Coffee Break: Vom Kämpfen und Vergessen

21. Juni 2015 von in

An einem belanglosen Montagabend wollte ich nach der Arbeit einen belanglosen Liebesfilm sehen. Eine Kollegin empfahl „Take this waltz“. Guter Film, nicht ganz so belanglos wie gedacht. Eine Sache kam mir allerdings sehr unnatürlich vor: Der Nachbar umgarnte die Hauptdarstellerin dermaßen, dass es fast schon nervte. Denn die wohnte nicht nur zusammen mit ihrem Mann, sondern sagte auch noch immer wieder „Nein!“ (obwohl ihre Augen natürlich „Ja!“ schrien). Sie ließ ihn gegen die Wand fahren, er blieb hartnäckig. Am Ende zogen sie zusammen und waren für immer glücklich.

Zwei Gedanken ließen mich nach dem Film nicht mehr los. Der eine: Wenn Männer um Frauen kämpfen (in Liebesfilmen genauso wie im realen Leben), ist es süß und megaromantisch. Wenn Frauen um Männer kämpfen, wirkt es allerdings irgendwie gleich verzweifelt und ein wenig naiv. Ich habe das Gefühl, Frauen bekommen viel schneller den Rat, den Typen einfach zu vergessen und die Sache besser sein zu lassen. Die Vorstellung, dass ein Kerl nachts Steine an’s Fenster wirft, wird zwar auch für immer eine Vorstellung bleiben, aber man stelle sich einmal vor, eine Frau würde das tun. Kommt leider nicht so gut an. Und das ist verdammt schade. Ich würde gerne mal Steine schmeißen.

Und der andere Gedanke: Also nicht, dass generell noch viel gekämpft wird in unserer Generation. Um mich hat zum Beispiel noch niemand gekämpft, was irgendwie traurig ist. Auf der anderen Seite habe ich aber auch noch nie um jemanden gekämpft. Jahrelang nicht vergessen können – ja. Immer mal wieder einen Versuch wagen – auch das. Obwohl das Wort „Versuch“ hier nicht überbewertet werden darf: Eine kleine WhatsApp-Nachricht oder eine Freundschaftsanfrage ist von Kämpfen noch meilenweit entfernt.

Vielleicht war bisher noch niemand kämpfenswertes dabei, vielleicht ist es aber auch ganz einfach so, dass man sowieso schon weiß, dass es irgendwie mit irgendwem weitergeht. Tinder sei Dank. Ich möchte nicht schon wieder behaupten, dass früher alles besser war. Die 45-jährige Ehe meiner Oma war sicherlich nicht immer glücklich, aber die beiden haben darum gekämpft. So ein bisschen länger durchhalten können, das wäre schon schön.

Denn eines beobachte ich immer wieder: Wir nehmen special Begegnungen nicht mehr als special, sondern als vollkommen austauschbar wahr. Wir sind sicher, dass an der nächsten Ecke etwas mindestens Vergleichbares kommt. Bis irgendwann keine Ecke mehr kommt. Wir lassen lieber den Kopf über unser Herz siegen, vertrauen auf unseren Stolz und melden uns nie wieder, auch wenn wir vielleicht nicht vergessen können. Aber auch das Vergessen braucht nur Zeit, sagen alle. Irgendwann vergisst man jeden, oder?

Aber wie oft kommt es vor, dass man so jemanden trifft? So jemanden, den man nicht vergessen kann. Jemanden, nach dessen Geruch man süchtig ist, den man nicht aufhören kann, anzufassen, den man einfach von Grund auf (auch um fünf Uhr morgens) wunderschön findet und zu dem man sich körperlich so hingezogen fühlen, dass wirklich alles zu spät ist. Alle paar Jahre vielleicht einmal?

Ich bin für ein bisschen mehr kämpfen. Zu verlieren hat man schließlich gar nichts. Außer seinen beschissenen Stolz, aber der kommt zurück. Und wenn das Kämpfen nicht funktioniert hat, fällt das Vergessen sicherlich auch leichter.

Alles von Anjas Serie Coffeebreak 

Facebook // Bloglovin // Instagram // Twitter // Store

Sharing is caring

22 Antworten zu “Coffee Break: Vom Kämpfen und Vergessen”

  1. Ich stimme dir zu. Die ganze Mentalität in Bezug auf Liebe und dergleichen hat sich komplett gewandelt. Wenn ein Typ seine Freundin betrügt und sie ihn verlässt: na und? Er sucht sich eine Neue, das Angebot ist riesig und mit ein bisschen Charme und äußeren Begebenheiten ist das auch gar kein Problem. Auf der anderen Seite das gleiche Szenario: Frau betrügt ihn, er verlässt sie. Man stelle sich nur einmal vor, was passiert, wenn sie innerhalb von 4 Wochen einen Neuen hat. Wenige sagen dann was, höchstens mit einem Lächeln ,oh das ging ja schnell´oder die üblichen Glückwünsche. Der Großteil der Wertung findet aber sicher in den Köpfen statt und Worte wie ,Schlampe´ sind da schon ganz vorn mit dabei.
    Okay, dann soll sich die Mentalität eben ändern. Aber dann doch wenigstens in gleicher Weise, also Männlein und Weiblein sollen gleich beurteilt werden. Eine vermutlich utopische Vorstellung, aber wenn man mal ehrlich ist, schon lange überfällig.
    Ich bin übrigens seit 5einhalb Jahren in einer glücklichen Beziehung, vielleicht hab ich da leicht reden. Aber schon zu meiner Singlezeit wurde da immer differenziert und ehrlich gesagt frage ich mich: warum und mit welche Berechtigung?

    • Bezeichnend ist ja auch, dass es den Begriff „Schlampe“ bzw. ein Äquivalent für Männer gar nicht gibt. Man erkennt hier meiner Meinung nach sehr deutlich klassische Geschlechterklischees: Männer sind dominant und geben den Ton an, Frauen sind eher passiv und gefällig. Oder zumindest sollten sie so sein, denn natürlich ist das Bullshit – aber diese Bilder bestimmen halt unsere Wahrnehmung und was wir wem zugestehen.

  2. Jetzt muss ich ein bisschen weinen. Das ist bei mir keine Besonderheit, weil ich nicht am Wasser gebaut bin, sondern wie Venedig mitten in einer Lagune. Aber trotzdem ist es als echtes Kompliment gedacht und ich liebe deine Texte zu lesen, seid du hier schreibst, Anja!
    Alles Liebe,
    Kathi

  3. Im Gegensatz zu dem Philosphischen-Psycho-Kolumnen-Blabla so vieler Blogs ist das hier eine so tiefsinnige und feinsinnge Beobachtung, dass mir das Herz aufgeht.
    Du hast ja so Recht.
    Vielen Dank dafür.

  4. Wahre Worte!

    Ich denke, besonders Hollywood Filme (zu denen ‚Take this Waltz‘ als Indie-Film ja eigentlich nicht so wirklich gehört) sind da ein bisschen Schuld an der Vorstellung, dass nur die Jungs sich ein Bein ausreißen dürfen, um die tolle Frau zu bekommen.

    Schmeißt ein Mädchen Steine ans Fenster, wird sie schnell als bedauernswert oder gar psycho angesehen.

  5. Ich denke eigentlich, dass unsere Generation wieder in die Richtung ‚um die Liebe kämpfen‘ geht.
    Es gibt einen Split zwischen denen die Menschen „konsumieren“ und denen die menschliche Beziehung wertschätzen und genau so hinnehmen, wie sie sind.
    Letztendlich muss sich jeder selber überlegen, was er sich von einer zwischenmenschlichen Beziehung erhofft. Der eine möchte eben jemanden, der gerade zu seinem persönlichen „Lifestyle“ passt und sich gut auf Instagram Fotos macht und der andere sucht einen Menschen, der so ist, wie er ist, mit seinen Ecken und Kanten. Jemanden, an dem man sich reiben kann, der einem kontra gibt, mit dem man aber auch wachsen kann und es gerade deswegen nie langweilig wird. Your choice.

  6. oh, ich habe so jemanden und glaub mir, die vorstellung mag romantisch sein,
    aber im realen leben fühlt sich dieses kämpfen wirklich meistens einfach verzweifelt an.
    don quijote undso. egal wie wert er es ist.

    du schreibst wahre und schöne worte.
    aber inzwischen wächst meine überlegung dahingehend:
    will man wirklich mit jemandem zusammen sein, den man erst von seinen gefühlen überzeugen muss?
    man muss miteinander umeinander kämpfen.
    das ist, was die generationen vor uns getan haben.
    wenn nur einer allein diese überzeugung pflegt, dass ein mensch mehr bemühung wert ist,
    bringt es gar nichts ..

    • <- this.
      Ich habe gekämpft, mit Händen und Füßen, und am Ende gings trotzdem schief, weil das Kämpfen schon auf beiden Seiten stattfinden muss, um zu funktionieren. Leider!

  7. Mia hat Recht.
    Es fühlt sich mit der Zeit, also wenn das Kämpfen um jemanden nicht bald erfolgreich ist, in erster Linie verzweifelt an.
    Ich habe sehr lange um eine gewisse Person gekämpft, immer wieder Schlacht um Schlacht verloren gegeben und am Ende festgestellt, dass ich mich in diesem Gefühl geradezu suhlte, es vielleicht sogar brauchte. Süchtig zu sein nach dem Schmerz, jemanden haben zu wollen, den man nicht haben kann, wie Carrie es mal ausdrückte.
    Meine Liebeskummer-Jahre von damals…

  8. Ich finde das Thema auch nicht so einfach…. Ich würd es manchmal schön finden, wenn die Leute sich anfangs mehr bemühen, nicht weil ich eine kleine Prinzessin bin, die umschwärmt werden möchte, sondern ich gerne wissen würde, woran ich bin. Aber wenn ich einmal nein gesagt hab, dann möchte ich auch, dass das respektiert wird. Wie meine Vorrednerinnen schon meinten, man tut sich selbst nichts gutes, und dem anderen irgendwie auch nicht. Ich hab selbst so jemanden, und ich hab selbst auch mal um jemanden anders „gekämpft“ (es über längere Zeit nicht wahrhaben wollen triffts wohl besser), und auf diese Erfahrung könnte ich wirklich gut verzichten. Ich dachte anfangs auch, man könne nichts verlieren, hab dann aber die gegenteilige Erfahrung gemacht. Was ich auch bedenken würde – in den extremen Formen liegt diesem Verhalten auch eher eine psychische Veranlagung zu Grunde, als besondere Hingabe (wobei das mit den Großeltern für mich was anderes ist, zusammen um die Beziehung kämpfen, ist nicht „ja“ hören wenn jemand „nein“ sagt). Und, ganz ehrlich, wer nein sagt, und ja signalisiert, gerade wenn er gemerkt hat, dass die andere Person darauf anspringt, der möchte Aufmerksamkeit, jemanden in der Hinterhand, spielt Spielchen. Daran find ich beim besten Willen ebenfalls nichts romantisches.

  9. Was für ein spannender Artikel. Ich würde auch gern mal Steine werfen, aber dafür bin ich viel zu zaghaft. Aber ja, sollte man mal. Ich hatte übrigens diesen Einen. Den ich bis heute nicht vergessen kann. Sein Duft kenne ich bis heute. Vielleicht bilde ich mir den auch nur ein. Aber es war und ist, genau wie du es beschreiben hast. Eigentlich schade, dass sich unsere Wege getrennt haben. vielleicht sollte einer von uns doch mal zu den Steinen greifen. Aber bis dahin habe ich immer noch die Stimme im Ohr, die mir sagt: So lange Sie glücklich ist, bin ich glücklich. Egal mit wem Sie zusammen ist, auch wenn ich es nicht bin.

    Bisous aus Berlin

  10. Toller Text. Ich mag diese neue Rubrik sehr und bislang hast du über noch kein Thema geschrieben, welches ich uninteressant oder belanglos gefunden hätte.

    Gerade dieses „Kämpfen-Thema“ – es ist wirklich auffällig, wie man da zwischen Mann und Frau unterscheidet. Zwischen Verzweiflung/Obsession auf der einen und Ernsthaftigkeit/Tiefe auf der anderen Seite.
    Bei meinen Kämpfen, und ja, ich scheine ganz gern zu kämpfen, war ich bei dem einen, der nicht gut für mich ausging, viel später mehr als froh, dass nichts daraus geworden ist.

    Bei anderen hingegen, die gut ausgingen, wäre es teilweise auch besser gewesen, es wäre nichts geworden aus dem Kampf ;)

    Was lerne ich daraus? Hmm.
    Ich glaube, kämpfen, vor allem einseitiges Kämpfen, hat so was Angestrengtes und Beziehungen sollten doch auf ein wenig Leichtigkeit basieren. Die Gefühle sollten einem zufliegen können, wollen, statt sie erzwingen zu wollen.
    Doch manchmal glaubt man vielleicht, wenn ich nur mehr dieses oder jenes sein / tun würde, dann aber sieht er mich schon.

    Nee, auch dann nicht. Leider meine Erfahrung.
    Viel Lust zum Kampf habe ich daher nicht mehr. Ich habe mich hinterher immer ein wenig armselig gefühlt.

    Lieber Gruss
    Corinna

  11. Wie wahr…ich kenne das auch aus eigener Erfahrung. Denn tatsächlich habe ich selbst zwei Jahre um meinen heutigen Freund gekämpft, weil ich wusste, dass es richtig ist. Dafür wurde ich aber von meinen Freunden auch eher als naiv und bedauernswert wahrgenommen und ich kann es leider sogar verstehen, da ein solches Verhalten eben auch nicht meinem Bild der romantischen Liebe entspricht. Nichts desto trotz bereue ich nicht eine Sekunde was ich getan habe, denn es hat sich einfach richtig angefühlt…und heute bin ich tatsächlich auch sehr glücklich mit meinem Freund!

    • Oh wow, was heißt in deinem Fall denn „kämpfen“? Ihn von dir überzeugen? Anja hat so recht damit, dass das so herum ja sofort als unglaublich verzweifelt abgestempelt wird, deshalb ist deine Gegensatzstory echt interessant!

      • Hey Milena, sorry für die späte Antwort…
        Kämpfen in unserem Fall war einfach: Zeit zusammen zu verbringen, obwohl mein Freund darmals keine Beziehung wollte, was für mich ziemlich hart war…ich hab aber nie versucht ihn aktiv von mir zu überzeugen, sondern einfach abgewartet (was sich aber auch schon als Kampf angfühlt hat)…ich wollte einfach die Freundschaft nicht aufgeben und darum hab ich gekämpft, der Rest hat sich dann einfach entwickelt…aber es hat lange gedauert und das letzte Quäntchen ging dann auch von ihm aus. Ich kann es aber verstehen, dass viele das nicht verstehen, da sie ja auch nicht dabei waren und jeder anders ist…ich glaube heute, mein Freund hat einfach sehr viel Zeit gebraucht. Das ist ok, auch wenn es für mich nicht immer leicht war, es war wenigstens ehrlich und das schätze ich sehr an anderen Menschen.

  12. Nur kurz zu dem Film, weil ich den mit ganz anderen Augen gesehen hab:

    Ich fand eigentlich gar nicht, dass es um „am Ende sind sie für immer glücklich“ geht oder um „um den anderen kämpfen“ geht – im Gegenteil. Der Film zeigt doch zum Schluss sehr schön, dass Normalität und Alltag auch in dieser neuen Beziehung ihren Weg finden. Man sieht ganz kurz Szenen, wo die beiden eben nicht mehr übereinander herfallen, sondern zusammen im Gammel-Look auf der Couch sitzen. Oder eine Szene, in der er sie betrügt.

    Und zum Schluss fährt sie eben alleine mit dem Karussell – eine wunderschöne Szene. Das zeigt doch meiner Meinung nach, dass es viel mehr darauf ankommt, das Glück in sich selbst zu finden, als in jemand anderem. Einfach, weil man letztlich sein Leben immer irgendwie alleine lebt (selbst wenn man tausend Menschen um sich herum hat, die man liebt). Und der Film zeigt auch, wie schwer gerade das ist.

    Außerdem hatte ich auch nicht den Eindruck, dass er so krass um sie „kämpft“, sondern dass sie beide sich gegenseitig einfach sehr zueinander hingezogen fühlen, sie seine Nähe genauso sucht wie er ihre und sie sich wie zufällig immer wieder begegnen. Er schreibt keine krassen Liebesbriefe oder stellt irgendwelche kitschigen Dingen an. Er zieht ja sogar weg, auch weil es für ihn selber besser ist, Abstand zu ihr zu haben. Das verstehe ich eigentlich nicht als „Kampf“, sondern als „Kapitulation“. Und wer sucht dann den Weg zu ihm? Sie!

    Die Geschichte zwischen den beiden ergibt sich doch eher aus dieser unerklärlichen Anziehung heraus und nicht, weil einer um den anderen „kämpft“. Wenn überhaupt, dann geht es doch eher um den „inneren Kampf“ der Hauptdarstellerin, die nicht weiß, was sie will und die ein vermeidlich schönes Leben führt, aber eben trotzdem nicht glücklich ist. Mit sich selbst.

    Haha, ist jetzt doch länger geworden :-)

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars bestätigst Du, dass Du unsere Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen hast.