Warum der „Drinnies“-Podcast einen Begriff geschaffen hat, der dringend nötig war

14. Juni 2021 von in

Gerade fallen zwei Situationen zusammen, die in den Leuten zwei ziemlich gegensätzliche Gefühle hervorrufen: Der Sommer hat angefangen und nach dem gefühlt längsten Winter aller Zeiten wurde das Leben wieder gelockert. Die einen sind euphorisch, saugen so viel wie möglich auf vom Sozialleben, das so lange auf Eis gelegt war, sind draußen, unterwegs und unter Leuten und blühen dabei von ganzem Herzen auf. Und dann gibt es noch: die Drinnies. Den anderen Schlag Mensch, der den Herbst und Winter dafür liebt, einfach in Ruhe in der eigenen Komfortzone bleiben zu dürfen, und den jeder normale Sommeranfang schon in Angstschweiß versetzt. Der sich von sozialen Situationen mit vielen Leuten immer erstmal erholen muss, so schön sie auch gewesen sein mögen. Der es angenehm findet, nicht viel reden zu müssen und keinen ständigen neuen Überraschungen im Alltag und Sozialleben ausgesetzt zu sein. Oder der seine freien Tage einfach lieber gemütlich und überschaubar angeht, statt den nächsten Berg zu erklimmen und mit sämtlichen Friends feiern zu gehen. Und dann gibt es natürlich, wie immer, unendlich viele Abstufungen dazwischen.

Was neu ist, ist ein Begriff für das Spektrum der Introvertierten, die einfach gerne in der eigenen Komfortzone bleiben: die Drinnies.

Erfunden haben den Begriff Giulia Becker und Chris Sommer in ihrem gleichnamigen Podcast, den ich momentan liebend gerne höre, wenn ich Drinniedinge mache wie: in Ruhe aufzuräumen, alleine Spazierenzugehen ohne zu reden oder da in der Sonne zu liegen, wo wenige Menschen um mich herum sind. Und je öfter sie von Details des Drinniedaseins sprechen, desto glücklicher bin ich über diesen neuen Begriff, der endlich benennt, was man viel zu lange für sich selbst gar nicht richtig einordnen konnte.

Was einen Drinnie ausmacht, ist natürlich ein ganzes Spektrum. Drinniesein heißt zum Beispiel nicht, dass man immer nur in der eigenen Wohnung hocken möchte. Aber vielleicht, dass man ein Gefühl von comfort zone genießt, und aus der Ruhe, Selbstbestimmtheit und Planbarkeit Kraft schöpft, die man im eigenen Zuhause findet, aber vielleicht genauso an Lieblingsplätzen draußen, die man gut kennt oder an denen man einfach niemandem begegnet. Drinnies sind Menschen, die sich mit sozialen Situationen nicht unbedingt schwertun, vielleicht sogar die sind, die am meisten reden – aber denen unter Leuten zu sein Kraft kostet, die sie danach in der eigenen Komfortzone wieder auffüllen müssen. Drinnies machen sich gerade auf soziale Situationen bezogen oft viele Gedanken, wollen den anderen ein gutes Gefühl geben, weder auffallen, noch zur Last fallen, und können sich oft erst richtig entspannen, wenn sie wieder alleine oder mit den aller vertrautesten Menschen umgeben sind. Und weil Drinnies eher gerne für sich sind, eröffnet sich für sie ein ganz eigenes Universum, wenn sie einfach nur mit sich selbst Zeit verbringen und genau die Dinge tun, auf die sie selbst Lust haben. Egal, ob das stundenlanges Abhängen in der Youtube-Bubble ist, die einen gerade fesselt, oder ein neues Lockdown-Hobby, auf das man trotz Lockdown-Ende immer noch Lust hat.

Für Drinnies war der Lockdown vielleicht sogar gar nicht so schlimm und irgendwie gemütlich.

So ganz ohne Fomo und Möglichkeiten, unter Leuten zu sein, blühten so manche Leute auf, die ihre Drinnie-Seite vielleicht davor noch gar nicht kannten. Eine sehr lange Zeit war der Drinnielifestyle jetzt genau das, was einfach für alle galt – und plötzlich geht nun das normale Leben wieder los. Und damit das altbekannte Narrativ des erfolgreich absolvierten Wochenendes, wenn es mit so vielen Menschen und Aktivitäten wie möglich gefüllt wurde. Da waren sie plötzlich wieder, in den Insta-Stories der vergangenen Tage: Fotos vom Essengehen in großer Runde. Fotos von Berggipfeln, Fluss-Ufern und See-Stegen kombiniert mit vielen Freunden und Drinks. Sogar Party-Content gibt es wieder, seitdem sich 100 Leute unter freiem Himmel treffen dürfen und Bars ihre Terrassen öffnen.

Das ist alles auch ganz wunderbar, schließlich befanden wir uns alle viel zu lange in der sozialen Verkümmerung. Und selbst die größten Drinnies hatten zwischenzeitlich wahrscheinlich Lust auf große Freundesrunden. Auch ich genieße es momentan, unter Leuten zu sein und endlich wieder mehr Abwechslung zu erleben. Trotzdem habe auch ich eine stark ausgeprägte, ruhebedürftige Drinnie-Seite – und schon seit vielen Jahren keine Lust mehr, mich dafür zu schämen.

Den Druck macht man sich natürlich vor allem erstmal selbst, trotzdem schwebt vor allem im Sommer immer ein bisschen das Vorurteil des langweiligen, unsozialen Stubenhockers über einem, wenn man eben nicht jede freie Minute draußen und mit sozialen Aktivitäten verbringen will.

Wenn man Parties absagt, um einfach einen Film zu schauen, in Ruhe seinen Gedanken nachzuhängen, sich um sich selbst zu kümmern oder einfach früh ins Bett zu gehen. Oder wenn es einen glücklicher macht und weniger Kraft kostet, öfter einfach im eigenen Viertel zu bleiben, statt immer da zu sein, wo gerade was los ist.

Dass der Drinnies-Podcast in kürzester Zeit in die Top 10 der deutschen Comedy-Podcasts gerutscht ist zeigt, dass mehr Drinnie in vielen von uns steckt, als es immer den Anschein hat. Und dass es sich ziemlich befreiend anfühlen kann, zu hören, wie andere es sich einfach in ihrer Komfortzone gemütlich machen und dazu stehen. Selbst Leute, die absolut keine Drinnies sind, können durch den Podcast so manchen Wesenszug anderer besser verstehen und sehen vielleicht sogar eigene introvertierte Züge, die ihnen bisher unangenehm waren, in neuem Licht. Und gerade jetzt, wo der Sommeranfang und die großen Lockerungen zusammenfallen und uns alle irgendwie unter Druck setzen, tut dieser Podcast gut.

Weil er so schön ehrlich zeigt, dass wir alle einfach immer das tun sollten, wonach uns ist – egal wie langweilig, aufregend, abwechslungsreich oder eintönig unsere Tage damit auch sein mögen.

Bild: Zane Priedite

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