Nichts passiert und doch so viel: Ein Jahr Pandemie.

11. März 2021 von in

„Und jetzt, jetzt ist das Leben völlig anders.“ Seufzend blickt mich der Briefträger an und nimmt einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Ich nicke, während ich vor der Bäckerei warte, dass ich eintreten darf. Gerade sind noch zwei Menschen drin. Maximalanzahl. „Wer hätte das gedacht, eine Pandemie. Das war ja wirklich das letzte, womit man gerechnet hat, nicht?“ Ich nicke wieder. Bevor ich etwas erwidern kann, kommt mir der Postbote zuvor. „Naja, da müssen wir durch, das kriegen wir hin.“ Ich nicke und bin mir nicht sicher, ob er meine Zustimmung überhaupt wahrnimmt. Ich glaube, er spricht mehr zu sich als zu mir. Doch er blickt mich erwartungsvoll an. „Wenn das hier vorbei ist, wissen wir hoffentlich alle unser Leben davor, all diese Freiheiten, das Normale wieder mehr zu schätzen und genießen es“, sage ich. Jetzt nickt er. „Ja, da sagen Sie was. Wir müssen das, was war, wirklich wieder mehr wertschätzen. Oder das was jetzt ist. Wie diesen Kaffee in der Mittagssonne.“ In seiner gelben Uniform strahlt er mich an, nimmt seinen letzten Schluck und verstaut die Tasse in seiner Tasche. „Bleiben Sie gesund.“ Und weg ist er. Briefe austragen. Ein systemrelevanter Job, denke ich, als ich mit FFP2-Maske endlich die Bäckerei betrete.

Systemrelevanz. Pandemie. Inzidenz. BionTech. AstraZeneca. Homeschooling. Corona-Ferien. Triage. Allgemeinverfügung. AHA-Regel. Reproduktionszahl. Hotspot. Quarantäne. Wörter, die ich vor einem Jahr noch nicht kannte oder in den Mund genommen habe. Wörter, die über die vergangenen 365 Tage einfach so in unseren Sprachgebrauch übergegangen sind. Ein Jahr SARS-COV2 – Covid19, ein Jahr Pandemie. Wie surreal.

Wenn ich in diesen Tagen an den März 2020 zurückdenke, kommt mir vieles surreal vor.

Vor genau einem Jahr saß ich mit meiner Mama an einer Hotelbar im Allgäu, wir aßen kleine Kuchenstücke und tranken Tee, nach einem langen Spaziergang in der Kälte. Corona war bereits in den Medien, die katastrophale Lage in Italien beunruhigte die Gemüter. Als sich die Hotelbesitzerin zu uns an den Tisch setze, spürte man: Irgendwas ist anders. „So viele Absagen, jede Stunde rufen Menschen an und stornieren ihren Osterurlaub“, sagte sie beunruhigt. Ein Gespräch über dieses unbekannte Virus, die Lage in Italien sowie die Hoffnung auf Pfingsten entspannte sich. Wir hatten ja alle keine Ahnung. Nach dem Plausch hüpften wir ins Spa, abends aßen wir neben anderen Menschen im Restaurant. Es war lecker, es war so normal.

Erst am nächsten Tag, als die bayerische Regierung über Schulschließungen sinnierte und die Medien das erste Mal über Hamsterkäufe berichteten, schwante meiner Mama und mir: Da braut sich was zusammen. Trotzdem – das Ausmaß der Pandemie war uns da, wie wahrscheinlich allen von uns, nicht bewusst. In keinster Weise.

Wir hatten keine Ahnung.

Eine Woche später verkündete zumindest hier in Bayern Markus Söder eine Ausgangsbeschränkung. Und ich saß in der Sonne, verfolgte die Pressekonferenz und machte Fotos davon. „Das ist Zeitgeschichte, ihr Lieben“, schrieb ich meiner Familie. Süß, wie die Journalistin in mir, aufgeregt und erstaunt über die neuen Regelungen war. Irgendwie spannend so eine Pandemie, dachte ich. Zwei Stunden später saß ich auf meinem Sofa und heulte. Bekam plötzlich Angst, was diese Ausgangsbeschränkung oder der sogenannte Lockdown bedeuten würde. „Darf ich bei einer Panikattacke zu meiner Familie?“, recherchierte ich im Internet, um wenig später noch ahnungsloser zu sein. Also beschloss ich, bei Angst und Panik würde mich nichts aufhalten. Zur Not würde ich mein Buch als Beweismittel zeigen. Ich trocknete meine Tränen und stellte mich der neuen Situation.

Mein Buch erschien, nur kaufen konnte es keiner. Selbst der Onlineriese Amazon hatte keine Bücher auf Lager, denn Haushaltswaren und Lebensmittel waren hoch im Kurs. Alles andere hatte keinen Platz im Lager. Warten, was für ein Novum in dieser schnelllebigen Zeit. Das Thema meines Buches hingegen war genau richtig. Angst, was passt besser in eine Pandemie, als Angst? Richtig, nichts. Und so lief mein Buch medial – sowie nach Lieferschwierigkeiten – auch im Verkauf sehr gut an. Während mein Highlight im Frühling nicht Lesungen vor Publikum waren, sondern in einen Supermarkt zu kommen und die frische Lieferung Klopapier zu entdecken.

Unglaublich, was es mit uns Menschen macht, wenn sich die Not bemerkbar macht. Das erste Mal in meinem Leben stand ich vor leeren Regalen, kaufte getrieben vom Aktivismus der Menschen um mich herum eine Packung Nudeln mehr und schnappte mir die letzte Tomatensoße. Denn wenn Krise, dann mit Nudeln mit Tomatensoße. Aber woher sollten wir es auch wissen? Meine Generation, ja auch die Generation unserer Eltern, lebte bisher im Wohlstand. Wie die Raupe im Speck, gewohnt, alles immer zu jeder Zeit verfügbar zu haben. Und so  ergriff die Krise die Menschen, sie hamsterten, aus Angst, das wohlgenährte System würde zusammenbrechen. Im Frühling war ich wütend, heute bin ich gnädig.

Wir reagieren eben auf Krisen unterschiedlich. Und manchmal gibt einem eine Packung Klopapier mehr im Haus Sicherheit. In unsicheren Zeiten.

April, Mai, Juni. Mit Maske einkaufen, easy. Zoom-Calls, ganz normal. Homeoffice-Tipps verteilen, mein neuer Nebenjob. Meinen Geburtstag im Juni feierte ich das erste Mal seit Jahren nicht im Garten mit meinen Liebsten, sondern im Mini-Kreis. Das war okay. Man adaptiert Regeln, gewöhnt sich an eine neue Realität. Und mit 34 Jahren brauchte ich auch ehrlich gesagt keine große Geburtstagsfeier mehr. Im Gegensatz zu all den Kindern, die verzichten mussten. Man vergisst ja gerne mal die Kleinsten, wenn sie nicht direkt zum eigenen Umfeld gehören. Bis ich sie jeden Tag vor meiner Haustüre hörte. Zu Schulzeiten. „Wie ist es so ohne Schule?“, fragte ich die Kleinen in meiner Mittagspause in der Sonne. „Doof.“ „Vermisst ihr eure Freund*innen?“ „Ja.“ „Nächste Woche soll es ja weitergehen.“ „Ja, zum Glück.“ Und das aus dem Mund eines Neunjährigen Während die Kinder zu zweit weiterspielten, blickte ich ihnen nachdenklich nach. Wir hatten keine Ahnung.

Juli, August, September. Normalität. Fast. Ich aß wieder in meinen liebsten Restaurants. Draußen, in Schanigärten. Traf vereinzelt Freund*innen. Wagte kleine Gedanken an einen Urlaub. Besuchte meine Familie. Verbrachte Abende mit meinen Lieben im Garten. Und trank sogar mal einen Wein in einer Bar. Nach Monaten. Draußen natürlich. Aber man wird genügsam. Und dankbar für Möglichkeiten. Trotzdem gab es auch Momente, in denen ich merkte: So normal ist nichts mehr.

Oktober. Ich sagte zum ersten Mal eine Geburtstagsfeier ab – wegen der Pandemie. Und nicht wegen meiner Angst. Ich weiß nicht, ob ich weinen oder lachen soll. Ich verzichtete aufs Sporteln in der Gruppe, weil ich vorsichtig sein wollte. Nichts riskieren. Und tat es dann doch: Ich aß noch einmal in einem Restaurant. Mit fünf Menschen. Innen. Fühlte mich rebellisch. Aber es tat so gut.

Ein fast normaler Abend. Fast wie ein Abschied für Monate.

November. Lockdown Numero 2. Meine journalistische Aufregung war verdrängt worden von Realitätssinn. Kurze Tage, wenig Abwechslung. Sport zu Hause als Medikament gegen die Einöde. Mitgefühl für alle Kinder und Eltern. Immer wieder Wut. Über Corona-Leugner*innen, über Menschen, die Regeln brechen. Um im nächsten Moment doch zu erkennen: Jeder Mensch geht anders mit Krisen um. Niemand – auch ich, kleiner Schlaubischlumpf nicht, weiß, wie es Menschen geht. Und was sie brauchen, damit sie durchkommen, durch diese dunklen Tagen, durch diese Langeweile, durch diese Einsamkeit. Wie sie überleben.

Ich klopfte mir auf die Schulter. Für mein gutes Befinden. Für meine Kraft und Stärke. Für meine Resilienz, die ich höchstwahrscheinlich durch meine Angst schon vorher erlangt hatte. Und beschloss, gnädiger zu werden. Menschen nicht mehr innerlich zu ver- und beurteilen, sondern verständnisvoll zu sein. Und trotzdem meinem Freundeskreis zu sagen, dass eine Reise nicht unbedingt jetzt eine gute Idee ist. Aus mehreren Gründen. Aber vor allem aus Respekt an die Menschen, die ihre Liebsten verloren haben. Die gerade verzichten oder alles geben. Familien in Trauer. Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen. Der Einzelhandel und die Gastronomie. Alle Menschen, die jetzt um ihre Existenz bangen. We’re in this together.

Trotzdem ist es mir wichtig zu sagen: Eine Reise – oder jeder andere „Regelbruch“ – hat ihre und seine Berechtigung. Wenn es dein Leben rettet. Dich vor dem Durchdrehen. Dann fahr an den Strand. Aber check your privilege. Ein „Ich war so lange nicht mehr im Urlaub und brauche mal einen Tapetenwechsel als Mensch mit glücklicher Beziehung in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit sicherem Job“ ist damit nicht gemeint. Sprich lieber mit deiner alleinerziehenden Nachbarin oder dem Besitzer deiner Lieblingsbar.

Aber so ist das in einer Pandemie: Es ist ein stetiges Abwägen des Einzelnen. Was kann ich verargumentieren, was ist der Wunsch nach Normalität und was ist einfach ein absoluter Ego-Move gegenüber dem Rest der Bande?

Dezember. Diskussionen in der Familie. Weihnachten – ja oder nein. Schnelltests? Was ist eigentlich überhaupt erlaubt? Und wo sitzt der Pandemietreiber denn nun eigentlich? Schlechtes Gewissen vs. Wunsch nach Normalität. Wenigstens jetzt, die Feiertage. Das erste Mal Silvester über Facetime. Und Abschied von einem so merkwürdigen Jahr. Eines, das es so gut meinte mit mir und trotzdem immer auch wegen dieser verflixten Pandemie in Erinnerung bleiben wird.

Januar. Februar. Ich vermisse meine Freunde und Freundinnen. Freundschaften haben sich verändert. Wer sich selten sieht, nichts erlebt, wird still. Stiller als sonst. Digitale Übersättigung, Durst nach Offline-Leben. Jeder Tag ist gleich. Sport, Arbeit, Netflix. Ein Spaziergang zwischendrin. Und ein Hund. Endlich wieder Abwechslung. Eine Aufgabe. Und trotzdem: müde. So müde.

März. Was, schon März? Ungläubiger Blick auf den Kalender. Ein Jahr vergangen. Neben die Sehnsucht nach Normalität hat sich auch Resignation gemischt. Lockerungswirrwarr, Impfchaos und Vorsicht. Normalität, vielleicht irgendwann. Sicher nicht demnächst. Ich bin müde. Die letzte Pressekonferenz habe ich nicht mal mehr zu Ende gesehen. Nachrichten über Corona übersprungen. Mein Glück im Kleinen gesucht. Mit Hund in der Sonne spazieren. Ein heller Himmel nach 18 Uhr. Ein Plausch mit der Nachbarin über den letzten Einkauf. Denn passiert ist nichts. Und doch so viel.

Vor einem Jahr ging die letzte normale Woche zu Ende. Die Woche, in der ich unbeschwert ins Restaurant ging. In der ich Pläne schmiedete, die über eine Woche hinausgingen. In der ich nicht in Frage stellte, demnächst wieder auf einem Konzert zu sein, eine Bar mit Freund*innen zu besuchen oder selbst eine Lesung zu halten. „Hoffentlich wird am Ende alles gut“, sagte vor einem Jahr die Hotelbesitzerin zu meiner Mama und mir. Optimistisch wie ich bin, sagte ich: „Bestimmt.“

Wenn ich heute an das kleine Hotel im Allgäu denke, schmerzt mein Herz und Bauch. Ich will gar nicht wissen, wie groß ihre Sorgen heute sein müssen. Wie schwer die Last der Pandemie auf ihren Schultern liegt. 

„Und jetzt? Jetzt ist alles anders“, sagt der Briefträger zu mir. Er hat Recht. Alles anders. Die Sehnsucht nach der alten Normalität begleitet mich, uns. Noch einmal auf ein Konzert gehen. Noch einmal mit meinen Liebsten eine Nacht in einer dicht gedrängten Bar stehen. Ob wir uns überhaupt noch wohlfühlen würden? Die alte Normalität scheint so fern, dass ich gar nicht weiß, ob wir – sollten wir irgendwann alle geimpft sein – völlig eskalieren oder wie scheue Rehe erstmal nur einen kleinen Blick wagen.

Ich weiß vor allem eins: Das Jahr hat mich genügsam gemacht. Und damit meine ich nicht nur mit meinem Kleiderschrank, der mir vor Augen geführt hat, wie viel von dessen Inhalt so unnötig ist. Sondern mit allem, was mich umgibt. Ich bin dankbar für meine Familie, meine Freund*innen und meinen Job, der zeitweise Achterbahn gefahren ist, aber trotzdem irgendwie bedeutsam zu sein scheint. Es geht immer weiter. Ich achte so sehr auf meine Gesundheit wie noch nie. Krank werden, bitte nicht. Ich ziehe meinen Hut vor der persönlichen Leistung so vieler Menschen, so viel mehr als davor, und ich spreche es öfter aus. Wenn man schon nicht helfen kann, kann das Wort vielleicht den Tag erhellen. Ich bin dankbar für meine vier Wände, für einen Garten, meinem kleinen Homeoffice. Und ich schätze all das, was möglich war. Mehr als je zuvor.

Werde ich diesen Sommer wieder essen gehen? Ich hoffe es. Werde ich irgendwann wieder unbeschwert einen Stadtbummel machen können? Ich hoffe es. Werde ich irgendwann wieder mit 25 Leuten zusammen in einem Raum sitzen oder feiern können? Ich hoffe es. Aber eins weiß ich: Ich werde es so viel mehr genießen. Wertschätzen. Und tief im Herzen verankern. Ein Jahr Pandemie hat mir noch einmal mehr gezeigt: Nichts ist für immer. Und jede Woche kann die letzte normale sein. Und das, ihr Lieben, gilt leider nicht nur für eine Pandemie. Sondern für unser ganzes Leben.

 

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2 Antworten zu “Nichts passiert und doch so viel: Ein Jahr Pandemie.”

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