Hört bitte auf, mittelmäßige Männer zu daten!

18. November 2021 von in

Downdating war ein Begriff, den ich früher von meiner Schwester gelernt habe. Irgendwie konnte ich mich mit ihm identifzieren. So sehr, dass ich ihn gerne als Pointe in Geschichten zum Thema „zum Scheitern verurteilte Dates oder schlimme Sexstories mit cis Männern“ verwendete. Davon gab es früher ganz schön viele. Diese unterhaltsamen Geschichten zum Thema Downdating wurden zu einem Kanal, um meine Frustration zu verarbeiten. Humor als Krisenverarbeitung. Denn wenn ich damals schon keine erfüllenden Gespräche auf Dates führen durfte, keinen guten Sex haben konnte und mein Gegenüber nicht mal sonderlich attraktiv finden konnte, um am Ende von ihm trotzdem geghostet zu werden – dann konnte ich doch wenigstens lustige Geschichte aus den gescheiterten Erlebnissen stricken. Damit hatten die Erfahrungen mit mittelmäßigen cis Männern, die mir im Grunde nicht gefielen, doch wenigstens eine sinnvolle Aufgabe: andere Menschen zu unterhalten. 

Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin und meine vergangene Datingkarriere mit cis Männern Revue passieren lasse, bin ich rückblickend ganz schön schockiert von mir selbst – und auch enttäuscht. Enttäuscht darüber, dass ich mich auf Männer eingelassen habe, die mir im Grunde überhaupt nicht gefallen haben. Mit denen es nicht möglich war, ein tiefgehendes Gespräch – oder überhaupt ein Gespräch whatsoever – zu führen, weil sie nicht im Stande waren, eine Frage zu stellen oder Interesse auch an meiner Person zu zeigen. Weil erste Dates mit ihnen oft eher ein Interviewgespräch war, als ein Dialog. Weil sie mir eher die Welt erklärten, als sie mit mir zu entdecken. Weil sie egoistisch im Bett waren. Weil sie vielleicht einfach nur groß waren. 

@natforprez##ilovewhenwomen ##dating♬ Know Yourself – Drake

Zwar kann ich heute glücklicherweise diese Erfahrungen ad acta legen, jedoch verfolge ich einen Trend auf TikTok, der sich mit diesem Thema befasst: Medocre men, oder eben: mittelmäßige Männer. Denn diese frustrierenden „sad but funny but sad“-Dating-Storys sind ein Insider unter Frauen, die es romantisieren, wenn ihnen Männer im Gespräch eine Gegenfrage stellen, sie innerhalb von drei Tagen auf die letzte WhatsApp-Nachricht antworten, oder sie beim Reden nicht unterbrechen. Kurz: Die das bare minimum von Männern erwarten. Wie unter ihnen auch eine TikTokerin, die in ihrem Sketch sagt: „Just tell me you’re not a bigot, and there’s a chance that we can maybe date for like a year“ (bigot = intoleranter/rassistischer/sexistischer Mensch). Sie macht sich dabei über ihren niedrigen Standards gegenüber hetero cis Männern lustig. Ich muss euch nicht erklären, dass das ein Problem ist, oder? Doch viele Frauen können sich höchstwahrscheinlich mit ihrer Einstellung identifzieren – so auch mein Vergangenheits-Ich. Genau, eben: Sad, but funny, but sad. 

Durchschnittliche Männer als Sinnbild des Patriarchats und das Konzept Compulsory Heterosexuality

Adrienne Rich brachte in den Achtzigerjahren den Begriff Compulsory Heterosexuality – beziehungsweiße Obligatorische Heterosexualität – in Umlauf. In ihrem Aufsatz fasst sie zusammen, dass Heterosexualität durch die patriarchalen Strukturen unserer heteronormativen Gesellschaft als natürlicher, wortwötlich „Gott gegebener“ Zustand angesehen wird. Alle Gender- und sexuellen Orientierungen, die darüber hinaus gehen, werden als „Abweichung“ gesehen und nicht gefördert, teilweise sogar verboten. So dürfen in Deutschland zwar seit wenigen Jahren gleichgeschlechtliche Paare heiraten, aber immer noch nur in 24 Ländern weltweit, sie dürfen zwar adoptieren, aber müssen durch langwierige und erschwerte Prozesse hindurch, sie dürfen zwar der heteronormativen Lebensweise abweichen, aber sie müssen sich bei jeder Form der „Abweichung“ outen. Schon allein das Konzept der Abweichung führt dazu, dass Personen sich automatisch falsch oder unkonform fühlen, sobald sie nicht den obligatorischen Weg der Heterosexualität einschlagen. Dass sie sich gar nicht erst trauen, einen anderen Weg gehen, oder möglicherweise gar nicht auf die Idee kommen, dass andere Wege auch für sie existieren könnten.

Unpopular Opinion, aber ich sag’s jetzt trotzdem

Dass Frauen sich scherzeshalber darüber verbinden, mit mittelmäßigen cis Männern zusammen zu sein, ist die Folge einer patriarchalen Welt. Eine, in der Männer aufgrund der strukturellen Unterdrückung der Frau automatisch Macht bekommen, ohne dafür etwas tun zu müssen. Schon allein die Tatsache, dass sie Männer sind, verschafft ihnen einen Vorteil in der Gesellschaft. Das führt dazu, dass sich viele Typen – sicherlich auch unterbewusst – schlichtweg weniger Mühe geben müssen. In allen Bereichen. Das führt auch dazu, dass sich viele Frauen mit „mediocre men“ abfinden, da sie ein mittelmäßiges bis schlechtes Verhalten aus Gewohnheit erwarten. Um mal ein paar klischeebehaftete Beispiele zu nennen: Sie erwarten, dass Männer keine Gegenfragen stellen, sich nicht wirklich für sie als Person interessieren, nicht oder zu wenig im Haushalt helfen, nicht wissen wo der G-Punkt ist, nicht über Emotionen sprechen können. Unsere Standards sind so Low, dass die positiven Eigenschaften bei mittelmäßigen Männern als Kontrast viel stärker hervorstechen. Das muss aufhören. 

@thisisnefertitiDon’t lower your standards for a man, it will NEVER work out to your advantage lol ##greenscreenvideo♬ original sound – Nefertiti🌵

Nochmal für alle: not all men

Bevor die Kommentare von empörten Personen einprasseln: not all men. Und gleichzeitig auch: some women. Natürlich gibt es hetero cis Männer, die dem Klischee des durchschnittlichen Mannes nicht entsprechen. Die sich nicht auf den patriarchalen Strukturen der Gesellschaft ausruhen. Die sich selbst hinterfragen. Doch das Konzept des faulen Mannes, der sich auf seinem Privileg ausruht, existiert. Das Patriarchat existiert. Die Frage ist also: Wie kann man sich als Frau von dem Bann lösen, sich auf Menners einzulassen, die eigentlich nicht ihren Ansprüchen und Erwartungen entsprechen? 

Magst du ihn oder magst du nur seine Aufmerksamkeit? 

Eine Frage, die das heteronormative Dating sicherlich nicht einfacher macht, aber die Klarheit schafft, ist: Magst du ihn wirklich, oder magst du nur seine Aufmerksamkeit? Interessiert es dich wirklich, was er zu sagen hat, oder willst du ihn nur beeindrucken? Performst du auf dem Date oder hast du eine gute Zeit? Ist er wirklich lustig oder lachst du, um ihm ein gutes Gefühl zu geben? Erfüllt er wirklich deine Standards oder ist gerade kein anderer da? Hast du wirklich guten Sex oder hast du nur keinen besonders schlechten Sex? 

Wer sich systematisch auf Menschen einlässt, die die eigenen Erwartungen nicht erfüllen, unterstützt, dass cis Männer sich auch in Zukunft mehr herausnehmen können als Frauen. Doch trotzdem ist die Angst davor verständlich, dass nichts Besseres mehr kommt. Außerdem ist es nicht deine Aufgabe, die Männer zu einem besseren Benehmen zu erziehen. Reiner Selbstschutz ist es jedoch trotzdem, sich von dieser schlechten Angewohnheit zu befreien und Mediocre Men von der Datingliste zu streichen. Vielleicht ist es an der Zeit für echte Self Care. Und damit meine ich keine Gesichtsmaske, sondern mittelmäßigen Dates keine Chance mehr zu geben. 

Bild: Unsplash

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13 Antworten zu “Hört bitte auf, mittelmäßige Männer zu daten!”

  1. 1000000000 %! Danke für diesen klugen Artikel. Ich bin in einer queeren Langzeitbeziehung mit einer anderen Frau, da wir eine offene Beziehung führen und ich irgendwie Lust drauf hatte, date ich seit einiger Zeit auch wieder Männer. Es. Ist. So. Frustrierend. Und gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich auch lower standards bei mir erkenne, wenn es um Männer geht. Wie bescheuert. Gonna change that! <3

  2. Ja! Danke dafür! Vielleicht interessiert dich Meike Stoverocks Buch „Female Choice“? Das liefert noch ein bisschen Einordnung/Überbau zum Thema :) hab den Podcast/die Gespräche mit ihr dazu gehört und fand es richtig gut (und erhellend).

  3. OK, du hast natürlich voll recht.

    Und wer sagt jetzt uns mittelmäßigen Cis-Frauen die bittere Wahrheit? Wer sagt der nicht-studierten, vielleicht prekär aufgewachsenen, nicht perfekten Leserin, dass der smarte, intelligente, sich interessierende Traumprinz leider ab sofort nur noch High-End-Material dated, und dass für sie nur noch der anderswo nicht mehr erwünschte mittelmäßige Cis-Mann übrig bleibt, um vielleicht doch etwas Glück – im Kleinen – zu finden?

    Romantik, there it goes.

    • Wenn ich von mittelmäßig spreche, meine ich nicht den akademischen Werdegang, die finanzielle Lage oder die Intelligenz. Ich meine damit Menschen, die keine Fragen stellen, mit denen man kein ordentliches Gespräch führen kann, die kein oder zu wenig Interesse an ihrem Gegenüber haben, alles selbstverständlich nehmen, nur kritisieren, zu wenig wertschätzen, sich zu wenig melden, etc. Liebe Grüße!

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