Eine Hommage an unser Deutschland: Numéro Berlin

23. November 2016 von in

Jetzt erst recht – selten konnte man diese Worte öfter spüren als dieses Jahr. Denn gerade wenn an den Grundfesten gerüttelt wird, entstehen häufig Energien, die einen umhauen. Energien, die zu ganz wahnsinnig guten Ergebnissen führen. Ergebnissen wie das 620-Seiten-starke Numéro Berlin, man mag es kaum Magazin nennen. Vielmehr ist es ein Sammelstück, ein Wunderbuch, ein Manifest. Das mitten in der Krise keinen Funken, sondern eine dermaßen große Hoffnungsexplosion heranbringt. In der Krise der Printpublikationen, in der es zeigt, was entstehen kann, wenn sich kluge, kreative und stilsichere Köpfe zusammensetzen und der Onlinewelt etwas entgegensetzt, was auf keiner noch so gut gecodeten Website möglich wäre. Und in der Krise der Werte, in der ein anderes Bild unseres Landes entworfen und den aktuellen Geschehnissen und Zerwürfnissen entgegengesetzt wird – zu einem Zeitpunkt, an dem dies wichtiger ist denn je.

„Was wir feststellen konnten, ist, dass – obwohl wir von nur allzu bekannten dunklen Geistern verfolgt werden – Deutschland ein Land voller Talent und Schönheit, voller leidenschaftlicher Menschen, Herz und Verstand ist, das auf viele Traditionen stolz sein kann, Traditionen, für die es sich zu kämpfen lohnt. Wir dürfen uns von den ewig Gestrigen, die im Moment fast täglich neue Schlagzeilen liefern, nicht entmutigen und frustrieren lassen, egal wie viele es sind, egal wie laut sie grölen. Wir sollten auf unsere innere Stimme hören und dafür einstehen, dass dieses Land von einer positiven, weltoffenen, multikulturellen Gesellschaft bestimmt wird. Dafür zu kämpfen ist immer eine Herausforderung, die sich lohnt“, schreibt Götz Offergeld in seinem Editor’s Letter und eröffnet damit die erste Ausgabe Numéro Berlin, die sich jetzt erst recht Deutschland widmet – dem Deutschland, von dem man neben all den negativen Schlagzeilen viel zu wenig mitbekommt.

620 Seiten werden in vier Themenblöcke eingeteilt: Vol. A zeigt Modestrecken, so gut, dass man sich die Seiten am liebsten einrahmen würde. Neue Sachlichkeit mit Julia Stegner, High Fashion im Plattenbau, Kunstseidene Mädchen, Deutschland im Herbst. Von Wim Wenders Filmen inspirierte Looks, Fassbinders Frauen als Stilikonen oder Toni Garrn, die unter dem Schlagwort Love Parade teils ganz privat und nah, teils ganz professionell und fern auftritt. Ein Potpourri an Assoziationen mit der wunderbarsten Seite deutscher Kultur und dem, was Deutschland sein kann, wenn man seine Schönheit nur zulässt. Die Seiten wirken nicht wie Editorialstrecken, vielmehr wie ein endloser Kunstband, den man immer wieder durchblättern will und nach dem man sich ähnlich inspiriert und erfüllt vorkommt als nach einem ganzen Tag in der liebsten Kunstsammlung.

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Vol. B, Kultur wird eröffnet von einem Statement, was Numéro Berlin sein will, kann, ist: „Numéro Berlin ist ein Prisma, durch das hindurch unsere Leserinnen und Leser aktuelle Themen betrachten können, um neue Einsichten und Inspiration zu finden. Numéro Berlin ist ein Medium der Jugend, der Kreativität und der Toleranz. Numéro Berlin steht in einer freigeistigen, fortschrittlichen Tradition Deutschlands – die es gibt, auch wenn nicht annähernd häufig genug davon die Rede ist. Numéro Berlin verleiht dieser Tradition in der Gegenwart eine Stimme und richtet zugleich den Blick in die Zukunft. Numéro Berlin formuliert Absichten und Ansichten und stellt Persönlichkeiten vor, die selber welche haben.“ 10 Schlagworte formulieren Numéro Berlin, werden visuell umgesetzt und anschließend erläutert._dsc1698

Nun werden Artikel mit Bilderstrecken verknüpft: Ein Interview mit Schauspielerin Barbara Sukowa, die schon mit Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff oder Lars von Trier arbeitete, wird verknüpft mit der Fotostrecke, in der die 10 spannendsten Jungschauspielerinnen Deutschlands die aktuelle Burberry Kollektion tragen. Die Designerinnen des Labels Ottolinger sprechen über Grenzen von Schönheit und ihre Arbeit für Kanye West. Und Margit J. Mayer und Angelica Blechschmidt erzählen von den Anfängen des Modejournalismus in Deutschland. Das Eindringen der digitalen Konsumwelt in unser Leben analysiert Roe Ethridge in einer Fotostrecke sowie einer Kurzgeschichte, und Alicja Kwade nähert sich Werner Heisenberg in ihrem Werkzyklus „Being“. Besonders berührt hat mich die Arbeit über die deutsche Landschaft von Christian Werner und Martin Simons: „Schmetterlinge im Sturzflug“ erzählt zunächst Momente der Verbundenheit mit der Natur, alle in Deutschland stattfindend. Darauf folgt eine Fotostrecke, die die beschriebenen Gefühle mit deutschen Landschaftsszenerien untermalt – so schön und besonders kann dieses Land sein.

Nach einer Liebeserklärung an die Person Angela Merkel der Schweizer Autorin Michéle Roten, einem Bauhaus-Exkurs mit Fotografien Lucia Moholys, die immer im Schatten ihren berühmten Mannes stand und einer Ännäherung an „Denglisch“ folgt Vol. C, Kunst. Mit Arbeiten von Marc Brandenburg wird es noch experimenteller, sie sind losgelöst von jeglicher Betitelung, eine rein visuelle Abhandlung. Nur in der Einleitung des Heftes wird die Strecke beschrieben und schließt den Bogen zum Thema, das die ganze Ausgabe bestimmt: „Die AfD bei 20 Prozent, Bombenanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, Nazis auf dem Vormarsch: In jeder Numéro Berlin schenkt uns ein Künstler einen exklusiven Essay. Zum Debüt zeigt Marc Brandenburg „sein“ Deutschland – inklusive Elend der Gegenwart und dem Paradies im Untergrund.“

Auch, wenn man viel mehr einen Kunstband bekommt als ein Magazin, kostet Numéro Berlin nur 6.90 Euro – das vielleicht bestinvestierteste Geld überhaupt!

5 Antworten zu “Eine Hommage an unser Deutschland: Numéro Berlin”

  1. Liebe Milena!

    Was für ein toller Artikel und ein noch tolleres Magazin – no offense though ;)
    Ich habe direkt gegoogelt, wo ich das als Leipzigerin kaufen kann.
    Eignet sich auch super als Geschenk, also wirklich vielen vielen Dank Dir, dass Du mich darauf aufmerksam gemacht hast!

    Liebe Grüße
    Mara

  2. Wie toll, vielen vielen Dank fürs drauf aufmerksam machen!
    Ich kann leider im Internet null herausfinden, wo es das Magazin zu kaufen gibt.. habt ihr einen Tipp? Liebste Grüße,
    Lisa

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