Als Yung Hurn sein Mojo verlor und austauschbar wurde

6. November 2019 von in

Ich bin mir sicher, viele Deutschrap-Typen und diejenigen, die an ihren Musikvideos und Texten mitarbeiten, sind eigentlich total nett. Privat und ohne Kamera im Rücken sprechen sie bei einem Kaffee über das Älterwerden und tauschen Kuchenrezepte aus. Ich wette, sie bringen ihrer Freundin oder ihrem Freund Mon Chérie mit nach Hause und massieren ihnen die Füße, während sonntags der Tatort läuft. Das ist mir aber scheißegal. Spätestens jetzt, wo ein Yung Hurn auf den wackeligen Zug des männlichen Egos aufspringt und sein neuestes Musikvideo zu „Ponny“ seinem Sperma auf dem Gesicht einer Frau widmet.

„Sie hat Wichse auf ihrem G’sicht, sie braucht Zewa
Wisch weg, weil da klebt was“

Eine halbnackte Frau reitet im Video ein Pony, ein Yung Hurn tanzt mit seinen Freunden in einem Trampolin und wirft mit Geld um sich. Gähn. Er hat sich mit seinem Team aus Berlins Kreativszene ein höchst ironisches Konzept für seinen neuesten Song überlegt: Eines, das zu erwarten war. Denn wie wir alle wissen, scheint Rapmusik nur dann zu funktionieren, wenn die Männer vor der Kamera echt viel Geld haben (sehr gut gemacht), viel Sex haben (super!), und geile Frauen (es freut mich für euch!) reimend degradieren. Schließlich sexualisieren echte Rapper Frauen wegen ihrer Ärsche, und echte Rapper haben große Schwänze und echte Rapper nehmen ganz viel Koks! Uff. 

Yung Hurn findet das neuerdings auch. Ihm scheint es langsam auf den Senkel zu gehen, dass er ständig Lob dafür erntet, dass er „anders“ sei als andere Deutschrapper, weil er nicht auf Kosten Anderer Musik macht. Das fanden alle toll und das hat dem Julian aus Wien wahrscheinlich nicht gefallen. „Wie, ich bin anders? Ich bin etwa kein Arschloch? Das müssen wir schnell ändern!“, dachte er sich, als er gerade den Tatort beendete und die Mon-Chérie-Packung aufgegessen hatte. Er zog kurz eine Line mit ganz viel Koks, um den Mut für seinen neuen Song „Ponny“ aufzubringen. Darin degradiert er Frauen genauso einfallslos wie seine Kollegen und fühlt sich endlich wieder cool. Er kann endlich so sein wie alle anderen Klischee-Rapper auch: Ein hinter der Kulissen echt voll netter Typ, der in der Öffentlichkeit Frauen verachtet.

Andere sind noch schlimmer, doch das macht es nicht besser

Jetzt kann man natürlich sagen: Hey, Moment mal. Sido, Kool Savas, Bushido, Azad, Shindy und Kollegah sind ja wohl auch nicht besser. Oder sogar viel schlimmer! Einige von ihnen sind nicht nur Sexisten, sondern auch noch Rassisten, Antisemiten und Homophobe. Da ist ein Yung Hurn, der „Kleine Bitch ist mein Pony“, „Sie hat Wichse auf ihrem Gsicht, sie braucht Zewa“, und so weiter singt, ja wohl gar nix dagegen. Und das stimmt. Yung Hurn ist im Vergleich zur gesamten Deutschrapkultur harmlos. Es gibt Männer, die noch viel menschenunwürdiger, ekelhafter, herablassender, erniedrigender, vernichtender rappen. Doch das macht es halt auch nicht besser, dass Yung Hurn, der früher eine Zuversicht für den Deutschrap darstellte, anfängt, sich seinem musikalischen Umfeld anzupassen.

Satire tritt nicht nach unten

Jetzt kann man natürlich sagen: „Hey, Moment mal. Yung Hurns Video ist nicht sexistisch, sondern iRoniScH gemeint!“. Ihm wird unterstellt, er sei mit seinen Texten und Videos so meta, dass er totale Narrenfreiheit in seiner Arbeit genießt. Er darf alles – ist ja nicht ernst gemeint. Aber gute Ironie und Satire treten nicht nach unten. Ironie, die nach unten rotzt, kommt bei den 14-jährigen Jungs nicht an, die sich zu der halbnackten Frau in „Ponny“ einen runterholen. Das sieht man auch auf YouTube in der Kommentarfunktion:

„Yung Hurn der einzige der den Bitches das Zewa reicht“
„Danke Yung Hurn, dass du den Reitsport förderst.“
„Jetzt haben die pferdemädchen endlich ihre eigene Hymne“
„ich hab sehr viele 10er, Sie hat wichse im Gesicht braucht ein seva XD“
„Sie hat Sperma im G’sicht und braucht ZEEEEEEEEEEEEEEWA :D beste Line“

Mit dem Album „Love Hotel“ im Jahr 2017 schaffte Yung Hurn damals tatsächlich etwas Neues. In dem Musikvideo „Diamant“ mit Lars Eidinger wirken die Männer im 80er-Jahre-Look schüchtern und erinnern an eine minderjährige Schulband von einer Handvoll Losern, die mit ihrem Song vor der gesamten Schule auftreten müssen. Es war genial. Der Song „Rot“ war sexy. Die Synergie zwischen ihm und ihr funktioniert, man kauft ihnen die Anziehung ab: „Baby, ich geb dir nicht meine Hand, ich fick dich die ganze Nacht wie – so wie du das willst.“ Mit Lines wie diesen schaffte Yung Hurn es, über Sex zu rappen, ohne Frauen dass banal ihre Ärsche und Titten in die Kamera hängen mussten.
Das macht Yung Hurn lieber jetzt, im Jahr 2019 und in Berlin – einer Stadt, die für Diversität, Gleichheit, Offenheit steht. In einem Jahr wie diesem veröffentlicht er ein Video, das so unmodern ist, als sei es eine Reise in die frühen Zweitausenderjahre – not in a good way. Er wird dieser langweilige, durchschnittliche Musiker, der vor lauter Inspirationslosigkeit auf die Herabwürdigung der Frau zurückgreift. Weil: Das hat die letzten Jahrzehnte doch auch gut funktioniert und das macht man halt so im Deutschrap. Yung Hurn hat sein Mojo verloren. Er ist austauschbar geworden.

Verstaubt, langweilig, sexistisch 

Dabei sollte es gerade ein Yung Hurn besser wissen. Er hätte dieser Mann sein können, der eine neue Richtung einschlägt und nach außen hin das propagiert, was er ziemlich wahrscheinlich in seinem engen Freundeskreis hinter den Kulissen lebt: Feminismus, Diversität, Gleichberechtigung, Drogen, ein geiles Leben. Aber bleibt dann halt doch verstaubt, langweilig, sexistisch. Das modernste an dem Video „Ponny“ ist die Schriftart im Intro. Das nächste Mal üben wir das mit der Ironie nochmal, damit alle lachen können. Auch wir Frauen. 

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7 Antworten zu “Als Yung Hurn sein Mojo verlor und austauschbar wurde”

  1. Ich könnt bei vielen Rspvideos einfach nur kotzen und formuliere im Innern oft den perfekten Rant, den ich dann mangels Plattform nicht loswerde. Dass Du ihn jetzt geschrieben hast, ist mir ein inneres Fest. Danke und Hut ab – denn saugut formuliert isser auch noch. Liebe Grüße, Katharina

  2. Gebe dir Recht, allerdings war y hurn meiner Meinung nach nie gänzlich unproblematisch und anders. zB gab es einen Skandal rund um ihn und die Berg Money Gang als er noch überhaupt nicht erfolgreich war in Deutschland, sie haben eine Journalistin mit Gang-Rape „Jokes“ belästigt. Hurn hat sich nie davon distanziert und alles nur als Witz abgetan. Das war 2015. Und hört man genauer in sein neues Album findet man dort noch dazu die rassistische Line: „S-Bahn, Backjump, Hietzing / Asia-Bitch heißt Ling-Ling / Ich bin hoch, ich sing’, sing’ / Für deine Bitch, sie rinnt, rinnt“ auf dem Song Rauch. Also ja. Jeder hat zu lange weggesehen und Augen zugedrückt.

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