Was mich Corona lehrte: Ich brauche sehr wenig, um glücklich zu sein

25. Juni 2020 von in

Erst waberte es wie eine böse dunkle Wolke über uns, dann entlud sich das Gewitter über uns: Anfang März schickte uns Corona in den Hausarrest oder besser gesagt ins Trockene, während draußen das unsichtbare Gewitter tobte. Restaurants dicht, Bars zu, Geschäfte geschlossen, ja selbst einige Onlineshops stellten ihre Lieferungen erstmal ein. Kein Kino, kein Theater, kein Museum, keinerlei Konsum, außer Klopapier und Hefe. Was mir erst eine Heidenangst machte, entpuppte sich als Glücksfall – denn: Ich vermisste nichts.

Zwölf Wochen nach dem ersten Lockdown ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Die Pandemie ist noch nicht vorbei, wir haben nur eine gemeinschaftliche Höchstleistung vollbracht. Die Kurve abgeflacht und so unserem Gesundheitssystem eine Chance gewährt, die Krise zu meistern. Während draußen das Leben zu einer neuen Normalität zurückkehrt, der ein oder andere die Abstandsregel vergisst, gewöhne auch ich mich langsam wieder an das neue Jetzt.

Aber: Es ist ein anderes. Zumindest für mich.

Hätte man mich vor Corona gefragt, was ich machen würde, wenn plötzlich alle Restaurants auf dieser Welt verschwunden sind, hätte ich wahrscheinlich mit: „untergehen“ geantwortet. Die Vorstellung, nie mehr in meinen liebsten Lokalen zu essen, war unmöglich. Auch wenn ich nur noch selten direkt Offline-Shoppen gehe, ließ mich das Schließen aller Geschäfte nicht kalt. Fomo machte sich breit. „Was, wenn ich jetzt doch etwas dringend brauche?“ Spoiler: Brauchte ich nicht.

Nach einer minimalen Akklimatisation vermisste ich weder meine wöchentlichen Essensdates noch das Shoppen. Auch online bestellte ich nichts, denn ich nutzte nicht mal meinen bestehenden Kleiderschrank völlig aus. Der Barbesuch blieb aus, aber ich fand mich trotzdem glücklich samstagabends auf dem Sofa, im Garten oder am Telefon mit Freund*innen. Statt ins Kino zu gehen, sah ich meine liebsten Serien, statt mich im Museum über die Kunst von van Gogh zu informieren, las ich Bücher über ihn. Statt in der Gruppe zu trainieren, packte mich der Ehrgeiz und ich wurde zum Vorzeige-Fitnesskandidaten dank der Online-Workouts meiner Trainerin.

„Ich halt’s nicht aus, jetzt fällt auch noch das Oktoberfest aus“, schrieb mir eine Freundin kurz nach dem Lockdown. Ich nickte. Ja, es fällt aus, dachte ich. Aber Abschiedsschmerz, Vermissung oder gar Wut empfand ich nicht. „Zwei Wochen keine Betrunkenen in der Stadt“, schrieb ich mit einem Smiley zurück und erntete wütende Emojis. Okay, nicht jeder war bereit für die Entsagung.

Ich trug einen Bruchteil meines Kleiderschranks, denn Termine gab es nicht. Statt mich morgens zu schminken, hatte ich relativ schnell nach meinen Keramik-Versuchen Töpfermasse im Gesicht. Mein Seifenverbrauch stieg, mein Rouge blieb unangetastet. Ich wühlte im Mehl, kochte, was das Zeug hielt und dachte nur manchmal mit Sehnsucht an eine vietnamesische Phò. Vier Wochen später hatte ich aber auch schon recherchiert, wie man diese zu Hause landestypisch nachkochen kann.

Während ich in vielen Bereichen meines Lebens super kreativ wurde – ich sage nur Küche und neue Hobbys -, wurde ich in anderen Bereichen meines Lebens faul. Stichwort Mode. Das, was mir so wichtig schien, rückte in den Hintergrund. Ich schlurfte nicht in Gammelklamotten umher, aber trug wirklich nur die absoluten Lieblingsteile. Obwohl ich dachte, in meinem Schrank hängen bereits nur solche. Irrtum.

„Wenn am Montag die Geschäfte wieder öffnen, geh ich auf jeden Fall los, ich muss irgendwas kaufen, ich habe es so vermisst. Irgendwas schönes gönne ich mir“, erzählte eine Freundin am Telefon Ende März. Ich war irritiert. Diesen Drang spürte ich so gar nicht. „Ich hol mir was von meinem Lieblingsrestaurant um die Ecke“, antwortete ich, um nicht ganz als Weirdo dazustehen. Das tat ich vor allem, um mein Lieblingsrestaurant zu unterstützen. Denn irgendwann, in der nahen Zukunft, sah ich mich schon wieder mit Freund*innen draußen sitzen. Aber die Unsicherheit des Zeitpunktes bescherte mir keine Bauchschmerzen. Es war mir egal. Eine Woche hin oder her – für mich war es irrelevant. Einzig für die Gastronom*innen wünschte ich mir Klarheit und ein Überleben.

Was ich wirklich vermisste, waren Menschen. Das Rausfahren in die Natur, das unbeschwerte Zusammensein mit mehr als einer Person und die Umarmung. Das gemeinsame Essen – ob Zuhause oder im Restaurant, doch Ort und Zeit waren egal. Ich vermisste meine Freund*innen, meine Familie und das unbeschwerte Bewegen in der alten Welt. Und das non-verbale Kommunizieren mit meiner Welt ohne Masken.

Den Konsum jeglicher Art vermisste ich nicht. Weder das ständige Auswärtsessen, noch das Shoppen von Kleinigkeiten. Die Sperrung jeglicher Kinos, Theaters und Museen ließ mich nicht kalt, aber ich blieb entspannt. Wenn nicht jetzt, dann irgendwann.

Der so normal gewordene Drang des Konsumieren ließ Woche für Woche nach und an dessen Stelle trat die Freiheit und das Wissen, eigentlich doch alles zu haben.

Ich brauche sehr viel weniger, um glücklich zu sein, als ich dachte. Das weiß ich jetzt. Der Gedanke schlummerte schon einige Zeit in mir, Corona hat es mir bewiesen. Ich muss nicht jeden Abend auswärts essen, damit mein Leben gefüllt ist. Ich brauche nicht einen übervollen Kleiderschrank, um mich gut zu fühlen. Es sind andere Komponenten, die mein Leben füllen und mir eine Art Zufriedenheit geben. Es sind die Menschen, die Gespräche, die Natur, Tiere und auch ganz viel ich selbst. Das ist schön und spannend zugleich.

Denn der Lockdown ist erstmal vorbei. Die Normalität kehrt zurück. Die Unsicherheit lässt mich oft noch zögern, aber da ist auch etwas anderes.

Ich konsumiere das erste Mal wirklich bewusst. Das, was jahrelang eine Phrase war, das ich zeitweise durchhielt, um dann doch impulsiv zu eskalieren, ist jetzt in allen Bereichen eine bewusste Entscheidung.

Ich liebe das Auswärtsessen. Ich liebe Kleidung. Ich liebe es, in einer so privilegierten Welt zu leben, in der ich jederzeit ins Theater, ins Kino oder in andere kulturelle Institutionen gehen kann. Denn dieser Input von außen ist mir wichtig und essentiell. Ich liebe es, mich nach einer Angst-Konfrontation zu belohnen oder einfach mal aus Spaß eine neue Wimperntusche zu kaufen. Denn all das macht das Leben ja auch ein bisschen leicht und schön. Und natürlich habe ich längst wieder konsumiert, war essen und habe den ein oder anderen Euro ausgegeben. Und das mit ganz viel Freude.

Denn ich werde sicherlich nicht zum Asket, aber ich weiß, sollte all das wieder wegfallen, sich mein Leben aufgrund von Umständen um 180 Grad drehen oder ich eine Weile ohne Corona Verzicht üben müssen, ist das okay. An meinem Glück wird das alles nichts ändern. Denn das liegt in mir.

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2 Antworten zu “Was mich Corona lehrte: Ich brauche sehr wenig, um glücklich zu sein”

  1. Hey Antonia! Ich finde du hast ganz recht. Die Corona-Situation hat einem echt bewiesen, dass man den ganzen Konsum nicht braucht zum Glücklichsein. Im Gegensatz zu Freundinnen oder Familie, bin ich glaub ich ziemlich gut klar gekommen mit der Situation, habe wenig vermisst. Bei dem Punkt mit der Pho musste ich etwas schmunzeln, das war nämlich witzigerweise auch bei mir eine der wenigen Dinge, die ich unglaublich vermisst habe! :D Tatsächlich bin ich gleich nachdem die Restaurants wieder geöffnet waren, zum Vietnamesen und habe mir eine Pho zum Mitnehmen genehmigt!
    Liebe Grüße
    Fiona

  2. Liebe Antonia, mir ging es ähnlich! Ich brauchte ein paar Wochen um zu realisieren, dass mein Zustand vor Corona ein Desaster war – ich war erschöpft und ziemlich fertig! Durch v.a. die erste Zeit im Lockdown konnte ich wieder zu Kräften kommen und mich etwas von der Hektik erholen. So sportlich war auch ich selten ;-) Konsum – Fehlanzeige – das erste Etwas habe ich tatsächlich vor zwei Wochen gekauft, drei leichte Sommerkleider „für alle Fälle“. Mehr brauche ich im Moment nicht. Es stimmt: man gewöhnt sich wirklich an alles! Ans nicht-Ausgehen, ans wieder Ausgehendürfen… Mich hat Corona gelehrt, dass es nur einen Ort und eine Zeit gibt: JETZT und HIER. Ich habe die Zeit für viel innere Arbeit genutzt, und mich von Teilen der Vergangenheit bewusst gelöst. Einige Freundinnen sind mir verloren gegangen – sie sind versumpft, ich bin ihnen nicht entgegen gegangen. Diese Wahrheit zu akzeptieren war nicht leicht, doch ich will ehrlicher leben und meine an sich schon hektischen Tage nicht noch zusätzlich mit Menschen und Aktivitäten „füllen“, die mir nicht gut tun. Nach diesem Credo versuche ich nun zu leben – schaun‘ ma mal, wie lange diese Bewußtheit anhält :-)

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