung längst erreicht hätten – und trotzdem wurde in 89 Oscarverleihungen erst eine einzige Frau für die beste Regie ausgezeichnet, PoC-SchauspielerInnen bekommen einen Bruchteil ihrer weißen KollegInnen ausbezahlt und es ist eine Seltenheit, dass ein Blockbuster den Bechdel-Test besteht. Das Kino ist ein Spiegel unserer Gesellschaft – deswegen ist es so wichtig, schlauen, klischeebefreiten Filmen eine Plattform zu bieten. Los geht’s!

Das Jahr 1958 in Virginia: In Amerika herrscht Rassentrennung und das Land steckt im Kalten Krieg. Als es den Russen gelingt, eine bemannte Rakete ins All zu schießen, gerät die USA in Druck: Es geht um die Vorherrschaft im Weltraum. Die drei brillanten schwarzen Mathematikerinnen Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson arbeiten bei der frisch gegründeten NASA als „menschliche Computer“: Denn bevor es Rechencomputer gab, wurden Flugbahnen per Hand berechnet. Vor allem Katherine ist mit einem großen, mathematischen Talent ausgestattet. Darauf wird der Chef der neu gegründeten „Space Task Group“ aufmerksam und nimmt sie als erste schwarze Frau in sein Team auf. Auch die anderen beiden Frauen lassen nicht locker: Mary versucht, sich in einer weißen High-School einzuklagen, um Ingenieurin zu werden, und als die ersten IBM-Computer eingesetzt werden, fürchtet Dorothy um ihren Job und liest sich kurzerhand in die Programmiersprache ein – so schnell, dass sie das Wissen all ihrer männlichen Kollegen übertrumpft. Alle drei Frauen kämpfen dabei fast schon minütlich mit Sexismus und Rassismus: So muss Katherine beispielsweise jeden Tag 40 Minuten zur Toilette für schwarze Frauen laufen, weil in ihrem Arbeitsgebäude schlicht keine existiert. Trotz allem werden die Frauen für die NASA unersetzlich, und Katherine macht durch ihre Berechnungen unmittelbar den ersten bemannten Raumflug der USA möglich.

Die Art und Weise, wie die drei Frauen behandelt werden, lässt einen erschaudern. Wenn Katherines Vorgesetzter – die einzige Figur im Film, die sich ganz klar für sie einsetzt – das Schild der Toilette für „colored women“ zertrümmert und verkündet, dass bei der NASA ab sofort „alle die gleiche Farbe pinkeln“, will man am Liebsten aufspringen und losjubeln. Ganz frei von Hollywood-Klischees ist der „Hidden Figures“ aber leider nicht: Emotionen stehen im Vordergrund und die Charaktere kommen manchmal etwas platt daher, die typische Liebesgeschichte wird auch eingebaut – wenn auch nur nebensächlich. Am Ende hinterlässt der Film einen trotzdem mit einem Hochgefühl im Kinosessel. Das hat er übrigens auch Pharell Williams’ souligem Soundtrack zu verdanken. Aber vor allem wird glasklar, wie vielen großartigen Frauen hier ein neuer Weg geebnet werden konnte.

Dass diese Geschichte über so viele Jahrzehnte unerzählt blieb, ist unglaublich – denn sie ist pures Hollywood-Gold. In einer Welt, in der Schwarze nicht einmal aus den selben Kaffeekannen trinken durften wie Weiße, schafften es diese Frauen ohne lauten Protest, sondern mit bloßem Fleiß und Durchsetzungsvermögen, zu den wichtigsten Mathematikerinnen der NASA aufzusteigen. Der Film orientiert sich ganz genau an den wahren Begebenheiten – nur die Vorgesetzten und Kollegen der Frauen sind fiktive Figuren und stehen sinnbildlich für die verschiedenen Hürden, die diese rassistische Gesellschaft ihnen in den Weg stellte. Aber genau das war bittere Realität im Amerika der frühen 60er-Jahre – vor nicht allzu langer Zeit. Sich das bewusst und die Geschichten dieser Frauen sichtbar zu machen, ist eine wichtige Leistung des Films.

Katherine Johnson ist heute 98 Jahre alt. In ihrer Karriere schoß sie mithilfe ihrer Flugbahnberechnungen nicht nur den ersten Amerikaner ins Weltall, sondern war auch maßgeblich an der Apollo-11-Mission beteiligt, bei der Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat. 2015 verlieh Barack Obama ihr die Presidential Medal of Freedom.

Der Film „Hidden Figures“ läuft am Donnerstag in den deutschen Kinos an.

Photocredits: 2016 Twentieth Century Fox

Eine Antwort zu “Chick Flicks: Die frühen Computer der Nasa trugen Röcke”

  1. Danke für den Film-Tipp und die wichtige Reflektion!
    Auch sehenswert in diesem Kontext: Die Serie „Good Girls Revolt!“ Dort geht es um Frauen, die Ende der 1960er Jahre nur als schlecht bezahlte Rechereurinnen für ihre männlichen Reporter arbeiten, statt selbst schreiben zu dürfen, und rebellieren…

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