The Talk: Warum sind es so oft die Frauen, die mehr wollen?

25. Juli 2018 von in

Beziehungsunfähigkeit – das Schlagwort Michael Nasts, das so falsch in seiner vermeintlichen Erklär-Fähigkeit ist. Seitdem es in den Umlauf gebracht wurde, wird es regelmäßig als Ausrede für das Nichtwollen, Zuwenigwollen oder Nursexwollen missbraucht, bin eben beziehungsunfähig, ich kann doch auch nichts dafür, ich würde ja gern anders, zack fertig. Was dabei immer wieder aufs Neue auffällt und übel aufstößt: Fast immer ist der männliche Part einer Zweierkonstellation derjenige, der diesen emotionalen Rückzieher macht und ihn mit der vermeintlichen Beziehungsunfähigkeit erklärt.

Vor Kurzem las ich mal wieder einen Artikel in der Psychologie heute über das Thema Beziehungsunfähigkeit, in dem auch mal wieder festgestellt wurde, dass diese vor allem das männliche Geschlecht betrifft.Von der Angst vor Autonomieverlust ist da die Rede, von einengenden Erwartungen und dem dadurch eintretenden Gefühlstod, von Verlustängsten, die einen daran hindern, überhaupt etwas zu riskieren. Von den vier Grundbedürfnissen, die in ihrer Gewichtung durcheinander geraten können: das Bedürfnis nach Bindung, nach Autonomie und Kontrolle, nach Selbstwerterhöhung und nach Lustgewinn. Und vom drohenden Selbstverlust, den man nur dann nicht spürt, wenn man sich frei macht von fremder Erwartung: Wer allein von Elternseite her immer viele Erwartungen erfüllen musste, fühlt sich nur geliebt, wenn er diese fremden Erwartungen erfüllt – spürt sich aber selbst dabei nicht mehr. Das kann dazu führen, sich nur ganz frei von fremden Erwartungen selbst spüren zu können, und damit immer wieder den Rückzieher in Sachen Beziehungen zu machen.

Sind wir dieser Rolle denn wirklich ausgeliefert, ohne wirklich etwas dagegen tun zu können?

All diese Mechanismen sind nachvollziehbar, können jedoch Männer wie Frauen gleichsam betreffen. Was ist also nur der Grund dafür, dass die „Beziehungsunfähigen“ so häufig die Männer sind? Dass die typische Rolle der Frau darin zu bestehen scheint, den störrischen Mann davon zu überzeugen, es nun eben doch mit ihr zu versuchen, über Sex hinaus zu gehen? Und sind wir dieser Rolle denn wirklich ausgeliefert, ohne wirklich etwas dagegen tun zu können?

Ein Thema wie dieses mit der biologischen Gegebenheiten der Geschlechter zu erklären, wäre zu einfach gedacht. Denn wenn es einen Grundstein der Geschlechterforschung gibt, den man sich immer vor Augen halten sollte, ist es die Tatsache, dass viel mehr Geschlechtsidentität anerzogen ist, als wir uns vorstellen können. Dass Frauen häufiger dazu tendieren, in die Rolle desjenigen zu verfallen, der mehr will als der andere, kann also auch schon ein Muster sein, das zu einem gewissen Teil anerzogen ist: Frauen versuchen häufig, sich einen Mann „zu schnappen“, ihn vom Gedanken umzupolen, nur auf Sex aus zu sein, wollen ihn verändern und ihn dazu bringen, sich in sie zu verlieben und zu bleiben. Dieser Plot zigtausender Filme mag dazu beitragen, dass Frauen oft in dieser Rolle landen, doch wäre auch das zu einfach gedacht.

Toxic Masculinity

Dazu kommt noch ein Faktor, der anerzogen ist: die Kommunikationsfähigkeit. Immer und immer wieder laufen die Geschichten auf dasselbe Schema hinaus: Die Frau grübelt über die Bedeutung bestimmter Nachrichten oder eben Nichtnachrichten und wiegt den Verfasser oder auch Nichtverfasser davon im „benefit of the doubt“ – bestimmt hat er einfach kein Netz, ist momentan halt viel beschäftigt, hat Angst vor Nähe oder Angst vor seinen Gefühlen. Während der männliche Part des Ganzen ohne Scheu vor emotionalen Knäcksen und Verlusten so lange die körperliche und seelische Verfügbarkeit seines Gegenüber auskostet, bis es „ernst“ wird – um dann einen Rückzieher zu machen, sich keiner verbalen Konfrontation zu stellen und den Kopf ganz einfach in den Sand zu stecken, keine Antwort mehr und Ghostingmodus, weil es eben nun mal der einfachste Weg ist. Toxic Masculinity ist hier das Schlagwort: Die anerzogene Unterdrückung von Emotionen, das Nie-darüber-sprechen, die Verharmlosung diverser Fehler mit „boys will be boys, so sind sie halt“ und die daraus resultierenden Schäden, die Männer nicht nur sich selbst, sondern auch ihrer Umwelt zufügen – und vor allem ihren PartnerInnen. Und darauf prallen so oft die Frauen, die gelernt haben, alles zu hinterfragen, zu durchleuchten und zu besprechen – und Männern mit diesen normalsten zwischenmenschlichen Fähigkeiten Angstschweiß auf die Stirn zaubern.

Sind wir unterbewusst immer auf der Suche nach einem Vater für unsere Kinder?

Männliche „Beziehungsunfähigkeit“ könnte also ein Stück weit mit anerzogenen Verhaltensmustern oder auch Verhaltensdefiziten zusammenhängen. Doch gibt es für dieses komplexe Thema eben nicht nur eine Erklärung. Ist es vielleicht ein Stück weit doch auch biologische Determiniertheit, die den Frauen mehr einbläut, einen Partner finden zu wollen, der dauerhaft bei ihnen bleibt, als andersherum? Auch, wenn nicht jede Frau einen Kinderwunsch hat, ist dieser doch sehr weit verbreitet und bestimmt leider so einiges in unserem Leben – wie eben auch die ständige Suche nach einem Vater für diese Kinder, während der Mann an sich ganz andersherum seine Gene an so viele Frauen wie möglich verbreiten könnte, rein biologisch gesehen. Für die Frau reicht ein einziger Mann zur Fortpflanzung, der zusätzlich wünschenswerterweise auch noch ein Stück weit die Rolle des Versorgers einnimmt, zumindest für die Zeit, in der wir allein aus körperlicher Sicht eine Weile ausgeknockt sind – auch, wenn es sich dabei auch nur um ein paar Wochen handeln könnte. Aus dieser Rolle können wir, wenn wir eben ein Kind bekommen, leider nicht heraus, so feministisch und emanzipiert wir auch sein mögen – einen kurzfristigen Rückhalt brauchen wir, sei es ein Partner, der Staat, die Familie oder das Selbstersparte. Und in der romantischen Standardvorstellung nimmt der Partner diese Rolle des Unterstützers in sehr vielen Köpfen ein – eine grundlegende Erwartung an die Männerwelt, die von den Frauen ausgeht. Dass wir außerdem ein viel kleineres Zeitfenster für das Kinderkriegen haben als besagte Männerwelt, macht den Druck in der Angelegenheit nicht kleiner.

Bei der Rolle des Versorgers wären wir also wieder beim Thema der fremden Erwartungen, die die Liebe im Keim ersticken können und für Rückzug sorgen – dass die Versorgerrolle nicht jedermanns Sache oder gar Lebensziel ist, kann ich absolut verstehen. Und während diese Rollenbilder hier natürlich sehr einfach, schematisch und extrem dargestellt sind, komme ich trotzdem zu der Frage: Haben wir als Frauen überhaupt die Möglichkeit, aus dieser Rolle des ewigen mehr-als-der-andere-wollens auszubrechen? Sind wir wirklich dazu verdammt, für immer auf der großen Suche nach Liebe und Romantik zu sein, während Männer reihenweise abhauen, wenn es neben gutem Sex auch ernst werden könnte? Führt die toughe Selbstständigkeit und das keinen-Partner-brauchen uns wirklich weg davon, oder knicken wir am Ende doch wieder ein, wenn der Kinderwunsch anklopft?

Aussieben und Warnzeichen erkennen

Die vielen Geschichten, die immer wieder dem gleichen Schema entsprechen, sind jedenfalls zum Haareraufen. Und ich würde am liebsten nicht einmal mehr dieselbe Story mitbekommen, in der eine Freundin, Bekannte, Filmfigur oder sonst wer nach ein paar Wochen rosa Lovebirdwelt eiskalt sitzen gelassen wird, während der Mann so tut, als sei sie eine klettige Furie. Reminder: Das sind wir nicht, und nichts davon ist falsch, wenn man grundlegende zwischenmenschliche Standards einfordert. Hier also ein paar Erklärungsversuche des Problems, auch wenn das Verständnis leider nicht davor bewahrt, immer wieder in dieser Rolle zu landen. Vielleicht lässt sich mit dem Verständnis aber trotzdem besser aussieben und frühe Warnzeichen erkennen – denn es gibt sie natürlich trotzdem, die Männer, die sich nicht vor Kommunikation scheuen, die Verantwortung tragen können und tragen möchten, die sich festlegen wollen und die im Team denken. Und alle anderen könnten sich 2018 endlich mal darum bemühen, klare und ehrliche Kommunikation zu lernen – damit wäre schon vielen geholfen!

Filmstill: Le Mépris

 

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Eine Antwort zu “The Talk: Warum sind es so oft die Frauen, die mehr wollen?”

  1. […] Toxic Masculinity, oder auch Toxische Männlichkeit, ist das Phänomen, das meinem langjährigen Problem einen Namen gibt. Die Toxische Männlichkeit beschreibt dabei nicht die Verurteilung des Mannes selbst, sondern kritisiert gewisse Verhaltensmuster, die primär Männern anerlernt wurden, die aber ganz klar auch bei Frauen zu finden sind. Im Extremen kann man sich darunter James Bond aus den Sechzigern vorstellen, doch eine auch schon viel abgeschwächtere Form des toxischen Filmcharakters schreckt mich ab. Dominanz, das subtile Bedürfnis der Überordnung der Frau im Alltag, Kontrolle, kurz: Arschlochverhalten, sind nur ein paar der Folgen, die aus dem Glauben entstehen, Emotionen zu unterdrücken, bedeutete Stärke und Macht. Fehlende Empathie sich selbst, und seinem Umfeld gegenüber, aufgrund der Verschleierung der eigenen Gefühle. Es leiden viele Männer unter jenen Verhaltensmustern und werden der Rolle „Mann im Haus“ nicht gerecht und andere zelebrieren sie, doch am Ende geht es darum, dass diese anerlernte Stereotype noch in Massen vertreten ist – mehr dazu findet ihr zu Milenas Kolumne „Warum wollen Frauen immer mehr?“. […]

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