Die Rückkehr der Hobbies oder der Bananenbrot-Effekt

16. April 2020 von in

Corona macht merkwürdige Dinge mit der Welt. Viele davon sind schrecklich und verheerend, andere unvorhergesehen und überraschend, und manche schlicht und einfach mystisch. In Venedig färben sich die Kanäle wieder blau, Rehe laufen durch Städte – und Menschen fangen an, in ihren Wohnzimmern zu puzzlen. Ja, auch die Hobbies kehren zaghaft zurück in ihren natürlichen Lebensraum.

Eine Armee aus Bananenbroten

Wo meine Social-Media-Kanäle zu dieser Zeit des Jahres normalerweise von pittoresken Urlauben, Ausflügen und Outdoor-Parties nur so platzen, so zeigen sie jetzt: Bananenbrote, Hula-Hoop-Reifen, Sims 4, Ausmalbilder, Bananenbrote, selbstgenähte Klamotten, Nail-Art, Animal Crossing, eigens bemalte Postkarten, Brettspiele. Und Bananenbrote. Eine Armee aus Bananenbroten. Sie steht sinnbildlich für eine Entwicklung, die ich gerade großflächig beobachte: Eine Freundin von mir hat letzte Woche ein Regal gebaut. Eine andere hat das Balkon-Gärtnern für sich entdeckt. Und ich habe in den letzten Tagen etwas gemacht, das ich 15 Jahre lang vernachlässigt habe: Einfach mal sieben Stunden am Stück Zocken.

 

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich finde diese bestimmte Entwicklung herrlich – auch, wenn die Umstände natürlich furchtbar bleiben. Denn all diese Beschäftigungen haben zwei Dinge gemeinsam, von denen ich gar nicht wusste, wie sehr ich sie vermisst habe: Sie lösen weder FOMO aus und machen, dass ich mich langweilig fühle, noch verfolgen sie einen produktiven Zweck. Sie sind nicht Teil eines „Ich-Projektes“ – einer Mission der Selbstfindung und Selbstoptimierung. Sie sind keine Side-Hustles, sie erwirtschaften keinen ökonomischen Gewinn; man kann sie sich auch nicht in den Lebenslauf schreiben. Sie bringen einen nicht weiter! Menschen gehen ihnen schlicht und einfach aus dem Zweck nach, weil sie ihnen ein gutes Gefühl geben. Man schaut den Menschen dabei zu und gönnt ihnen einfach, dass sie eine gute Zeit haben. Was für ein irres Konzept.

Einfach nur Freude – ein irres Konzept

Wir hatten Hobbies verlernt. Aber man kann es uns nicht verübeln, denn uns wird täglich vermittelt, dass wir unsere Zeit sehr weise einsetzen müssen. Carpe Diem! Work hard, play hard! Lebe jeden Tag, als wäre er dein letzter! Und wer würde sich an seinem letzten Tag auf Erden an ein 1000-Teile-Diddl-Puzzle setzen? Uns wird ständig nahegelegt, nonstop an uns und unserem Erfolg zu arbeiten – damit wir besser, schöner, fitter, gesünder, wettbewerbsfähiger werden. Und so hilfreich die Idee, an sich selbst zu arbeiten, auch manchmal sein mag: Sie boykottiert die Idee eines Hobbies und nimmt ihr die Unschuld, die sie ausmacht. Hobbies sind nicht dazu gemacht, dass wir bessere oder produktivere Menschen werden. Sie lassen uns auch nicht in gesellschaftlichen Rankings aufsteigen oder statten uns mit mehr Prestige aus. Sie sollen uns schlicht und einfach Freude bereiten.

Und das sollte eigentlich auch unabhängig von Pandemien reichen, um Hobbies wieder in unsere Leben zu lassen. Denn auch, wenn der Alltag wieder einkehrt: Hobbies müssen weder teuer sein, noch müssen sie extrem viel Zeit verschlingen. Denn es gibt das Internet. Du möchtest Stricken lernen? Dank Youtube kannst du nach einer Woche deinen ersten Schal verschenken. Du kannst nicht aufhören, zu puzzlen? Adoptiere all die verstoßenen Puzzles von eBay! Du bist obsessed mit schamanischer Flötenmusik? Such dir eine Facebook-Gruppe! Im Internet gibt es eine Anleitung, ein Forum, eine Community für alles. Wirklich alles! So verbringt man nicht nur mehr Zeit mir Dingen, die einen erfüllen, sondern findet vielleicht sogar noch ein paar neue Weirdo-Freund*innen, mit denen man sich austauschen kann.

Ein Quarantäne-Souvenir

Damit wir den Wert dieser Beschäftigungen wieder erkennen, musste erst eine globale Pandemie über uns hereinbrechen, die viele von uns an unsere Wohnungen fesselt und uns mit so viel freier Zeit ausstattet wie seit den Sommerferien in der siebten Klasse nicht mehr – vermutlich für viele der letzte Zeitpunkt, als man solchen Beschäftigungen noch ausgiebig nachgegangen ist. Es wird sich noch zeigen, ob es uns gelingt, dass die Hobbies es sich wieder in unseren Wohnzimmer bequem machen, oder ob die gewohnten Prioritäten mit ihren lauten Forderungen zurückkehren und die Hobbies wieder in das Dickicht vertreiben, aus dem sie gekommen sind. Ich würde mir wünschen, dass wir diese Erkenntnis als Souvenir aus der Quarantäne mitnehmen: Nicht alles, was wir tun, muss uns weiter bringen. Wir müssen nicht immer interessant sein. Es reicht, wenn wir eine gute Zeit haben. Und das ist gar nicht so schwer.

Bildcredits: Unsplash

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2 Antworten zu “Die Rückkehr der Hobbies oder der Bananenbrot-Effekt”

  1. Als ich im Februar ein neues Rätsel für mich entdeckte, schwirrte mir die ganze Zeit die Frage im Kopf, ob ich da nicht gerade meine Zeit verschwendete, weil – so wie du es sagst – mir die Tätigkeit einfach nichts brachte im produktiven Sinn. Es machte mir Spaß es zu lösen, so wie ein Puzzle. Und ich konnte das damals erst mal nicht richtig zuordnen (habs mit bisschen Nachdenken geschafft). Umso schöner finde ich es, dass du dieses Thema in deinem Text beschreibst hast und das Ausleben von einem Hobby wirklich und wahrhaftig wieder da ist.

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