Short Cut: Das Ende der Welt

11. September 2018 von in

Foto von Erik-Jan Leusink via Unsplash

Unter „Short Cut“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen fiktive Kurzgeschichten.

Kennen Sie das, die plötzlich aufkommende Erkenntnis der Endlichkeit der Welt? Ein Beispiel: Sie sitzen im vier Sterne Hotel am Gardasee oder sonst wo mit der Familie, weil runder Geburtstag der Cousine soundso oder Hochzeit, also eine fröhliche Zusammenkunft. Und eigentlich ist alles ganz herrlich. Der Ausblick über den See und die Berge, die sich malerisch in allen Blaunuancen der eigenen Vorstellugskraft dem Horizont entlang erstrecken. Sie sitzen auf einer Terrasse aus Marmor und nippen an dem frisch aufgebrühten Espresso, der dem Gaumen eine Wohltat ist, wie der erste Schluck Rotwein nach der Ankunft einer langen Reise und unersetzbar schmackhaft an allen eingeschlafenen Sinnen aus routinierten Abläufen des trägen Alltags rüttelt.

Dann noch ein Croissant, das in Italien immer diesen Orangeat-Geschmack hat, was ich eigentlich ganz fürchterlich finde aber mit den Jahren zu schätzen gelernt habe. Er erinnert mich an die leichten Jahre der Kindheit im Urlaub in Italien, die ich auch bereits in jenem Hotel verbrachte. Die Mission war, meine Eltern mit meiner unermüdlichen Energie in den Wahnsinn zu treiben und so viele Freunde wie möglich zu finden. Das Frühstück und der frisch aufgebrühte Espresso hatten einen nebensächlichen Stellenwert und wurden keines Blickes gewürdigt. Bis auf das Croissant, in das ich mit erleuchteten Augen biss und es anschließend entsetzt ausspuckte und heulte vor lauter Enttäuschung, weil das nach Orangen schmeckende Croissant war einfach ganz klar eine Beleidigung. Das waren schöne Zeiten, da gab es keine Probleme oder zumindest erinnere ich mich nicht mehr an sie.

Das Croissant dann in den Kaffee tunken und das vollgesogene Stück in den Mund drücken. Herrliche Momente, unbezahlbar und das im wahrsten Sinne des Wortes. Kann sich schließlich nicht jeder leisten, das vier Sterne Grand Hotel Nähe Salò in Norditalien.

Jetzt aber mal rein hypothetisch, Sie frühstücken also zu einer Feierlichkeit im Urlaub, unterhalten sich mit kultivierten Menschen über Kant und darüber, warum der Italiener es nicht schafft, ein anständiges Schwarzbrot zu backen und uns stattdessen immer mit diesem elendig trockenen Stück Weizen quält, es kann doch nicht so schwer sein, in München klappt’s doch auch, und so weiter. Aber dafür die Croissants einmalig und die Aussicht (für mich fast) unbezahlbar. Und während Sie den frisch bestellten Cappuccino vorsichtig mit einem kleinen Löffel von der Kakaopulverschicht befreien, kommt Ihnen sozusagen ganz unvorbereitet die Erkenntnis, dass Ihre Eltern bald sterben werden, dass Sie selbst genauso alt werden wie all die Alten um Sie herum, die sich gebrechlich zum Frühstücksbuffet hieven, dass auch die Mittzwanziger dieser Gesellschaft, die in ihren gewagten Missonikleidern aussehen wie Göttinnen, irgendwann so alt sein werden, sodass jede kleine Stelle an ihrem Körper sich der Schwerkraft beugen wird und überhaupt jeder Mensch in diesem Raum bald sterben wird und alles irgendwie egal ist.

Was macht man dann. Also wenn man auf der Terrasse sitzt und seinen Kaffee von Kaba befreit, umgeben ist von einer fröhlich kultivierten Münchner Gesellschaft, die über Kant und Weißbrot debattiert. Und Sie dazwischen, also ich, von den Gedanken getrieben werden, dass alle Menschen in jenem Hotel sterben werden und dass alles, was sie heute tun oder morgen oder in ihrem gesamten Leben, absolut keine Bedeutung hat. Das ist sehr ungünstig, sage ich Ihnen, denn wenn Sie nach meinen Worten nicht selbst von der Vorstellung erschüttert sind, dass alles endlich ist, dann soll Ihnen gesagt sein, dass das ein ganz schöner Stimmungskiller ist. Todesangst ganz klar inkompatibel mit der Öffentlichkeit.

In der schwarzen Minute der Eingebung der Endlichkeit dieser Welt kommt mir Alkohol mehr als gelegen, der glücklicherweise bereits an Feierlichkeiten und in gewissen Kreisen am Morgen getrunken werden darf. Dazu gesellt sich Lachs und Kaviar und schon ist das Glas Champagner gerechtfertigt, das ich mir in den Rachen schütte. Ein herrlicher Tag, nicht wahr, kommt es von der Seite und ich nicke engagiert, ja, ganz herrlich, und unbezahlbarer Ausblick auch. Wir stoßen mit unseren bereits geleerten Gläsern an und in dieser Sekunde merke ich erst, dass ich mit meinem Exfreund Nils spreche, den ich vor sieben Jahren für einen anderen Mann verlassen hatte.

Ich lächle gequält: „Hallo Nils, wie geht’s denn so.“, „Was meinst du wie es mir geht, fantastisch geht es mir, ich bin verlobt mit deiner Cousine, das hast du ja sicherlich gehört, und sieh mich an, ich trage meinen besten Anzug!“, „Orange stand dir schon immer sehr gut“, entgegne ich ihm und es ist wahr, Nils kann den orangefarbenen Anzug aus feinem Cord wirklich gut tragen. „Wir werden in einem Jahr heiraten, du bist natürlich auch eingeladen. Es wird eine große Zeremonie im Süden Italiens geben im Haus meiner Eltern, wo wir auch schon ein paar Mal gemeinsam waren, du erinnerst dich?“, ich lache hysterisch: „… als wäre es gestern gewesen!“, und blicke mich suchend um in der Hoffnung auf einen Anker, der mich aus diesem Gespräch retten möge. „Möchtest du noch ein Glas. Ich hol uns was.“, sage ich und verschwinde.

Was macht man dann. Also wenn man einem unangenehmen Gespräch mit einem Ex-Partner entflohen ist, zu dem man angekündigt eigentlich zurückkehren sollte. Mich verfolgt mittlerweile aber doch immerhin kein Gedanke über die Endlichkeit der Welt mehr. Ein paar Meter entfernt setze ich mich auf eine Steinbank, die einen herrschaftlichen Blick über den See bietet. Wir denken selten bei dem Licht an Finsternis, beim Glück an Elend, bei der Zufriedenheit an Schmerz; aber umgekehrt jederzeit. Das hat auch Kant schon gesagt, und an jenem Tag spiegelt sich die Sonne im Wasser irgendwie besonders schön.

Foto via Unsplash

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2 Antworten zu “Short Cut: Das Ende der Welt”

  1. Ich denke oft bei Licht an die Dunkelheit, wenn ich bei der Metapher bleiben darf, weil ich dem Glück nicht traue oder der Zufriedenheit (der noch weniger). Das macht einen auch nicht gerade tanzeleicht und irritiert das soziale Umfeld, wenn einem die dazu passende Mimik, nur ganz kurz, auf dem Gesicht erschienen ist.

    Gut geschrieben.

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