„Modeblogger sollten wieder Meinung zeigen.“

23. März 2013 von in

Obwohl Diane Pernet wohl eine der ersten Modebloggerinnen der Welt war, hasst sie das Wort Blog.
„Es ist so hässlich.“ Die Pariser Fashion-Ikone ist in der Modeszene eine Koryphäe, wenn es um Meinung und Kritik geht.
Und erst diese Woche setzte sie mit ihrem Artikel Who watches the Watchman den perfekten i-Punkt auf Suzy Menkes Artikel The Circus of Fashion von vor ein paar Wochen. Diane Pernet fehlt Meinung in der Mode. „In jeder anderen Branche wie Theater oder Film kann man seine Meinung sagen, ohne Angst zu haben, nicht wieder zu Screenings oder Aufführungen eingeladen zu werden.“ Wer jedoch in der Fashion-Szene seine Meinung sagt, riskiert laut Pernet  bei Dior in der nächsten Saison nicht mehr in der Frontrow zu sitzen. „Das ist doch verrückt.“ Genauso wären Blogger immer öfter meinungslos – sehr zum Ärger der Ikone, wie sie im Gespräch mit amazed beim Absolut Blank Atelier in München verriet.

„Das Modebloggen hat sich extrem verändert.“ Kein Wunder: Heute gibt es Millionen Blogger.

2005, als Pernet ihren Blog A shaded view on fashion ins Leben rief, gab es nur vereinzelt Leute, die das Internet zu ihrem Sprachrohr machten. „Als ich 2005 in Paris bei den Schauen war, war es einfach cool, dass man dort war, ein Foto schoss und es sofort hochladen konnte“, so die Französin. Der Zeitfaktor sei faszinierend gewesen. Man wollte möglichst schnell seine Erfahrungen teilen – mit Familie, Freunden oder daheimgebliebenen Mode-Menschen. „Heute könnte man sagen: Things gotten crazy“, so Pernet zu amazed. Der Artikel von Suzy Menkes sei gut gewesen. Sie habe Recht. Blogger würden heute kaum noch für Freunde oder Familie bloggen, sondern hauptsächlich um Teil des Zirkus zu sein. „Es ist wirklich total verrückt,  gleichzeitig aber auch schon wieder lustig.“

Diese Saison beispielsweise habe Pernet die Fotografen in Paris beobachtet. „Es sind so viele mittlerweile. Sie stehen alle vor dem Zelt und machen Fotos. Und keiner weiß genau, wer sie sind und was sie mit den Fotos machen. Das ist doch verrückt.“ Diese Streetstyle-Fotografen seien im Grunde nicht wirklich wichtig für die Modeszene. Sie seien zwar dabei, zeigten aber eine ganz andere Sichtweise der Mode. „Sie wollen ein Teil des Modezirkus sein. Die vermeintliche Magie der Mode einfangen, von der sie glauben, dass es sie gibt“, so Pernet. Kritische Meinungen zu den Schauen seien selten. Genauso wie eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Kollektionen, den Gästen, den Models. „Sie fotografieren wie wild – ohne bestimmte Leute überhaupt zu kennen.“

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Aber ist es tatsächlich so schlimm? Können Blogger denn nicht langfristig auch Journalisten ersetzen? „Für mich gibt es immer noch einen Unterschied zwischen Bloggern und Journalisten, definitiv.“ Die meisten Blogger sind laut Pernet reine Konsumenten. Blogger wie Susie Bubble, Bryanboy oder Tavi: Sie alle lieben es, einzukaufen, sich schön anzuziehen. Sie setzen Trends. Zeigen Trendgespür. „Aber sie nehmen nicht den Platz von Journalisten ein.“ Für Pernet seien Journalisten immer noch Leute, die Wörter lieben. Die reflektieren, was sie schreiben, worüber sie schreiben wollen. „Blogger – wie ich beispielsweise – schreiben keine langen Texte. Da geht es um Schnelligkeit“, so die Fashion-Ikone. Sobald sie aber für Printmagazine schreibe, nehme sie sich Zeit, spiele mit den Worten und Inhalten. „Blogger und Journalisten haben einfach unterschiedliche Ansatzpunkte. Es bringt auch nichts, wenn ein Magazin versucht, mit Blogs zu konkurrieren. Das wäre Schwachsinn.“ Schnelligkeit zähle hier nicht, sondern Texte, die zeitloser sind.

Doch ist es wirklich so, dass nur Journalisten kritisch sind und Blogger konsumieren. Oder täuscht sich Pernet nicht? Schließlich sind Journalisten oft abhängig von Werbekunden und Anzeigen. Blogger können ihre freie Meinung äußern. „Im Grunde wäre es toll, wenn es so wäre – und ganz zu Beginn war es sicherlich auch so“, sagte Diane Pernet zu amazed. Am Anfang sei es beim Modebloggen darum gegangen, dass man frei seine Meinung äußern konnte. Niemand war an Vogue und Elle gebunden. „Du konntest dir deine Themen frei aussuchen genauso wie du sagen konntest, was du willst. “ Doch dann sei der Zirkus losgegangen. „Blogger wurden eingeladen – zu Shows, zu Labels. Bekamen Geschenke. Und sie haben schnell begriffen, wenn ich jetzt etwas schlechtes sage, werde ich nie mehr eingeladen.“ Frei seien nur noch die wenigsten. Kaum einer traue sich mehr wirkliche Haltung zu zeigen – weder bei Bloggern noch bei den Magazinen. „Dabei wäre es so schön, wenn jemand sagen würde, wie es wirklich war. “

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Eine Veränderung wäre toll – doch momentan sieht Pernet keine Chance.

„Blogger kooperieren mit Marken, mit Designern. Aber die Frage ist doch: Are you really getting a true opinion anymore? Ich glaube nicht.“

Viele Blogger begannen vielleicht zu bloggen, weil sie es liebten, ihre Meinung zu sagen, Texte zu schreiben. Und dann haben sie bemerkt: Ich bekomme Einladungen, Geld und Kleidung. „Und sie haben ganz schnell ihre Integrität verloren“, so Pernet. Vor ein paar Jahren hätten Leute Blogs gestartet, um ihr Talent zu zeigen, ihre Interessen. „Heute starten sie Blogs, um Geld zu verdienen, um berühmt zu werden. Das war zu Beginn nie nie nie das Ziel. Aber es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass sie eben nur Fame wollen, Teil des Modezirkus sein wollen. Das ist wirklich sehr sehr schade.“

Eine Szene ist Pernet besonders im Kopf geblieben – die wohl die Situation der Blogger und Journalisten am besten beschreibt. „Ich erinnere mich, wie ich in Paris bei einer Schau neben einem Blogger saß, und er hatte über die Show getwittert. Plötzlich bekam er eine Nachricht von der PR-Agentur, die ihn eingeladen hatte, dass er diesen Tweet löschen solle. Er gefalle der Agentur nicht. Und er sah mich und fragte: Soll ich das wirklich löschen? Und ich: Mein Gott, es ist ein Tweet. Das ist doch nichts. Und er so: Soll ich darüber schreiben. Und ich: Auf jeden Fall.“

Meinung zeigen. Egal, was für eine es ist. Frei sein – und das Medium Blog nutzen.

Als Plattform für die eigene Kreativität und eigenes Sprachrohr. Nicht für den Fame. Oder die Einladung. Oder die Kooperationen. Das ist die Botschaft von Diane Pernet.

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Fotos: amazed

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19 Antworten zu “„Modeblogger sollten wieder Meinung zeigen.“”

  1. Einfach supergut geschrieben, Antonia du bist wirklich gut und man merkt, dass du das beruflich machst. Ich freue mich riesig, dass ihr den Schritt zu amazed gewagt habt – jetzt kann man hier richtig oft, was von euch lesen und wenn ihr qualitativ so bleibt, dann wird dieser Blog sehr erfolgreich.
    Der Artikel gefällt mir einfach total.

  2. Tolles Interview, es war richtig angenehm es zu lesen und es die pure Wahrheit und ich finde es auch sehr gut, dass es sozusagen Leute die aus dieser Szene ausbrechen gibt und nicht so tun, als wäre alles super toll und ;totally on top‘, amazing, gorg, bla!

    Seine eigene Meinung zu äußern und auch dazu zu stehen – das ist für mich ,totally on top‘, auch bei Bloggern. Nein, vor allem bei Bloggern beziwhungsweise Menschen, die zu einer Meinungsbildung beitragen.

  3. Ein sehr gelungener Artikel und ein paar sehr interessante Statements. Ich kann mich Pernet nur anschließen, wenn gleich ich mich von der Kritik auch nicht ganz ausschließen würde. Zuerst konnte man innerhalb der deutschen Bloggerszene ja erste hoffnungsvolle Seufzer vernehmen, dass die Firmen langsam aber sicher auf die Blogger aufmerksam werden. Allerdings ist die Entwicklung lange nicht mehr so positiv, wie man anfangs dachte. Denn im Grunde genommen gibt es aktuell doch wirklich nur die Wahl zwischen einer qualitativen journalistischen Arbeit, mit dem dazugehörigen Maß an Objektivität, oder dem „Traum-Blogger-Leben“ mit Klamotten für Lau. Würden die Firmen verstehen, dass Kritik und Meinung genauso wichtig sind, bei Bloggern ebenso wie bei Journalisten, sähe sicher auch die Meinungswelt unter den Bloggern anders aus.

    • Laura, ich stimme dir im Grunde zu. Und ich nehme mich auch nicht ganz aus von der Kritik, die Pernet uns gegenüber geäußert hat.
      Gleichzeitig muss sich noch viel tun in der Modeblogszene. Die Meinung der Agenturen und Unternehmen muss sich wahrscheinlich auch ändern. Das ist ein schwieriges Thema, weil viele Firmen Blogger nicht ernst nehmen – und sie abspeisen wollen mit Gutscheine, viele Blogger aber eben auch gar nicht einschätzen können, wie viel sie wirklich wert sind – und dann doch froh sind, endlich „Teil des Zirkus“ zu sein. Dafür überwerfen sie oft jegliche Meinungen und Qualitätsansprüche und verraten schnell sich selbst. Wichtig ist es meiner Meinung nach trotzdem sich immer selbst zu hinterfragen, seine Meinung zu bewahren und diese auch zu kommunizieren – und sie eben nicht für ein gesponsertes Wochenende über den Haufen zu werfen (als Beispiel). Dann kann man sicher für sich einen guten Mittelweg finden – wenn gleich nicht alle Unternehmen mit einem dann zusammenarbeiten wollen. Aber auch das kann man dann vielleicht gut verschmerzen, weil man authentisch bleibt – für sich und die Leser. Schönes Wochenende!

  4. richtig interessant :) erinnert mich sehr an an die anfangszeit mit meinem ersten blog vor einigen jahren, als amelie auch angefangen hat zu bloggen. ich vermisse diese zeit mit den persönlichen blogs sehr. ich lese auch keine blogs, wo mir sofort auffällt, dass sie hauptsächlich auf komerz ausgerichtet sind. das gefällt mir überhaupt nicht mehr

  5. Sehr interessanter und gelungener Artikel. Ich lese sehr gerne Hintergrundberichte zur Mode/ zum Geschehen rund um die Modewelt und finde es gut, dass ihr auch Hintergrundinformationen liefert auf eurem Blog. Weiter so!

  6. Mich freut es zu sehen, dass ihr euch hier immer wieder auch kritisch mit dem Thema Mode befasst. Pernet stimme ich im Bezug auf Meinung zeigen in jedem Fall zu, allerdings finde ich es abwegig Mode bzw. die Kritik an ihr, mit Genres wie Film oder Theater in Verbindung bringen zu wollen. Bei aller Liebe zur Mode und dem einhergehenden Fachpalaver, wieviel Tiefgang steht denn hinter einer Kollektion bzw. hinter ein paar Kleidungsstücken, die Saison für Saison rausgefeuert werden um den Konsumenten zu befriedigen?
    Sich mit der Modeindustrie und dem „Modezirkus“ kritisch auseinanderzusetzen finde ich wichtig und ich denke, da könntet ihr mit eurem Blog eine vorreiter Position einnehmen.

    Tavi in einem Atemzug mit Bryanboy und Susie Bubble? Nein!

    (Kleines feedback am Rande: Ich würde euch empfehlen, die Autorenlinks der Kommentare in einem neuem Fenster öffnen zu lassen. Ist praktischer für die Suchtis, die in 50 Tabs gleichzeitig unterwegs sind. Außerdem wäre eine Vorschaufunktion der Kommentare ganz nice.)

    • Liebe Janni, vielen Dank für deinen Kommentar. Und die lieben Worte in Bezug auf die Vorreiter-Position. Das freut uns sehr.

      Ich glaube, Pernet hat selbst einen weitaus künstlerischen Blick auf Mode, als wir, die ja immer noch mehr Konsumenten als Künstler sind, es überhaupt nachvollziehen können. Pernet war ja Model, Fashiondesignerin – und heute Initiatorin eines Fashion Film Festivals, insofern denke ich, zieht sie für sich definitiv da eine Verbindung zum Theater und Film. Und die Tatsache an sich, dass man in allen anderen Bereichen Kritik ohne Probleme äußern kann, in der Mode aber nicht, ist ja wirklich zweifelhaft – ob man nun Tiefgang in der Mode sieht oder nicht :)

      Diane Pernet hat Susi Bubble und Bryanboy im selben Atemzug mit Tavi genannt, mich hat es auch erstaunt ;) (Die Idee kam also nicht von mir, haha)

      Vielen Dank auch für deine Anregung in Bezug auf die Autorenlinks. Das werden wir mal überdenken! :)

  7. Toll geschrieben.
    Eigentlich ist das die Wahrheit. Viele bloggen, weil sie nicht nur Spass dabei haben möchten. Viele bloggen, weil sie was verdienen möchten. Aber … Jedem das Seine. :)

  8. Wunderbarer Artikel! Ich habe ihn sehr gerne gelesen und ich finde, er regt wirklich zum Denken an. Im Vergleich zu manch anderen erfolgreichen Bloggern, blogge ich schon recht lange und bin dennoch sehr klein geblieben. Ich weiß, nichts worauf man Stolz seien sollte. Aber ich blogge, weil ich es liebe und nicht, weil ich irgendeinen „Fame“ erreichen möchte. Und gerade diese „Kleinheit“ macht es natürlich für mich leichter, meine Meinung richtig rauszulassen, egal wie negativ sie ausfällt.

  9. Das ist wirklich ein spannendes Thema und ich glaube, die Blogger-Szene ist an einem Punkt, an dem es unausweichlich wird sich damit auseinander zu setzen. Selbst im grauen Brei der „Haul-Blogs“ wird dieser Konflikt noch seine Wirkung zeigen, denke ich. Es hat mich sehr gefreut, diesen Artikel zu lesen. Das Thema und eure Interviewpartnerin sind sehr gut gewählt!
    Genau das richtige Thema zur richtigen Zeit, dankeschön!

    I’m amazed ;)

  10. ich war auch kurz gekränkt. tavi ist extragut! und ein ziemlich erfolgreiches (und nebenbei geniales) online-mädchenmagazin auf die beine zu stellen finde ich journalistisch gesehen auch nicht unbedingt unbedarft.

    toller artikel, nebenbei bemerkt!

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