Das Ende der Girlboss-Ära: Erfolg ist nicht die Lösung

27. Juli 2020 von in

Es gibt viele Worte für sie: Girlboss, Boss Bitch oder Powerfrau. Man kennt sie von T-Shirts und Jutebeuteln. Gemeint sind mit solchen Begriffen Frauen, die sich hocharbeiten – die Firmen gründen, Chefinnen werden, die gläserne Decke durchbrechen und auf dem Weg zur Spitze allen Widerständen des Patriarchats trotzen. Klingt gut? Ist es aber nicht wirklich. Und ich erklär euch auch, warum.

Die Gallionsfigur der Selfmade-Frauen

Die Geschäftsführerin der Firma Nasty Gal, Sophia Amoruso, ist diejenige, die den Begriff Girlboss geprägt hat. Mit dem erfolgreichen Online-Handel von Vintage-Mode wurde die Unternehmerin zur Chefin eines Millionenunternehmens und damit zur Gallionsfigur aller Selfmade-Frauen: Eben ein richtiger Girlboss. So nannte sie dann auch ihre Biografie, die 2014 erschien, und die Netflix-Serie, die 2017 ihre Karriere verfilmte. Für einige Jahre war sie ein gefeiertes Vorbild des weißen Popfeminismus – eine Frau, die ihren Mann steht. Und die Autorin eines Narrativs, das uns sagte: Wenn du dir selbst hilfst, dann hilfst du damit allen Frauen. Du wirst automatisch zur feministischen Ikone, wenn du einfach als Frau deine eigenen Interessen verfolgst. Das nahm Amoruso offenbar sehr wörtlich: Unter anderem verklagten sie vier ehemalige Mitarbeiter*innen. Sie berichteten, ihnen sei widerrechtlich gekündigt worden, als sie schwanger wurden oder Elternzeit nehmen wollten. Designer*innen verklagten die Firma mehrfach wegen Plagiarismus.

 

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Und so wurde Amoruso zu einem glänzenden Beispiel dafür, dass der Erfolg von einer Frau nicht bedeutet, dass alle Frauen davon profitieren. Die Struktur blieb unangetastet, der angepriesene Feminismus eine PR-Phrase. Zu den Vorwürfen äußerte Amoruso sich nie öffentlich. Nasty Gal ging 2016 pleite. Seitdem verdiente Amoruso ihr Geld mit dem Narrativ, das sie erschaffen hat. Sie gründete das Medienunternehmen Girlboss, das sich mithilfe von Vernetzungs-Events und Podcasts um das Powerfrauen-Narrativ dreht. Vor wenigen Wochen gab sie auch hier ihren Rücktritt als CEO bekannt. Und mit ihr verabschiedete sich eine Ära, in der wir geglaubt haben, der Feminismus könnte das bestehende System einfach austricksen statt es umzukrempeln.

Kapitalismus zum Wohlfühlen

Man merkt: Der „Girlboss“-Begriff ist vorbelastet. Und das ist kein Wunder, denn wer in einem kapitalistischen System knallhart Karriere machen will, der kommt nur sehr mühsam um Ausbeutung und Profit auf Kosten anderer herum. Und das ist nicht besonders feministisch. Begriffe wie „Girlboss“ lassen es dabei zudem so erscheinen, als wäre diese Form von Erfolg allein eine Frage von Mindset und Selbstbewusstsein und nicht auch das Produkt angehäufter Privilegien – denn nur, wer über Startkapital, Kontakte und eine entsprechende Ausbildung verfügt, hat eine Chance, es in diesem System an die Spitze zu schaffen. Ein Girlboss kann demnach nur werden, wer passende Privilegien mitbringt und bereit ist, Kompromisse zu machen, was die eigene Überzeugung angeht. Sich der Struktur anzupassen statt sie zu verändern. Auch das: Nicht sehr feministisch.

Ein Girlboss ist eine Frau, die genauso erfolgreich ist wie ihre männlichen Kollegen. Allein, dass es dafür einen Begriff gibt, wirkt schon etwas absurd – schließlich würde man einen erfolgreichen jungen Mann niemals als Boyboss bezeichnen. Aber ein Girlboss ist eben auch eine Frau, die es meist mit denselben Methoden an die Spitze schafft wie ihre männlichen Kollegen – und damit nur an der Spitze eines Systems steht, das per Definition auf Ungerechtigkeiten baut. Und das bringt den Feminismus leider nur bedingt weiter, denn so werden unterdrückerische Strukturen aufrecht erhalten. Heraus kommt eine Art Feel-Good-Kapitalismus, der uns lange im Glauben gelassen hat, Ausbeutung ist weniger schlimm, wenn eine Frau sie praktiziert.

 

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Profitgier ist unfeministisch

Wie soll man also Feminismus und persönliche Karriere zusammenkriegen? Die Antwort lautet wohl leider: Gar nicht. Zumindest nicht in der Definition von Erfolg, die wir bisher vermittelt bekommen haben: Reichtum, Macht, Privatjet. Denn dafür wäre Profitgier notwenig – und die ist unfeministisch. Wem die eigenen Überzeugungen wirklich wertvoll sind, der stellt Gerechtigkeit vor Erfolg. Und wird dann vermutlich keine Millionärin. Das muss allerdings noch lange nicht heißen, dass Feministinnen zu ewigem Misserfolg verdammt sind. Zumindest, wenn man den Begriff „Erfolg“ umdeutet und ihn nicht mehr als die bloße Anhäufung von Reichtum sieht: Eine neue Denke, die im Angesicht globaler Krisen und Politisierung allmählich das kapitalistische Girlboss-Narrativ ablöst.

Wenn man das tut, dann haben Frauen sogar glänzende Chancen, erfolgreich zu sein: Zum Beispiel, indem sie solidarisch und fair mit all denen umgehen, die beruflich von ihnen abhängig sind. Indem sie andere Frauen unterstützen, Wert auf Diversität legen, kapitalistische Strukturen hinterfragen und nicht einknicken, wenn das System von ihnen verlangt, die eigenen Überzeugungen über Bord zu werfen. Ein gutes Leben ist auch unter diesen Voraussetzungen möglich. Vermutlich ist es sogar ein besseres Leben. Zwar wahrscheinlich ohne Porsche und Appartement in Manhattan, aber dafür mit einem gerechten Schlaf und dem unschlagbaren Gefühl, seinen Überzeugungen treu zu sein.

Wenn du noch weiter in die Kritik am Girlboss-Begriff einsteigen willst, empfehle ich dir das Buch „Dear Girlboss, we are done“ von Autorin Bianca Jankovska und Illustratorin Julia Feller. Die beiden nehmen das Konzept detailliert auseinander – und haben das Buch in konsequenter Manier selbst veröffentlicht und vermarktet.  
Bildcredit: Unsplash

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2 Antworten zu “Das Ende der Girlboss-Ära: Erfolg ist nicht die Lösung”

  1. Vielen, vielen Dank! Ein unglaublich toller Artikel, ich höre so oft ich müsse „härter“ werden um endlich Erfolg zu haben aber ich denke auch, Erfolg gehört neu gadacht. Nicht der Status, das dicke Auto und die riesige Wohnung bringen Glück sondern das gute Gefühl in den Spiegel schauen zu können und zu wissen : ich bin stolz auf das was ich tue. Weil ich gerecht bin und weiß wofür ich einstehen muss!

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