Brief an die Liebe: Du und ich, wir stecken in einer Krise

26. September 2019 von in

Ich glaube noch an die Liebe. Ich will nur nicht mehr. Sie verlangt einfach zu viel. Sie lässt mich nicht ausreden, weil sie alles besser weiß, meine Zweifel interessieren sie nicht, weil nur Loser zweifeln und sie ist egoistisch wie sonst niemand. Sie bringt mich ständig zum Weinen, macht mir ein schlechtes Gewissen und redet mir gerade dann, wenn ich auf meine Willensstärke stolz bin, ein, ich hätte nicht genug versucht und könne ruhig nochmal losgehen und meinen ganzen Stolz verlieren. Ich solle doch nochmal anrufen, schreiben oder vorbeifahren und mich wenigstens entschuldigen, weil eigentlich alles an mir liegen muss. 

Wann versteht die Liebe endlich, dass ihr Zerbrechen ihre Schuld ist?

Hätte es sie nicht gegeben, wäre ich vernünftig gewesen. Hätte es sie nicht gegeben, müsste ich mich gar nicht erst zusammenreißen, um eben nicht zu schreiben oder anzurufen. Ich müsste mein Handy nicht ausmachen, um mich vor mir selbst zu schützen. Ich könnte die Menschen loslassen, die ich loslassen muss. Vielleicht könnte ich nachts sogar friedlich schlafen, wenn es sie nicht gäbe. Wenn ich der Liebe das sage, wird sie natürlich unfassbar wütend. Wer wird schon gerne für seine Existenz kritisiert? Dabei sage ich doch nur, dass sie übereifrig ist und ihr Mut lebensmüde.

Meine erste Liebe, falls man das so nennen kann, hätte ich durch einfaches Warten sicher retten können, meint sie dann. Er hätte sich schon auch in mich verliebt, wenn ich nur nicht so schnell aufgegeben hätte. „Schnell aufgeben ist was anderes, es ging um mehrere Jahre, sage ich dann spöttisch. Die Liebe meint dann, er habe es ja erst zu spät erfahren, weil ich zu feige war. Ich sage dann, dass er da eine Freundin hatte. Sie sagt dann, dass das kein Argument sei, weil ich das zu dem Zeitpunkt gar nicht wusste (touché) und ich mich einfach hätte anstrengen müssen, dann wäre es gar nicht so weit gekommen. Was, wenn ich das halt nicht wollte, schreie ich dann und knalle die Tür. Dann kann ich nicht einschlafen und ich weiß, wer daran schuld ist. Der Liebe ist das völlig egal; sie muss sich sowieso keine Fehler eingestehen, weil ach, wo die Liebe hinfällt und hach, die Liebe. So wird sie verwöhnt und bemitleidet bis ein unerzogenes, ungebändigtes Gefühl zurück bleibt, das sich alles erlauben kann. Weil die Liebe anscheinend alles darf.

Am nächsten Tag plaudern wir über früher und kommen schnell auf meine zweite Liebe, falls man das so nennen kann, zu sprechen. Ich sagte ja, die Liebe ist egoistisch und redet am liebsten über sich selbst. Wieder hagelt es Vorwürfe, ich hätte das doch alles nur vermasselt. Wieso, frage ich dann. Na, weil du dich nicht entschieden hast, antwortet sie. Dann warst du wohl doch nicht so stark wie du immer denkst, halte ich ihr vor. Da wird sie wieder rasend und sagt, dass das eben alles nicht so einfach ist, wie ich mir das denke und eben nicht alles läuft wie im Film. Genau, sage ich dann und hoffe schon auf eine Versöhnung. Falsch gedacht. Du machst alles nur kompliziert, sagt sie, geht mit erhobener Nase raus und ruft mir noch hinterher:

Man lässt nicht los. Nie und niemals. Versteh das doch endlich.

Manchmal muss man das aber, schreie ich. In letzter Zeit schreie ich zu oft. Damit sollte ich aufhören. Und ich sollte aufhören, so viel zu bereuen und ich sollte aufhören, mir ständig Vorsätze zu machen, nur um mich nicht mehr so oft mit der Liebe zu streiten.

Es ist ja offensichtlich, dass die Liebe den Verstand entweder verloren oder nie besessen hat.

Der Beweis dafür, dass die Liebe gestört und verrückt ist: Für Liebe Nummer drei, falls man das so nennen kann, wollte sie, dass ich ein Visum beantrage und ans andere Ende der Welt ziehe. Dass ich kein Geld, keine Ausbildung und keine festen Freunde dort habe, war ihr natürlich wieder egal.

Im Film klappt’s doch auch immer, flüstert sie dann.

Ach, glaubst du jetzt auf einmal doch an Filme? Die basieren auch auf einem Drehbuch und nicht auf zwei Menschen, die sich seit ein paar Monaten kennen, noch nie Zeit zu zweit verbracht haben und komplett unterschiedliche Vorstellungen einer Beziehung haben, sage ich dann mit einem besserwisserischen Unterton. Die Tür knallt schon wieder. Diesmal sitze ich triumphierend auf meinem Stuhl. Irgendwie wird die Liebe ziemlich sauer, wenn man sie auf die Realität anspricht. Das ist nicht sehr reif, dabei habe ich wirklich keine hohen Ansprüche. Immerhin steht es jetzt nur noch zwei zu eins für die Liebe.

Sobald ich schlafe, treffe ich sie schon wieder. Ob wir nicht mal eine kurze Beziehungspause einlegen sollten, frage ich. Niemals, flüstert sie etwas bedrohlich und legt sich mit ihrem besten Freund, dem Idealismus neben mich. Ich stöhne genervt auf und bin zu müde, um aufzuwachen. Außerdem weiß ich, dass es sowieso zu spät ist.

Es gibt einen Teil von mir, der jederzeit bereit wäre, auf eine Segelbootreise oder einen Roadtrip aufzubrechen – ungeachtet der Umstände. Dieser Teil würde alles für die Liebe tun. Mein Glück bisher, dass noch niemand mit gepackten Koffern vor der Tür stand.

Ich glaube noch an die Liebe. Ich will nur nicht mehr.

Deshalb lässt sie mich auch nie in Ruhe. Schlimmer als die Liebe ist der Hass. Ich will nicht hassen, niemals. Ich enttäusche die Liebe trotzdem mit meinen Zweifeln und der Realität und sie versucht, es zu ignorieren, wie ich die Dinge auf der Treppe ignoriere, die ich eigentlich mit hochnehmen sollte. Deshalb bin ich auch wütend.

Vielleicht lade ich sie heute Abend auf ein Glas Wein ein und wir reden über Gefühle.

Vielleicht, wenn ich nach zwei Gläsern meinen ganzen Mut zusammen nehme, frage ich sie auch, ob sie die echte ist oder nur eine billige Kopie.

Und egal was ihre Antwort ist, vielleicht schaffen wir es beide, uns mit der Vergangenheit zu versöhnen.

Sharing is caring

3 Antworten zu “Brief an die Liebe: Du und ich, wir stecken in einer Krise”

  1. Ich glaube ganz fest daran, wenn uns das Leben oder die Liebe mit immer wieder ähnlichen Situationen konfrontiert, dann ist das eine Art zu sagen: hey, hier gibts was Wichtiges zu lernen, und es tut mir leid, aber bis du es gelernt hast, musst da immer wieder durch, anders lernt man nämlich nicht. Ich bin Anfang des Jahres durch eine lange, schlimme Trennung, nachdem das durch war, dachte ich puh, wow ich habe endlich gelernt, mein Glück nicht von Aufmerksamkeit, die mir Männer zuteilen, abhängig zu machen. Nur um wenig später in die nächste Fälle zu tappen, wo jemand mich auch mochte, aber eben nicht nur mich und wo mein Ego sich ganz schön aufgeplustert hat, dass mir genau dieser Mann Aufmerksamkeit zuteilt, wenn halt leider auch nicht die alleinige. Schwups, war der Liebeskummer also wieder da und ich dachte mir, sag mal, warum gleich zweimal in einem halben Jahr, warum muss ich da schon wieder durch? Inzwischen weiß ich es, und das Bewusstsein für die Hürden, die mir gestellt werden und vor allem den Wachstum, den ich daraus ziehen konnte, lässt mich jetzt zurück blicken und sagen, wow das war so notwendig. Und wie stark bin ich eigentlich?! Und wie schön ist die Liebe eigentlich? Und wie klug, dass sie doch von Anfang schon genau wusste, was ich brauche, auch wenn ich sie verflucht habe? Also, vllt lädst du sie mal ein und lässt sie erzählen und findest heraus, was sie Dir eigentlich versucht zu sagen, was du da gerade lernen sollst. Ganz ohne Mitleid oder Vorwurf.

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars bestätigst Du, dass Du unsere Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen hast.