Kolumne: Über die Fähigkeit, traurig zu sein

16. November 2015 von in

Dieses Wochenende wurden wir überrollt von unvorstellbaren Ereignissen. Von Verbrechen, die wir uns in dem Ausmaß und an diesem vermeintlich sicheren Ort nicht hätten vorstellen können, die Angst in uns hervorrufen und Traurigkeit. Als ich am Freitagabend die ersten Nachrichten von diffusen Anschlägen hörte, prallte das im ersten Moment noch ziemlich ab. Nicht nur, weil ich bei einer Zeitung arbeite, bin ich gewohnt, Meldungen wie diese nicht wirklich an mich heranzulassen. Sie zu registrieren, betroffen zu sein, dann aber wieder weiterzumachen. Man kann schließlich nicht jeden Weltschmerz an sich heranlassen, war oft mein Gedanke.

Im Laufe des Abends und vor allem am Samstag überkam mich mit den Meldungen eine so große Welle an Traurigkeit, dass ich sie nicht mehr wegwischen konnte. Und mich plötzlich dazu entschied, sie einfach mal anzunehmen. Den Tag zu Hause zu verbringen, mich mit den Nachrichten auseinanderzusetzen und zuzulassen, dass der Tag kein guter war. Dass ich gerade absolut nichts tun, ändern oder lösen kann an den Folgen, die diese Anschläge haben könnten. Dass ich aber das Gefühl, das diese Tatsache mit sich bringt, nicht versuche wegzuschieben.

Abends saß ich mit Freundinnen zusammen, alle mitgenommen von den Ereignissen, zusätzlichen eigenen Problemen und auf gar nicht richtig erklärbare Weise körperlich erschöpft. Und jede hatte eine andere Idee, der Traurigkeit aus dem Weg zu gehen. Ablenkung, den Fernseher auszuschalten. Etwas gutes zu Kochen, den Wein aufzumachen. Über andere Dinge zu sprechen.

Irgendwann kamen wir vom Thema des Überwindens zum Thema des Akzeptierens. Eine Lehre, die beispielsweise im Buddhismus praktiziert wird, die wir hier in unserem Alltag allerdings so sehr verdrängen, dass wir sie schon fast verlernt haben. Im ganzen Aufpolieren des Lifestyles, bei der ganzen Social-Media-Angeberei, der Super-Selbstentfaltung und dem Sich-Selbst-Inszenieren wird nur zugelassen, was lustig, glücklich und gut gelaunt ist. Traurigkeit hat keinen Platz auf Snapchat oder Instagram, und je mehr Social Media wir betreiben und konsumieren, desto mehr verlernen wir, negative Gefühle zu empfinden, ohne sofort durchzudrehen.

Traurigkeit hat keinen Platz in unserem Leben, in dem jeder Tag mindestens so gut wie der letzte sein soll. Wir wollen die Kontrolle über unsere Gefühle und das Lifestyle-Level halten, an das wir uns gewöhnt haben. Alles soll ständig besser werden, wir optimieren und selbst, unsere Karriere, unser Sozialleben, unsere Freizeit. Aus Angst vor Liebeskummer lieber gar keine Beziehung eingehen, aus Angst vor zu schlimmen Szenarien lieber nicht die Zeitung lesen, aus Angst vor Streit lieber nicht drüber reden.

Traurigkeit allerdings ist ein Gefühl, vor dem man keine Angst haben sollte. Sie anzunehmen ist erst unbequem, dann aber auch ziemlich befreiend. Das Leben kann oft positiv laufen, manchmal tut es das eben nicht. An Tagen wie dem letzten Freitag, an Tagen einer Trennung, an Tagen eines Verlustes oder auch einfach nur an Tagen, an denen man mit dem falschen Fuß aufgestanden ist. Die Fähigkeit, Traurigkeit in solchen Momenten anzunehmen, zu akzeptieren und nicht wegzuschieben oder davor zu flüchten, sollte man nicht verlernen. Denn auf ehrliche Traurigkeit folgt irgendwann auch wieder ehrliche Glücklichkeit.

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13 Antworten zu “Kolumne: Über die Fähigkeit, traurig zu sein”

  1. „Aus Angst vor Liebeskummer lieber gar keine Beziehung eingehen, aus Angst vor zu schlimmen Szenarien lieber nicht die Zeitung lesen, aus Angst vor Streit lieber nicht drüber reden.“

    Genau so!

  2. Sehr schön geschrieben und ich denke, dass es sehr wichtig ist, auch negative Gefühle zu akzeptieren und sie zuzulassen. Viele wollen einfach immer nur das Positive im Leben haben, aber Negatives gehört eben auch dazu. Danke für deine Worte. Ja, heute ist immer noch nicht wirklich ein guter Tag.
    Liebst, Bina

  3. Trauer und Verletzlichkeit zuzulassen, ist ein enormes Zeichen von Stärke. Muss ich leider auch noch lernen. Innerlich dicht zu machen geht einfach, aber es macht auf Dauer kaputt. Und leider auch einsam.

  4. Mir fällt dazu noch ein anderer Aspekt ein, ich hoffe, das klingt nicht so, als würde ich euren Blog dazu missbrauchen, meinen persönlichen Frust loszuwerden…
    Ich muss auch traurig sein dürfen, ohne dass mich haufenweise Vernunft-Menschen (ich wollte eigentlich Dummschwätzer schreiben….) darauf hinweisen, dass dieses traurig sein völlig ungerecht und diskriminierend ist. Traurigkeit ist Traurigkeit, und damit eben nichts, wofür man sich rational rechtfertigen muss, und auch wenn objektiv der Tod unschuldiger Menschen weltweit gleich schrecklich ist, so geht es mir viel näher, wenn mir der Ort, an dem die Menschen gestorben sind, emotional und auch räumlich näher liegt. Als sich am Freitag Abend abzeichnete, dass es sich um eine gravierende, groß angelegte Anschlagsserie handelte, und ich resigniert sowas wie „schon wieder Paris“ sagte, wurde ich erstmal angegiftet, was ich mit diesem „wieder“ eigentlich ausdrücken möchte…

  5. Im Grunde stimme ich dem Blogpost zu.
    Was mir nur bei euren Kolumnen generell auffällt: Es ist immer unterschwellige Kritik und sogar unterschwelliges Jammern an der oberflächlichen, gekünstelten Instagram- und Social Media-Welt dabei.
    Und ihr verallgemeinert sehr viel. Wer sagt denn, dass es schwierig ist Beziehungen einzugehen? Dass man nicht traurig sein darf? Dass man keine Zeitung liest? Dass alle ihre Privatleben polieren um sie dann öffentlich zu machen?
    Das sagt ihr. Weil ihr es selbst tut. Und anderen mit eurem Blog zeigt, wie man ein so erfolgreiches, poliertes Scheinleben aufbaut bzw. nach außen trägt.
    Fangt doch ihr damit an, euch mal ungeschminkt und nicht mit perfektem Outfit und überteuerten Designerklamotten zu zeigen. Anstatt darüber zu klagen und selbst einfach mitzuschwimmen. Ihr profitiert doch auch von dieser gesponserten, verzerrten Welt, die fast nur aus Oberflächlichkeiten, Werbung und Marionetten großer Firmen basiert.

    Und: gerade in den sozialen Medien hat man am Wochenende doch gesehen, dass Menschen trauern. Sei es nur durch eine französischen Flagge. Ich habe im echten Leben weit weniger Menschen getroffen, die sich so sehr mit Paris auseinander setzen wollten, wie ich es auf einigen Blogs und Profilen gesehen habe. Vielleicht habt ihr da einfach die falschen abonniert?

    Nichts für ungut, deine Gedankengänge an sich kann ich nachvollziehen, mich stört nur die Verallgemeinerung und ich finde die Übergänge von Paris zu euren allgemeinen, zwischenmenschlichen Problemen etwas schwierig.

    Beste Grüße.

    • Klar, das ist auf jeden Fall vor allem Selbstreflexion. Ich habe dieses Wochenende für mich ganz persönlich gemerkt, wie wenig ich Traurigkeit in meinem Alltag zulasse, und setze das auf jeden Fall mit meiner ausgiebigen Social Media Nutzung in Zusammenhang. Das heißt nicht, dass ich alles was ich tue umkrempeln möchte, aber es war für mich eine ganz interessante Erkenntnis. Und darüber hinaus denke ich, dass es einigen anderen ähnlich gehen könnte, deshalb hier das Teilen meiner Gedanken.
      Paris war ein allgemeiner Grund zur Trauer, da hast du recht. In diesem Zusammenhang scheut sich wohl keiner, traurig zu sein. Bezüglich anderer Dinge aber eben schon, deshalb der Sprung zu allgemeineren und zwischenmenschlichen Problemen.

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