Das Tabu-Thema Scheidung und wie es danach weitergeht

26. März 2021 von in

Illustration von @lara.minerva

Ja, Heiraten ist schön. Hände hoch, wer war schon auf mehreren Traumhochzeiten in seinem Leben? Ich will gar nicht sagen, dass Heiraten grundsätzlich schlecht ist. Es ist romantisch und schön, manchmal ist es auch eine pragmatisch logische Entscheidung. Doch es gibt auch die Kehrseite der verklärten Hochzeit und Ehe, die so viele Menschen in ihrem Leben anstreben: die Scheidung. Natürlich will man bei dem Wunsch oder der Planung einer Hochzeit nicht an eine Scheidung denken. Doch das Tabu-Thema Scheidung ist präsenter in Deutschland, als wir uns zugestehen wollen. Die Scheidungsquote in Deutschland lag im Jahr 2019 bei rund 36%. Auf drei Eheschließungen kamen damit rechnerisch ungefähr eine Scheidung. Im Jahr 2005 lag die Scheidungsquote sogar bei rund 52%. Was sich zusammenfassend sagen lässt, ist, dass Scheidung ein Thema ist, über das wir häufiger sprechen müssen. Schon allein statistisch gesehen. Doch auch emotional. Die Scheidung gehört bei vielen Menschen zum Leben dazu, und muss deshalb dringend endstigmatisiert werden. Vor allem, weil das Leben nach einer Scheidung weiter geht. Es vielleicht sogar besser werden kann.

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Wir haben uns mit zehn Jahren in der Schule kennengelernt. Mit 16 wurden wir ein Paar. Er war mein bester Freund, mein Fels in der Brandung. Es gab mich nie ohne ihn. Wer war ich vor der Beziehung? Ich weiß es nicht. Damals war ich ein Kind, meine Persönlichkeit war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgereift. Die Gefahr, dass wir uns irgendwann auseinander entwickeln könnten, war natürlich groß. Wir standen auch an diesem Punkt in unserer Beziehung. Aber haben unseren Weg doch letztendlich immer gemeinsam bestritten. Nach einem wundervollen Antrag in Rom im Sommer, heirateten wir knapp ein Jahr später im Juni 2019. Der Tag war für uns beide ein absoluter Traum und perfekt. Wir waren so glücklich wie nie zuvor. Nach der Hochzeit wollten wir ein Grundstück kaufen und sprachen von Kindern.

„Ich hatte das Gefühl, er betrügt mich.“

Zwei Monate nach der Hochzeit schlich sich bei mir ein ungutes Bauchgefühl ein, das ich nicht benennen konnte. Er zog sich zurück, war viel mit Kumpels unterwegs. Ich bemerkte, wie ich langsam auf seiner Prioritätsliste nach unten rutschte. Das setzte mir psychisch sehr zu. Ich hatte das Gefühl, er betrügt mich. Trotz vieler Bemühungen meinerseits, trennte er sich dann von mir. Er war fix und fertig und begründete die Trennung durch die Verwirrung seiner Gefühle. Er betonte immer, ich wäre die „perfekte Frau“ für ihn. Und trotz meiner Nachfragen schwor er, dass die Trennung nichts mit einer anderen Frau zu tun gehabt hätte. Bis ich durch Freunde erfahren musste, dass er mich bereits lange ersetzt hatte. Mit einer Frau, die ich kannte. Die sogar Gast auf unserer Hochzeit war.

„Eine Beziehung ist Arbeit. Aber einer allein kann man eine Ehe weder führen, noch retten.“

Er wurde von heute auf morgen zu einem anderen Menschen, fast so, als wäre eine Maske gefallen. Ich kannte ihn doch so gut! Oder doch nicht? Seine Familie setzte mir ebenfalls zu, und suchte die Schuld bei mir. Ich wiederum suchte mir psychologische Hilfe. Ohne meiner Psychologin, meiner Familie, meinen Freunde und Kollegen hätte ich diese Zeit nicht überlebt. Das hört sich tragisch an, aber ich war gefangen in der Dunkelheit. Spürte Schmerzen, die ich zuvor nicht kannte. Drei Monate weinte ich jeden Tag. Heute weiß ich: Eine Beziehung ist Arbeit. Aber einer allein kann man eine Ehe weder führen, noch retten.

„Ich bin mir meines Wertes bewusst. Und ich bin unheimlich stolz auf mich selbst.“

Ich will nicht mehr mit einem Menschen verheiratet sein, der mich belogen und betrogen hat. Der meinen Wert nicht anerkennen kann. Der respektlos mit mir umgeht. Solche Menschen will ich generell nicht in meinem Leben. Es hat lange gedauert, bis ich mit meinen Gefühlen selbst an den Punkt gekommen bin. Ich habe so viel in den letzten elf Monaten über mich gelernt. Habe reflektiert, bin an mir gewachsen, habe gelernt die positiven Dinge wahrzunehmen. Ich bin mir meines Wertes bewusst. Und ich bin unheimlich stolz auf mich selbst. Außerdem bin ich dankbar für meine wundervolle Familie und meine Freundinnen. Ich habe so viel Liebe und Zuspruch erfahren.

Heute freue ich mich auf meine Zukunft. Denn ich kann wieder mein Leben genießen und es so nehmen, wie es kommt. Denn jetzt weiß ich, dass ich alles schaffen kann.

Paulines Scheidung: „Es war eine Scheidung, aber Sie dürfen trotzdem gratulieren.“

Nach der Hochzeit zogen wir gemeinsam in eine größere Wohnung. Er arbeitete in einem 9-to-5-Job und verbrachte seine Feierabende meistens zu Hause vor dem Fernseher oder zu Hause bei Kumpels. Ich war viel unterwegs, lernte neue Leute kennen, saß bis frühmorgens in fremden WG-Küchen und ließ mich inspirieren. Ich fühlte mich rastlos, nicht angekommen und stellte fest, dass ich meine Zeit lieber ohne Ehemann verbrachte. Ich wollte mich weiterentwickeln und hatte das Gefühl, mich dafür entschuldigen zu müssen.

Wir lebten uns auseinander, stritten viel. Bis wir merkten, dass es keinen Sinn mehr machte, zu kämpfen. Im März zog er aus unserer Wohnung aus, als wir gemeinsam die Entscheidung trafen, uns zu trennen. Am gleichen Abend noch kam eine Freundin vorbei und wir aßen Pizza auf dem Balkon. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich hatte das Gefühl, endlich wieder atmen zu können, obwohl ich Angst hatte vor dem, was kommt.

Ich war froh, dass ich den Mut zur Scheidung hatte.“

In dieser Zeit dachte ich keine Sekunde darüber nach, mich eventuell falsch entschieden zu haben, weil wir ja verheiratet waren statt nur zusammen. Umso verwunderter war ich, als die Nachricht unserer Trennung in meinem Umfeld eher auf Unverständnis stieß: „Wie? Das geht doch gar nicht? Ihr seid doch verheiratet.“ „Hast du dir das gut überlegt, du weißt schon, was so eine Scheidung bedeutet?“ Andere hatten auch Mitleid: „Mei, ihr habt doch grad erst geheiratet, du Arme“. Die Tatsache, dass wir verheiratet waren, machte die Trennung also für Außenstehende noch viel schlimmer. Dabei fühlte ich mich zu dem Zeitpunkt wie wiederbelebt und wollte kein Mitleid. Ich war froh, dass ich den Mut zur Scheidung gehabt hatte. 

Die Scheidung wurde erst etwa eineinhalb Jahre nach der Trennung rechtskräftig. Der Grund daran lag am sogenannten Scheidungsjahr. Dieses Jahr soll davor schützen, dass sich das Paar vielleicht doch nicht trennt und es sich nochmal anders überlegt. Wir mussten also nachweisen, dass wir auch ein Jahr lang nicht zusammen gelebt haben. Die letztendliche Scheidung war unkompliziert, da wir nicht lange verheiratet waren, keine Kinder und kein gemeinsames Vermögen hatten und auch emotional alles zwischen uns geklärt war. 

Wenn du unglücklich in deiner Beziehung bist, musst du eine Entscheidung treffen.“

Ich war erst 27 und hatte nach der Trennung und Scheidung große Angst davor, wieder alleine zu sein. Doch es stellte sich heraus: Nach einer Weile hatte ich die beste Zeit meines Lebens. Es war so befreiend, zu merken, dass ich gut alleine sein konnte, obwohl das vor ein paar Jahren noch meine größte Angst war. Nach ein paar Monaten stellte sich das Gefühl in mir ein, irgendwie angekommen zu sein. Ganz alleine, ohne das Sicherheitsnetz einer funktionierenden Ehe. Ich habe in dieser Zeit gelernt, dass eine Trennung mit Scheidung zur Folge kein Versagen bedeutet. Sondern, dass es sehr viel Mut braucht, diesen Gedanken auch auszusprechen. Wenn du unglücklich in deiner Beziehung bist, musst du eine Entscheidung treffen. Da macht es keinen Unterschied, ob du verheiratet bist oder nicht. Deinen Gefühlen ist die Unterschrift im Standesamt nämlich egal. 

„Auch die Hochzeit bereue ich nicht.“

Ich muss zugeben, dass ich selbst ziemlich blauäugig geheiratet habe. Ich hatte keine Ahnung von Gütergemeinschaft, Versorgungsausgleich, Steuerklassen und mein Ex-Mann genauso wenig. Und von Scheidung erst recht nicht – die war vor allem eines: teuer. Ob ich die Scheidung bereue? Nein. Ich war mutig genug diese Entscheidung zu treffen, um glücklich zu sein. Darauf bin ich inzwischen stolz. Auch die Hochzeit bereue ich nicht. Zum damaligen Zeitpunkt hat sich diese Entscheidung eben richtig angefühlt. 

 Ein Jahr nach der Scheidung habe ich wieder meinen Mädchennamen angenommen. Ob im Job oder sonst wo, ständig höre ich: „Wie schön, Sie haben geheiratet!“, lächelnd entgegne ich dann immer: „Nein es war eine Scheidung, aber Sie dürfen trotzdem gratulieren“.

 

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5 Antworten zu “Das Tabu-Thema Scheidung und wie es danach weitergeht”

  1. Nach dem Lesen des Textes schwirren mir sehr viele Gedanken im Kopf herum, die ich nicht wirklich auf einen Punkt bringen kann. Daher kann ich nur meinen allerersten Gedanken formulieren: „Wow“. Es ist ein positives „Wow“. Ein „Wow“ für Ehrlichkeit. Der Text hat mich ganz tief berührt.

  2. Ein sehr guter Text, der alle Facetten genau beschreibt! Das Gefühl der Befreiung & endlich wieder atmen zu können kenne ich ebenfalls sehr gut. Und gleichzeitig aber auch die Angst, wieder alles allein stemmen zu müssen. Es dann aber zu schaffen, mit einigen Höhen & Tiefen, gab mir ein unheimlich starkes Gefühl.
    Glücklicherweise haben mein Ex-Mann & ich die Scheidung relativ unkompliziert hinter uns bringen wollen & das hat auch die Scheidungskosten deutlich niedriger gehalten als befürchtet. Jetzt habe ich noch einen Termin, um meinen Mädchennamen wieder offiziell annehmen zu können :)

  3. Ich bewundere diesen Mut.. Selber bin ich zur Zeit in einem Zwiespalt, unglücklich verheiratet, ein Kind. Mich hätte interessiert wie es jemandem mit Kind nach der Scheidung ergeht, Ich lese immer nur von „sehr schwierig“ hier und da. Habe praktisch keinen Artikel gelesen welcher mir Mut machen könnte diesen Schritt zu wagen. Ohne Kind hätte ich ihn längstens verlassen.

  4. Die Angst vor Einsamkeit ist tatsächlich ein häufiger Grund, warum Personen in einer Partnerschaft keine Trennung oder Scheidung wagen, obwohl die Ehe längst nicht mehr beide Partner glücklich macht und möglicherweise sogar mit vielen Streitigkeiten verbunden ist. Gerade Kinder leiden sehr darunter, zu beobachten, wie sich die eigenen Eltern regelmäßig streiten, weshalb eine Scheidung, so groß die Umstellung anfangs auch ist, auch im Sinne des Kindeswohls sein kann. Dabei ist ein friedlicher Ablauf des Scheidungsprozesses, wozu die fachliche Beratung eines Anwaltes für Familienrecht beitragen kann, besonders wichtig.

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