Wie ich lernte, auf Alkohol zu verzichten und endlich meine Anxiety überwand

13. Oktober 2021 von in

Vor 2 Monaten, 9 Tagen, 11 Stunden, 9 Minuten und 6 Sekunden hatte ich die letzte Panikattacke.
Es wären schon 5 Monate, wäre da nicht der eine Abend gewesen, an dem ich es nicht mehr ausgehalten habe und trank.
Erst einen Drink, dann schnell drei.
Dann zu viele, und am nächsten Morgen lag ich im Bett und alle Sorgen und Ängste und das enge Gefühl in der Brust und die Panik, die sich langsam anschleicht: alles war wieder da.

Ich hatte schon länger aufgehört, Alkohol zu trinken, weil meine Therapeutin mir zu verstehen gegeben hatte, dass es da vielleicht ein Muster geben könnte. Einen Zusammenhang zwischen meiner anhaltenden Nervosität, meinen Panikattacken und meinem Alkoholkonsum. Das Muster war simpel: Mir ging es schlecht. Ich war nervös und ängstlich. Dann trank ich, um mich besser zu fühlen. Nur, damit es am nächsten Tag noch schlimmer wurde.

So wie Antonia und ich leiden circa 15 Prozent der deutschen Gesellschaft an einer Angststörung oder auf Englisch: an Anxiety. Sie hat verschiedene Ausprägungen und zeigt sich beispielsweise in Nervosität, extremer Schüchternheit, Ängsten oder Panikattacken. Meine eigene Diagnose kam für mich nicht sehr überraschend. Die Symptome einer Angststörung begleiten mich schon mein ganzes Leben lang.

Ich hatte starke soziale Ängste, schon als ich noch ein Kind war. Ich war schüchtern, nicht nur ein bisschen, sondern sehr.
Ich wollte kaum mit fremden Menschen sprechen. Auch vor Menschen, die mir nahe waren, habe ich mich unwohl gefühlt. Nur mit meinen Eltern und meinem besten Freund war es anders. Ich kann die Momente, in denen ich mich als Kind wirklich glücklich und gelöst gefühlt habe, an einer Hand abzählen.

Einer war dieser: Ich war noch jung, jünger als zehn Jahre alt, und hatte bei einer Nachbarin einen vergorenen Saft getrunken. Ich war betrunken, ohne zu wissen, was das bedeutete, und ging mit meinen Eltern in ein Restaurant. Das erste Mal war ich mutig genug, um meine Bestellung selbst aufzugeben. Ich konnte scherzen, bis der ganze Tisch lachte und unterhielt das ganze Restaurant. Meine Mutter lächelt noch heute stolz, wenn sie davon erzählt. „Du warst so offen und selbstbewusst. Es war ein sehr schöner Abend.“

Wie ihr ging es mir auch, denn mit dem Alkohol hatte sich etwas verändert. Meine Unsicherheit hatte sich aufgelöst. Der Knoten in der Brust hatte sich für den Moment gelockert. Seitdem war klar: Wenn ich trinke, verschwinden meine Probleme.

Alkohol hemmt das zentrale Nervensystem. Wenn wir trinken, bremst das zwanghafte Gedanken und für den Moment werden wir mutig. Alkohol steigert die Laune und macht, dass wir uns wohler fühlen. Bis der Effekt stagniert und man weiter trinken muss, um ihn am Laufen zu halten. Ein gemeiner Trick, der dazu führt, dass ein Viertel der Menschen, die mit einer Angststörung diagnostiziert werden, im Leben schon mal alkoholabhängig waren.

So war es auch bei mir: Sobald ich als Teenager trinken konnte, startete ich eine ausgiebige Trinkkarriere. So ausgiebig, dass ich mich an das Meiste kaum erinnern kann. Ich trank und war glücklich. Ich konnte meine Sorgen und Ängste vergessen und gleichzeitig Spaß mit anderen Menschen haben.

Immer mehr, bis ich einen Filmriss hatte oder mir schlecht wurde. Ich nutze Alkohol als Kitt für alle meine Probleme. Bis er selbst zum Problem wurde.

Alkohol kann bei regelmäßigem Konsum Angststörungen verschlimmern, und genauso war es bei mir. Der Kater setzt den Körper unter Stress. Der Stoffwechsel wird beansprucht. Physische Symptome wie Herzrasen und schwitzige Hände können dem Körper einen Trigger geben, der Panik auslösen kann. Das Aufstehen fällt schwerer und man verpasst es, Verpflichtungen nachzukommen. Nehmen wir dazu noch eine gute Portion Angst um die eigene Gesundheit und Scham, weil man betrunken etwas Peinliches gemacht hat, und der Cocktail ist perfekt.

Mir ging es schlecht, und ich trank nur, damit es mir am nächsten Tag noch schlechter ging und ich wieder zur Flasche griff.
Meine Therapeutin brauchte zehn Therapiestunden, um zu erkennen, was ich in zehn Jahren nicht erkannt hatte: Mein Verhältnis zu Alkohol war tief geprägt von meiner Angststörung. Die beiden hatten eine Beziehung eingegangen, die mich jeden Abend in die Bar und jede Nacht in die Angst schickte.

Bis ich aufhörte.

2 Monate, 9 Tage, 13 Stunden, 29 Minuten und 57 Sekunden seit meinem letzten Schluck Alkohol auf einer Party, auf der ich mich so unwohl gefühlt hatte, dass ich nicht anders konnte. Mit Ausnahme von diesem Abend habe ich das letzte halben Jahr kaum getrunken. Die positiven Effekte auf meine mentale Gesundheit spüre ich jeden Tag. Ich schlafe regelmäßiger, weil ich nicht mehr viermal die Woche ausgehe.

Mein Kreislauf ist besser, ich habe mehr Energie und wache nie mit einem schlimmen Kater auf. Das Gefühl von Enge in meiner Brust ist weg. Ich kann mich konzentrieren und verliere mich nicht in Grübeleien. Mit dem Alkohol habe ich auf das verzichtet, was mir über Jahre den Arsch gerettet hat. Ich musste erst lernen, wie es sich anfühlt, Nervosität auszuhalten. Nicht zum Drink zu greifen, wenn ich mich unwohl fühle.

Ich stehe zehn Jahre später vor denselben Herausforderungen, die mich als Teenager zum Alkohol gebracht haben. Aber: Seit ich aufgehört habe zu trinken, hatte ich keine Panikattacke mehr. Der Knoten in meiner Brust, von dem ich dachte, er sei mein ständiger Begleiter, hat sich gelöst. Ich habe keine Angst mehr vor einer Party oder einer Einladung. Keine zwanghaften Gedanken und Ängste, die mich vor dem Einschlafen heimsuchen. Ich habe gelernt, dem sozialen Druck zu widersprechen und mich dafür zu entscheiden, meine Ängste nicht mehr in Alkohol zu ertränken, sondern ihnen in die Augen zu blicken.

Bisher hat es sich gelohnt. Ich war das erste Mal nüchtern auf einem Festival. Habe mich nüchtern verliebt und hatte zum ersten Mal Sex mit einer neuen Person, ohne betrunken zu sein. Ich kann mich an jeden Moment erinnern und fühle keine Angst. Klar, ich bin manchmal etwas nervös, aber das Gefühl zieht schnell vorbei. Mit jedem Tag wächst das Vertrauen in mich selbst und meine Angst und Nervosität verschwindet.
Also mache ich erst mal weiter, hoffentlich lange. Und vielleicht fange ich irgendwann auch wieder an, wenn ich es nicht mehr brauche. Bis dahin zähle ich die Sekunden, Stunden, Tage, Monate, Jahre und freue mich in jedem Moment, dass ich diesen Weg gefunden habe.

* Mit dem Trinken aufhören, ersetzt keine Therapie. Es ist auch nicht so, dass es dir auf jeden Fall besser geht, wenn du aufhörst zu trinken. Sei nicht enttäuscht, falls es nicht so ist. Falls du sehr viel trinkst: Spreche mit einem Arzt, wenn du aufhörst. Ein plötzlicher Entzug kann auch hart für den Körper sein und falls du diesen Artikel liest, weil du struggelst: Fühl dich umarmt und wende dich zum Beispiel an diese Stellen, falls du akut Hilfe brauchst:

Sucht- und Drogen-Hotline: 01806/313031; Info Telefon zur Suchtvorbeugung der BZgA: 0221 892031; Telefonseelsorge: 0800 – 1110111 oder 0800 – 1110222 oder einer Beratungsstelle vor Ort.

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