#MeTwo: Rassismus, jeden Tag

29. Juli 2018 von in

„Ich bin nur Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ich bin ein Migrant, wenn wir verlieren“. Es ist dieser Satz, der hängenbleibt, wenn man sich Mesut Özils Statement zu seinem Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft durchliest. Nun kann man von Özils Verhalten, der Tatsache, dass er wissentlich Wahlkampf für einen Despoten betrieben hat und dem ganzen Rattenschwanz an komplexer Doppelmoral, die an dem gesamten Fall hängt, halten, was man will: Dieser Satz ist ein Finger in der Wunde. Dieser Satz ist wichtig. Dieser Satz ist wahr. Und er hat eine Debatte ausgelöst, die seit Jahrzehnten vor sich hin brodelt und nun endlich, endlich einen Anlass hat, öffentlich und breitflächig geführt zu werden: Rassismus. Und ich sage bewusst nicht Alltagsrassismus, und ich sage auch nicht „Integrationsdebatte“, denn das Problem ist blanker, unverfrorener, in der Gesellschaft tief verankerter Rassismus in Reinform.

#MeTwo heißt der neue Hashtag, unter dem seit Donnerstag Menschen ihre Rassismuserfahrungen teilen: Two – wegen den zwei Identitäten, die offensichtlich auch im scheinbar so aufgeklärten 21. Jahrhundert und in einem der fortschrittlichsten Länder der Welt immer noch unvereinbar bleiben. Denn ein Kopftuch, dunkle Haut oder ein nicht-deutscher Nachname reichen aus, um in Deutschland nach wie vor als unzugehörig wahrgenommen zu werden – jeden Tag. Und das hat ganz konkrete Folgen, die weit über das schmerzhafte Gefühl hinausgehen, niemals genug sein zu können: Wenn ein Kind zum Beispiel trotz guter Noten in die Hauptschule gesteckt wird, weil der Lehrer der Meinung ist, dass es da unter „Gleichgesinnten“ sei. Wenn man keine Wohnung bekommt, weil der Vermieter „das“ nicht gerne sieht. Wenn man von der Polizei gefilzt wird, nur weil man aussieht, wie man aussieht. Wenn man seinen Job doppelt so gut machen muss wie alle anderen, um aufzusteigen. Wenn man jahrelang mit der Abschiebung rechnen muss, obwohl man kaum noch Bezug zum Heimatland hat. Oder wenn man auf der Straße angespuckt und als „Affe“ bezeichnet wird. Kurz: Wie es ist, ein Mensch zu sein, der unter ständigem Legitimationsdruck steht – der Vorurteilen wieder und wieder und wieder aktiv jeglichen Boden entziehen muss. Denn stammt man nicht aus Deutschland, dann fühlt man sich nonstop als Repräsentant*in einer Migrantengruppe: Und baut man mal Scheiße, dann fällt es auf alle zurück.

Systematische Diskriminierung hat die Eigenschaft, dass man sie schlicht und einfach nicht nachvollziehen kann, wenn man nicht von ihr betroffen ist – ihre Wucht, ihre Allgegenwärtigkeit, ihre Unausweichlichkeit. Was man aber dennoch tun kann, ist zuhören, ernst nehmen, wachsam und solidarisch sein. Den Mund aufmachen, wenn einem Rassismus – und sei es in einer scheinbar noch so subtilen Form – begegnet. Und Menschen zu Wort kommen lassen, die ihm jeden Tag ausgesetzt sind. #MeTwo ist ein Anfang.

 

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3 Antworten zu “#MeTwo: Rassismus, jeden Tag”

  1. Ich bin froh darüber, dass man heutzutage wenigstens seinen Namen behalten darf:
    1997, Einreise in die BRD: „Ihre Tochter sollte ihren Namen eindeutschen, für weniger Ausgrenzung.“
    Aus Ekaterina wurde Katharina, einfach mal so. Zurücktauschen darf ich diesen übrigens nicht, lt. Gesetz ginge das nur einmal und ich durfte ja schon mal…die Namen sehe zwar ähnlich aus, klingen aber total anders, ich hätte gerne den Namen denn meine Eltern für mich ausgesucht haben.

    • Danke, dass du das ansprichst! Das Thema der „Namenseindeutschung“ habe ich auch schon so oft mitbekommen und nie verstanden. Verstehe dich aber absolut, dass du deinen schönen Namen gerne zurückhaben würdest…

  2. Aus meinem Bruder Wladislaw wurde auf diese Weise Johannes (?!). In Wladislaw sei ja das Wort „Slawisch“ ja schon enthalten, das ginge nun mal gar nicht.

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