Kolumne: Von Ignoranz, She Sheds und Me-Time

6. März 2017 von in

Ein rosafarbenes, plüschiges Gartenhaus macht gerade die Runde. Es ist ausgestattet mit einen Hängesessel, einem runden rosa Filzkugelteppich, einer Lichterkette und einem schief hängenden Shabby-Chic-Bild, vor dem offenen, im sonnigen Garten stehenden Häuschen wird die Szenerie ergänzt durch ein Kaffeetischchen mit Espressokanne und natürlich einer Blumenvase. She Shed nennt sich das Haus, oder auch Ich-Zeit-Haus, Yoga-Höhle oder Kreativ-Insel. So beschreibt es zumindest die Beschreibung des zugehörigen Hornbach-Kataloges, in dem man das Häuschen kaufen kann – und der den Anstoß zu einer großen Diskussion gab.

Denn die Vice sieht in genau diesem Häuschen – und dem zugehörigen Trend der She Sheds, der weit über einen Hornbachkatalog hinausgeht – die Verbildlichung der Rolle der Frau im Jahr 2017. Wenn es zum Ende des Zweiten Weltkriegs knutschende Matrosen oder zur sexuellen Befreiung der 60er die nackte Uschi Obermeier waren, so stelle das pastellige Frauenhäuschen nun die Frau von heute dar: Die Frau, die sich lieber einen Matcha-Tee brüht, als über die Paygap nachzudenken. Die Frau, die lieber Me-Time in ihrer Pastellhöhle verbringt, als über das Wiederaufkeimende nukleare Wettrüsten nachzudenken. Kurz gesagt die Frau, die sich von der allgegenwärtigen Instagram-Zuckerwattewelt mit Probleme wie einer nicht vorhandenen thigh gap oder fehlendem Contouring von den wirklichen Problemen dieser Welt ablenken lässt.

Diese allgegenwärtige Ignoranz ist allerdings nicht unbedingt Frage der Geschlechter, wie auch Vice feststellt: Gegenstück der She Sheds sind die Man Caves, die Hobbyräume mit Flatscreen und Billardtisch, die perfekten Räume zum Abschalten und Wegschauen. Und das drückt eben nicht nur das Frauenbild 2017, sondern die allgemeine Lage aus: Wir schauen weg, wir verkriechen uns mehr denn je in unsere Me-Times und Wohlfühlräume und wir lassen die First World Problems da regieren, wo schon längst alle anderen Probleme angekommen sind, die wir aber zwanghaft verschwinden lassen wollen, indem wir sie ignorieren.

Wir sind wieder reingeschlittert in eine Zeit der Krisen, die so allgegenwärtig und so unlösbar werden, dass viele einfach den Kopf in den Sand stecken. Das ist allerdings kein neues Phänomen, sondern war in der Geschichte immer wieder zu beobachten – ein Klassiker wäre die Restaurationszeit: Während nach der Niederschlagung des Kampfgeistes der Französischen Revolution Zensur und Rückschritt durchgesetzt wurden, hielt sich die Bevölkerung einfach lieber in ihren gemütlichen Biedermeier-Wohnzimmern auf und zelebrierte das Teetrinken. Und während heute Trump die komplette Vernunft der Menschen und Medien durcheinanderwirbelt und neue Atomwaffen baut, während hierzulande arglose Flüchtlinge aus ihren Betten gezogen und abgeschoben werden, während im Sudsudan Millionen Menschen drohen zu verhungern, während täglich neue furchtbare Schlagzeilen auf uns einprasseln, entscheiden sich viele einfach dazu, Scheuklappen aufzusetzen.

Doch welcher Umgang mit all dem ist nun eigentlich der richtige? Wie viel Rückzug ist in Ordnung, wie viel Mitgefühl sinnvoll, wie viel Trauer kontraproduktiv? Auf der einen Seite sind all die Matcha Lattes, all die Instagramposts mit hübschen Blumen, all die Gedanken über genug Me-Time und das richtige Zeitmanagement so falsch, während um diese Seifenblase herum alles zu zerbrechen scheint. Das alles mitzubekommen fühlt sich falsch an, und dabei mitzumachen erst recht. Auf der anderen Seite steht die Frage nach der Alternative: Bis zu welchem Punkt hilft es, sich mit den täglichen Hiobsbotschaften zu befassen, und ab welchem Punkt raubt es einem selbst die Kraft, die man bräuchte, um zu helfen? Ab welchem Punkt zerbricht man selbst daran, und hilft es wirklich jemandem, alles zu nah an sich heranzulassen?

Ignoranz ist das, was niemandem hilft. Bewusster Selbstschutz ist allerdings eine andere Sache, ein Bewahren der eigenen Kräfte, um sie sinnvoll einsetzen zu können: Flüchtlingen aktiv zu helfen, statt nachts an ihre Schicksale zu denken. Einen Teil der monatlichen Lifestylekosten fest für Spenden einzuplanen. Oder aktiv für die eigenen politischen Werte einzutreten, anstatt jede neue Afd-Aktion zu beklagen.

Diese Klarsicht und Kraft, für die eigenen Werte einzustehen, hat man aber nur, wenn man bei sich ist. Sich nicht aufopfert, sondern auch Zeit für sich nimmt. Und auch den Blick für alles Schöne dieser Welt nicht verliert. Vielleicht sind Me-Time-Rückzüge tatsächlich nötig, um produktiv etwas tun zu können. Vielleicht ist das Ganze auch eine typische Gegenbewegung zur Krise, die die Welt heimsucht. Vielleicht ist nur ein einziger Umgang falsch: Ignoranz und Ausblendung von all dem, was außer der schönen Me-Time-Oase so stattfindet.

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4 Antworten zu “Kolumne: Von Ignoranz, She Sheds und Me-Time”

  1. Wie immer toller Text mit toller Message. Ich habe oftmals sogar das Gefühl, dass ich mich schlecht fühlen muss, weil ich öfter über diese echten Probleme grübele, als darüber ob meine Ernährung genug Power Food beinhaltet. Ist schließlich in und jeder, der über Me-Time und Co. quatscht wird gefeiert.
    Gut nochmal zu sehen, dass es auch andere gibt, die manchmal stutzen bei so viel Instagram-Glanz.

    Dieses Jahr habe ich einige tolle gemeinnützige Projekte geplant und will auch auf dem Blog etwas politischer werden. Da seid ihr ganz klar einer meiner Vorbildmedien.

    xx Ana http://www.disasterdiary.de

  2. Ihr lieben Amazedmag-Mädels!

    Ich bin eine notorische Nicht-Kommentiererin aller
    Seiten, die ich tagtäglich im Internet verschlinge aber
    nun muss ich es doch mal aussprechen: Ich habe das
    Gefühl, ihr werdet immer offener, immer reflektierter,
    immer politischer! (Und auch wenn dann zwischendurch
    immer mal wieder ein paar „lahme“ Sachen dabei sind,
    die finanzieren ja all die klugen Gedankenanstöße die
    ihr hier verbreitet!)

    Ein riesen Lob meiner Seits dafür, ich finds hier super!

  3. Hallo Milena,
    ich bin auch schon öfter in meinen Gedanken über diesen Aspekt gestolpert. Mitunter angestoßen wurde er wohl mal durch einen Blogartikel von Janet (sans mots).
    Oft überlegt, was ich dazu zu sagen habe, und ich muss sagen, du hast es sehr gut ausgedrückt und aufgeschrieben. Deine Fragen sind hilfreich, um sich kurz zu fragen, worum es hier denn geht und deine Antworten sind ein guter Ansatz. Nicht alles oder nichts, sondern eher der Mittelweg (wie so oft) ist ein richtiger Ansatz und Möglichkeit.

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