5 Dinge, die wir von einer Prostituierten lernen können

23. Januar 2018 von in

Die Diskussion um Sexarbeit ist ein zentraler Streitpunkt des Feminismus. Während Alice Schwarzer seit Jahrzehnten für die Abschaffung der Prostitution kämpft und darin eines der größten Probleme unserer Gesellschaft sieht, gibt es viele andere, die für die Selbstbestimmung der Frau plädieren. Es gibt Sexarbeiterinnen, die sich zu Wort melden und sogar Spaß an ihrem Job haben, die nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden möchten und die in ihrem Job einen Job wie jeden anderen, oder sogar ihre persönliche Erfüllung sehen. Es gibt selbstbestimmte Prostituierte ohne Zuhälter und ohne Zwang, aber es gibt selbstverständlich auch eine große Anzahl von Zwangsprostituierten, die durch Fremdeinwirkung oder ihre Lebensumstände genötigt sind, ihren Körper zu verkaufen. Fakt ist: Prostitution existiert, die Nachfrage ist da und mehr Menschen, als man glauben mag, bezahlen in ihrem Leben mindestens einmal für Sex – Vermutungen gehen davon aus, dass jeder zweite bis vierte Mann mindestens einmal in seinem Leben zum Freier wird. Egal, welche Meinung man zum Thema Prostituion hat: Sie existiert und sie ist es wert, sich darüber Gedanken zu machen. Und sich vielleicht keine endgültige Meinung zu bilden, aber zumindest einiges dadurch zu lernen.

Mit diesem Ziel kaufte ich mir vor einiger Zeit das Buch „Lieb und teuer“ von Ilan Stephani. Die Vorzeigeschülerin aus gutem Elternhaus beschloss in ihren Zwanzigern kurzerhand, neben ihrem Philosophiestudium in einem Berliner Puff zu arbeiten, was sie zwei Jahre lang tat. All ihre Erfahrungen und Erkenntnisse hat sie in diesem Buch festgehalten, was mir einige Aha-Momente beschert hat. Nach ihrem Ausstieg aus der Prostitution widmete sie sich intensiv dem weiblichen Körper und arbeitet heute als Sexualtherapeutin. Hier kommen die 5 wichtigen Erkenntnisse, die ich aus ihrem Buch mitgenommen habe:

1. Sexarbeit ist nicht gleich Zwangsprostitution

Die differenzierte Betrachtung von Prostitution in all seinen Facetten ist ein so grundlegendes und wichtiges Thema, dass diese Frage die Grundlage des Buches ist. Das Fazit: Prostitution ist oft mit Zwang verbunden. Der Prostitution liegt für viele Frauen und auch Männer keine freie Berufswahl zugrunde. Doch kann Prostitution durchaus auch freiwillig, bewusst und ohne Zwang stattfinden. Ilans zweijährige Zeit als Sexarbeiterin fand in einem Berliner Puff statt, in dem eine familiäre Atmosphäre mit den Kolleginnen herrschte – und sogar mit den Freiern. Durch ein geschicktes Vorhang-Konzept konnten erst die Prostituierten einen Blick auf den Freier werfen, bevor er sie sah, und sich so erst gar nicht zur Auswahl stellen, wenn sie nicht mit ihm Sex haben wollten. Solche und ähnliche Konzepte der Prostitution gibt es in unserer Gesellschaft, alleine durch Internetportale haben Frauen die Zügel ihrer Sexarbeit vielmehr in der Hand, als das Zuhälter-Klischee meinen lässt. Prostitution muss nicht für gut befunden werden, doch Prostituierte müssen mit Respekt betrachtet werden – von uns allen. Und nicht pauschal als arme Figuren am Rand der Gesellschaft wahrgenommen werden, sondern schlichtweg als Menschen, deren Beruf die Sexarbeit ist. Es gibt Prostituierte, die Spaß an ihrem Job, ja sogar Orgasmen beim Sex mit Freiern haben. Es gibt aber auch einen Großteil von Sexarbeiterinnen und auch Sexarbeitern, der sich durch unterschiedliche Faktoren zu dieser Arbeit genötigt fühlt. Um Prostitution wirklich zu verstehen, muss man zumindest anfangen, zu differenzieren und alle Seiten zu sehen.

2. Wie beeinflussen wir unsere Sexualität? Die Vagina und ihr Gedächtnis

Jede Reaktion von Freunden oder Familienmitgliedern auf ihre neue Arbeit war spannend, jedes Anvertrauen kostete Ilan Überwindung. Doch eine Reaktion blieb hängen: „Weißt du eigentlich, was das mit deiner Sexualität macht?“ Diese Frage ist entscheidend, und zwar nicht nur in Bezug auf Prostitution. Sondern in Bezug auf alles, was wir sexuell erleben, zulassen, tun. Denn alles, was wir erleben, wird nicht nur im psychischen, sondern auch im physischen Gedächtnis gespeichert – Ilan nennt es sogar das Gedächtnis der Vagina. Positive Erlebnisse und Erinnerungen lassen sich durch ähnliche Berührungen und Situationen schlagartig wieder hervorholen, was auch positive körperliche Reaktionen zur Folge hat. Doch genauso verhält es nicht mit negativen Erinnerungen oder denen, die uns abstumpfen lassen. „Bekommt man als Prostituierte nicht irgendwann eine Art Hornhaut?“, fragen sich einige. Eine Hornhaut wächst zwar nicht, im übertragenen Sinne kann aber nicht nur die Psyche, sondern auch die Physis abstumpfen, was uns weniger empfinden lässt. Gerade für das, was die Vagina empfindet, spielen Emotionen und Gedanken eine so große Rolle, dass Erfahrungen, in denen wir uns zwingen, nichts zu fühlen, dieses Empfinden beeinflussen können – oder, noch extremer, negative Erfahrungen. Erst durch eine übergriffige und gewalttätige Erfahrung mit einem Freier wurde Ilan bewusst, was das heißt: Sie konnte monatelang nichts mehr beim Sex empfinden. An diesem Punkt begann ihr Weg zur Selbstfindung ihres Körpers und ihrer Sexualität, bei dem Yonimassagen, Tantra und Slow Sex eine große Rolle spielen.

3. 45 Minuten Vorspiel

Das ist die Zeit, die in der Tantra-Praxis für die Vorbereitung der Frau empfohlen wird, bevor es überhaupt zur Penetration kommt. 45 Minuten, in denen alle Nervenenden der Vagina und Klitoris langsam anschwillen können, um bei der Penetration auch wirklich das gesamte mögliche Spektrum zu fühlen – während dieses Anschwillen beim Mann relativ schnell geht, ist die Anatomie der Frau etwas anders aufgebaut. Hier liegen die Nervenenden weiter verteilt, gleichzeitig kann aber auch mehr in den erigierten Zustand versetzt werden, nur dauert das Ganze eben länger. 45 Minuten Vorspiel sind vielleicht für einige etwas großzügig anberaumt, wenn man allerdings bedenkt, dass bei einem durchschnittlichen Puffbesuch 45 Minuten Ankommen, Bezahlen, Hallo sagen, Duschen, Anfassen, Sex, Reden und Verabschieden umfassen, wird klar, dass hier wenig Raum für den weiblichen Lustfaktor bleibt. Und wenn man dann über den durchschnittlichen Sexablauf hinter viel zu vielen Schlafzimmertüren so seine Vermutungen aufstellt und sich ein bisschen umhört, sprechen wir von einem gar nicht mal so sehr abweichenden zeitlichen Umfang, wenn nicht sogar weniger für den gesamten Ablauf. Mehr Zeit bedeutet mehr Entspannung, mehr Lust und mehr Liebe, auf beiden Seiten. Was könnte es also mehr wert sein, als sich ein bisschen Zeit zu nehmen, als die eigene Sexualität?

4. Männer wollen weich sein dürfen

Männer benutzen Prostituierte, um Macht auszuüben, sie kaufen sich Körper wie eine Ware, um damit machen zu können, was sie wollen, und der Überlegene ist in dieser Konstellation natürlich der, der zahlt – all das sind die gängigen Vorurteile, die über das Freier-Sexarbeiter-Konstrukt so herumschwirren. Freier, die Macht ausüben wollen, gibt es und wird es immer geben. Was Ilan jedoch in ihren zwei Jahren im Berliner Puff erlebte, war bis auf ein paar Ausnahmen alles andere als dieses Bild – um genau zu sein das Gegenteil. Die Männer, die sich Zeit mit einer Prostituierten kauften, waren nicht nur respektvoll, weich und zärtlich, sondern in dieser Parallelwelt des Puffs den Rollen ihrer Männlichkeit scheinbar entledigt. Auch heute noch gilt es für Männer in unserer Gesellschaft, hart und stark zu sein, nicht zu weinen und nicht über ihre Gefühle zu sprechen. Das „starke Geschlecht“ zu sein, die Frau mit starken Armen an die Wand zu drücken und sexual- statt gefühlsgesteuert zu sein. Dass Männer innerlich genauso liebesbedürftig sind wie jeder andere Mensch, ist natürlich sowieso klar, und interessanterweise scheint genau das im abgeschirmten Raum des Puffs herauszukommen. Denn Männer, die sich Zeit mit einer Prostituierten kaufen, um nur zu Kuscheln und zu reden, oder den Fokus auf das Kuscheln nach dem Sex legen, ist kein Mythos, sondern genau die Tendenz, die in Ilans Erfahrungen die Norm war.

5. Wirklich guter Sex

Wenn Prostitution gar nicht immer mit Zwang verbunden ist, wenn auch Frauen an Prostitution Spaß haben können und wenn Prostitution die ein oder andere Beziehung oder Ehe sogar retten kann, sollte man sie dann grundsätzlich ablehnen? Diese Frage wird im Buch grundlegend beleuchtet, und jeder kann sich danach eine fundierte Meinung bildet. Prostitution muss für Ilan nicht abgeschafft werden – doch auch für sie wäre eine Welt wünschenswert, in der keine Prostitution existiert. Diese Utopie könnte ihrer Meinung nach allerdings nur auf eine Art und Weise Realität werden: Wenn jeder die Erfahrung von wirklich gutem Sex machen würde. Und schneller Sex im Puff dadurch als das gesehen werden könnte, was er eigentlich ist: langweilig und nicht mal ansatzweise die Möglichkeiten ausschöpfend, die es gibt. Für Ilan war „Slow Sex“ die Erleuchtung, die alles andere in den Schatten gestellt hat: Man lernt zusammen mit seinem (Sexual)Partner, Sex ohne jegliche Erwartungen zu praktizieren. Das kann am Anfang heißen, sich stundenlang „ineinanderzulegen“, ohne etwas zu tun und währenddessen einzuschlafen. Das kann aber auch das völlige Loslassen bedeuten, das den Sex von allen Zweifeln, Erwartungen und Selbstzweifeln befreit. Nicht für jeden muss Slow Sex der Inbegriff von wirklich gutem Sex sein, doch die Essenz, die den wirklich guten von Prostitutionssex unterscheidet, sind Themen wie Zeit, Muße, Selbstliebe, Loslassen und Vertrauen. Dass das jeder auf Knopfdruck für sich finden kann, ist die Utopie – doch man kann zumindest damit anfangen!

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4 Antworten zu “5 Dinge, die wir von einer Prostituierten lernen können”

  1. liebe milena,

    dass es freiwillige prostition gibt, möchte ich auf keinen fall bestreiten. was du in diesem, sowie deinem anderen artikel zum thema beschreibst, zeichnet allerdings nur einen minimalsten bruchteil der sozialen realität von prostituierten nach. die romantisierung eines studentischen, rosafarbenen milieus, in dem man sex gegen geld mit männern, die man attraktiv findet und die gute umgangsformen pflegen und nur mal in den arm genommen werden wollen, bagatellisiert auf ganz schlimme weise die 99,9 prozent der frauen die für einen hungerlohn und unter massiver gewalt und zwang teilweise bis zu 30x am tag de facto vergewaltigt werden. da du dich öfter als feministin bezeichnest, würde ich mich freuen auch einen artikel von dir zu den schattenseiten des business mit frauen als ware zu lesen. einführend dazu lege ich dir folgende dokumentation ans herz:
    https://www.youtube.com/watch?v=ttIERE6omr8&feature=youtu.be

  2. und noch ein kleiner nachtrag-
    dass männer frauenkörper kaufen können ist ein ausdruck eines machtgefälles und der patriachalen strukturen. wieso gibt es kaum männliche prostituierte? dass frauen sich dieser logik und diesem zwang freiwillig unterwerfen und es sie das gefühl haben, es ginge ihnen gut dabei ist natürlich ihre freie entscheidung. die kopfttuchdebatte ist ein ähnliches beispiel, wie ich finde. es ist ein symbol der unterdrückung der frauen durch männer und gleichzeitig wird dem mann ein nicht zu beherrschender trieb zugeschrieben (sie soll sich verhüllen um den mann nicht auf falsche gedanken zu bringen). anstatt das kopftuch und prostitution also als emanzipatorischen akt schönzureden, sollte man sich also lieber mit den grundlegenden strukturen auseinandersetzen und ein bewusstsein dafür schaffen, damit mehr frauen sich freiwillig(!) dagegen entscheiden.

    alles liebe,
    leyla

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