Coffee Break: Die Fast-Beziehung

28. Juni 2015 von in

Ein Bekannter von mir hat eine neue Freundin. Er nennt sie aber nicht „Freundin“. Er nennt sie … ja, das weiß er eigentlich auch nicht so genau. Auf jeden Fall nicht „Freundin“, denn das würde alles kaputt machen, sagt er. Sie schlafen miteinander, sehen sich fast täglich, schreiben sich sowas von täglich, aber eine Beziehung ist das nicht – um Himmels Willen.

Das mit den Begrifflichkeiten ist schon so eine Sache. Wenn wir den Dingen einen Namen geben, gehen sie kaputt – dieses Denken ist weit, weit verbreitet. Und ich frage mich immer, wenn ich solche Geschichten höre, was bitte kaputt gehen soll. Ich kenne niemanden, der wahnsinnig verliebt war, mit jenem Menschen ganz offiziell zusammen kam und sich dann beklagt hat: „Och, jetzt haben wir ja voll unsere Leichtigkeit verloren“. Dann fängt der ganze Spaß doch erst an. Oder gibt es ein noch stolzeres Gefühl, als denjenigen, in den man unfassbar verliebt ist, als seinen Freund oder seine Freundin zu bezeichnen?

Dass man sich mit der Gretchenfrage „Sind wir zusammen?“ ein bisschen Zeit lassen sollte, ist natürlich vollkommen gerechtfertigt – zu schön ist diese Phase, in der man sich so recht weiß, wohin das alles führt, insgeheim hofft, erste zaghafte Dates hat – aber, die Fälle von Fast-Beziehungen oder noch schlimmer Fast-Fernbeziehungen in meinem Freundeskreis häufen sich. Irgendwie hat niemand mehr so richtig mehr Bock, sich festzulegen.

In den meisten Fällen ist es nämlich das: Eine faule Ausrede dafür, dass man sich alles offen halten will. Im besseren, aber leider eher selteneren Fall ist es Angst. Angst davor, wenn man bei dem Anderen dieses ganze Beziehungsthema auf den Tisch legt, dieser seine sieben Sachen packt und davonläuft. Was natürlich kompletter Quatsch ist, denn wenn er dich mag, läuft er nicht davon. Und wenn doch, bist du zumindest um eine Antwort schlauer.

Bis wir das Wort „Freund“ oder „Beziehung“ auch nur denken, vergehen doch sowieso gerne einmal Monate. Was sollte dann Weltveränderndes passieren, wenn wir es aussprechen? Manchmal könnte man das Gefühl bekommen, dass „Beziehung“ mittlerweile schon fast dem Begriff „Ehe“ gleicht – so vorsichtig und behutsam wie damit umgegangen wird. Bald wird man sich wahrscheinlich gegenseitig noch eine SCHUFA-Auskunft zeigen, bevor man beschließt zusammen zu sein.

Wenn man dann schon weiter vorangeschritten ist, geht es um einen anderen Begriff: Liebe, beziehungsweise leider ja eben nicht. „Ich liebe dich“ sagt heute gefühlt niemand mehr. Fünfundachtzig Prozent meiner Freunde sind Single, ich habe zwei Paare in meinem Freundeskreis, eines davon sagt „Ich liebe dich“ (glaube ich!). Liebe scheint irgendwie veraltet zu sein. Man hat sich gerne, man mag sich, man mag sich am allerliebsten, man ist verliebt, verknallt, aber lieben – ich kenne leider fast niemanden, der das tut. Oder wahrscheinlich schon tut, aber eben nicht so benennt.

Und hier habe ich sogar ein bisschen Verständnis: Zu aufgebraucht sind die drei Worte, zu holprig klingen sie, wenn man sie sagt. „Ich liebe dich“ ist aufgeladen – mit Hollywoodfilm-Kitsch und zwei Menschen, die sich bei strömendem Regen in die Arme fallen. Erst einmal gesagt, werden sie schnell zu einer Floskel. Zur Verabschiedung am Telefon, zur Entschuldigung, wenn man Mist gebaut hat, zur Absicherung, dass alles in Ordnung ist. Und das ist jammerschade.

„Freundin“ oder „Beziehung“ nutzen sich dagegen gar nicht ab – zum Glück! Deshalb bitte mehr benutzen und weniger Angst haben. Es werden keine Verträge unterschrieben und man kommt auch wieder raus. Und für all diejenigen, die sich nicht ganz sicher sind: Ein „ich weiß es nicht“ ist nur ein nettes Synonym für „Nein“.

Alles von Anjas Serie Coffeebreak 

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7 Antworten zu “Coffee Break: Die Fast-Beziehung”

  1. Die meisten hoffen doch einfach nur darauf, dass sie noch was besseres finden und wollen sich nicht festlegen. Sooooo ein nerviger Trend! Die Auswahl ist einfach zu groß und man könnte ja was verpassen…

  2. Dieses Thema ist ein weiterer Teil unserer Wegwerfgesellschaft – Kleidung, Essen, Partner. Es gibt ja immer was Besseres, also bloß nicht festlegen oder zu sehr an irgendwas (oder eben irgendwen) binden. Langfristig gesehen werden wir damit doch nur unglücklicher.

    Bitte umdenken :)

  3. Die Generation Y hats schon wirklich nicht einfach. Wird dazu erzogen alles machen und haben zu können, man muss sich nur entscheiden. Tja und jetzt ist man immer auf der hut, ob nicht doch an der nächsten Ecke der Mann wartet, der noch besser zu einem passen könnte und mit dem man sein persönliches Lebensziel – glücklich sein- noch schneller und einfacher und jeden Tag erreicht.
    Ich mag diesen blöden Trend auch nicht. Vor ein paar Jahren hat man sich erst kennen gelernt und Dates gehabt, schlief eventuell miteinander und kam dann zusammen, weil man sich so nahe war. Heute nimmt man ja keinen mit in eine beziehung, den man nicht in sämltiche Richtungen „getestet“ hat. Statt es einfach mal zu wagen, trauen wir uns nicht und lassen die Möglichkeit einer wundervollen Beziehung verstreichen.. Schade Schokolade

  4. Dieser Artikel ist wirklich sehr schön geschrieben und spricht mir aus der Seele.
    Dating heutzutage ist wirklich schlimm, gefühlschaos pur, finde ich zumindestens.
    Ich hab schon öfters Jungs gedatet die sich einfach nicht festlegen wollten, aber eher aus Angst das sie dann nicht mehr aus der Sache rauskommen oder das wenn sie eine Beziehung anfangen und dann nicht mehr in der Beziehung sein wollen (weil sie was lieber single sein wollen) sie dann die Person verletzen, wenn man aber so schon denkt sollte man es doch einfach lassen?
    Mehr Ehrlichkeit, vor allem wenn es zu Gefühlen kommt, bitte..

    Yas

    The Not So Secret Lives Of Pizza Lovers

  5. Ich erlebe das in meinem Mittzwanziger-Umfeld so – oder so ähnlich – als eines von zwei Extremen: auf der einen Seite die Ewigunabhängigen (Singles, die gar kein Bedürfnis nach einer festen Beziehung haben, sondern das ungezwungene, unverfängliche Flirten hier und da genießen) und auf der anderen die Paare, die gefühlt schon immer zusammen sind (und schnell zusammenziehen, früh heiraten, jetzt die ersten Kinder bekommen, etc. pp.). Vielleicht genießen Erstere ihre gegenwärtige Ungebundenheit einfach, weil in unserem Alter irgendwie absehbar ist, dass in 5-10 Jahren die Themen feste Partnerschaft, Kind, etc. pp. anstehen? Who knows. Der Schritt vom Singledasein in eine Beziehung ist jedenfalls mit Mitte 20 ein größerer als noch vor 5 Jahren – man probiert nicht mehr einfach so rum. Wenn Beziehung, dann richtig. Klar, dass manch einem da unverfängliche Fast-Beziehungen verlockend(er) erscheinen…

  6. Du sprichst mir aus der Seele, danke für diesem gelungenen Artikel!
    Ich bin vor kurzem mit meinem Freund zusammen gezogen und … Welch Wunder: Ich wurde von fast allen Freunden komisch angeschaut. „Was? So früh zieht ihr zusammen?.. Krass!“ Als ob das etwas verbotenes sei und ich mein selbstbestimmtes Leben aufgegeben hätte. Naja, ich denke dann immer „Leben und leben lassen.“
    Liebe Grüße !
    Caro
    Itslinnae.com

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