Cherry Picks: George Floyd und das Rassismus-Problem, eine zauberhafte Tanz-Doku, die neue Stadtflucht & allerlei Kunterbuntes aus dem Internet

29. Mai 2020 von in

Fotocredit: Armed Angels, Unsplash, Toteme, Melodie Michelberger, Shirien Creates

Himmel, wo ist die Zeit geblieben? Wir befinden uns offiziell in Woche zehn – oder schon 11 der offiziellen Corona-Pandemie in Deutschland und gehen in großen Schritten Richtung Juni. Dieses Jahr flutscht einem gefühlt durch die Finger, während man gerade aus dem Wohnzimmer-Fenster schaut. Tatsächlich ist auch wieder unendlich viel passiert, von traurigen wie wütend-machenden Vorfällen bis hin zu wunderschönen Mode-News und wichtigen Statements. Hier kommt ein kunterbunter Einblick aus dem Internet – gesammelt, nur für euch und euer langes Wochenende!

„I can’t breathe“ waren die letzten Worte von George Floyd. Der Afro-Amerikaner starb durch Polizeigewalt in Minneapolis. Wütend blicken wir in die Staaten, in denen immer noch so viel falsch läuft, dass es einem Schauer über den Rücken läuft. Während die Aufstände in Minneapolis laufen, wurden die vier Polizisten bislang nur entlassen. Eine Verhaftung mit anschließender Mordanklage? Fehlanzeige! Wer das Video des Einsatzes gesehen hat, kann nicht anders, als zu weinen. Der New Yorker fasst die Tragik der Ereignisse zusammen und zeigt auf, warum „I can’t breathe“ schon seit 2014 der Satz für Rassismus steht. 

Nur: Wer denkt, das sei ein amerikanisches Problem, irrt. Auch in Deutschland und anderen Ländern gibt es nach wie vor strukturellen Rassismus, vor allem und auch in Behörden wie der Polizei, Bundeswehr und dem Verfassungsschutz. Für das Wochenende empfehle ich hierzu beispielsweise den Podcast Oury Jalloh des Westdeutschen Rundfunks, der den Fall des gleichnamigen Asylbewerbers beleuchtet, der in Polizeigewahrsam starb. Ein Urteil oder Klarheit gibt es bis heute nicht.

Wer sich übrigens für amerikanische Politik und die Situation vor Ort interessiert, die Journalistin Elisabeth Koblitz berichtet aus Washington. Ich liebe ihren informativen Instagram-Kanal und ihre Einblicke in ein Land, das bis heute mit einer solchen Doppelmoral lebt.

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Am Montag Abend starb der Afroamerikaner George Floyd in Minneapolis durch Polizeigewalt. Der tragische Vorfall wurde wieder mit einem Handy gefilmt – das Video ging viral: Floyd liegt neben einem Polizeiauto mit dem Gesicht auf der Straße. Über ihm steht ein weißer Polizist, der sein Knie in den Hals des Mannes gepresst hat. „Please, please, please, I can’t breathe”, fleht Floyd, “My stomach hurts. My neck hurts. Please, please. I cant breathe.” Ein weiterer Polizist schaut zu, während herumstehende Passanten sich einmischen: “You are stopping his breathing. You think that’s cool, man?”, ruft ein Mann. “His nose is bleeding. Look at his nose!”, sagt eine Frau. Der Polizist gibt nicht nach. Floyd fällt in Ohnmacht. Passanten fordern die Polizisten auf, seinen Puls zu kontrollieren. Sogar jetzt lässt der Polizist nicht locker. Acht lange Minuten später kommt ein Krankenwagen. Floyd wird auf eine Bahre gehievt, scheint leblos. Im Krankenhaus stirbt der 46-Jährige. . „I can’t breathe”, auch das waren die letzten Worte des schwarzen Eric Garner, der 2014 in New York ebenfalls an dem Würgegriff eines weißen Polizisten starb. Der Cop wurde strafrechtlich nichts belangt, erst vergangenes Jahr gefeuert. Im aktuellen Fall feuerte die Polizei die insgesamt vier beteiligten Polizisten innerhalb von 24 Stunden. Sie waren zum Einsatzort gerufen worden, weil jemand in einem lokalen Supermarkt versucht hatte mit Falschgeld zu zahlen. Das FBI hat nun die Ermittlungen im Fall übernommen. Der Bürgermeister von Minneapolis ist sichtlich erschüttert als er vor die Presse tritt: „Fünf Minuten lang, sahen wir, wie ein weißer Polizist sein Knie auf den Hals eines schwarzen Mannes drückte (…) Wenn Du jemanden um Hilfe rufen hörst, musst du helfen. Der grundlegendste Sinn für Menschlichkeit dieses Polizisten versagte. Als Schwarzer in Amerika zu leben, darf kein Todesurteil sein.“ 📸 @lilli_groccia

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Jacina Ardern aus Neuseeland ist der momentane Popstar unter den internationalen PolitikerInnen. Spätestens als die Premierministerin während eines Erdbebens bei einer Aufzeichnung locker blieb, gilt sie als die Unerschütterliche. Wie schön, dass eine weibliche Politikerin endlich mal wegen ihres Könnens beurteilt wird und nicht mehr nur wegen ihrer Optik. Dass die Süddeutsche Zeitung trotzdem einen Artikel zu dem sehr entspannten Kleidungsstil geschrieben hat, verzeihen wir. Denn auch dieser Artikel beweist: Jacinda Arden ist einfach nur eines: kompetent und cool zugleich.

Apropos Mode. Hätte ich diese Woche einen Wunsch frei, wären es die neuen minimalistischen High Heels von Toteme. Schlicht, clean, perfekt.

Ich liebe meine Heimat. Die Berge, die Natur, die vielen Landstraßen, die gefühlt ins Nirgendwo führen. Ja, ich kann mir sogar vorstellen, irgendwann aus München raus und zurück ins Chiemgau oder nach Berchtesgaden zu ziehen. Aber anders als viele blieb ich während der Corona-Pandemie zu Hause. In meinem Zuhause. In München. Andere packten ihre sieben Sachen, flüchteten aus der Stadt aufs Land – meist ins Elternhaus. Nicht für ein paar Tage, nein Wochen. Denn wenn schon Quarantäne, dann mit den Eltern. Urlaub daheim. Bento beleuchtet den Trend der neuen Stadtflucht. Und ich nehme mir vor, zumindest im Sommer einmal ein paar Tage Urlaub zu Hause zu machen.

Es gibt Tage, da schicken meine FreundInnen und ich uns stundenlang lustige Memes hin und her. Vermehrt Katzenmemes. Die sinnloseste Beschäftigung aller Zeiten, aber vielleicht die lustigste. Doch was macht Memes überhaupt so witzig? Woher kommt der Drang nach Memes? Und warum machen sie uns so glücklich? Beige hat mit der Wissenschaftlerin Anne Leiser gesprochen und herausgefunden, warum wir sie so lieben. Aber aufgepasst: Memes können auch gefährlich werden. Mehr dazu lest ihr hier.

Die wunderbare Anne Gryczka des Fotografinnen-Duos Rue Nouvelle hat einen so wunderschönen Dokumentarfilm gedreht, dass ich ihn euch wärmestens ans Herz legen möchte. Anne portraitiert den Münchner Choreograph Dustin Klein, der mit seinen TänzerInnen das Motiv der Sünde erforscht. Hat der Mensch seit jenem verhängnisvollen Tag im Paradies gelernt, mit der Versuchung umzugehen? Die 17 Minuten von „Eden“ sind nicht nur ein sanftmütige Annäherung an die Paradies-Fabel der Bibel, sondern eine so großartige Hommage an den Tanz, das ich sofort meine Ballettschuhe wieder auspacken will. Mehr zum Film lest ihr auf Vogue.

Die Neuheit der Woche kommt von Armed Angels: In ihrer Dyed by Nature Kollektion widmet sich das Fair Fashion Label dem Thema Farbe bei Kleidung. Denn tatsächlich ist das gewöhnliche Färben von Kleidungsstücken vor allem eines: Ressourcen-Verschwendung. In der neuen Kollektion wurden reine natürliche Farben verwendet, die aus Kräuter- und Pflanzenabfällen gewonnen wurden,  beim Färbeprozess weniger Wasser verbrauchen und GOTS-zertifiziert sind. Außerdem ruft die kleine Kollektion nach mir: Ich suche schon die ganze Zeit nach einer gemütlichen kurzen Sweat-Shorts für Sommerabende.
Bodyshaming ist nicht okay. Während die ersten Frauenmagazine wieder mit „In fünf Tagen zum Bikini-Body“ werben, kann ich es immer noch nicht fassen, dass wir 2020 überhaupt noch über Körper- und Körperideale diskutieren müssen. Jeder Körper ist individuell, jeder Körper hat eine eigene Geschichte und überhaupt: Jede*r von uns sollte endlich aufhören, überhaupt über die Körper anderer Menschen zu reden oder zu urteilen. Wie sehr Worte einen treffen können, selbst wenn man für Bodypositivity im Internet jeden Tag einsteigt, zeigte Melodie Michelberger diese Woche auf ihrem Instagram-Account. Nach einem erneuten Bodyshaming-Vorfall postete sie ein verweintes Selfie und schrieb: „Menschen, die wie ich, Body- und Fatshaming ausgesetzt waren, tragen diese Wunden für immer mit sich herum. Und genau deshalb reagiere ich ziemlich empfindlich, wenn mir heute jemand sagt: »War doch nur Spaß« oder »musst ja nicht zuhören.« Es gibt keine Momente, in denen es erlaubt ist, Bodyshaming zu betreiben. Body/Fatshaming ist Mobbing und es ist fucking egal, ob ihr es ironisch meint oder nicht. Es ist und bleibt seelische Gewalt. Wann hört es endlich auf? Wann kann endlich jeder Mensch glücklich werden, ohne für sein Gewicht oder Körperform gemobbt oder/und beleidigt zu werden?“ Punkt. Danke Melodie!

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TW Bodyshaming. »Du bist so stark.« »Ich weiß nicht, wie du das alles aushältst.« Die Wahrheit ist: Tue ich nicht. Egal wie oft ich Bodyshaming ausgesetzt bin, es tut weh. Für alle, die meine Instagram Stories nicht ansehen: Eine Followerin hat mich vor ein paar Tagen auf einen Podcast aufmerksam gemacht, in dem sich die Moderatorin dermaßen respektlos über mehrgewichtige Menschen auslässt, dass es mir die Schuhe ausgezogen hat. Selten war ich so wütend und sprachlos zugleich. Und obwohl die Worte gar nicht direkt an mich gerichtet waren, sondern über »fet*e Jugendliche vom Dorf« geurteilt wurde, fühlte ich mich in die Zeit zurückversetzt, als Bodyshaming meinen Alltag als dickes Mädchen in einem süddeutschen Dorf täglich begleitet hat. Seit meiner frühesten Kindheit werde ich aufgrund meiner runden Figur gehänselt, beleidigt und verspottet. Niemals werde ich die Ausdrücke vergessen, die mir früher hinterhergerufen wurden, sie haben sich fest in mein Gedächtnis eingeprägt. Und so reagiert mein Körper bei solchen Bemerkungen heute noch mit der gleichen Alarmreaktion, wie vor 30 (!) Jahren auf dem Schulhof. Ich beginne zu zittern, mein Hals schnürt sich zu und ich kann mich nicht mehr bewegen. Vermeintliche »Witze« auf Kosten von Menschen mit hohem Körpergewicht sind in unserer Gesellschaft leider weit verbreitet. Viele Menschen werden ihr ganzes Leben für ihre Figur oder ihr Körpergewicht angegriffen, gedemütigt und herabgewürdigt. Das führt nicht selten zu Essstörungen, Depressionen oder Suchterkrankungen. Menschen, die wie ich, Body- und Fatshaming ausgesetzt waren, tragen diese Wunden für immer mit sich herum. Und genau deshalb reagiere ich ziemlich empfindlich, wenn mir heute jemand sagt: »War doch nur Spaß« oder »musst ja nicht zuhören.« Es gibt keine Momente, in denen es erlaubt ist, Bodyshaming zu betreiben. Body/Fatshaming ist Mobbing und es ist fucking egal, ob ihr es ironisch meint oder nicht. Es ist und bleibt seelische Gewalt. Wann hört es endlich auf? Wann kann endlich jeder Mensch glücklich werden, ohne für sein Gewicht oder Körperform gemobbt oder/und beleidigt zu werden?

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„In unserer Gesellschaft wird von Frauen verlangt, dass sie sich auch wie Opfer verhalten, wenn sie Opfer geworden sind. Eine Frau die, wie Virginie Despentes, beim Trampen vergewaltigt wird und auch nach der Vergewaltigung weiter trampt? Unerhört. Sie hat keine Angst? Sie hat aber Angst zu haben.“

Autorin Gilda Sahebi schreibt diese Woche für die taz in ihrem Artikel „Ohne Scham“ über die Problematik, der Frauen ausgesetzt sind, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Noch immer werden sie von unserer Gesellschaft zu Opfern degradiert und in eine Rolle gedrängt, in der sich viele Frauen – trotz des Schicksals – gar nicht sehen wollen. Sahebi, die selbst Opfer sexueller Gewalt geworden ist, fordert: Erzählt die Geschichten dieser Frauen anders. Ich danke Gilda Sahebi für diese neue, andere Perspektive, die in der Diskussion – auch mit Männerwelten – so wichtig ist. Hier geht’s zum Artikel.

Für alle True-Crime-Fans wie mich habe ich noch eine Netflix-Empfehlung. Triggerwarnung: sexueller Missbrauch! Filthy Rich widmet sich in mehreren Teil dem verstorbenen Investmentbanker Jeffrey Epstein, der unter Verdacht steht, einen Pädophilenring in den USA betrieben zu haben. Nicht nur berühmte Namen wie Bill Clinton, hochrangige Politiker und britische Monarchen kursieren im Fall, auch zeigt diese Doku wieder einmal, wie berühmte Männer ihre Macht missbrauchen. Ein abgrundtiefer Einblick in ein System, in dem junge Frauen systematisch missbraucht wurden. Am Ende flog Epstein auf und starb – angeblich an Suizid in einer Gefängsniszelle. Ich sag’s mal so: Es gibt berechtigte Zweifel an dieser Story.

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3 Antworten zu “Cherry Picks: George Floyd und das Rassismus-Problem, eine zauberhafte Tanz-Doku, die neue Stadtflucht & allerlei Kunterbuntes aus dem Internet”

  1. Liebe Antonia,
    normalerweise finde ich dieses Potpourri von gesellschaftlich relevant zu seichter Unterhaltung ganz nett. In diesem Fall empfinde ich den nahtlosen Übergang von Polizeigewalt gegenüber POC zu so etwas banalem wie High-Heels allerdings als sehr unglücklich. Man muss sich fragen, ob mit der Einbettung des Themas in diese Art von Kontext nicht gerade die Normalisierung der kritisierten Gewalt zementiert wird.
    Liebe Grüße
    Jana

    • Liebe Jana!

      Tatsächlich machen wir das schon immer in den Cherry Picks, dass wir wichtige Themen der Woche, die uns beschäftigt haben, mit allerlei netten Funden aus dem Internet kombinieren.
      Wir finden es wichtig, dass auch hier von unserer Seite über die Thematik gesprochen wird. Sieh es als Nutzen unserer Reichweite – dass wir in den Cherry Picks verschiedene wichtige und sicherlich auch banale Themen aufgreifen, ist nichts Neues.
      Das eine wertet das andere nicht ab – und wer uns folgt, sollte doch wissen, dass es für uns so wichtig ist, dass darüber gesprochen wird. Unsere Reichweite für dieses wichtige Thema genutzt wird. Nichts liegt uns ferner durch eine bunte Mischung an Internetfunden jenes wichtige Thema zu banalisieren oder normalisieren. Im Gegenteil. Die Hoffnung ist viel mehr, dass in diesem Kontext noch mehr Menschen erreicht werden, die bei rein politischen Artikeln von Haus aus nicht drauf klicken.

      Liebe Grüße,
      Antonia

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