Coffee Break: Je älter ich werde, desto ängstlicher werde ich

1. September 2020 von in

Vor ein paar Jahren schrieb unsere Autorin Anja in ihrer Kolumne noch über die Liebe oder was man dafür halten könnte. Nun haben wir Coffee Break neu aufgelegt – und diesmal dreht sich alles um das Thema 30 werden. Über Freunde, die gehen und andere, die dazukommen. Wie man immer mehr weiß, was man kann und trotzdem an manchen Tagen so sehr an sich zweifelt, dass man lieber im Bett liegen bleibt. Darüber, dass man Angst hat, kein Baby bekommen zu können und gleichzeitig totale Angst davor hat, jetzt eines zu bekommen. 30 werden ist anstrengend, aber vor allem eines: wahnsinnig spannend.

Mit 24 hatte ich einen betrunkenen Radlunfall. Seitdem habe ich mir geschworen, nie wieder Alkohol mit meinem Fahrrad zu kombinieren. Das klappt die meiste Zeit auch recht gut, aber es gibt diese zwei, drei Sommernächte im Jahr, da möchte ich mich einfach nicht in die stickige U-Bahn setzen. Da gibt es nichts Schöneres, als gegen den warmen Abendwind zu radeln. Das Fahrrad ist nicht umsonst der Inbegriff der sommerlichen Leichtigkeit, man ist flexibler und kommt überall schnell an. Letztes Wochenende war es dann mal wieder soweit, und ich radelte nach zwei, drei Gläsern Wein von meinem besten Freund nach Hause.

Ich beneidete sie um ihre Leichtigkeit, denn wer in einer Sache noch nie schlechten Erfahrungen gemacht hat, der hat keine Angst. Und diese Naivität bekommt man nie mehr zurück.

Oder besser gesagt: Ich kroch, so groß war die Angst angetrunken etwas falsch zu machen. Auf meinem Weg kamen mir einige Zwanzigjährige entgegen, die sich höchstwahrscheinlich noch nie einen Zahn auf Beton ausgeschlagen haben – so unvorsichtig und betrunken wie sie teilweise zu zweit auf einem Radl saßen. Und ich dachte mir: „Wahnsinn, wie wir früher unterwegs waren. Und: Ein großes Glück, dass doch nie mehr passiert ist.“ Gleichzeitig beneidete ich sie um ihre Leichtigkeit, denn wer in einer Sache noch nie schlechten Erfahrungen gemacht hat, der hat keine Angst. Und diese Naivität bekommt man nie mehr zurück.

Und es muss einem nicht einmal selber etwas passiert sein, damit einen die Angst begleitet: Wenn man über Jahre immer wieder Geschichten hört, wie Frauen auf dem Nachhauseweg überfallen werden, dann dreht man sich an der eigenen Haustüre eben lieber zweimal um. Wenn man über die Nachrichten immer wieder von Anschlägen mitbekommt, hat man selbst auch irgendwann ein mulmiges Gefühl auf dem Konzert. Wir alle tragen unsere Erfahrungen mit uns herum und wenn es auch nur die sind, die wir indirekt gemacht haben. Die uns jemand erzählt hat, die wir über die Medien mitbekommen haben.

Man kann nun mit 30 auch nachvollziehen, warum unser Eltern viel mehr Angst um uns hatten als wir selbst. Eine Angst, die wir damals nicht nachvollziehen konnten, weil uns schlicht die Erfahrung fehlte.

Wenn man das bedenkt, versteht man einmal mehr, warum unsere Großeltern und Eltern wirklich denken, dass früher alles besser war. Dass die Welt weniger böse war, dass nicht ganz so viele verrückte Menschen unterwegs waren und weniger schlimme Dinge passiert sind. Es geht mir ja teilweise jetzt schon so, dass ich denke: Es passieren immer mehr Terroranschläge, immer mehr Überfälle an Frauen, immer mehr Radlunfälle. Nur aus dem Grund heraus, weil ich immer mehr mitbekomme. Und so kann man nun mit 30 auch nachvollziehen, warum unser Eltern viel mehr Angst um uns hatten als wir selbst. Eine Angst, die wir damals nicht nachvollziehen konnten, weil uns schlicht die Erfahrung fehlte.

Schützt die Unwissenheit vielleicht nicht nur vor der Angst, sondern manchmal sogar davor, dass tatsächlich etwas Schlimmeres passiert?

Aber zurück zu den Zwanzigjährigen auf dem Fahrrad: Wie ist das, wenn man noch so wenig erlebt hat?, fragte ich mich auf dem Heimweg. Schützt die Unwissenheit vielleicht nicht nur vor der Angst, sondern manchmal sogar davor, dass tatsächlich etwas Schlimmeres passiert? Ist es, wie wenn man zu viel Sorge darum hat, dass die Lieblingsvase runterfällt und zerbricht – und man dann eigentlich nur auf den Tag warten kann, bis es wirklich passiert? Sind wir damals ohne diese viele Angst davor, was alles passieren könnte, sicherer unterwegs gewesen als heute? Helfen Informationen wirklich immer, um Gefahren besser einschätzen zu können? Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich: Ich mag meine erwachsene Angst nicht. Und es wird wirklich mal Zeit für einen Fahrradhelm!

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Eine Antwort zu “Coffee Break: Je älter ich werde, desto ängstlicher werde ich”

  1. Toll geschriebener Text! Kann mich 1:1 darin wiederfinden. Wie oft hab‘ ich mir genau solche Gedanken gemacht und teils sogar gewünscht, so unbeschwert (und naiv?) wie „früher“ durchs Leben gehen zu können. Geht zwar nicht, aber dafür gibt es zum Glück viele andere Gründe, weshalb älter werden wunderbar ist :-)

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