Bodyshaming: Die drei Fragen

25. September 2017 von in

Bodyshaming – ein Begriff, der schon von vornherein mit der Kombination dieser beiden Themen Abneigung in mir auslöst. Body, unser Körper, unsere weiche Haut, unsere Organe, unser Wunder, das uns jeden Tag aufs Neue durch das Leben trägt, das atmet, das lebt, das gesund ist oder krank, und das völlig unterschiedlich geformt sein kann bei all den 7,47 Milliarden Menschen auf dieser Erde. Und dann kommt da Shaming ins Spiel, Bloßstellen, Anprangern, mit dem Finger drauf zeigen, sich schämen.

Diese beiden Begriffe wurden zusammengeführt zu einem Thema, das immer größer wird, wie ein Luftballon voll negativer Energie, die wir uns gegenseitig entgegenpusten. Bodyshaming existiert schon vor Social Media, existiert unabhängig von Social Media, doch mit Social Media nimmt die Entwicklung noch viel rasanter an Fahrt auf. Körper werden bewertet, Körper werden präsentiert, Körper werden zur Währung, die von Millionen Augen begutachtet wird. Und mit einem digitalen Schutzschild vor der Nase fällt es noch viel leichter, Körper zu kommentieren – fremde wie eigene – sie zu bewerten und sie abzuwerten.

Was ist Bodyshaming überhaupt? Es ist die Einordnung von Körperformen in „richtig“ und „falsch“, es sind Beleidigungen, aber es sind, viel subtiler, auch einfach Kommentare zu Körpern. Es kann ein „hast du abgenommen?“ genauso sein wie „hast du zugenommen?“, und es kann auf Instagramaccounts genauso stattfinden wie im echten Leben. Das, was dabei passiert, ist vor allem eines: Körper werden überhaupt erst zu einem Thema gemacht, werden in die Kategorien „richtig“ und in „falsch“ eingeordnet, werden Perfektionierungsdruck ausgesetzt und verlieren ihre Unschuld, ihre Wertschätzung, die vor allem darin bestehen könnte, dass sie gesund sind, unsere Körper, und ein tägliches Wunder.

Während das Thema Bodyshaming mir immer öfter über den Weg läuft, immer mehr Blogger mit ihren täglichen Erfahrungen damit hervortreten und Kommentare öffentlich gemacht werden, bei denen ich mir nur an den Kopf fassen kann, war ich mir immer sicher, nichts mit dem Thema am Hut zu haben. Eine entspannte Einstellung zu meinem Körper und allen anderen Körpern zu haben. Doch ist es jeder einzelne von uns, der bei sich selbst anfangen muss, um das Thema Bodyshaming überhaupt erst zu begreifen, und vielleicht etwas zu ändern.

Es gibt drei Fragen, die sich jeder von uns selbst stellen kann, und die vielleicht etwas verändern können. Die das Bewusstsein stärken können für die Selbst- und Fremdwahrnehmung, für die Einstellung, die man zu sich selbst hat und die man aussendet. Und die dazu führen könnten, dass wir Körper ein für alle mal das Lebenswunder sein lassen, das sie sind – und nichts anderes. Die drei Fragen habe ich in der letzten Zeit vielen Frauen gestellt, und ich mache heute den Anfang.

Hast du schonmal Erfahrungen mit Bodyshaming gemacht, wie wurdest du selbst schon auf deinen Körper angesprochen?

Obwohl mein Körper mein Leben lang noch nie die „perfekten Traummaße“ hatte, habe ich verschwindend geringe Erfahrungen mit Fremdkommentaren zu meinem Körper gemacht. Die häufigsten Kommentare sind die, dass ich eine positive Einstellung zu meiner Figur vermittle, was mich jedes Mal wahnsinnig freut. Ich kann mich tatsächlich an keine negativen oder übergriffigen Kommentare zu meinem Körper erinnern, außer vielleicht Anmerkungen, ein Outfit sähe unvorteilhaft aus – eine sehr weiße Bodyshaming-Weste also.

Wie würdest du dein Verhältnis zu deinem eigenen Körper einschätzen?

Ich wage zu behaupten, dass ich mein Credo, dem Thema der Figur nie zu viel Bedeutung beizumessen und damit glücklich zu sein, wie es ist, die meiste Zeit meines Lebens ziemlich gut ausgelebt habe. In der Pubertät war das natürlich anders, und auch ich habe mich falsch gefühlt, wollte meine Körperform verändern – um diese Gedanken kommt man im Laufe seines Lebens schwer herum. Heute mag ich meinen gesamten Körper, wenn es um Äußerliches geht. Vor allem aber liebe ich meinen Körper aber für all das, was er täglich leistet und für das Wunder, dass er vollbringt. Es geht mir heute vor allem darum, physisch und psychisch einen Ausgleich zu haben und mich nicht zu ungesund zu ernähren. Und das Wichtigste: Gesund zu sein und meinen Körper gesund zu halten. Nach einer ziemlich ernsten Krankheitserfahrung vor ein paar Jahren weiß ich meine Gesundheit mehr zu schätzen denn je, was mich vor allem mit Dankbarkeit erfüllt, wenn ich über meinen Körper nachdenke.

Hast du jemals eine andere Frau auf ihren Körper angesprochen?

Hier wird es interessant, denn im ersten Moment hätte ich auf diese Frage mit „natürlich nicht“ geantwortet. Was ich tatsächlich ziemlich sicher sagen kann, ist, dass ich noch nie einer andere Frau oder einem anderen Mann vermittelt habe, „zu dick“ zu sein. Andersherum, wenn jemand besonders dünn war, habe ich aber doch kommentiert – und damit den Fehler gemacht, den so viele begehen. Nur, weil das größere Stigma unserer Gesellschaft „zu dick“ heißt, löst ein „du bist aber dünn geworden“ genau dasselbe Gefühl von „mein Körper ist falsch“ aus. Während meine Kommentare vor allem mitfühlend gegenüber Freundinnen gemeint waren, war mir lange nicht bewusst, dass auch diese Kommentare Bodyshaming bedeuten, auch diese Kommentare Körper bewerten, und auch diese Kommentare Körper abwerten. Erst, als ich wirklich darüber nachdachte, wurde mir bewusst, dass auch ich dadurch schon Bodyshaming betrieben habe – und dass ich heute nie mehr einen solchen Kommentar abgeben würde.

In der nächsten Zeit möchten wir diese drei Fragen verschiedenen Frauen stellen, als nächstes sind Amelie und Antonia an der Reihe. Wenn ihr möchtet, könnt ihr sie gerne auch beantworten – nur für euch oder in den Kommentaren. Wir sind gespannt!

9 Antworten zu “Bodyshaming: Die drei Fragen”

  1. Der Beitrag berührt mich besonders aktuell, da ich erst gestern einer wiederholten Diskussion um meinen dünnen Körper mit einer guten Bekannten ausgesetzt war. Diese trat, wie schon sehr viele vor ihr, auf mich zu, weil sie sich Gedanken machen würde, ob ich denn nicht magersüchtig /essgestört sei. Sie würde sich ja nur Sorgen machen. Im Gespräch kristallisierte sich heraus, das nicht nur sie und ihr Freund, sondern auch weitere Freundinnen aus dem gemeinsamen Freundeskreis meine sehr schmale Figur (die übrigens einer furchtbar nervigen und mich mit viel Disziplin und Verzicht herausfordernden, echten Nahrungsunverträglichkeit geschuldet ist), bereits mehrfach gemeinsam thematisiert hätten. On Top bin ich offenbar schon häufiger genau wegen meiner Figur und meiner leider unumgänglichen Disziplin im Rahmen meiner Unverträglichkeit nicht mehr eingeladen worden zu Treffen dieser Mädels. Sie können es scheinbar nicht ertragen, bin ihnen nicht die Torten-Freundin, mit der sie gemeinsam sündigen können? Dabei wünsche ich mir nicht sehnlicher als endlich mal wieder ein Stück Kuchen zu essen… Und immer ist es der Vorwurf einer Essstörung, die ja ach so oft mit ausgedachten Nahrungsunverträglichkeiten gedeckt würde, und der so deutlich verschwundene „Glow“ oder meine nachlassende Attraktivität. Natürlich, Sorgen machen ist legitim, fragt mich gern und immer – aber das hinter meinem Rücken so viel Gerede, ausgeschlagene Einladungen und „Im Zweifel gegen den Angeklagten“ läuft, hat mich gestern doll aus der Bahn geworfen.

    Bis anhin habe ich mich einfach nur für meine Nahrungs-Besonderheiten geschämt, meinen Körper entschuldigt, und viele Artikel über Bodyshaming von kräftigeren Frauen gelesen – erst gestern wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich mich eigentlich ebenfalls als Zielobjekt für Bodyshaming bezeichnen könnte – mit unterlassenen Einladungen, Gerede und der Unterstellung von Krankheiten. Ich weiss gerade nicht, wie damit umgehen und möchte mich ziemlich gern ziemlich verkriechen.

    Danke daher für eure Beiträge und jeden Einzelnen auf dieser Welt, der einmal mehr nachdenkt, bevor er „dick oder dünn oder gross oder klein“ heimlich oder offen kritisiert. Da kann man sich oft selbst nicht von freimachen, auch ich nicht – und dabei würde genau das den Betroffenen schon so viel ersparen.

    • Liebe Ina, danke für deine Offenheit! Deine Situation tut mir sehr leid, diese Nahrungsunverträglichkeit klingt schon einschränkend genug, aber diese Reaktionen sind wirklich schwierig. Viel zu oft wird bei dem Thema der Kommentare auf andere Körper wirklich vergessen, dass dünne Menschen genauso davon verletzt werden, wenn ihre Körper als „nicht richtig“ eingestuft werden. In deiner Situation klingt das mit dem gemeinsamen über dich reden doppelt schlimm.
      Ich denke, dein erster Schritt sollte sein, dich eben nicht verkriechen zu wollen, und dich eben nicht falsch zu fühlen. Wenn du mutig genug bist, sprich genau das an, und nimm ihnen den Wind aus den Segeln. Es ist bestimmt auch Unwissenheit und Unsicherheit, oder die Projektion eigener Probleme, die da bei den anderen mitspielt. Mit offener Kommunikation über dein Verhältnis zu deinem Körper, dass du eben nicht unter einer Essstörung leidest und nur allzu gerne Kuchen mitessen würdest, wenn du könntest, kannst du bestimmt etwas bewirken.
      Zu genau diesem Thema werden auf jeden Fall noch mehr Beiträge in dieser Serie kommen!

  2. Liebe Milena,

    danke für die interessanten Fragen!

    „Hast du schonmal Erfahrungen mit Bodyshaming gemacht, wie wurdest du selbst schon auf deinen Körper angesprochen?“
    Meine Erfahrungen mit Bodyshaming unterschiedlich. Es gibt einige Dinge an meinem Körper, die oft und immer wieder kommentiert wurden: meine nach außen stehenden Füße („Charlie Chaplin“), mein fliehendes Kinn und vor allen Dingen meine gelben Zähne. Die meiste Zeit konnte ich das recht gut wegstecken, schwierig war es für mich aber immer dann, wenn es von Männern kommentiert wurde, bei denen ich dachte, dass ich ihnen etwas bedeute. Ich war für die meisten gleichaltrigen Jungs/Männer nicht allzu attraktiv oder einfach nicht ihr Typ, so genau kann ich das nicht sagen. Als junge Frau hat mich das oft frustriert, vor allen Dingen mit einer besten Freundin im Schlepptau, auf die immer alle abgefahren sind.
    Im Abibuch hatte ich dann auf meiner Profilseite eine Beleidung stehen, die mich sehr runtergezogen hat: „Sie ist das perfekte Beispiel für ein Crossing-Over“ (Begriff aus der Genetik für den Austausch von mütterlichen und väterlichen Chromosomen). Da bei Fehlern während des Crossing-Overs Behinderungen auftreten können – und ich gehe davon aus, dass das gemeint war – fand ich das einen sehr herben Schlag ins Gesicht. Damals jedenfalls. Heute finde ich es schade, dass mich der Vergleich mit Menschen mit einer Behinderung beleidigt hat. Das ist heute nicht mehr der Fall.

    Überrascht bin ich, dass meine sehr großen Brüste kaum zu Bodyshaming geführt haben. In meiner Familie gab es darüber manchmal scherzhaftes Bedauern von meiner Mutter, dass ich mich damit plagen muss. Unter Freunden, beim Sport und in meiner Beziehung mache ich über meine Oberweite gerne Witze, weil ich sie mag und sie ein sehr offensichtliches körperliches Merkmal sind, das manchmal im Weg steht und sich eben auch lustig bewegt.

    „Wie würdest du dein Verhältnis zu deinem eigenen Körper einschätzen?“
    Ziemlich gut. Ich mag meinen Körper sehr und mochte ihn schon immer. In den letzten Jahren habe ich so einige Kilos zugenommen und würde manchmal gern abnehmen. Allerdings hauptsächlich, damit ich wieder in meine Lieblingsklamotten passe. Dennoch mache ich mir keinen Druck, solange ich mich wohl fühle. Und das tue ich.

    „Hast du jemals eine andere Frau auf ihren Körper angesprochen?“
    Bestimmt habe ich das getan, auch wenn ich mich aktuell nicht daran erinnern kann. Viel öfter werde ich aber von Frauen in Bezug auf ihre eigene Figur angesprochen. Ich bin immer wieder Zeuge von Komplexen in Bezug auf die eigene Figur, muss gut zureden und Überzeugungsarbeit leisten.
    In meinem Beruf als Theaterpädagogin ist das für mich ein ganz elementares Thema, das mir immer wieder Sorgen bereitet. Ich inszeniere mit erwachsenen Amateurspielern Theaterstücke und stoße dabei oft auf Probleme bei der Kostümwahl, weil viele Frauen bestimmte Kostüme unvorteilhaft, unangemessen (zu sexy, zu jugendlich, zu konservativ, zu …) oder peinlich finden. Überwinden sie sich dann doch, ist es meist auch gleichzeitig ein Gewinn an Selbstvertrauen.
    Bei Männern ist das Problem nicht so stark, aber hier merke ich, dass von ihnen z.B. viel selbstverständlicher erwartet wird, dass sie kein Problem haben, mit nacktem Oberkörper aufzutreten. Ich frage in solchen Fällen lieber vorher nach und möchte, dass von beiden Geschlechtern Intimzonen gewahrt werden, auch wenn ich langfristig gern allen Teilnehmern helfen möchte, ihre Komfortzone zu erweitern.

    • Wow. Es ist wirklich unfassbar, wie verletzend andere Menschen sein können, vor allem Mitschüler! Da kann man wirklich froh sein, zumindest aus diesem Alter heraus zu sein. Sehr interessant, was du aus deiner Arbeitssicht erzählst. Gerade bei Schauspielern im Theater bewundere ich immer, dass sie auf der Bühne so frei von jeglichen Komplexen zu sein scheinen. Aber das ist bestimmt auch viel Fassade und Übung, sich davon in diesem Moment freizumachen.

      • Ich denke, im jugendlichen Alter ist man in der absoluten Blüte der Grausamkeit.;) Was ja auch damit zusammenhängt, dass man in der Pubertät am unsichersten ist, am wenigsten Selbstvertrauen hat und deshalb entsprechend austeilt. Auch ich habe sehr stark und bösartig gelästert in dem Alter. Zum Glück bin ich da heute weiter.
        Die Schauspieler auf der Bühne haben auch viele Komplexe, aber in dem Moment des Auftritts ist das tatsächlich irrelevant. Kaum irgendwo lebt man so im Moment wie bei einem Theaterauftritt.:)

  3. Bodyshaming kenne ich eigentlich nur durch meine Eltern & Omas, die meine Figur in der Pubertät mit „so fett wie du bist, kriegst du eh mal keinen ab“ kommentierten.
    Mit Vorliebe kamen solche Sätze vor dem Ausgehen…
    Ich wog bei damals 1,62m ca 54 kg. Für sie war ich damit ein „strammes Pummelchen“.
    Die Komplexe, die mich lange Jahre plagten, muss ich nicht beschreiben.
    Wenn ich heute die 51/52 kg Marke knacke, kriege ich durchaus noch Schweißausbrüche…
    Bin froh, dass ich damit nicht allein bin.

  4. Ach ja – die letzte Frage – von mir aus habe ich -glaube ich- nie eine Frau auf ihre Figur angesprochen – höchstens mal gesagt, dass sie etwas gut tragen könne, jedoch nicht warum.

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