Deutschland seine Instagram – wieso der Hype?

30. Mai 2019 von in

Stell dir vor, du wärst gerade aus einer mehrmonatigen Instagram-Pause in den Kosmos der App zurückgekehrt – und plötzlich sind alle Stories deiner FreundInnen voll mit Naddel, Sauerkraut, Michael Wendler, Tchibo und Jimi Blue Ochsenknecht. Ja, GuMo allerseits – Memes auf englisch waren gestern, der humoristische Trend der Stunde lautet Deutschland!

Gleich mehrere Accounts haben die Instagram-Feeds in den letzten Wochen eingenommen wie Tine Wittler trostlose Eigenheime: Sie heißen @deutschland.seine.promis, @deutschedings, @pedalobande oder @galeria.arschgeweih – keiner davon älter als ein paar Monate, teilweise trotzdem mit fünftstelligen Followerzahlen. Am Eindrucksvollsten: @deutschedings gibt es seit knapp einer Woche. Follower: über 20.000. Und das ganz ohne Promo oder Hashtags. Marketingprofis hassen diesen Trick – es ist der feuchte Traum eines jedes Influencers. Kurz: Man kann es guten Gewissens als Medienzirkus (deutsche Hype) bezeichnen, was da gerade auf Instagram passiert.

 

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Ein Konzept, so jugendlich wie Harald Glööckler

Wer sich öfter in den Brutstätten von Memes – beispielsweise auf 4chan oder reddit – aufhält, der weiß, dass deutsche Memes wie diese beim besten Willen keine neue Erfindung sind. Deutsche Subreddits befassen sich schon seit Ewigkeiten mit exakt diesem Konzept, wenn auch mit etwas komplexeren Humor. Auch Seiten wie „Stramme Memes für deutsche Teens“ verfolgen das humoristische Konzept „Deutschland“ schon seit vielen Jahren. Gerade das Konzept hinter @deutschedings geistert schon etwa so lange durch Reddit und Twitter wie Menderes durch die Staffeln von DSDS. Jeder Internethype – also jedes Meme – wird irgendwann auf diese Art geboren und schafft es zeitverzögert vom Untergrund an die digitale Oberfläche. Aber wieso ausgerechnet jetzt? Wie kommt es, dass es dieses Konzept, das etwa so jugendlich ist wie Harald Glööckler, plötzlich solche Massen an Menschen zu begeistern weiß?

 

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Wenn du nach zwei Tagen feiern deinen Chef in der Bahn triffst obwohl du dich krank gemeldet hast

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Identität ohne Nation

Die Antwort findet sich vielleicht bei den UrheberInnenn und bei der Zielgruppe. Es sind vor allem Millenials in Großstädten, die die Accounts betreuen (ich recherchierte investigativ) und die die Inhalte teilen und abfeiern. Und diese können mit Deutschland – meistens – ziemlich wenig anfangen. Geht man nämlich kritisch mit Nationaldenken und deutscher Identität um, dann bleibt wenig, womit man sich identifizieren kann oder will. Also blieb die Identifikation mit allem, was als deutsch gilt, meist komplett aus. Stattdessen bezeichnen wir uns selbstironisch als Almans und Kartoffeln und versuchen, irgendwie locker mit dieser vorbelasteten Identität umzugehen.

Aber es gibt dann eben doch ein paar Dinge, die an unseren Biografien ziemlich deutsch sind und die trotzdem wenig mit Deutschland als Nation zu tun haben: GZSZ, Struwwelpeter, Kohlrouladen, Dieter Bohlen. Der neue Insta-Hype schlug vielleicht gerade deswegen ein wie Tokio Hotel 2005 in die deutschen Charts, weil er es uns erlaubt, unseren merkwürdigen deutschen Identitäten Ausdruck zu verleihen, ohne dass es wie sonst immer einen faden Beigeschmack hat. Der Humor folgt derselben Logik, wie wenn man sich selbstironisch als Kartoffel bezeichnet: Einerseits distanziert man sich von einer Identifikation mit Deutschland, andererseits gesteht man sich eine kulturelle Prägung ein. Ja, ich gehöre irgendwie zu diesem Land, aber ich nehme das nicht allzu ernst.

Humoristische Heilsamkeit

Das kollektive Lustigmachen über deutsche (Pop-)Kultur erlaubt eine Form der Meta-Identifikation: Die Schaffung eines Kollektivs mit einem ähnlichen kulturellen Gedächtnis, das sich zusammen findet, um sich als Deutsche gemeinsam über Deutschland lustig zu machen. Gemeinsam über uns selber zu lachen – mithilfe von Deutschland mit Deutschland fertig werden, wenn man so will. Man nennt das auch Comic Relief: Witze machen, um ein Thema von seiner Ernsthaftigkeit zu befreien. Die Ernsthaftigkeit besteht in Deutschland selbst. Die Witze befreien dieses merkwürdige kulturelle Konstrukt von seiner Schwere.

Es ist also vielleicht die humoristische Heilsamkeit, die dieses Internetphänomen momentan so erfolgreich macht. Die Deutschland-Memes werden nichts daran ändern, dass wir vor allem stolz darauf sind, nicht stolz zu sein – und das ist und bleibt auch gut so. Stattdessen feiern wir eben einen Moment lang die merkwürdigen Auswüchse dieses kulturellen Eintopfes (deutsche Melting Pot), in dem wir groß geworden sind.

 

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Königin von Neuland sagt GuMo

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Bildnachweis: @deutschedings

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2 Antworten zu “Deutschland seine Instagram – wieso der Hype?”

  1. „Gerade das Konzept hinter @deutschedings geistert schon etwa so lange durch Reddit und Twitter wie Menderes durch die Staffeln von DSDS.“ ein perfekter vergleich haha! und ein super artikel wie immer.

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