Darf Feminismus rosa sein?

22. Juli 2019 von in

Coole Frau, nettes Interview, wichtiges Thema. Und dann am Schluss wieder das dämliche alte Mädchenrosa. Warum? Das geht mir so auf den Senkel und untergräbt irgendwie auch die Message. Coole Farbauswahl für erwachsene Frauen (gerne auch mit einer Variante in shocking Pink/Rosa)? Nöö, Lillifeemist in Kopfhörerform, damit dann letztlich doch klar ist, das wir sweet und mädchenhaft am besten ins Gesellschaftsbild passen. So schade, dass das so oft zu sehen ist – von der Dekoration beim Female Future Force Day bis zu den Luftballons beim Journelles-Event (beides Magazine, die ich schätze, von starken Frauen). Warum ist das so und warum ändert sich das nicht endlich?

Milena

Diesen Kommentar bekamen wir kürzlich zu einem Artikel, und er wirft eine Frage auf, die immer wiederkehrt: Darf Feminismus rosa sein? Diese große Frage lässt sich in viele kleine aufschlüsseln: Hat die Geschlechtszuweisung von Blau und Rosa überhaupt eine Daseinsberechtigung, sollte man sie umgehen oder schlichtweg ignorieren, und vielleicht genau deshalb Rosa immer dann wählen, wenn man schlichtweg Lust darauf hat – oder um sich die Farbe ganz bewusst nicht absprechen zu lassen? Machen wir uns unglaubwürdiger, wenn wir uns nicht nur für politisches Geschehen und Gleichberechtigung, sondern auch für Make-up und „Mädchenhaftes“ interessieren – und was ist das überhaupt genau? Wird die Schlagkraft einer Aussage oder einer Veranstaltung untergraben, wenn sie in „Mädchenrosa“ daherkommt? Und was passiert, wenn die Farbe Rosa aus Marketingkalkül eingesetzt wird? Ein breites Thema mit vielen Sichtweisen und Antworten!

Amelie

Ich habe neulich zu meinem Freund gesagt, ich würde ihn beneiden, weil er die Farbe Rosa tragen und dabei auch noch ein politisches Statement setzen kann. Für Männer ist dieses „Mädchen“-Rosa eine Rebellion gegen das System – für Frauen auf den ersten Blick nicht. Echt ganz schön traurig. Ich fühle mich, wenn ich Rosa trage, eingeordnet und habe mich deshalb schon als Kind und Jugendliche immer gegen die Farbe gewehrt. Als müsste ich, wenn ich ein rosafarbenes Kleid trage, besonders badass sein, um meinen Süßheitsfaktor zu kompensieren, oder so. Das tue ich, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, bis heute. Ich erwische mich dabei, wie ich Kleidungsstücke in der Farbe zurück auf die Stange hänge, weil sie „mir nicht steht“. So ein Quatsch. Dabei sollte ich mich doch nicht aus Prinzip gegen eine Farbe wehren, sondern sie gerade trotzdem tragen. Einfach, weil ich sie gerne trage, ohne dadurch Stereotype ausgeliefert zu sein: Ich kann rosa tragen und gleichzeitig Bierdeckel mit dem Feuerzeug öffnen. Und das muss ich keinem beweisen.

Ähnlich ist es auch im Feminismus. Eigentlich sollte der Feminismus doch rosa sein dürfen, weil er genau gegen die Stereotypen plädiert. Allerdings muss ich mir gleichzeitig eingestehen, dass die Stereotypen noch da sind. Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem wir Jungsblau und Mädchenrosa überwunden haben. Wir leben in einer Zeit, in der irgendein Babykram für Mädchen so weit das Auge reicht die Farbe rosa trägt und Strampler für Jungs blau sind. Deshalb muss der Feminismus weiterhin rebellieren. Das darf er schon auch in der Farbe rosa, aber verständlicher und radikaler rebelliert er in einer anderen Farbe.

Jowa

Ich habe nichts gegen Rosa. Rosa hat dieselbe Daseinsberechtigung wie der Rest des Regenbogens. Im Feminismus hat Rosa allerdings meiner Meinung nach nichts verloren, und dafür gibt es einen guten Grund: Rosa schließt aus. Zumindest noch. Denn leider leben wir immer noch in einer Welt, in der man schon im Kindergarten lernt, welche Farben angeblich „Mädchenfarben“ sind und welche nicht; in der dreijährige Jungs sich lieber den Arm abhacken würden als etwas Pinkes anzuziehen und in der Spielzeugabteilungen gut sichtbar in zwei Farbblöcke aufgeteilt werden. In dieser Welt ist rosa eben mehr als eine Farbe: Sie ist, wie Amelie schon sagt, ein Statement, denn sie ruft Assoziationen mit einem stereotypen Bild von Weiblichkeit hervor: Sanft, süß, sensibel, feminin. Rosa steht für eine spezielle Form der Weiblichkeit, die uns immer noch oft als die einzig legitime präsentiert wird. Pinsele ich nun meinen Feminismus in dieser Farbe an, dann tue ich so, als könne Rosa tatsächlich für alles Weibliche stehen – als wäre die rosa Weiblichkeit die einzige. Dass das Frausein, genauso wie das Mannsein, in allen Farben des Regenbogens daherkommen kann, wissen wir eigentlich längst. Wieso also limitieren wir uns dann ausgerechnet im Feminismus – der sich diese Diversität auf die Flagge geschrieben hat – so oft auf dieses eingeschränkte Bild von Weiblichkeit? Und riskieren, dass all die Frauen sich nicht gesehen fühlen, die mit diesem stereotypen Bild nichts anfangen können? Nur, um beim Kampf für Gerechtigkeit ein bisschen verdaulicher zu sein? Das darf nicht das Ziel sein. Rosa hat im Feminismus nur in einer Erscheinungsform etwas verloren: Als Teil des ganzen Regenbogens.

Antonia

Da stimme ich euch beiden zu. Trotzdem möchte ich eine Lanze für die Farbe Rosa brechen. Ich persönlich trage so selten Farbe, greife immer wieder auf Schwarz, Weiß und Grau zurück, doch wenn es einmal bunt sein soll, zieht es mich wie magisch in Richtung Rosa. Sicher: Rosa assoziiert auch bei mir das Süße, Mädchenhafte, tragen tue ich die Farbe aber vor allem, weil sie mir gefällt. Ob ich nun in meiner Kindheit quasi schon konditioniert worden bin, dass Rosa die meine, ja die Farbe aller Mädchen ist? Womöglich! Wie Amelie es so schön sagt: Am Ende eigentlich auch egal, denn ich kann rosa tragen und trotzdem den Baum hochklettern. Das wusste ich damals schon, das weiß ich aber noch mehr heute.

Da sind wir eben beim Feminismus und der Gleichberechtigung. Es ist wichtig, dass die Blau-Rosa-Falle bei den jüngeren Generationen endlich von uns aufgelöst wird. Dass wir uns dafür einsetzen, dass Jungs einen All-Over-Rosa-Look tragen dürfen, ohne in irgendeine Ecke gestellt zu werden, genauso wie Mädchen mit Kurzhaarschnitt und Monstertshirt mindestens genauso süß und liebenswert sind wie die Prinzessinnen-Freundin. Dass weder das eine noch das andere für Diskussionen sorgt, sondern einfach ok ist. Denn am Ende ist Rosa nur eine Farbe unter vielen, die manchen gefällt und manchen eben nicht. Ich wünsche mir, dass wir uns nicht mehr wegen Farben bewerten, sondern viel mehr darauf achten, welche Werte wir schon den ganz Kleinen mitgeben. Dass sie nämlich die Farbe anziehen sollen, die sie am schönsten finden. Auch wenn es Rosa ist.

Milena

Das Bild des ganzen Regenbogens finde ich sehr treffend, denn darauf hat Rosa wie alle anderen Farben seine Daseinsberechtigung. Wichtig ist, sich der Bedeutung und Wirkung der Farbe bewusst zu sein, und sie ebenso bewusst einzusetzen. Ich habe auch das Gefühl, dass Feminismus oft rosa angepinselt wird, um ihn einer breiten Masse an vor allem Frauen schmackhaft zu machen – da streifen wir auch wieder das Thema, ob Feminismus Mainstream sein und auf Highstreet-Shirts gedruckt werden sollte. Im Zweifel hilft Mainstream wichtigen Bewegungen meiner Meinung nach mehr, als dass es ihnen schadet, auch wenn das viele Hardliner anders sehen. Deshalb finde ich, Feminismus darf auch rosa sein – am besten, wenn die Betonung auf dem auch liegt!

 

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2 Antworten zu “Darf Feminismus rosa sein?”

  1. Hey Ihr Lieben, jetzt hab ich mich aber gefreut, dass mein Kommentar als Aufhänger für so eine gute Diskussion sdienen durfte. Sehr cool. Ich hab es ja schon in meinem Kommentar geschrieben: Ich hab nix gegen die Farbe Rosa im Alltag. Warum auch, trage sie selbst. Problematisch wird es nur, wenn sie als einzige bzw. zentrale für eine feministische Message/ein feministisches Event/Produkt genutzt wird. Denn wir sind längst nicht soweit von den klassischen Genderfarbzuweisungen samt implizierter Message entfernt, dass die Farbe wertfrei gesehen wird. Wer Rosa als Signalfarbe ohne Alternative für solche Zwecke einsetzt, muss wissen, dass er sich damit auf die immer noch so präsenten Genderpfade begibt und das alte braven/sweete Frauenbild unterstreicht. Kann man machen, sollte man aber nicht, finde ich.
    Liebe Grüße, Katharina

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