Clubhouse: Die neue App und alle wollen mitreden, oder?

19. Januar 2021 von in

Es war Samstag, als ich das erste Mal von „Clubhouse“ las. In einer meiner Facebookgruppen postete jemand, ob er nicht eine Einladung für Clubhouse haben könnte. Ich las den Satz, sah die Kommentarspalte mit 90 Kommentaren und dachte mir: Hä? Was soll das sein? Wenn ich ehrlich bin, hielt ich Clubhouse für eine Datingapp, die niemand braucht. Wohl geirrt, wie ich am Sonntagmorgen merkte, als plötzlich mein Instagram-Story-Feed mit Clubhouse-Freude geflutet wurde. „Bist du schon bei Clubhouse?“ Links zu Telegram-Gruppen wurden geteilt, in denen man eine der begehrten Einladungen zu dieser neuen Social-App, wie mir langsam dämmerte, bekam.

Mein erster Reflex: bitte keine weitere Social-Media-App. Ich kann nicht noch eine App bedienen. Nein, ich will nicht noch eine App bedienen.

Aber wie es Hypes so wollen, wurde ich neugierig. Ist es nicht meine Pflicht als Medienmacherin zumindest einen Blick auf diese App zu werfen? Sonntagnachmittag hatte ich beschlossen: Ja, das ist es. Nur: So einfach ist es nicht. Wer zu Clubhouse will, braucht momentan für die Beta-Version der App eine Einladung. Und das ist nur einer der Kritikpunkte.

Als Journalistin und Bloggerin sowie einer riesigen Social-Media-Bubble war es tatsächlich nicht allzu schwer, in diese App zu kommen. Für viele andere jedoch schon. Ich versuchte es erst über die Telegram-Gruppe, stieg aber wenige Minuten und zehn Nachrichten „Hast du ne Einladung“ weiter wieder aus. Zu stressig. Also lud ich die App einfach mal runter und just in dem Moment hatte ich auch schon eine Einladung von einer Freundin. Ich war drin.

Und das übrigens auch nur, weil ich ein iPhone habe. Diese gehypte App gibt es derzeit nur für iPhone-User. Kritikpunkt Numero 2, den ich trotzdem nicht ganz zählen kann. Denn wir wissen: Viele Apps werden oft erst in der Endversion für alle Betriebssysteme freigeschaltet. Blöd ist das, wenn eine App noch in der Beta-Version einen Hype auslöst. Wie Clubhouse in Deutschland an diesem Wochenende. Das ist nicht inklusiv, und das ist schlecht. Aber gut, mit Inklusivität hat es Clubhouse sowieso nicht so. Aber dazu mehr. In dem iPhone-only-Fall möchte ich noch sagen: blöd gelaufen.

Abgehalten hat das nur wenige: Laut W&V verdrängte Clubhouse am Montag bereits den populären Messengerdienst Telegram in Deutschland von Platz zwei der Liste der am häufigsten heruntergeladenen Gratis-Anwendungen im App-Store von Apple. Auf Platz 1 liegt weiterhin Signal. The hype is real.

Doch was ist Clubhouse nun überhaupt, fragt ihr euch vielleicht. Nun ja, es ist eine neue Social-Media-App, auf der es viele, sehr viele Talks gibt. Zu den unterschiedlichsten Themen. Von Social-Media-Marketing über Greenwashing bis hin zu „How to build up your business“ gibt es hier wirklich alles. Einmal angemeldet gibt man seine Themengebiete und Interessen an, schwupsdiwups bekommt man gleich verschiedene Talks zu verschiedenen Zeiten vorgeschlagen. Tritt man einem Room bei, kann man Expert*innen oder jenen, die sich für welche halten, zuhören. Mit etwas Glück lässt man einen auch mitreden.

Clubhouse ist quasi eine App zum Zuhören und Quatschen.

Könnte mir gefallen, denke ich. Und sehe doch die Problematik. Denn ich höre. Ich rede. Aber das gilt nicht für jeden. Gehörlose sind in dieser App ausgeschlossen. Und das ärgert mich. Ich verstehe das Konzept und finde die Grundidee spannend. Aber 2021 sollten Apps meiner Meinung nach inklusiver denken.

„Aber was ist dann mit deinen geliebten Podcasts, die sind auch nicht inklusiv“, raunt es von der Ecke der Clubhouse-Fans. Ja, true story. Nur: Podcasts sind 1. keine social app, und 2. lassen sich viel leichter für taube Menschen transkripieren. Etwas, das in dem Live-Gewusel auf Clubhouse nicht möglich ist.

Für viele Clubhouse-Gegner war die fehlende Inklusivität das große Thema am Wochenende. Und ich möchte zustimmen. Das ist nicht gut. Gleichzeitig freue ich mich, dass das Thema endlich mehr Aufmerksamkeit findet. Denn inklusiver könnte Instagram auch sein. Viel zu selten sehe ich untertitelte Stories auf Instagram. Inklusivität geht uns alle an, und zwar auf jeder Social-Media-Plattform.

Wo wir beim nächsten Thema wären: Diversität.
Wie sieht es denn hier bei Clubhouse aus?

Ich atme tief durch, ihr hört mein Seufzen und ich sag’s wies ist: Da ist noch Luft nach oben. Clubhouse wurde ursprünglich als Business-Plattform für CEO-Talks gegründet. Und da sind wir schon beim Problem: Viele White Dudes, die sich gerne reden hören. Nichts für ungut, aber die Masse der Talks, in die ich reingeschaut hatte, hatte im besten Fall eine Quotenfrau. Im schlechtesten Fall reden acht Männer über „Wie man sich ein richtiges Netzwerk aufbaut“. Männer pushen Männer. Yeah. Not.

Wahre Diversität sieht anders aus. Durch das Invite-Only-Prinzip lässt sich diese momentan nur schwer herstellen. Ich wünsche mir noch mehr Talks von trans Menschen, von BiPoCs und der ganzen LGBQT+-Community. Wenn diese App einen Vorteil hat, dann, dass man von hier etwas lernen kann. Doch momentan ist sie noch zu businessorientiert. Die Influencerszene hat die App für sich übernommen und spricht hauptsächlich über Eigenvermarktung, Erfolg auf Social Media oder – platt gesagt – über sich. Gähn.

 

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Website + Sales Copywriter (@maggietyson_)

Noch viel schlimmer ist jedoch: Clubhouse hat das Potential, das neue Telegram zu werden. Im Sinne von: Auffangbecken für gestrandete (oder auch durchgedrehte) QuerdenkerInnen. Schon jetzt finden sich viele Talk-Räume, in denen offen rassistische und transfeindliche Äußerungen getroffen werden. Auch Holocaust-Leugner oder Menschen, die auf Instagram & Facebook längst gebannt wurden, haben hier Zugang gefunden. Kurz um: Das geht gar nicht. Man kann diese Räume glücklicherweise melden, doch längst nicht so einfach wie bei Facebook und Instagram. So richtig im Sinne der Gründer ist das nicht: Die wollen den Hype und möglichst viele Nutzer auf der Plattform. Wer die Nutzer sind und ob diese rassistisches Gedankengut mit sich tragen ist gelinde gesagt: egal.

Einen Hype generieren durch künstliche Verknappung: Nothing new in der Marketing-Welt und trotzdem nervig

Wo wir bei der nächsten Problematik sind: Melden kann man Räume, Triggerwarnungen gibt es jedoch nicht. Anders als bei Facebook oder Instagram kann man die Postings nicht liken. Es gibt keinerlei Einordnung der Talks. Wenn Hans-Peter davon redet, dass die Erde doch flach ist, wird diese Information nicht korrigiert. Heißt: Alle Hans-Peters dieser Welt können ihren Senf in ihren Räumen abgeben, egal, ob wahr oder unwahr. Auch Belästigungen, Beleidigungen oder triggernde Stories können erzählt werden, ohne dass Zuhörer*innen gewarnt werden. Es sei denn, der Speaker selbst denkt daran. Schwierig, meiner Meinung nach.

Fans der App werden sagen: Ja, Facebook und Instagram sind auch nicht besser. Ja, das stimmt. Datenschutztechnisch nehmen sich diese Apps alle nichts. Aber Facebook und Instagram haben zumindest ein klareres Report-System. Sie können Bilder verschleiern und User vorwarnen. Und sie haben über die Jahre zumindest die Weichen für solche Problematiken gestellt. Nicht perfekt, aber ein Weg dahin. Eine App, die jetzt launcht, die 2021 den Hype nutzen will, sollte all diese Punkte automatisiert, vielleicht sogar besser als jede vorhergehende App sein. Ist sie aber nicht. Hier zählen die Downloadzahlen vor der Sicherheit der User.

 

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Katrin (@wayofkat)

Nett, nichts verpasst.
Das klingt nach einem schlechten Date – oder Clubhouse

Hat Clubhouse denn irgendwas Gutes? Ich mag die Idee. Ich bin gerne auf Konferenzen, tausche mich gerne mit Expert*innen aus und liebe es, Neues zu lernen. Die Grundidee von Clubhouse finde ich also gut. Aber ich höre lieber Menschen zu, die wirklich Ahnung haben. Die sich qualifiziert haben und die bei einer Konferenz vorher bewusst ausgewählt wurden. Bei Clubhouse selbst habe ich das Gefühl sind viel zu viele Menschen, die sich selbst zu gerne reden hören. Ich brauche nicht 20 Talks von White Dudes zum Thema „Daily Habits of High Performers“. Wirklich?

Trotzdem: Es gibt sie, die Perlen, über die man stolpern kann. Als ich Montagabend die App nach 24 Stunden mal wieder öffnete, landete ich in dem Talk „Art Market 101 – Kunst kaufen und sammeln für Beginner“. Ein Thema, das mich ansprach, mich beschäftigt und ich so noch nirgendwo gefunden hatte. Einziges Manko: Von elf Speaker*innen waren nur zwei Frauen. Invite-only eben.

Gelernt habe ich trotzdem was. Und deswegen habe ich die App noch nicht gelöscht. Für Künstler*innen, Kreative oder auch Expert*innen kann diese App Potential haben. Für mich persönlich ist Clubhouse momentan noch vor allem eines: eine weitere nervige Social-Media-App, die ich mir aus Berufsgründen angesehen habe. Für die ich eigentlich keine Zeit habe. Und die vor allem eines will: mich an mein Smartphone fesseln. Nur: Das will ich nicht.

Für alle, die Fomo haben, weil sie bislang nicht drin sind: Keine Sorge, verpasst habt ihr nichts. Und das gilt übrigens für die meisten Apps.

Wer von euch ist bei Clubhouse? Wie findet ihr die App?
Und gibt es spannende Leute, denen man folgen sollte?

 

Sharing is caring

6 Antworten zu “Clubhouse: Die neue App und alle wollen mitreden, oder?”

  1. Ich sehe auch das Potential der App, muss aber sagen, dass sie mich gerade vor allem nervt. Wie du schon meinst: Auf LinkedIn tummeln sich nun 100 meiner männlichen hochrangigen Kollegen und teilen mit, dass sie den begehrten Zugang haben. Ich finde diese Exklusivität gerade für eine Social Media Plattform lächerlich und abgehoben. Beta Phase, hin oder her, das ist doch bewusst gemacht, um einen Hype zu schaffen. Grundsätzlich ist die Idee aber spannend, gerade jetzt, wo Messen und Veranstaltungen ausfallen. Ich bin gespannt wie viel Mehrwert es im Vergleich zum Konzept Podcast bringt, was ja auch die Grundlage gute Gespräche von interessanten Leuten hat.

    • Liebe Carolin,
      genau, so geht’s mir auch :) Ich finde die Idee der App hat Potential und ich finde, gerade in Zeiten der Pandemie noch mehr Angebot gut. Gleichzeitig sind mir hier organisierte Konferenzen sowie Podcasts lieber, einfach durch das bewusste Wählen von Speaker*innen und dem Arbeitsaufwand eines Podcasts. Da kann nicht jeder einfach so in die Mikros quasseln. :) Schauen wir mal, wohin sich Clubhouse entwickelt!

  2. „Für mich persönlich ist Clubhouse momentan noch vor allem eines: eine weitere nervige Social-Media-App, die ich mir aus Berufsgründen angesehen habe. Für die ich eigentlich keine Zeit habe. Und die vor allem eines will: mich an mein Smartphone fesseln. Nur: Das will ich nicht.“

    Aus genau dem Grund finde ich es gar nicht mal schlimm, da bisher nichtmit dabei zu sein. Bestimmt interessant für Leute, die das beruflich nutzen können, aber für meine Freizeit weiß ich nicht. Hab vor kurzen ein Interview mit Mai-Thi Nguyen-Kim gehört in dem sie im Bezug auf social media sinngemäß sagte „Ausmerksamkeit ist etwas so Wertvolles, dass man sich gut überlegen muss, wem man sie schenkt“. Das wird mein Motto füe 2020 im Bezug auf social media.

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars bestätigst Du, dass Du unsere Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen hast.