Charlotte Roche springt von einer Brücke und wir haben gemischte Gefühle

5. September 2019 von in

Charlotte Roche – früher VIVA-Moderatorin, heute Autorin und Medienphänomen – ist kürzlich mit vier Haken im Rücken von einer Eisenbahnbrücke in Russland gesprungen. Ok, cool. Wieso, zur Hölle, fragt ihr euch? Das fragen wir uns auch. Klar, einerseits ging es (im für die Fernseh-Show, in deren Rahmen der Sprung stattfand, üblichen Schulhof-Style) darum, zwei Typen – nämlich Joko und Klaas – zu beweisen, dass sie krasser ist, als sie aussieht. Und andererseits bestimmt auch darum, das Klischee der sanften und vernünftigen Frau ins Wanken zu bringen. Ein bisschen ging es mit Sicherheit auch darum, sich selbst zu beweisen, wie weit man über den eigenen Schatten springen kann.

Doch was löste das Ganze vor den Bildschirmen aus? Sehr, sehr gemischte Gefühle. Hat Charlotte Roche den Feminismus gerade Jackass-fähig gemacht? Oder bedient sie hier ein sowieso längst überholtes Narrativ – nämlich, dass Frauen auch krass sein können (you don’t say)? Wir haben da unterschiedliche Meinungen. (Hier geht es übrigens zum Video – wir empfehlen aber nicht, es anzusehen)

Amelie

Okay, also Charlotte Roche – die von dem Buch Feuchtgebiete und dem Kassenschlager-Podcast Paardiologie – hat sich neulich vier Metallhaken in den Rücken rammen lassen, an denen sie sich für einen Bungeesprung von einer Eisenbahnbrücke in Russland sicherte. Das bedeutet, sie hing an ihrer eigenen Haut „wie ein Karnickel“, wie sie selbst schön beschrieb. Das Ganze machte sie im Rahmen der widerlichen Fernsehshow „Das Duell um die Welt“ von Joko und Klaas. Und jetzt erstmal vorab: Diese Show ist das unterste Niveau. Sie ist so ekelhaft, dass sie verboten werden sollte. Spätestens nach der wahnsinnigen Aktion von Charlotte verstehe ich nicht, wieso sowas überhaupt noch gezeigt werden darf! Wenn man bedenkt, dass die ganze Bungeeaktion selbst illegal war. Natürlich war sie illegal! Während Charlotte sich der Mutprobe annimmt und sich folterähnlichen Schmerzen unterzieht, verzieht sie keine Miene. Sie weint nicht, sie übergibt sich nicht vor Schmerzen, sie schreit allerhöchstens ein bisschen bei dem Sprung, den sie letztendlich wagte, wegen der Schmerzen, die sie dabei fühlte. Sie machte bis zum Ende hin hier und da ein paar kecke Witze, während sie massakriert wurde und Joko und Klaas, die Comedians der idiotischen Show, kaum das Video ansehen konnten, weil diese Schmerzen selbst passiv kaum zu ertragen waren.

Mutproben sind grundsätzlich der totale Humbug. Sie sind unreif, unnötig und messen im Grunde gar nichts, außer die Größe des Egos.

Und trotzdem liebe ich Charlotte dafür, dass sie in einem knallgrünen Plisseerock nach Russland reiste und Joko und Klaas mit dem Durchziehen dieser Challenge ordentlich einstauchte. Die Beiden fühlten sich bis dato so cool und abgeklärt. Doch dann wagte Roche etwas, das die Showmaster kaum beim Zuschauen aushalten konnten. Sie gaben ihr eine Aufgabe, die eigentlich unmöglich war und rechneten nicht damit, dass sie es wirklich tun würde. Sie wollten Charlotte Roche beim Verlieren zusehen und waren so selbstsicher. Doch dann zog sie die Mutprobe mit so einer eisernen Willensstärke durch, dass im Grunde spätestens jetzt das Format „Das Duell um die Welt“ eingestellt werden kann. Joko und Klaas können ihre Schwanzvergleich-Show beenden, denn sie ist albern und quotengeil. Meiner Meinung nach war die Aktion von Roche ein Mittelfinger an Joko und Klaas und ja, ich freue mich ein kleines bisschen, dass dieser Mittelfinger zur Abwechslung von einer Frau kam.

Milena

Uff, meine Gedanken dazu sind auch ziemlich divers. Und ich muss sagen, dass ich mir den Sprung bis heute nicht angeschaut habe und das auch nicht tun werde. Die erste Frage, die sich mir stellt: Muss man sich als Frau auf genau dasselbe Schulhof-Mutproben-Niveau herablassen, um Männern, sich selbst oder sonst irgendwem etwas zu beweisen? Ich finde Charlotte Roche nach wie vor ganz wunderbar, empfinde aber ihre Offenheit und Ehrlichkeit bei Paardiologie als sehr viel mutiger als diesen Sprung. Wo wir allerdings bei einem feministischen Grundthema wären: Frauen haben so oft die Rolle der Klügeren, die nachgibt. Der Reiferen, die sich gar nicht erst auf so einen Schwachsinn wie eine Mutprobe einlässt. Der Zarteren, die sich bei Männer-Schulhof-Aktionen raushält. Dieses Klischee hat der Sprung natürlich durchbrochen, aber haben wir so etwas als Frauen überhaupt nötig? Die ganze Aktion juckt mich allerdings zugegebenermaßen vor allem, weil sie von einer Frau kam – bei einem Mann wäre sie höchstwahrscheinlich an mir vorbeigerauscht. Wieso schockiert es uns bei einer Frau also so, wenn sie etwas Unvernünftiges, völlig Dämliches tut? Vielleicht war die Aktion für diesen Gedankenanstoß doch nicht ganz so dämlich, wie ich im ersten Moment dachte. Trotzdem: gemischte Gefühle.

Antonia

Mir geht’s wie Milena. Auch ich habe den Sprung nicht gesehen, weil ich einmal „Das Duell um die Welt“ noch nie gesehen, sondern immer nur auf Twitter verfolgt und aufgrund der Erzählungen bereits sehr entsetzt war, und zweitens ich allein durch die Schilderungen vom Sprung schon Schaudern bekam. Das mag was heißen, denn ich bin eigentlich ziemlich hartgesotten.
Ich persönlich liebe Charlotte Roche und mag es, dass sie gerne transgressiv an Dinge herangeht. Feuchtgebiete war extrem, auch Paardiologie ist in gewisser Hinsicht extrem offen und wunderbar mutig wie ehrlich. Das liebe ich. Menschen, die offen zu ihren Schwächen stehen, sind meine Helden.
Ich  finde aber auch, es braucht Extreme, und trotzdem glaube ich, beweisen Menschen manchmal wahre Stärke, wenn sie niemanden mehr etwas beweisen müssen. Wenn sie auf sich Acht geben und einfach Nein sagen, egal, was zwei Moderatoren für eine Challenge mit einem am Laufen haben.
Vielleicht aber war es auch die Transgressivität, die Charlotte Roche gereizt hat und am Ende hat sie diesen Sprung mehr für sich als irgendjemand anderen getan. Dann sage ich: Hut ab für diesen krassen Mut! Die Gedanken, dass uns dieses Medienspektakel so umhaut, weil es eine Frau getan hat, finde ich extrem spannend – und vielleicht hat Charlotte Roche damit auch einen großartigen feministischen Diskurs angestoßen. Denn während ein Felix Baumgartner aus der Stratosphäre hüpft  und bejubelt wird, stellt die Medienlandschaft Charlotte Roche als verrückt dar. In der näheren Betrachtung traurig, wie unterschiedlich Mut bei Frauen wie Männern gesehen wird.
Ich bin trotzdem einfach nur froh, dass ihrem Rücken nichts passiert ist und ich mich auf eine neue Folge Paardiologie freuen darf – und wer weiß, vielleicht verrät sie ja auch noch mehr zu dem Sprung.

Jowa

Mein erster Impuls? Unendlicher Respekt. Wenn ich mir überlege, wie viel Überwindung es mich schon kostet, vom Drei-Meter-Brett im Freibad zu springen – die eigenen Ängste derart zu überwinden, zeugt von einer unglaublichen Willenskraft. Charlotte Roche hat Eier bewiesen wie selten jemand zuvor – und es ist schade, dass es nach wie vor diese unlogische Formulierung ist, die einem als erstes in den Sinn kommt. Und da entstehen dann, beim zweiten Hinsehen, meine gemischten Gefühle zu Charlotte Roches Sprung. Eier beweisen: Ja, auch Frauen können das. Und ich muss zugeben, dass es mir eine merkwürdige Befriedigung verschafft, dass Charlotte Roche das jetzt unmissverständlich klar gemacht hat. Andererseits ist es aber auch traurig, dass es nach wie vor zu Überraschung führt, wenn Frauen etwas „Krasses“ machen. Als wäre die Weltgeschichte nicht voll mit Beweisen, dass die Geschlechtsteile nichts aussagen über die Willenskraft und Widerstandsfähigkeit eines Menschen. Dass das Ganze außerdem im Rahmen einer ziemlich infantilen Show zweier Klassenclowns stattfindet, denen Roche da beweisen will, wie krass sie sein kann, führt auch zu einem faden Beigeschmack. Kurz: Es ist kompliziert. Aber mindert nicht meinen Respekt für mutige Menschen wie Charlotte Roche. Die eben nicht nur im Jackass-Style an Haken im Rücken von Brücken springen kann, sondern auch offen über ihre Schwächen spricht – das ist ja eigentlich auch ziemlich krass.

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Eine Antwort zu “Charlotte Roche springt von einer Brücke und wir haben gemischte Gefühle”

  1. Ich finde die Aktion so krass, dass mir die Worte fehlen (habe nur über euch davon erfahren). Finde die generelle Kritik zu Joko & Klaas spannend, die ist mir bisher entgangen. Finde das meiste echt bescheuert aber manche challenges (die nur die zwei austragen) und die Videos dazu super witzig…solche die nicht ins extreme gehen.

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