Wendler, Naidoo, Hildmann und Trump: Was Corona-Skepsis mit toxischer Männlichkeit zu tun hat

16. Oktober 2020 von in

Jetzt haben wir auch noch den Wendler verloren. So oder so ähnlich häuften sich die nicht ganz ernst gemeinten Tweets als Reaktion auf Michael Wendlers Insta Story. In dieser erklärte er, dass er freiwillig aus der DSDS-Jury ausscheiden wird. Der Grund dafür hat wenig mit dem Austritt zu tun, nämlich ist der Wendler jetzt auch Verschwörungstheoretiker und Corona-Leugner. Der Austritt war also eine vorsorgliche Maßnahme für etwas, was vermutlich nach seiner Insta Story sowieso passiert wäre. Er warf der Bundesregierung vor, gegen die Verfassung in Sachen Corona-Schutz zu handeln. Nebenher streute er noch ein paar Begriffe ein wie „politisch gesteuert“ „gleichgeschaltet“, „ihr werdet schon noch aufwachen!“ und „ich habe keine Angst!“. Er selbst findet natürlich, er sei kein Verschwörungstheoretiker. Das finden die Verschwörungstheoretiker ja nie. Stattdessen eröffnet er ganz im Sinne von Attila Hildmann – quasi der Urvater aller Verschwörungstheoretiker in Deutschland – einen Telegram-Kanal, in dem er seine eigene Wahrheit, den „Hochverrat am Deutschen Volke“, seiner Anhängerschaft präsentiert. Hochverrat deshalb, weil seiner Meinung nach das Virus gar nicht existiert. Sondern als erfundene Waffe gegen die Menschen genutzt wird. Um sie einzusperren und gefügig zu machen, ihr wisst schon.

Denn selbst von Corona infiziert gewesen zu sein, reicht nicht als Ausrede dafür, das Virus klein zu reden oder gar weiterhin zu leugnen. Donald Trump beispielsweise infizierte sich jüngst selbst, und kehrte nach wenigen Tagen in einem epischen Video im Hubschrauber zurück ins Weiße Haus. Das Video war so übertrieben, es hätte das Intro eines peinlichen Science-Fiction-Filmes sein können, den man sich auf ironisch ansieht. Dass das gesamte Weiße Haus quasi zum Risikogebiet wurde, sprach er nicht an. Stattdessen fühlte er sich scheinbar „Stronger than ever“. Oder Friedrich Merz, der sich durch mangelnder Vorsicht schnell ansteckte und früh an Corona erkrankte. Nach wenigen Tagen zeigte er sich auf Fotos – immer noch Covid-19-positiv – im Homeoffice mit den Worten: „Symptome sind weiter auf dem Rückzug, ich bin zu Hause arbeitsfähig.“. Die beiden sind nur ein Beispiel von vielen erkrankten Corona-Skeptikern, die sich trotz Ansteckung weiterhin versuchen, unverwundbar zu zeigen. Sie reden die Krankheit klein, als hätten sie die Pandemie schon längst besiegt.

Neben Michael Wendler und Attila Hildmann ist da noch Xavier Naidoo an der Spitze der Verschwörungs-Promis Deutschlands. Unterstützt werden die drei beispielsweise von Til Schweiger, Fler oder Sido. Was haben diese Promis gemein? Alle waren irgendwann mal bei DSDS. Naja fast. Aber sie sind zumindest alle Männer. Unter ihnen tummeln sich zwar auch ein paar weibliche Theoretikerinnen, die meinen, die von Bill Gates regierte Welt verstanden zu haben, aber die Mehrheit bildet Männer. Und wieder einmal spielen toxische Männlichkeit und das Patriarchat eine gar nicht allzu kleine Rolle dabei. Ich weiß, es ist ein absoluter Schocker.

Und wieder einmal spielen toxische Männlichkeit und das Patriarchat eine gar nicht allzu kleine Rolle dabei. Ich weiß, es ist ein absoluter Schocker.

Aktuell werden einige Männer mit einem Gefühl konfrontiert, das sie womöglich noch nicht kennen. Das Gefühl der Unsicherheit und der Ohnmacht, das sich nicht mit einfachen Lösungen überwinden lässt. Das wenige, was man tun kann – also Maske auf, Sicherheitsabstand halten, Händewaschen – hilft zwar, aber auch nur geringfügig. Diese Maßnahmen lösen das Problem der Pandemie nicht, sie verringern nur die Ausmaße. Der kleine Mann kann da wenig tun. Deshalb fängt er an, gegen die Vorkehrungen durch mangelnde Vorsicht zu rebellieren, sich als „Skeptiker“ seine eigene Realität zu schaffen, oder Corona komplett zu leugnen. Diese Maßnahmen geben ihm ein Gefühl von Kontrolle zurück, das er in den letzten Monaten verloren hat. Sich „arbeitsfähig“ zu zeigen heißt Macht über die Situation zu haben, selbst als mit dem Virus infizierter. Ohne Maske U-Bahn zu fahren heißt, sich toxisch-männlich nichts und niemandem zu unterwerfen.

Die Gefühle der Überforderung, Unsicherheit, Angst und Ohnmacht passen nicht mit dem Bild des heterosexuellen, starken Beschützers zusammen.

Denn die Gefühle der Überforderung, Unsicherheit, Angst und Ohnmacht passen nicht mit dem Bild des heterosexuellen, starken Beschützers zusammen. Der typische „alte weiße Mann“ wird gerade zum ersten Mal mit dem Gefühl konfrontiert, aufgeschmissen und angewiesen auf andere zu sein. Er erfährt politische Grenzen, die Menschen mit weniger Privilegien ständig erfahren müssen. Ihm wird erstmals eine Freiheit verwehrt, auf die er sich ausgeruht hat, und auf der es ganz schön gemütlich war. Jetzt kommt plötzlich jemand daher und sagt ihm: „Nö. Du darfst nicht in den Club. Du darfst nicht in den Urlaub. Du darfst nicht ohne Maske rein.“. Und es gibt nichts, was er dagegen tun kann.

Die grenzenlose Freiheit, das ist beispielsweise in Deutschland oder in den USA eine sehr individuelle Freiheit. Es geht darum, den persönlichen Vorteil zu ziehen, den hier vor allem privilegierte weiße Männer ziehen.

Was eigentlich erstmal harmlos klingt, weil es ja zeitlich begrenzt ist und die Gesellschaft schützt, ist gerade für die unerträglich, die nie Grenzen erfahren haben. Schon die kleinsten Regelungen fühlen sich wie die absolute Freiheitsberaubung an. Und das in einer westlichen Welt, die doch die grenzenlose Freiheit verspricht. Die grenzenlose Freiheit, das ist beispielsweise in Deutschland oder in den USA eine sehr individuelle Freiheit. Es geht darum, den persönlichen Vorteil zu ziehen, den hier vor allem privilegierte weiße Männer ziehen. Denn die vermeintliche grenzenlose Freiheit richtet sich nicht an Menschen mit arabisch klingendem Nachnamen, die ihre Namen ändern müssen, um Erfolg im Job zu haben oder um eine Wohnung zu finden. Sie richtet sich nicht an Schwarze Personen, die grundlos von der Polizei angehalten werden. Sie richtet sich nicht an Menschen mit Behinderung, die alltäglich mit Barrieren konfrontiert werden.

Was Privilegierte lernen müssen ist, dass ihre Freiheit nicht die Freiheit ihrer Mitmenschen kosten darf.

Was Privilegierte lernen müssen ist, dass ihre Freiheit nicht die Freiheit ihrer Mitmenschen kosten darf. Wenn ein Hans-Müller ohne Maske einkaufen geht, weil er findet, dass das seine Freiheit beschränkt, kostet das die Freiheit von Risikogruppen, die das Haus nur noch wenig bis gar nicht verlassen. Wenn Raver ihre illegalen Parties nach drinnen verlegen, kostet das die Freiheit von Schülern und Schülerinnen, die aufgrund der steigenden Infektionszahlen nicht mehr in die Schule gehen dürfen. Wir alle sind genervt, eingeschüchtert, müde, panisch oder machtlos gegenüber der Pandemie. Wie die Medien es so schön sagen: „We are all in this together“, und dieses Miteinander müssen manche Personen noch lernen. Denn es gibt keinen, der sich über eine Pandemie und ihre Ausmaße freut. Außer vielleicht Jeff Bezoz, dessen Milliarden-Imperium von der Coronakrise nur profitiert. Also hört bitte endlich auf, bei Amazon zu bestellen.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Foto von Michael Schilling – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Sharing is caring

3 Antworten zu “Wendler, Naidoo, Hildmann und Trump: Was Corona-Skepsis mit toxischer Männlichkeit zu tun hat”

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Absenden des Kommentars bestätigst Du, dass Du unsere Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen hast.