Kommt mit dem Mode-Comeback der 2005er auch das Body-Issue-Comeback?

12. Januar 2022 von in

Triggerwarnung: Body Issues, Body Shaming, Misogynie

Eine große Clique voller White People aus Kalifornien. Sie leben in der gleichen Nachbarschaft in Villen mit Pool, sind reich, modisch, dünn und ihr Leben durchwachsen von Intrigen. Ich spreche von der Serie The O.C., ebenso wie von der Reality-Tv-Serie Laguna Beach oder The Hills, die fast zeitgleich zu The O.C. ausgestrahlt wurde und die ich gelegentlich im Fernsehen sah. Die Shows haben jedoch nicht nur den Plot „Rich Kids aus Kalifornien“ gemeinsam, sie sind beide aus modischer Perspektive wichtiger denn je. 

„You guys are all dressing like the characters. I think you guys would be obsessed. I’m so shocked that The OC isn’t like reblown up like Gilmore Girls or Gossip Girl. If you’re Gen Z: Sit down and watch the art of The OC.“, das sagt die Tiktokerin @girlbosstown zu der Serie, die wir wahrscheinlich alle damals angesehen und teilweise geliebt haben. Was macht die Serie aus, dass sie heute als modisches Meisterwerk gefeiert wird? Sie trifft den Zeitgeist von 2004 perfekt. Alles an ihr erinnert mich an meine Schulzeit. Low Waist Jeans, schmale Augenbrauen, langes Haar, Strähnchen, Stufen, Metallic Lidschatten, Crop Tops, Satin Hängerchen, Tube Tops. All das sind modische Elemente aus der Serie, die die Looks der Protagonistinnen Summer und Marissa prägen.

Ich bin die letzte Person, die nostalgische Mode-Comebacks ablehnt. Was ich jedoch ablehne, sind die mit einher gehenden Body Issues, die gerne im Jahr 2005 bleiben dürfen. In dieser Zeit hatten wir gerade den von Kate Moss geprägten Heroine Chic der frühen Neunzigerjahre überwunden. Was wir nicht ahnen konnten war, dass sich das unerreichbare Körperbild der dünnen Frau ohne einem Gramm Speck am Körper als Schönheitsideal hielt. Hinzu kam nur ein abgewandelter Look, welchen Marissa Cooper aus The O.C. sinnbildlich verkörperte. Marissa Cooper, ebenso wie die Schauspielerin Mischa Barton, war zu dieser Zeit das Ideal der perfekten jungen Frau. Mischa Barton war das ultimative It-Girl und auf jeder Seite jeder Klatschzeitung zu sehen. Fotos von ihren Outfits überfluteten das Internet. Auf ihnen zu sehen eine junge Frau, deren Outfits vor allem die Aufgabe hatten, ihren Körper zu betonen. 

„Ich verbinde wenig gute Erinnerungen mit Low-Waist-Jeans, Lipgloss und Babydoll-Kleidern“

Die Serien, Filme, It Girls, Stars waren das Spiegelbild der Bedürfnisse einer westlichen Welt. Die Sehnsucht nach einem unerreichbaren Schönheitsbild. Jenes Schönheitsbild waren in dieser Zeit in der westlichen Welt: Mischa Barton, Alexa Chung, Sienna Miller, die Olsen Twins, nicht zu vergessen Paris Hilton und Lindsay Lohan, die Bad Girls. Sie alle prägten in dieser Zeit der frühen 2000ern den Begriff „It Girl“. Sie hatten perfektes Haar, trugen Babydoll-Kleider, Ballerinas, Röhrenjeans und waren vor allem: dünn. Ich war ungefähr 13 als The O.C. gemeinsam mit Laguna Beach groß wurden und die erste Generation It Girls in Hollywood geboren war. Natürlich will ich nicht alle meine Body Issues, die ich als pubertäres Mädchen hatte, auf zwei TV Shows und eine Handvoll Stars schieben. Sie waren nur das Abbild einer Zeit, in der es als junge Frau scheinbar das wichtigste war, dünn zu sein.

Die frühen Nullerjahre waren der Peak der Thinspo. Dieser Begriff trat zum ersten Mal in dieser Zeit auf, ebenso wie der Begriff Thigh Gap. In dieser Zeit, genau genommen 2006, war die Show Germany’s Next Topmodel geboren. Sie war die deutsche Antwort von Heidi Klum auf America’s Next Topmodel von Tyra Banks, und voll geballter Misogynie. Es wurde sich über Frauen lustig gemacht, die die audacity hatten, mit Konfektionsgröße 36 aufwärts auch nur den Gedanken zuzulassen, etwa eine Chance auf einen Platz bei GNT zu haben. „So ist das Business eben“, winkten Model-Mamas Heidi Klum und Tyra Banks damals nur achselzuckend ab. Dabei waren die zwei auch nur Rädchen in einem System, das darauf aus war, Frauen auf ein unerreichbares Ideal zu drillen.

„Tyra Banks und Heidi Klum waren auch nur kleine Rädchen in einem System, das darauf aus war, Frauen auf ein unerreichbares Ideal zu drillen.“

Tyra und Heidi drehten sich brav mit und hinterfragten nicht, wieso Models charakterlos, gehorsam, dünn und groß sein mussten. Stattdessen prahlten die zwei Models nur damit, dass sie es selbst noch viel schwerer hatten. Dass noch herablassender, noch menschenverachtender mit ihnen umgegangen wurde. Sie taten so, als würde das ihr Verhalten rechtfertigen. Rückblickend fühlt es sich absurd an, dass ich leidenschaftlich diese Shows angesehen habe, in denen junge Frauen systematisch heruntergemacht, erniedrigt und belächelt wurden. Dass sich die westliche Welt daran ergötzte, eine rassistische, sexistische und inhumane Show anzusehen. 

„Das ist natürlich nicht gut, dass du jetzt so zugelegt hast.“, Gastjuror
„Sie hat ein schönes Gesicht gesehen aber darunter waren fette Beinchen“, Wolfgang Joop
„Joana ist ein sehr hübsches Mädchen, aber Mädchen die sich ihrer Schönheit zu bewusst sind, die auch schon so eine gewisse Arroganz entwickelt haben, die kannst du nicht gebrauchen.“, Thomas Hayo
„Es gab Momente, da konnten wir uns das Lachen wirklich nicht verkneifen.“, Peyman
„Ich muss sagen in dieser Truppe sind wirklich tolle Körper dabei dieses Jahr.“, Heidi Klum

Bereits 54 Teile finden sich in der Video-Reihe „Germany’s-Next-Topmodel-Momente, die unserer Entwicklung nicht gut taten“, die die TikTokerin @ocemasch ins Leben rief. Darunter zeigt sie die sexistische, rassistische und menschenverachtende Snippets aus früheren GNT-Shows. Teilweise kann ich mich an die Snippets sogar erinnern. Ich kann kaum fassen, dass ich mir als junges Mädchen all diese Sendungen reingezogen habe, die systematisch meinen Selbsthass verstärkt und meine Body Issues ohne Ende getriggert haben. Wie sollte es auch anders hätte enden können als eine junge Amelie, die vor dem Spiegel steht und die Stellen ihres Körpers betrachtet, die sie ändern möchte. Dünner, schöner, besser, so, wie es ein misogyner Joop gewollt hätte. 

Die oben beschriebene Zeit erfährt ein Comeback. Zumindest ein modisches Comeback. Ich fühle die Millenial-Mode, ich rewatche gerne The O.C. wegen des Stylings, ich habe Spaß an der Nostalgie von Vintagemode. Doch diese Ära war eine, die von Körperkult und Frauenhass dominiert wurde. Dieses Comeback kann ich mir sparen. Ich verbinde wenige gute Erinnerungen mit Low-Waist-Jeans, Babydoll und Lipgloss. Umso mehr hoffe ich, dass ich es in ihrem Comeback schaffe, sie mit neuen Emotionen zu verknüpfen. Mit Selbstbestimmung, Körperakzeptanz und dem Gedanken, dass nicht alles zurück kommen muss.

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8 Antworten zu “Kommt mit dem Mode-Comeback der 2005er auch das Body-Issue-Comeback?”

  1. Ich stimme dir sowas von zu.

    Bin 34 Jahre alt und mit The O.C, Laguna Beach und alles was dazugehört großgeworden. Später dann Topmodels – klar.
    Es wundert mich nicht, dass ich (und der Großteil meiner Freundinnen) ein gestörtes Verhältnis zum Essen und dem eigenem Körper haben. Oft macht es mich richtig sauer, dass es praktisch kein anderes Körperideal als flacher Bauch und Hüftknochen gab und ich bis heute fast täglich an meiner eigenen Körperakzeptanz arbeiten muss (mein Körper würde in der Gesellschaft in die Kategorie schlanke ‚Norm` fallen).

    Aber nun gut – zum Glück ist bei dem Thema in den letzten Jahren Bewegung reingekommen. Das stimmt mich hoffnungsvoll und hilft mir mit meinen 2000er Körperkomplexen.

    Liebe Grüße!

  2. Erstmal: Danke für deinen Artikel. Ich nehme diesen Trend auch wahr.. Aber teilst du nicht auch hier auf dieser Webseite das von dir beschriebene Ideal? Also wenn ich mir die Cover von deinen Artikeln ansehe, finde ich exakt dieses sehr schlanke Frauenbild (+2000er Trends) wieder.. ist halt die Frage ob man es reproduzieren möchte? Oder sich davon distanziert..

    • Liebe Ella, schade, dass du das so empfindest. 2000er Trends mag ich per se, das habe ich auch in dem Text geschrieben. Ich trage gerne Lipgloss und mag nostalgische Looks. Die Frage ist nur, ob mit dem Trend automatisch ein gewisses Body Issue zurückkommen muss. Dass du mich als Teil eines strukturellen Problems Anfang der 2000er vergleichst, empfinde ich sogar als ziemlich verletzend, wenn ich ehrlich bin – und würde mir wünschen, dass du nochmal darüber nachdenkst, was du mit deiner Kritik genau meinst, und wie ich mich deiner Meinung nach von einem „extrem schlanken Frauenbild“ distanzieren soll. Liebe Grüße, Amelie

      • Liebe Amelie,
        danke für deine Perspektive!
        Ich muss zeitgleich sagen, dass bei mir auch dieses Gefühl hochkam – du bist ja selbst super privilegiert, was das angeht, sehr schlank und zeigst das auch, was du natürlich SOLLST. Aber wenn eine Person, auf die von außen betrachtet alle Schönheitsideale von damals zutreffen, sowas sagt, löst das irgendwie Frust aus bei Leuten, die nicht diesem Schönheitsideal entsprechen.

        • Liebe Elis, es stimmt, dass ich schlank bin und aus einer privilegierten Perspektive spreche, das hätte ich vielleicht noch klarer hervorheben sollen. Es tut mir sehr Leid, dass du (und mit dir sicherlich viele andere) frustriert bei dem Text bist. Das war nicht meine Absicht. Essverhalten und Body Issues sind ein sensibles Thema, das viele Menschen beschäftigt. Ich finde es wichtig, trotzdem oder gerade deshalb darüber zu sprechen – denn auch wenn ich mich in einer privilegierten Position befinde, bin ich trotzdem nicht gefeit davon. Viele schlanke und besonders sportliche Personen leiden unter Body Issues, da sie dem Druck des Schönheitsbildes erlegen sind. Mit dem wichtigen und großen Unterschied, dass sie dabei von der Gesellschaft gefeiert werden. Liebe Grüße, Amelie

      • Da habe ich mich wohl missverständlich ausgedrückt, das tut mir leid und sollte in keinem Fall verletzlich sein. Ich meine nicht dich als Person, sondern die Frauen, die du (oder ihr, ich weiß ja nicht, wer die Cover der Artikel gestaltet) abbildest, bzw. teilst. zum Beispiel über den Artikeln zu French Talk, Strickjacken und Cardigans, Grandma Knits, YouTube Sport, Hüte usw.

        • Liebe Ella, danke dir für die Korrektur. Dass wir ebenso Teil des Problems sind, sehe ich absolut ein. Es ist schwer, sich von Körperkult komplett zu distanzieren, da unsere ganze westliche Modewelt – trotz leichter Veränderungen in mehr Diversität – so stark darauf fußt. Trotzdem werde ich mir Mühe geben, zukünftig mehr darauf zu achten, welche Fotos wir verwenden. Liebe Grüße, Amelie

  3. Hallo Amelie

    sehr interessanter Post, der mich zum Nachdenken angeregt hat.
    Ich bin auch so ein Body Issue Opfer, bilde mir aber immer ein, dass ich meine eigenen Regeln befolge, was das körperliche Ideal betrifft.

    Dabei entspringt so ein körperliches Ideal ja selten aus dem eigenen Kopf, sondern wurde geprägt von Bildern, die man jahrzehntelang auf sich einwirken liess, bis sie irgendwann zur eigenen Norm wurden. Dennoch glaube ich, dass es so etwas wie eine persönliche Ästhetik gibt, völlig unbeeinflusst von aussen.

    Ich zB kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie ich „überleben“ soll in einer Grösse ab 38. Wie ich mich da überhaupt gut finden sollte.
    In meiner Vorstellung bin ich die ewige 34/36, schaue mir paradoxerweise aber sehr gerne Frauen mit einer 38/40/42 an, die mir damit oft richtig gut gefallen.
    Nur eben ich mir selbst damit nicht.

    Die Posts aus GNTM sind wirklich ekelhaft, vor allem, wenn man sich die Menschen, aus deren Mund das kommt, dazu mal anschaut.
    Da hätte jeder vor der eigenen Tür genug zu kehren gehabt.

    Diese Herabwürdigung, insbesondere die anderer Körper und die Reduzierung auf dieses eine Merkmal, ist schon extrem.
    Ich kann mir hier vorstellen, dass das daher rührt, weil es etwas ist, dass der Mensch noch am ehesten selbst beeinflussen kann. Man hört in solchen Shows ja selten, du bist ja eine hässliche Kuh, meist sind sie „nur“ zu dick. Das vermeintlich hässliche lässt sich ja nicht so schnell ändern wie ein Körper.

    Aber solange der Mensch Mensch ist, wird es solche Bewegungen geben, mal in die eine und mal in die andere Richtung, siehe Rubensfrauen.

    Am Ende liegt Schönheit in den Augen des Betrachters, egal, was andere sagen.
    Gut wäre allerdings, wenn es solche Formate, in denen öffentlich so abwertend beurteilt wird, nicht mehr gäbe.

    Am allerliebsten deswegen, weil sie sich keiner mehr anschauen möchte.

    Doch leider wird das eher nicht passieren, Menschen schauen sich einfach zu gerne mal Sendungen an, in denen andere herabgewürdigt werden, solange es ihnen nicht selbst passiert.
    Schade… aber ich befürchte, ein Ende dessen bleibt ein Wunschtraum. Man sollte nur nie aufhören zu träumen :)

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