Coffee Break: Instagram-Alzheimer oder das Highlight-Syndrom

8. November 2015 von in

Gestern habe ich mich dabei ertappt, wie ich etwas Schönes vergessen habe. Dass einem ein schönes Erlebnis, das monatelang her ist, vielleicht einmal nicht sofort einfällt, wäre noch irgendwie nachvollziehbar – aber dieses Erlebnis, von dem ich spreche, war keine Woche her. Zudem war es eines der schönsten der letzten Tage. Selbst, als ich mich anstrengte, mich daran zu erinnern, fiel es mir schwer.

Gut, nun könnte man meinen, ich habe erste Anzeichen von Alzheimer, woran ich mich allerdings sehr gut erinnern kann: an all die negativen Dinge. Dass ich mich letzte Woche erkältet hatte, dass ich gerade unzufrieden mit meiner Kleiderschrank-Auswahl war, dass ich an diesem einen Tag schlimme Kopfschmerzen hatte, dass mich etwas stresste, was ich seit Wochen vor mir herschob.

Dass ich diese Woche gleich zweimal in der Sonne Mittag gegessen habe, meine beste Freundin und ich Mittwochnacht nach zwei Flaschen Wein mit unserem neuen Lieblingsitaliener den Laden zugesperrt hatten, dass ich mir den vielleicht allerschönsten Winterpullover gekauft hatte – das alles vergesse ich irgendwie schnell.

Wenn man so möchte, ist das tatsächlich eine Art von Alzheimer: Instagram-Alzheimer. In dem Moment, in dem wir ein schönes Erlebnis instagramen, ist es abgeschlossen. Es reiht sich ein in unsere Galerie von all den anderen schönen Erlebnissen der letzten Wochen. Unschönes wird natürlich nicht geinstagramt. Steile Theorie: Ist es deshalb auch nicht verarbeitet und bleibt länger im Gedächtnis? Nicht einfach hochgeladen und abgehakt.

Ich glaube, viele Menschen da draußen haben dieses Problem: Wir erleben die ganze Woche über viele, tolle Dinge, die wir allerdings schon für ganz selbstverständlich nehmen. Wenn dann etwas einmal nicht so gut läuft, beschäftigt es uns nachhaltig. Wir sind unzufrieden, obwohl wir heute doch dank maximalen Selbstentfaltungsmöglichkeiten potenziell sogar mehr schöne Dinge erleben, als beispielsweise unsere Großeltern. Meine Oma stand von morgens bis abends in einer lauten, verstaubten Fabrik, abends zauberte sie schnell ein Essen, schmiss den Haushalt und versorgte die Familie. Wenn sie am Wochenende ins Kino ging, war das ein Highlight für sie.

Wir erleben dagegen fast ausschließlich Highlights. Und wir sind süchtig nach ihnen geworden. Wir sind süchtig nach erfolgreichen Arbeitstagen, nach Likes, danach, dass ein Tag mindestens so gut ist wie der zuvor. Süchtig nach guter Laune, spannenden Erlebnissen und maximaler Abwechslung. Das Internet macht ja auch, dass alles vorzeigbar sein soll: Von den Socken, über Urlaube bis zum festen Freund. Und wenn dann ein Tag belanglos ist oder einfach nur beschissen, enttäuscht uns das innerlich ein bisschen. Wie ein Urlaub zu einem Ort, an dem wir schon einmal waren.

Die Ansprüche sind heute aber auch sehr hoch. Keiner arbeitet mehr in irgendeiner Fabrik. Du bist dein Job und deshalb musst du etwas machen, was dich und deine Persönlichkeit zu hundert Prozent widerspiegelt. Bei den Anderen funktioniert es doch auch – das Internet gaukelt uns vor, sie haben einen erfolgreichen Tag nach dem anderen, ein schönes Instagram nach dem nächsten. Also trag deinen coolen Job brav in das Facebook-Berufsfeld ein und verlinke deine aufstrebende, hippe oder wahlweise alteingesessene, sehr anspruchsvolle Firma doch gleich mit. Mach ein Foto davon und überlege im gleichen Moment, was das nächste Foto sein könnte, das nächste Highlight. Hochgeladen, abgehakt.

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8 Antworten zu “Coffee Break: Instagram-Alzheimer oder das Highlight-Syndrom”

  1. Toller Artikel. An deiner steilen Theorie ist glaub ich echt was dran… Vielleicht müssen wir die Dinge einfach mal wieder so richtig bewusst wahrnehmen und genießen. Darauf trinke ich jetzt einen Kaffee in der Herbstonne – ohne Instagram, wird dafür ins Herz hochgeladen <3

  2. Sehr gut geschrieben! Und sehr wahr!
    Nach dem Social Media-Ausstieg von diesem Model, dessen Name ich mir nicht merken kann (Bei mir grüßt der Alzheimer wahrscheinlich wirklich schon:..) habe ich mir auch Gedanken darüber gemacht, wie viel Zeit wir eigentlich in solche Dinge investieren. Wie wir unsere schönen Erlebnisse regelrecht vermarkten und dann enttäuscht sind, wenn doch mal nicht alles so läuft, wie in unserer Scheinwelt.

    Vielleicht poste ich demnächst mal mein angebranntes Abendessen, oder den Hundehaufen in den ich getreten bin. Vielleicht hilft mir das ja wirklich beim Verarbeiten von diesen Dingen:D

    Liebst, Seline
    http://www.selscloset.blogspot.de

  3. Bei mir ist es irgendwie anders herum – wenn ich meine Monatsrückblicke mit Alltagsschnappschüssen zusammen stelle, denke ich ganz oft an die kleinen schönen Dinge im Alltag. Ohne das Blogger- und Instaleben hatte ich früher irgendwie nur Urlaubsbilder abgespeichert und und so freue ich mich dann beim durchlesen immer über eine schöne Mahlzeit oder einen Spaziergang mit dem Liebsten und viele kleine Dinge, an die ich mich vielleicht besser erinnere, weil ich ein Foto gemacht habe.

  4. Toller Post – wie oft lesen wir dass wir unser Leben schätzen sollen und einsehen sollen wie gut wir es haben und wie oft regen wir uns trotzdem über kleine graue Wolken auf und erheben unrealistische Ansprüche an jeden Tag?

    Den Vergleich mit dem Instagram teile ich allerdings nicht mit dir – wenn ich etwas instagramme – also fotografiere, drüber nachdenke und es kommentiere dann bleibt es eher in meinem Kopf.

    Und ich bin grade mächtig stolz auf mich, weil ich mich an viele tolle Highlights der letzten Woche erinnere; habe mich aber im letzten Jahr auch ziemlich darin geübt dankbar zu sein. :)

    xx, Ana

  5. Liebe Anja,
    du sprichst mir aus dem Herzen! Erstens mit deiner Sicht zu Instagram (ich als neue Bloggerin bin da nun seit 3 Tagen angemeldet und frage mich „Was tue ich da eigentlich???“), aber vor allem mit deinen Gedanken zur Schnelllebigkeit der guten Momente… Danke dir für deine offenen Worte.
    Liebe Grüße
    Christine

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