Plötzlich Spaß am Töpfern: Hilfe, was macht Corona bloß aus mir?

28. April 2020 von in

Als meine Handarbeitslehrerin an meinen Tisch herantritt und mein Werk begutachtet, schnaubt sie. „So geht das nicht, Antonia.“ Genervt schnappt sie sich meinen Turnbeutel, den wir gerade zusammennähen sollen und trennt die unteren Nähte wieder auf. Ich blicke mit Entsetzen zu ihr. Meine Arbeit der letzten 30 Minuten ist dahin. „So geht das“, sagt sie, während sie mit der Nähmaschine am Rande des Stoffs entlangfährt. „Das machst du jetzt nochmal.“ Mir stehen die Tränen im Gesicht. Ich hasse Nähen. Ich hasse diese Stunde. An diesem Tag beschließe ich als Elfjährige, Handarbeiten nie wieder eine Chance zu gehen. Ab sofort hasse ich nähen, basteln, stricken und alles weitere, was Frau Rosenmüller (Name geändert) liebt. Und mit solcher Penetranz uns beibringen will, dass ich nur noch eines empfinde: Wut.

Den Turnbeutel mache ich in den nächsten Wochen noch mies gelaunt fertig, nach der sechsten Klasse bin ich erlöst: Handarbeiten wird für SchülerInnen abgeschafft. Mein Beutel reißt – und ich kaufe ab sofort nur noch die Dinge, anstatt sie selbst zu nähen, zu basteln oder zu formen.

20 Jahre später blicke ich immer noch mit Graus an jene Stunden im Keller des Gymnasiums zurück. An jene Stunden, in denen ich an die Nähmaschine gesetzt wurde, weil Mädchen nähen können müssen. Nichtsdestotrotz schlich sich in den vergangenen Jahren immer wieder ein wenig Bewunderung dazu. Immer dann, wenn Menschen mit leuchtenden Augen von ihren eigens geschaffenen Werken erzählten. „Hier, diesen Schal habe ich mir selbst gestrickt.“ „Ach, den Rock habe ich genäht, ging ganz schnell.“ Oder auch: „Schau her, diese Vase hab ich extra für dich modelliert.“

Mit Erstaunen blickte ich diese Menschen an. Nicht nur, dass sie großartiges Können bewiesen, sie hatten auch noch Spaß daran. So ein bisschen konnte ich es nachempfinden, denn gerade in Zeiten der medialen Beschallung tut Haptik gut. Etwas mit den eigenen Händen machen.

Die Corona-Zeit ist die Sternstunde all jener, die gerne selbst Dinge kreieren. Plötzlich ploppen neben mir noch mehr talentierte Näherinnen auf, die Masken für die ganze Familie nähen.

Ich verbeuge mich – und kaufe ihnen die Masken ab. Denn die Nähmaschine und ich werden in diesem Leben keine Freundinnen mehr.

Anfang des Jahres loderte schon ein kleiner Funken in mir. Voller Tatendrang dachte ich, ich wage es. Ich gebe dem Stricken, einer Tätigkeit, die meiner Oma immer so viel Spaß machte, eine Chance. Doch je länger die Wolle bei mir lag, desto mehr verwarf ich den Gedanken. „Ich habe keine Zeit“, war meine Ausrede für das Stricken, das mich immer sofort an Frau Rosenmüllers schrille Stimme denken ließ. Die Wolle setzte Staub an, der Funke loderte tief in mir minimal weiter.

Corona kam, die Masken auch. Und ich hatte zunehmend das Gefühl, ich muss auch etwas Haptisches machen. Etwas, mit meinen Händen. Denn neben all der Kreativarbeit, den vielen Interviews und den Büchern, die ich las, war das einzig Körperliche der Sport. Mein Drang nach Haptik und Bewegung, Gedanken ausschalten und etwas schaffen wurde immer größer.

Was macht der Mensch also? Er kocht und backt. Ich habe in der Quarantäne-Anfangszeit also nach Jahren wieder angefangen Brot zu backen, und es mit Genuss verspeist. Ich lachte, als ich das angestaubte Nudelholz wusch, um selbst gemachten Pizzateig auszurollen. Ich backte einen Apfelkuchen, ich kreierte neue Rezepte und freute mich über meine wiedergekehrte Freude am Kochen. Das Bananenbrot ließ ich jedoch aus. Aber auch nur, weil ich Bananen so sehr hasse wie Nähen. Vielleicht noch ein bisschen mehr.

Aber: Ich kann nicht jeden Tag einen Kuchen zum Abschalten backen. Etwas anderes musste her.

Ich blickte zur Wolle, zweimal, dreimal, und entschied, wir werden keine Freunde mehr. Die Wolle war mein Mahnmal an Frau Rosenmüller. „Du kannst es eh nicht.“ Aber ich wollte doch so sehr. Irgendwas mit meinen Händen. Töpfern fiel mir ein. Die einzige Tätigkeit, die mir damals beim Handarbeiten Spaß gemacht hatte. Weil sie irgendwas mit Kunst zu tun hatte und weil wir frei waren in dem, was wir formten.

„Aber dann brauchst du einen Brennofen, du musst die Sachen dahin schleppen“, grummelte mein Handarbeits-verschmähendes Ich in mir. Ich hielt den Gedanken fest und knetete stattdessen Hefeteig.

Abends schnabulierte ich ein Stück selbstgemachte Pizza, scrollte durch Instagram und blieb bei der lieben Jana von @vonkopfbisfuss hängen. Sie töpferte, sie malte, sie machte das, was ich auch machen wollte. „Jana, mein Herz, wo lässt du die Sachen brennen?“ „Gar nicht. Das ist Modelliermasse, die trocknet von selbst. Probier es aus!“

Sollte ich? Fünf Minuten später hatte ich die Modelliermasse bestellt. Acrylfarben zum Bemalen, und auch Pinsel. Denn auch sie besitze ich seit Jahren nicht mehr. Nicht sicher, ob ich erneut Geld zum Fenster herausgeworfen hatte, schlief ich ein.

Als vier Tage später das Paket kam, packte ich es freudestrahlend aus. Beim Anblick der Bastelutensilien lachte ich wieder. Wenn Frau Rosenmüller das sehen würde. Nach meinen ersten Versuchen mit der Masse klarzukommen, stand sie plötzlich hinter mir. „Was zur Hölle machst du da?“, fragte sie. Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte keine Ahnung – und schon keine Lust mehr. Es funktionierte einfach nicht.

Doch aufgeben, so wie damals, wollte ich nicht. Ich hatte die Zeit, und tief in mir auch die Lust. Also klickte ich mich von YouTube-Video zu YouTube-Video, lernte, wie viel Wasser man benutzen kann (sehr viel weniger), wie man Vasen und Becher formt, und warum der Ton lieber dicker als dünner ausgeschnitten werden sollte. Erklärungen mit Leidenschaft und Liebe vorgetragen und nicht mit einem „Du musst das so und so machen“ von Frau Rosenmüller. Kein Trauma, sondern Hingabe.

Also gab es einen neuen Versuch – und er gelang. Teller, eine Schüssel, eine Vase, eine kleine Espresso-Tasse. Von Mal zu Mal wurde es besser und ich, ja, ein Stückchen glücklicher. Plötzlich waren drei Stunden um, ich hatte nicht aufs Handy geguckt – wie auch mit Ton all over an den Händen. Ich hatte die Zeit vergessen und einfach nur haptisch gearbeitet.

Ich liebte es. Zumindest für den Moment.

Derzeit warte ich, dass alles getrocknet ist, dann geht es ans Bemalen. Langfristig möchte ich von so schönen Tellern wie oben speisen, zumindest aber meinen Schmuck darauf lagern. Ich hoffe, ich raste nicht nach wenigen Momenten aus, wenn der Teller nicht so artificial aussieht, wie auf Instagram. Aber alle Anfang ist schwer.

Ich habe keine Ahnung, wohin mich dieses neue Hobby führt. Vielleicht sage ich in einem Jahr: Ich möchte nie, nie, nie wieder töpfern. Vielleicht bringt mich Corona dazu, mir ein ganzes Geschirrservice zu töpfern. Vielleicht ist es auch nur eine Phase. Aber eines weiß ich: Frau Rosenmüller wäre stolz auf mich.

 

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7 Antworten zu “Plötzlich Spaß am Töpfern: Hilfe, was macht Corona bloß aus mir?”

  1. Yeah, go for it! Ich bin zwar schon immer ein Bastelmensch gewesen, weiß aber, wie schlimm Lehrer*innen Kreativität ersticken können. Ich finde es toll, dass du es wieder gewagt hast. Und Töpfern macht einfach viel Spaß. Ich habe vorletztes Jahr und letztes Jahr ein paar Töpferkurse an der Drehscheibe gemacht und vermisse es schon sehr.

  2. Mit welcher Modelliermasse arbeitest du denn? Ich habe letztens Soft-Ton ausprobiert, aber der ist leider nicht wasserfest und ich habe auch keine lebensmittelechte Farbe dafür gefunden. Würde so gerne Geschirr machen…

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