Kolumne: Das Cyber-Ich – Wir sind gespaltene Persönlichkeiten

7. März 2017 von in

„Du bist offline cooler als online“, hat mir letztens jemand gesagt. Ich glaube, das sollte ein Kompliment sein. Trotzdem habe ich schlucken müssen, bevor ich mich freuen konnte. Da hat man sich die Internetpräsenz mit Knuddels, Lokalisten, Ed Netz, Beepworld, MySpace, Blogspot, Facebook und zu guter Letzt Instagram zur Lebensaufgabe gemacht und dann sagt einem so ein dahergelaufener Typ, dass man offline cooler sei als online. Nach wenigen Sekunden ernstgemeinter Empörung, kam ich mir dumm vor. Natürlich ist das ein Kompliment – gerade für eine Person, deren Internetpräsenz ein fester Bestandteil ihres Lebens ist. Natürlich ist es aber auch, dass die Online-Persönlichkeit genauso angreifbar ist wie die Offline-Persönlichkeit. Lange Zeit habe ich mich wie ein selbstverliebter Alien gefühlt, der 2008 nichts Besseres zu tun hatte, als Selbstauslöser-Fotos in das für jeden zugängliche Internet zu stellen. „Schaut mal, das bin ich und mein Leben!“. Doch spätestens seit Instagram fühle ich mich da in bester Gesellschaft. Fast jeder, den ich kenne, hat einen Instagram-Account. Einige haben mehr Follower als ich. Noch nie war die Online-Persönlichkeit wichtiger, doch gleichzeitig stehen wir erst am Anfang. Der Instagram-Account ist kein persönliches Tagebuch, er ist das Portfolio unseres Lebensentwurfes. Er ist nicht das, was wir sind – sondern das, was wir gerne sein wollen. Das Cyber-Ich.

Grafische Fotografien mit ironischem Seitenhieb: „Schau, ich habe einen tollen Stil!“, Trash: „Schau, ich habe einen ganz anderen Stil als ihr alle!“, lustige Memes: „Schau, ich bin lustig!“, schöne Selfies: „Schau, mein Gesicht!“, Urlaubsfotos: „Schau, ich habe eine tolle Zeit!“, Gruppenfotos: „Schau, ich habe tolle Freunde!“, Arbeitsfotos: „Schau, ich bin erfolgreich!“, Outfitfotos: „Schau, ich habe tolle Klamotten!“. Jeder Mensch vertritt online eine Aussage – die nicht unbedingt mit dem Ich der Realität übereinstimmt. Wir können uns alle wegen gespaltener Persönlichkeit einweisen lassen.

Eine Freundin hat sich letztes Jahr von ihrem Freund getrennt. Es hat einfach nicht gepasst, sagt sie, und ich hatte es voraussehen können. Beide sind im Internet vertreten, doch ihre Instagram-Accounts entscheiden elementar voneinander. Sie hat ihren Exfreund in all der Zeit selten bis nie öffentlich gezeigt. Damals begründete sie das damit, dass der Internetauftritt nichts mit ihrem Privatleben zu tun habe. Im Nachhinein weiß sie, dass das ein Indikator dafür war, dass er in ihrem Instagram-Portfolio keinen Platz hatte. Andersherum sind die Accounts aktueller Paare, deren Internetauftritt eine gewisse Relevanz für sie selbst hat, nahezu deckungsgleich. Gleiche Ästhetik, ähnliche Captions, gegenseitiges Tagging everywhere. Das hat über die private Beziehung wenig zu sagen. Vielleicht sind beide eigentlich sehr schüchtern, vielleicht ist ihnen auch mal langweilig, vielleicht haben sie sich tagelang nicht gesehen, vielleicht gehen sie gerade durch eine schwere Phase. Doch auf Instagram sind sie das Superpaar und haben Spaß – das muss schließlich reichen, oder?

Vor vielen, vielen Jahren war ich in einem Forum angemeldet, das eine eigene Internet-Währung hatte. Wer eine gewisse Anzahl von Beiträgen online gestellt hat oder andere gewisse Erwartungen erfüllte, bekam Online-Geld. Man konnte Kleidung und ähnliches verticken und bekam dafür im Gegenzug virtuelle Kohle. Ich möchte nach wie vor glauben, dass wir in diesem Forum quasi die Bitcoins erfunden haben und ich bin überrascht darüber, dass Facebook oder Google noch keine eigene Währung auf den Markt gebracht hat. Jene Währung würde sich von unseren Offline-Konten nicht unterscheiden, da sich unser Leben in der Online-Welt so langsam einer ähnlichen Gewichtung in der Offline-Welt nähert. Gleichzeitig braucht es das vielleicht gar nicht: Blogger, Models und Influencer leihen sich teure Kleidungsstücke für ein Streetstyle und ein Instagramfoto. Danach geht’s wieder zu COS und & Other Stories – aber Hauptsache das Cyber-Ich kann sich Loewe leisten.

Während wir jetzt noch durch die riesigen Virtual Reality Brillen relativ schlecht gepixelte Grafiken bestaunen, können wir uns in wenigen Jahren auf eine 3D-Welt in Kontaktlinsenformat freuen. Es wird intensiv daran gearbeitet, dass die Grafiken eine bessere Qualität bekommen als die Realität und 24stündige Tests ohne Pause in virtuellen Welten wurden bereits durchgeführt. 28 Tage in der Virtual Reality sind in Planung. Die Nebenwirkungen und Nachteile sind noch nicht nachhaltig erforscht aber ich bin mir sicher, dass sich einige von uns die gute alte Zeit zurück wünschen werden, als Second World eine Sims-Grafik hatte und an riesigen Computern gespielt wurde und als unser einziges Problem der Narzissmus auf Instagram war. Wir sind gespaltene Persönlichkeiten.

„Naja! So schlimm wird’s schon nicht werden!“, sage ich immer, wenn ich nicht weiß, was ich sonst sagen soll. Veränderung ist nicht gut, Veränderung ist nicht schlecht, Veränderung ist Veränderung und entweder man mach mit oder nicht. Life is life. Denn bevor ihr alle Pläne fürs Aussteigen schmiedet und euch Bücher rund ums Thema autarke Lebensentwürfe auf Amazon bestellt, könnt ihr euch dem Ganzen erstmal mit dem nächsten Offline-Ausflug nähern. Wandern gehen, Freunde treffen, Urlaube ohne Internet machen und somit nicht vor der Veränderung fliehen, sondern die Waage halten. Oder, wie ich, eine Grundsanierung auf Instagram machen und darüber nachdenken, wie viel Cyber-Ich nötig ist. Doch bitte, bitte macht eines: Freut euch über Komplimente über eure Offline-Persönlichkeit. Denn sie wird womöglich irgendwann irrelevanter sein, als die Online-Persönlichkeit, aber sie wird immer wertvoller bleiben.

 

8 Antworten zu “Kolumne: Das Cyber-Ich – Wir sind gespaltene Persönlichkeiten”

  1. Der zweite Absatz – made my day :D
    Wahre Worte liebe Amelie.
    In meinem Freundeskreis sind wenige so richtig auf Instagram unterwegs, daher merke ich davon noch nicht so stark etwas wie du, die beruflich auf viele solche Leute trifft. Aber wann immer ich etwas mit Medienmenschen zu tun habe, fällt es mir wieder ins Auge und ich habe das Gefühl ich muss meine „Online Präsenz“ optimieren. Bin ich offline nicht gut genug?
    Was ich generell davon halten soll, weiß ich nicht. Die Veränderung will ich ja nicht im Gesamten verteufeln. Vielleicht mache ich es so wie du, und genieße etwas offline time solange ich es noch kann :D

    xx Ana http://www.disasterdiary.de

  2. boar, richtig geiler artikel und richtig geiler move, einfach alles bei instagram zu löschen. ich kann nicht beurteilen, ob du offline cooler als online bist, aber online bist du gerade richtig cool ;)

  3. Uhh da habe ich einen richtig guten Buchtipp für dich: The Circle von Dave Eggers! (behandelt vor allem das Thema Social Media und Transparenz, Überwachung etc.) Oder „Ready Player One“ von Ernest Cline (behandelt vor allem das Thema Virtual Reality, sogar mit „online Währung“ haha) :D
    Toller Beitrag, regt auf jeden Fall zum Nachdenken an. Ich lege persönlich nie so viel Interpretation, wenn ich ein Insta Profil mir anschaue, weil es für mich in erster Linie irgendwie mehr eine ästhetische Inspiration ist.

  4. Ja, Wahnsinn, wie unterschiedlich die Leute leider oft wirklich sind. Abgesehen von den hyper-erfolgreichen Influencern/Insta-Models etc….mein Bekanntenkreis besteht aus Studis, aber auf Instagram sind sie dann auf einmal alle Jetsetter/#travellers/#enjoylife. Schließlich möchte niemand wissen, ob du gerade die letzte Klausur verhauen hast, kaum deine Miete zahlen kannst oder dich eigentlich bloß von Papa finanzieren lässt…
    Aber du hast Recht, es ist wirklich als Kompliment zu sehen. Schlimm wird’s, wenn einer einem sagt, schade, ich dachte du bist in echt auch so cool wie online….Niemand kann sich so richtig von diesem Problem frei machen, wenn er sich online bewegt. Ich beurteile Fremde online z.B. richtig stark nach ihrem Schreibstil ^^ Und deinen find ich ziemlich cool! <3

  5. Liebe Amelie,

    vielen Dank für diesen anregenden Artikel. Ich finde es immer toll, wenn euer Blog sich mit solchen Themen beschäftigt. Ich persönlich finde, dass Instagram größtenteils schon zu einer reinen Werbeplattform geworden ist. Zum Beispiel wenn plötzlich alle den gleichen Trenchcoat von Edited fleißig posten (sorry, ich weiß ihr habt auch eine Edited Kooperation). Tschüss Individualität! Schon aus Prinzip will ich das Teil dann gar nicht mehr kaufen.

    Für mich bedeutet Instagram lediglich eine Flucht aus der Realität, eine schöne Abwechslung zum Alltag, eine bisschen Entspannung und auch Inspiration. Ich erfreue mich daran, wohlwissend, dass das nur die halbe Wahrheit ist, wenn überhaupt. Aber das ist ok. Ich suche ja schließlich selbst eine kleine Auszeit aus meinem Alltag. Und möchte dann auch gar nicht wissen, dass man für die neue Tasche alles Gesparte ausgegeben hat oder wer sein Studium abbricht. Ich würde nie so weit gehen und behaupten, dass ich überhaupt eine „Online-Persönlichkeit“ habe. Aber das kann natürlich nur für diejenigen gelten, die beruflich nichts mit Social Media zu tun haben.

    Ich finde es toll, dass du daran erinnerst zwischen Fake-Welt und Realität zu unterscheiden. Ich glaube, das kommt tatsächlich viel zu kurz auf Instagram. Trotzdem frage ich mich immer wieder wer wohl so naiv ist zu glauben, dass Instagram die Realität zeigt?

    Liebe Grüße
    Lena

  6. BL <3
    Auf jeden Fall ein sehr interessanter Post über ein Thema, das mich selbst sehr beschäftigt! Denn ich muss gestehen, wie ich mich selbst immer wieder dabei erwische, mich auf Social Media Kanälen wie Instagram ganz anders zu geben, als ich eigtl. offline bin. Manchmal ist es wirklich schwierig da die richtige Balance zu finden!

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