„Unter 1.80m geht bei mir gar nichts“, oder: Das Problem Körpergröße.

17. März 2021 von in

Ich war neulich wieder auf Tinder. Keine Panik, ich bin nicht getrennt und ich führe auch keine offene Beziehung. Aber in letzter Zeit hat es mich interessiert, wie sich das Onlinedating verändert hat, seitdem ich das letzte Mal auf einer dieser Plattformen angemeldet war. Ich swipte in den Accounts meiner Freundinnen brav nach links, eher selten nach rechts, einfach nur, um zu schauen. Verändert hat sich nicht so viel, vor allem nicht ein Thema, das mir schon damals negativ aufgefallen ist. Irgendwie schreiben diese Menners ständig ihre Körpergröße in die Bio. Entweder, um mit ihren gestandenen 1,90 Metern anzugeben und im gleichen Zuge ihren durchtrainierten Adoniskörper zur Schau zu stellen. Oder, um mit ihrer Körpergröße keine Person abzuschrecken. Da stehen dann traurige Sätze unter den lächelnden cis hetero Männern, die stolz einen kleinen Rescue Dog aus dem letzten Griechenlandurlaub in ihren Händen halten: „Bin leider nur 1,72m :(“, oder auch gerne kommentarlos „1.70m“. 

Wie eine Warnung prangt da diese Körpergröße: Vorsicht, ich bin nicht so groß, wie du es gerne hättest. Und man kann das männliche Spektrum echt selten bemitleiden, aber in diesem Moment empfand ich so etwas wie Mitgefühl. Die armen kleinen Männer. Und ich sage Männer, weil Frauen und Agender sind wahrscheinlich prozentual seltener von der Problematik betroffen. Aber natürlich ist das Problem auch ein umgekehrtes. Große Frauen und Personen ohne Gender sind dann gerne mal „zu groß“. Vor allem dann, wenn sie nicht aussehen wie Models, sondern halt einfach nur groß sind. 

Sind wir nicht langsam darüber hinweg, die Attraktivität eines Menschen an der Körpergröße zu messen?

Schon klar. Datingplattformen fühlen sich grundsätzlich ein bisschen an wie shoppen. Es gibt diese bestimmten Parameter, die man erfüllen sollte, um eine hohe Dichte an Matches zu erlangen. Das ist alles abgefuckt genug, und auch über Tinder hinaus existiert der Schönheitswettbewerb an jeder Straßenecke. Fies, gemein, doof. Es soll doch tatsächlich Menschen geben, die „nur auf Brünette“ stehen, als wären sie ein Pullover von H&M oder so. Viel verbreiteter jedoch ist in meiner Bubble: die Körpergröße. Die Körpergröße! Sind wir nicht langsam darüber hinweg, die Attraktivität eines Menschen an der Körpergröße zu messen? Wortwörtlich? Die Antwort lautet traurigerweise nein.

Befrage ich meine Freundinnen und Freunde nach ihren Vorlieben bei Männern, überrascht mich auffällig oft die eine Vorliebe, die da heißt Körpergröße. „Unter 1,80m geht bei mir gar nichts“, ist nur ein Beispiel von Antworten, die ich bekam. Einigen waren die Größe genau so egal wie mir, aber auch die konnten bestätigen, dass es eine Weile dauerte, um sich dieser Vorliebe zu entledigen. Auch ich habe sie mir abtrainiert. Schon sehr früh – eigentlich genau nach meiner ersten Schwärmerei als Teenager. Ich beschloss, dass die Körpergröße keine Rolle mehr spielen darf. Egal, wie sehr mir die Gesellschaft einbläut, dass sie maßgeblich ist. Um mich herum versammeln sich aber immer noch die gestandenen Feministinnen, welche beschämt in sich rein murmeln, dass ihnen leider die Körpergröße schon noch wichtig sei. Uff.

Sehr viele große cis hetero Männer mit zu viel Ego.

Es ist ja kein Wunder. Man siehe sich nur alle trilliarden Folgen von Sex and the City an, in denen alle weißen cis hetero Dudes riesig waren. Ja, Mr. Big stand dafür sogar mit seinem Namen. Dass sie ansonsten nicht viel vorzuweisen hatten außer einen fetten Kontostand war egal. Die Körpergröße und der teure, maßgeschneiderte Anzug auf den breiten Schultern reichte fürs Attraktivitätslevel. Als hätten wir ein Jahrhundert nicht mehr von cis Männern erwartet, als eine gottverdammte Körpergröße. Jetzt haben wir den Salat: sehr viele große cis hetero Männer mit zu viel Ego. 

Dabei haben etwas kleinere Männer zahlreiche Vorzüge. Zum Beispiel kann man sich die Garderobe teilen, was wahrscheinlich einer der größten Vorteile überhaupt ist. Zumindest dann, wenn man einen halbwegs ähnlichen Stil hat. Man kann auf Augenhöhe miteinander sprechen und bekommt keine Nackenstarre vom „nach oben gucken“, man kann sich richtig umarmen, die Körper passen besser ineinander beim Kuscheln. Ja, okay, große Personen können einem vielleicht die Kellogg’s aus dem obersten Regalfach im Supermarkt herunterholen, aber das können auch Mitarbeiter:innen. Ich persönlich verstehe das Problem nicht ganz. Können wir bitte aufhören, uns an den Körpergrößen anderer aufzuhängen?

Ich verstehe schon, dass es nicht leicht ist, sich von gesellschaftlich auferlegten Konstrukten zu befreien. Doch bin ich überzeugt davon, dass man sich bestimmte Vorlieben abtrainieren kann. So ein bisschen wie Zucker oder Kuhmilch. Am Anfang war die Umstellung komisch, bis sie irgendwann selbstverständlich wurde. So trinke ich heute ohne nur einen Gedanken an Kühe zu verschwenden meinen Kaffee mit Hafermilch. Und das Schönste ist: Seitdem geht es mir besser. 

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5 Antworten zu “„Unter 1.80m geht bei mir gar nichts“, oder: Das Problem Körpergröße.”

  1. Interessanter Artikel, dem ich zustimmen aber auch widersprechen möchte.
    Die Durchschnittsgröße bei m/w/d liegt zwischen 163 und 177cm, sobald man darunter oder darüber liegt, ist die Größe schon eine relevante Informationen, um sich auf Augenhöhe begegnen zu können. Ich bin beispielsweise w, 185cm, kein Model und trotzdem war es mir wichtig, dass mein Date nicht „nur“ 170cm groß ist, was in keinster Weise degradierend sein soll.

    Trotzdem stimme ich dir auch zu, das gesellschaftliche Konstrukt „klein und zierlich / groß und stark“ habe ich häufig als Eignungskriterium bei Freund:innen wahrgenommen.. dabei kam mir oft genug der Gedanke, wer denn eigentlich für die „zu kleinen“ und „zu großen“ bleibt?

    • Liebe Lisa, ich verstehe schon, dass es dir wichtig ist, dass man sich auf „Augenhöhe“ trifft. Allerdings ist das ja bei vielen cis Männern gar kein Problem. Im Gegenteil: Viele Männer wollen (!) eine kleinere Frau und viele Frauen wollen einen größeren Mann. Im Alltag sieht man eher selten gleich große Paare oder eben umgedreht unterschiedliche Körpergrößen. Ich denke schon, dass wir gesellschaftlich konstruierte Verbindungen schaffen zu groß und stämmig, also „männlich“ und klein und zierlich, also „weiblich“. Liebe Grüße!

  2. Ich finde es so toll,dass dieses Thema bei euch thematisiert wird.Das Thema der Größe ist in so vielen Köpfen festgesetzt.Ich hörte es ständig zugegebenermaßen viele meiner Freundinnen,sind große Frauen und in meiner Familie ist der große Mann eh gesetzt.Ich bin ja schließlich auch groß.Lange dachte ich auch,dass das eine Rolle spielen würde,bis ich meinen Freund kennenlernte.Er ist ein paar cm kleiner als ich,so what,aber gerade am Anfang hörte ich das aus vielen Ecken,dass er ja eigentlich zu klein sein.Auch heute noch macht mein Vater „Witze“,denKleinsten packen wir dann im Auto hinten rein,da könnte ich kotzen.Als ob Körpergröße irgendetwas aussagen würde,das ist mit allen äußeren Merkmalen so.Was sagen die denn am Ende aus, außer sieht schön oder gut aus.Es ist ein Prozess sich aus diesen gelernten Muster freizuboxen,für mich ist mein Freund der Größte auf so vielen Ebenen.Und wäre ich damals nicht von meinem Beuteschema abgewichen,hätte ich mir die Chance genommen das aufzubauen was wir jetzt haben.

  3. Interessanter Artikel, danke dafür.
    Ja, die Grösse ist im gesellschaftlichen Ansehen mindestens so bedeutsam wie die Haarfülle oder der Kontostand.
    Womöglich, weil es Dinge sind, die man nicht nach Belieben ändern kann. Wer klein ist, bleibt eben klein.

    Ich bin ja eine eher kleine Person, mein erster Freund war ziemlich auf Augenhöhe, für Männer gesehen also winzig.
    Ich habe mich daneben nicht wohl gefühlt. Das lag daran, dass er zudem noch ziemlich dünn war.
    So wirkte ich dadurch stämmiger als ich es tatsächlich war, was dazu führte, dass ich seitdem grössere Männer bevorzuge.
    In meinem Kopf ist da eine Vorstellung eingebrannt, die es in der Kombi einfach schwerer hat mir zu gefallen.

    Aber was ich Amelie noch fragen wollte -warum verwendest du so oft „cis“ oder ähnliches im Artikel?
    Der Text liest sich dadurch irgendwie nicht besonders flüssig, ich finde das zu angestrengt und too much in der Betonung. Just my 2 cents.

    Liebe Grüsse Ava

    • Liebe Ava, ich benutze ab und zu cis, um trans Männer auszuschließen und jene, die sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht definieren, wenn ich von „Männern“ spreche. Ich benutze es nicht jedes Mal aber oft genug, um klarzustellen, von wem hier die Rede ist. Das kann anfangs für manche Personen störend wirken, ist aber wichtig und eine Richtung, in die sich die Zukunft entwickelt. Es gibt eben nicht mehr nur ganz vereinfacht „Mann“ und „Frau“. Sondern vieles dazwischen und darüber hinaus. Liebe Grüße!

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