Warum ich Charlotte Roches Podcast „Paardiologie“ liebe

9. Juli 2019 von in

Ehrlichkeit fühlt sich befreiend an. Dieses Mantra zieht sich durch mein Leben und rückt gerade in komplizierten Situationen immer wieder in den Vordergrund: Wenn man anderen und sich selbst eingesteht, dass gerade eben mal nicht alles perfekt ist, lebt es sich sehr viel leichter. Offenheit und Ehrlichkeit können eine Form von Nähe schaffen, die man vielleicht noch gar nicht kannte. Und mitzubekommen, dass andere Menschen ganz genau dieselben oder ähnliche Probleme haben wie man selbst, lässt einen das Leben sehr viel entspannter sehen – und kann sogar helfen, die Dinge plötzlich von so vielen Blickwinkeln aus zu sehen, dass ganz neue Lösungsgedanken aufploppen.

Eine, die das Thema der radikalen Ehrlichkeit konsequent durchzieht, ist Charlotte Roche. Und nach den letzten drei Wochen, in denen ich Stunden damit verbracht habe, Charlottes Worte in Form von Podcasts aufzusaugen, bin ich dankbarer denn je für diese Frau.

Mit ihrem Buch „Feuchtgebiete“ sprach sie erstmalig all das an, wovor wir alle uns ganz konsequent verschließen: Hämorrhoiden und Körperflüssigkeiten, Analfissuren und peinliche Krankheiten, die eben nun mal da sind, für die wir uns aber schämen, und die wir am liebsten für immer unter den Teppich kehren würden. Das Buch war radikal, es war ehrlich und ganz furchtbar abschreckend, es war gleichzeitig aber auch so wahnsinnig erleichternd: Da war plötzlich mal jemand, der sagt die Dinge einfach, so eklig und verpönt sie auch sein mögen.

Eine Weile verband ich Charlotte Roche oberflächlicherweise mit den Themen Körperflüssigkeiten und Hämorrhoiden, dann entdeckte sie erst Instagram für sich und erschien dort als wahnsinnig liebenswerte Figur, und kam nun mit dem Podcast „Paardiologie“ um die Ecke. Ein völlig anderes Thema als „Feuchtgebiete“, und doch genauso radikal gedacht, genauso ehrlich und befreiend: 15 Wochen lang spricht sie darin jeweils eine Stunde lang mit ihrem Ehemann über die 15-jährige Beziehung der beiden. Und zwar nicht über die schönsten Urlaube und den gemütlichen Alltag, sondern über die Hämorrhoiden der Paarbeziehung: Über all das, was alle haben, und was doch absolut niemand anspricht.

Die beiden sprechen über unausgeglichene Rollen, über einseitige Abhängigkeiten, Verlustängste und Fluchtmechanismen. Sie sprechen über Jahre voller Alkohol und halbtoter Katertage, voller betrunkener Streits, die eskalieren, und das Aneinandervorbeireden. Sie sprechen über sexuelle Unlust und das Gefühl, abgewiesen zu werden, über gemeinsame Dreier, die nur einer bereichernd findet und über das Bedürfnis, nicht nur sexuell, sondern auch emotional fremdzugehen. Sie sprechen über Kinder aus anderen Beziehungen, über Eifersucht und Langeweile. Und sie sprechen über 15 Jahre Beziehung, in denen all das stattfand und dafür gesorgt hat, zusammenzuwachsen.

 

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Während man den beiden zuhört, lösen sich die perfekten Instagram-Vorstellungen von Beziehungen nach und nach in feinen Rauch auf. Und man stellt fest: Jeder hat sie, die eigenen Probleme und Eigenheiten, die in Beziehungen für Konflikte sorgen. Die Rollen in Partnerschaften, in denen man sich selbst eigentlich gar nicht leiden kann. Die niemals einfach und auf Knopfdruck zu verändern sind – und an die man nur mit Ehrlichkeit rankommt.

Eine Aussage von Charlotte Roche hat sich mir eingeprägt: „Du kannst immer wieder eine neue Partnerschaft eingehen, deine Probleme werden immer wieder kommen. Oder du spielst mit einem Partner alles durch, arbeitest deine eigenen Themen auf, und du bist am Ende glücklich, egal mit wem du zusammen bist.“ Es hat wohl einen Grund, dass man diese Aussage immer wieder von Menschen in langjährigen Beziehungen hört. Vielleicht tut es uns gut, schon in jüngeren Beziehungen darüber nachzudenken. Und sich anzuhören, wie andere das alles so machen.

Mit Paardiologie hat man die Möglichkeit, genau diese ehrlichen Einblicke zu bekommen, die sonst niemand gibt. Und dafür liebe ich Charlotte Roche und ihren Podcast!

Bilder: Spotify/Filiz Serinyel/Charlotte Roche

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4 Antworten zu “Warum ich Charlotte Roches Podcast „Paardiologie“ liebe”

  1. Ja, der allerbeste Podcast! Die beiden zusammen sind der Wahnsinn und sie liebe ich schon lange fuer ihre radikale Ehrlichkeit.

    Ausserdem – „die Hämorrhoiden der Paarbeziehung“ :D

  2. […] Milena hat ihn hier schon vorgestellt, aber auch ich muss sagen: Der Podcast Paardiologie von Charlotte Roche & ihrem Ehemann darf auf einem Roadtrip keinesfalls fehlen. So wunderbar ehrlich, so authentisch und liebevoll, aber vor allem so wahr. Selten hat mich ein Podcast so verzaubert. Ich warte jede Woche sehnsüchtig auf Freitag und die neue Folge. Auch toll: Die Lösung – der Psychologie-Podcast. Hier geht es immer um ein Überthema, das anhand eines Falls erklärt und analysiert wird. Man nimmt wahnsinnig viel für seine zwischenmenschlichen Beziehungen mit. In vielem erkennt man sich wieder, vieles lädt aber auch dazu ein, dazuzulernen. Themen wie Scheitern, Treue, Entscheiden, Aufschieben oder Eifersucht werden behandelt. Reinhören! […]

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