Tabuthema Periodenarmut: Wie die Gründerinnen von Social Period Frauen* in Not helfen wollen

1. September 2020 von in

Ich würde von mir behaupten, ich bin eigentlich ein ziemlich aufgeklärter Mensch, lese jeden Tag verschiedene Medien und versuche, mich ausgiebig in alle wichtigen, gesellschaftlichen sowie aktuellen Themen einzuarbeiten. Und doch passiert es dann, dass ein Begriff fällt, ich ihn irgendwann schon mal gehört habe, aber merke: Upsi, mein privilegierter Blick hat das Problem verdrängt.

So geschehen vergangene Woche, in der ich nicht nur lernte, dass wir die Senkung der Tamponsteuer nicht nur Einhorn & seinen MitstreiterInnen zu verdanken haben, sondern vor allem zwei Powerfrauen namens Yasemin Kotra und Nanna-Josefine Roloff, die jahrelang dafür gekämpft haben, dass die Mehrwertsteuer auf Hygieneprodukte auf 7% im Oktober 2019 gesenkt wird. Mehr zur Problematik des Diskurs hier und hier.

Außerdem hörte ich nach langer Zeit den Begriff Periodenarmut wieder – und wusste erst nicht so richtig, was der Begriff nochmal bedeutet. Doch das Team von Social Period klärte mich relativ schnell auf. Der Verein ist eine soziale Initiative, die sich dafür einsetzt, dass wirklich jede Frau* Zugriff auf Menstruationsprodukte hat. Denn – und das mag den ein oder anderen überraschen – Periodenarmut ist auch in Deutschland ein Problem. Social Period stellt Spendenboxen für Menstruationsprodukte im öffentlichen Raum auf und spendet die Sachspenden später an soziale Einrichtungen für obdachlose und wohnungslose Menschen. Gegründet wurde der Verein 2019 von den Freundinnen Katja Dill und Undine Mothes. Schnell trommelten sie ihre SchulfreundInnen zusammen, und das Team machte sich an die Arbeit.

„Zum Erwachsenwerden gehört für uns auch, sich mit seinen Privilegien auseinanderzusetzen und für uns bedeutet das als Folge auch, Verantwortung zu übernehmen. Wir sind unzufrieden mit dem, wie unsere Gesellschaft mit obdachlosen Menschen umgeht und dass diese Gruppe immer wieder Stigmatisierung erfährt. Darüber hinaus macht uns die Nichtbeachtung von Frauenrechten gleichermaßen wütend und traurig, weshalb wir die genannten Problematiken positiv und nachhaltig beeinflussen wollen“, sagen die Gründerinnen von Social Period.

Ganz begeistert von der Initiative und der wichtigen Arbeit,
habe ich dem Team von Social Period ein paar Fragen gestellt. Denn nur wer fragt, lernt auch dazu.

Ihr Lieben, könnt ihr den Begriff Periodenarmut nochmal erklären?

Bei „Periodenarmut“ oder „period poverty“ handelt es sich um den fehlenden Zugang zu Sanitärprodukten und Toiletten und ist folglich ein Problem, das viele Menschen auf der ganzen Welt betrifft. Die Periodenarmut resultiert in gesundheitlichen Problemen wie Stress, bakteriellen Infektionen oder auch in den Umstand, dass der Schulbesuch ausfällt. Neben fehlenden finanziellen Mitteln ist auch ein fehlender Zugang aufgrund einer stetigen Stigmatisierung der Menstruation ursächlich für Periodenarmut. Aus diesem Grund gilt auch die Enttabuisierung der Periode und korrekte Aufklärung über eine gesunde Menstruationshygiene als wichtiges Ziel im Kampf gegen die Periodenarmut.

Wer ist von Periodenarmut am häufigsten betroffen?

In Deutschland sind besonders obdach- und wohnungslose Menschen von der Periodenarmut betroffen, aber auch andere Menschen in Notlagen, die sich Hygieneprodukte schlichtweg nicht leisten können. Es ist wichtig zu erkennen, dass die Periodenarmut verschiedenste Gesichter hat und zum Beispiel oft auch Frauen* mit Fluchterfahrung betrifft.
In Deutschland gibt es laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe circa 100.000 Frauen*, die wohnungslos sind. Die Caritas schätzt, dass in Berlin, wo Social Period bislang vertreten ist, etwa 2.500 Frauen* auf der Straße leben. Der Strassenfeger-Verein schätzt, dass davon circa 70 Prozent zwischen 18 und 40 Jahre alt sind, und diese Gruppe also mehr oder weniger regelmäßig menstruiert. Da es sich bei diesen Angaben um Schätzungen handelt, ist die Dunkelziffer vermutlich um einiges höher. Der Bedarf an Hygieneprodukten ist stets hoch.

Hygieneprodukte kosten Geld – ist das der häufigste Grund für Periodenarmut?

Man geht davon aus, dass Frauen* ungefähr 500-mal im Laufe ihres Lebens menstruieren. Auch wenn der biologisch weibliche Zyklus sehr individuell ist, weshalb wir versuchen, die Angabe solcher Zahlen eher zu vermeiden, um nicht noch weiter gängige Periodenmythen zu füttern. Feststeht aber, dass Frauen* regelmäßige finanzielle Ausgaben haben, um ihre Grundhygiene beizubehalten. Gleichzeitig kannst Du dir als Frau nicht aussuchen, ob du beispielsweise eine starke oder eher schwache Periode hast. Periodenarmut äußert sich dann beispielsweise so, dass Tampons länger getragen werden als vorgegeben, um Produkte zu sparen.
Viele Menschen haben vielleicht Obdach, aber trotzdem kaum die finanziellen Mittel, um sich oder Familienmitglieder mit diesen Produkten zu versorgen. Laut Studien geht man davon aus, dass Frauen* im Durchschnitt circa 21.000 Euro in ihrem Leben für Sanitärprodukte ausgeben. Wenn dieser Betrag für manche jetzt vielleicht nicht so hoch wirkt, dann zeigt das uns eigentlich nur, wie tief es in der Wahrnehmung unserer Gesellschaft verankert ist, dass Frauen* für ihre Menstruation finanzielle Einbußen hinnehmen müssen. Nach Artikel 11 des UN-Sozialpakts hat jeder Mensch das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard. Für uns gehören dazu auch definitiv Menstruationsprodukte.

In den letzten Jahren sind besonders Menstruationscups sehr beliebt geworden, sicherlich auch, weil sie nachhaltiger und im Schnitt günstiger sind als Binden oder Tampons. Oftmals wird hier aber wieder vergessen, dass diese auch nicht die perfekte Lösung für jede Frau* sind.

Gerade obdachlose Menschen haben oft nicht die Möglichkeit die Cups regelmäßig abzukochen und können sich nicht immer und überall ihre Hände waschen.

Je länger wir uns damit auseinandersetzen, desto klarer wird uns, dass unsere Gesellschaft die monatliche Menstruation oft als lästiges Problem wahrnimmt, worüber Frauen bitte bloß nicht reden sollen. Dabei ist sie ein extrem wichtiges Indiz für den Gesundheitszustand eines Menschen und sollte mit Respekt und Würde behandelt werden. Genau deshalb liegt uns die Aufklärungsarbeit auch sehr am Herzen.

Wie lösen Frauen, die von der Periodenarmut betroffen sind, das Problem?

Statt Menstruationsprodukte werden oft alte Lappen, Zeitungen oder Socken genutzt. Das sind ganz klar sehr unhygienische Alternativen. Neben den gesundheitlichen Risiken wie bakterielle Infektionen, sind die Frauen* auch in ihrer Bewegung stark eingeschränkt. Man muss hier auch bedenken, dass Infektionen oft unbehandelt bleiben, da eine regelmäßige ärztliche Untersuchung bei obdachlosen Menschen nicht immer stattfindet.

Ihr habt Social Period gegründet, um betroffenen Frauen zu helfen. Wie kam es dazu und was ist eure Mission?

Katja hat für ein Seminar im Sommer 2019 an der Universität Hamburg eine Einrichtung für obdachlose Menschen besucht und ist daraufhin das erste Mal bewusst mit dem Problem der Periodenarmut in Berührung gekommen. Dieser Besuch hat Katja so aufgerüttelt, dass sie nicht mehr wegschauen konnte und sich mit Undine Lösungen überlegt hat, um dieses Problem zu beenden. Kurz darauf haben die Beiden den Verein Social Period ins Leben gerufen. Unser Verein stellt Spendenboxen  gut sichtbar im öffentlichen Raum, beispielsweise im Eingangsbereich von Drogeriemärkten und Supermärkten, auf, sodass Besucher*innen Hygieneprodukte spenden können. Anschließend geben wir die Sachspenden an soziale Einrichtungen weiter.

Wie werden eure Spendenboxen bislang angenommen?

Unsere Spendenboxen stehen seit Mitte Juli in drei ausgewählten Edeka-Filialen an verschiedenen Standorten in Berlin. Bislang läuft es sehr gut an, und wir haben viele, erste Sachspenden erhalten. Auch im öffentlichen Raum stoßen wir bislang auf sehr positive Resonanz.

Wie ist das Echo der Frauen*, die dank eurer Aktion Hygieneprodukte bekommen?

Auch hier haben wir bisher nur positives Feedback erhalten. Besonders die Caritas hat sich außerordentlich bei uns bedankt. Wir stehen aber noch am Anfang und wollen noch mehr Boxen produzieren, aufstellen und noch mehr Frauen* helfen und holen dafür gerade noch mehr Feedback ein, um den Prozess zu optimieren.

Was würdet ihr euch von der Gesellschaft oder Politik bezüglich  Periodenarmut wünschen?

Lange Gespräche mit sozialen Einrichtungen in Berlin, die wohnungs- und obdachlose Menschen unterstützen, haben uns die ganze Bandbreite des Problems vor Augen geführt und uns gezeigt, wie wenig politisch dafür getan wird. Wir würden uns ganz klar mehr öffentliche Aufklärung und Interesse an dem Thema wünschen.

Wir sind überzeugt davon, dass wir gerade versuchen, ein Problem zu lösen, was eigentlich gar keines sein sollte.

Warum glaubt ihr, ist die Periodenarmut immer noch so ein Tabuthema?

Das hat unterschiedliche Gründe. Leider treffen bei dem Thema Periodenarmut zwei extrem stigmatisierte Themen zusammen. Obdachlosigkeit ist ein Thema, welches gerne ignoriert wird und oft als „unlösbar“ gilt. Gerade in Großstädten wie Berlin gehören obdachlose Menschen fast zum Stadtbild dazu ,und man übersieht sie im großstädtischen Alltagstrubel.
Der biologische, weibliche Zyklus hingegen wird seit Jahrhunderten vom male gaze dominiert. Das heißt, klinische Studien werden von Cis-Männern für Cis-Männer erstellt. Der biologische, weibliche Körper wird als anders betrachtet in Relation zum Standard des biologisch männlichen Körpers. Die Folgen davon sind bis heute Stigmatisierung, Verachtung und Ekel.

Ich persönlich erinnere mich zum Beispiel noch an die Panik vorm Schwimmunterricht in der Schule, da ich bald meine Tage bekommen sollte. Durch jüngere Familienmitglieder weiß ich, dass sich da nicht viel geändert hat und die Periode immer noch mit viel Scham behaftet ist.

Was würdet ihr Frauen sagen, die unter Periodenarmut leiden?

Wir würden Verständnis zeigen, hoffen, dass sie sich nicht schuldig fühlen und sie dazu ermutigen, die Angebote, die existieren, auch zu nutzen. Wir würden auch darauf aufmerksam machen, dass es positive Entwicklungen und Bewegungen gibt, welche daran arbeiten, das Problem zu lösen. Hierzu zählt, dass in England alle staatlichen Schulen und Colleges die Möglichkeit haben, umsonst Periodenprodukte zu bestellen, die im nächsten Schritt dort kostenlos zur Verfügung gestellt werden. In Schottland wiederum werden an vielen öffentlichen Orten Menstruationsartikel kostenlos vergeben. Auch die Abschaffung der sogenannten „Tamponsteuer“ in Deutschland ist ein gutes erstes Signal. Es gibt also Grund zur Hoffnung.

Habt ihr geplant, noch mehr Spendenboxen – vielleicht auch deutschlandweit – aufzustellen?

Unser Ziel ist es, so vielen Frauen* wie möglich zu helfen. Aus diesem Grund würden wir auf jeden Fall gerne so viele Boxen wie möglich deutschlandweit aufstellen. Das ist aber ganz klar auch eine Frage der Logistik und der Finanzierung. Wir fokussieren uns deshalb zunächst auf den Berliner Markt, den wir gut kennen und wo wir bereits feste Partnerschaften mit Versorgern haben und wollen hier in den nächsten Monaten noch etwa sieben Spendenboxen aufstellen.

Wie können wir und unsere Leser*innen euch unterstützen?

Gerade weil unsere Initiative noch in den Startlöchern steckt, haben alle, die sich engagieren wollen, die Möglichkeit, Social Period von Anfang an mitzugestalten. Wir freuen uns immer über jedes neue Mitglied, Spenden und auch jeden, der sich vielleicht durch uns ein wenig mehr mit dem Thema auseinandersetzt. Wenn sich jemand für uns engagieren möchte und einmal im Monat den Inhalt einer Spendenbox im Kiez abholen und zu einer der Anlaufstellen bringen könnte, wäre uns das auch eine enorm große Hilfe.

Außerdem hat Social Periode gerade eine Alles-oder-Nichts-Spendenkampagne auf Startnext am Laufen. Denn bislang finanzieren Katja und Undine alle Ausgaben selbst, wollen aber langfristig noch mehr Boxen produzieren und aufstellen. Wer also Gutes tun will und einen gesellschaftlichen Beitrag leisten mag, kann Social Period hier unterstützen.

– Anzeige wegen Markennennung –

Sharing is caring

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars bestätigst Du, dass Du unsere Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen hast.