kolumne

Wie politisch muss Mode sein?

19. Juli 2014 von in

Es gibt nur wenige Muster, die mir auf Kleidungsstücken gefallen. Streifen gehören dazu, Blumen weniger. Selten erobern Prints mein Herz, wenn, dann aber richtig. Zuletzt schaffte das Leyla Piedayesh von Lala Berlin. Als sie mit ihrem Label  den PLO-Print wieder salonfähig machte, war ich sehr verliebt. Das Lieblingsteil war ausverkauft und die Lala-Berlin-Bluse geriet in Vergessenheit. Bis zu diesem Frühjahr. Plötzlich machten andere Labels wie Cecilie Copenhagen oder Rough Rugs mit ihren Kleidern und Shorts im PLO-Print auf sich aufmerksam. Neben dem „Oh wie wunderschön, muss ich haben“-Gedanken mischten sich diesmal auch andere Gedanken: Kann ich ein so politisch besetztes Kleidungsstück in Zeiten des Nahost-Konfliktes tragen? Wie weit dürfen politische Gegebenheiten meine modische Wahl beeinflussen? Und: Muss Mode politisch sein – oder gilt auch hier, trage wer, was er wolle?

Ich gebe zu: Ich liebe diesen Print. Eine begründete Erklärung hierfür gibt es nicht, ich mag das Muster, ich mag den Look, den die schwarz-weißen Zweiteiler von Cecilie Copenhagen ausstrahlen genauso wie die Seidenhosen von Lala Berlin. Ich mache mir Gedanken über Produktionsbedingungen, über Traditionen in der Mode, über Klassiker wie Trends. Über die politische Aussage in der Mode ebenfalls. Das bedeutet: Rechtsradikale Zeichen oder dem Rechtsextremismus nahen Modemarken bleibe ich fern. Ich möchte nicht mit meiner Kleidung in eine politische Richtung gedrängt werden, der ich mich nicht zugehörig fühle. Allein das Tragen meiner New Balance-Schuhe löste im Bekanntenkreis immer wieder Diskussionen aus – sind New Balance nun die Schuhe der rechtsradikalen Szene oder nicht?  Immer wieder betonte ich, dass nicht das Unternehmen sich dem rechten Gedankengut nähert, sondern die rechte Szene das Label für sich entdeckt hatte. Dass ich mit dem Tragen dieser Schuhe wie so viele andere Modefreunde auch, mehr oder weniger dem Label die Chance geben kann, aus dieser ungewollt gewählten Ecke des Nazi-Images wieder hervorzukommen.

Aber ich gebe zu: Es ist natürlich anstrengend, sich ständig für die Wahl seiner Schuhe erklären zu müssen. Immer wieder betonen zu müssen, dass man eben nicht zu dieser einen Gruppierung zählt oder zählen will. Müde wurde ich trotzdem nicht.

Und da sind wir schon beim Problem der sogenannten PLO-Prints. Nike von This is Jane Wayne stellte vor ein paar Wochen schon die Frage: Kann man das machen? Man muss sich bewusst sein, wer diesen momentan  angesagten Print trägt, vermittelt – gewollt oder ungewollt –  eine Botschaft. Das Pali-Tuch stammt aus dem Irak und wurde ursprünglich Kufiya genannt. Es galt lange als Sonnenschutz in der arabischen Welt für Bergbauern und Beduinen. Erst durch den Nahost-Konflikt kam das Tuch zu seinem heutigen Namen des Palistinenser-Tuches. Vor allem der Anführer der Fatah-Organisation, Jassir Arafat trug das schwarz-weiß-geprintete Tuch und machte es so zu einem politischen Symbol. Die 68er-Studentenbewegung drehte das Pali-Tuch wieder ins Positive um und das Tuch wurde als Freiheitszeichen getragen. Viele linksgerichtete Gruppierungen tragen das Tuch bis heute aus diesem einen Grund. Und dann ist es eben auch Modeaccessoire in unpoltisch besetzten Gruppierungen wie der Jugend- und Popkultur. Dennoch: Arafat und die politische Bedeutung bleiben.

Es bleibt trotzdem zu beachten: Nicht das Tuch wurde von der Gruppierung erschaffen, sondern wurde Markenzeichen der Gruppierung, weil es sich diese zufällig herausgepickt hatten. Eine Erklärung wird man beim Tragen der Prints sicherlich hin und wieder liefern müssen. Vor allem in der momentanen Zeitgeschichte. Der Nahost-Konflikt ist aktueller denn je. Auf die Frage: Weißt du eigentlich, was du da trägst?, sollte man zumindest eine gute Antwort parat haben, die Herkunft kennen und das Statement so entkräftigen können.

Vielleicht ist der Wandel der Mode aber auch immer wieder eine Chance für festgefahrene negative Konnotationen. Je mehr Menschen den Print für sich entdecken, je öfter Zara und Co. (bereits geschehen) den Print kopieren, umso weniger negativ belegt ist der Print – zumindest für eine Zeit.

Was am Ende  zählt, glaube ich, ist der schöne Satz: Jeder soll tragen, was er will – weltweit. Wir sollten erst einmal nicht urteilen über den Träger, selbst wenn er ein für uns negativ konnotiertes Kleidungsstück trägt. Wie oft werden Menschen in falsche Ecken gedrängt, obgleich ihres Aussehens. Man weiß nie, was wirklich dahinter steckt.  Zwei-, dreimal gucken, kennenlernen, dann urteilen. Lieber fundiert, als oberflächlich. Gleichzeitig gilt es, sich kritisch auch mit Mode auseinanderzusetzen. Sich Gedanken zu machen, bewusste Entscheidungen treffen und dann selbstbewusst diese vertreten – auch wenn es anstrengend ist. Mein Fazit: Was wir denken, wie wir politisch agieren und welches Gedankengut uns umtreibt, bestimmen wir durch unser Handeln, durch unsere Gedanken und Aussagen. Und da ist es egal ob Blümchenkleid, Parka oder PLO-Print.

Ob ich am Ende so ein Kleidungsstück tragen will, weiß ich trotz meiner Überlegungen immer noch nicht. Wie seht ihr das? Tragt ihr einfach, was ihr wollt, schön findet? Oder setzt ihr euch kritisch damit auseinander und würdet so einen Print niemals tragen? Freue mich auf eure Meinungen – denn wie gesagt, die eine Antwort habe ich noch nicht gefunden.

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10 Antworten zu “Wie politisch muss Mode sein?”

  1. Es gibt so viele schöne Prints, warum sollte es gerade dieses vorbelastete Muster sein?

    Man kann sich endlos viele Gedanken um das Thema machen und Pro und Kontra abwägen, aber die Menschen, denen man begegnet, wissen eben nichts davon und im Zweifelsfall bleibt es ein politisches Statement. Besonders schlimm ist das, wenn vor allem junge Menschen einfach Teile von der Stange kaufen, ohne sich bewusst zu sein, was sie damit eigentlich nach außen tragen. Das ist auch ein bisschen mit dem Trend von satanischen Symbolen (Petruskreuz, Pentagramm etc.) als Drucke auf Kleidung und als Accessoires zu vergleichen – schwierig, wenn das plötzlich Mode ist und sich die Träger/innen nicht bewusst sind, was die Aussage hinter diesen Symbolen ist.
    Gerade in Anbetracht der momentanen Situation im nahen Osten würde ich auf den PLO-Print – in welcher Variation auch immer – verzichten.

    • Liebe Eva,
      vielen Dank für deinen Kommentar!

      Da hast du natürlich recht – innerhalb der Mode gibt es so viele Muster, warum es dann ausgerechnet für Designer sowie wie Modeliebhaber der PLO-Print sein muss, ist fraglich.

      Wie du sagst, ist das auch der Punkt, worüber ich stolpere. Ich kann mir noch so viele Für und Wider Argumente einfallen lassen, mir Gedanken machen, am Ende sieht mein Gegenüber darin dennoch ein politisches Statement.

      Wichtig ist auf jeden Fall, dass man sich schon bewusst ist, was man trägt, dass man nicht einfach blind einen Trend trägt, nur weil es schön aussieht. Da stimme ich dir ebenfalls zu.

      Im Anbetracht der momentanen Nahost-Lage bin ich mir auch nicht sicher, ob man sowas wirklich tragen sollte/kann – die richtige Antwort habe ich noch nicht gefunden.
      Liebe Grüße!

  2. Ich gebe Eve Recht.
    Gerade mit der derzeitigen Eskalation rate ich unbedingt vom Tragen des Pali-Prints ab.

    Es darf auch nicht vergessen werden, dass linksextreme Gruppierungen auch gerne genau in dem Bewusstsein, wofür dieses Muster steht, solche Tücher tragen und durchaus gewaltbereit sind.
    Dazu kommen oft antisemitische Äußerungen, die man aus der linken Ecke besonders oft hört.
    Klar ist pro-Palästina nicht gleich automatisch Antisemitismus, dieser entwickelt sich aber daraus.

  3. Ich schließe mich ebenfalls Eve an. Ich trage auch meine New Balance, aber ich sehe da noch nen deutlichen Unterschied zu einem so belasteten Muster, wie dem PLO Print, weil bei NB eben einfach irgendwelche Idioten beschlossen haben, dass N wie Nazi klingt, und daher zu ihnen passt. Das PLO Print ist, wie du auch schreibst, ein politisches Symbol. Und wie Eve gesagt hat, die Leute auf der Straße sehen nicht in deinen Kopf rein. Ich möchte einfach nicht für ein dummes kleines Huhn gehalten werden, das das Print völlig gedankenlos trägt, weil es eben gerade Mode ist. Und ich nehm mal an, dass die meisten jungen Mädchen nicht darüber nachdenken.
    Ich würde auch jedem dringend davon abraten, ein Hakenkreuz zu tragen, weil derjenige die Form schön findet, oder sich mit den Ursprüngen des Symbols identifiziert. Klar, Hakenkreuz ist immer so das Holzhammerbeispiel, aber das liegt eben daran, dass wir hier ein sehr starkes Bewusstsein für dieses Symbol haben, was uns bei anderen vielleicht fehlt. Wie gesagt wurde, wieso ausgerechnet dieses Muster? Es gibt so viele andere. Man kann Geschichte und aktuelles Zeitgeschehen nicht wegreden, und ich würde Designern, die dennoch solche Motive benützen, eher Publicitystreben, als Demokratisierung irgendwelcher Zeichen unterstellen, und letztlich entscheidet auch jeder selbst, womit er in Kaufen nehmen möchte, identifiziert zu werden…

    • Liebe A,

      du hast natürlich recht, dass ein Unterschied zwischen New Balance und PLO-Print besteht, der Ursprung ist aber der selbe. Nichtsdestotrotz ist der PLO-Print natürlich viel, viel belasteter und politisch besetzter als das N der New Balance. Mir geht es wie dir: Ich will eben auch nicht für ein dummes Huhn gehalten werden, die keine Ahnung hat, was sie da trägt, deswegen meine Gedanken hier :)

      Das Hakenkreuz ist natürlich das Holzhammerbeispiel, aber du hast natürlich recht. Und Designer, die dieses Zeichen benutzen würden, könnte ich keinesfalls verstehen noch tolerieren. Bestimmte Zeichen sind eben immer ein Tabu – sei es aus aktueller Zeitgeschichte oder vergangenen Ereignissen.
      Der PLO-Print ist hier wahrscheinlich genau an der Grenze von „kann man machen“ und „auf keinen Fall“. Die Entscheidung für oder dagegen macht das natürlich nicht leichter.

      Wie gesagt, ich bin nach wie vor unschlüssig – denn ich glaube, dass Labels wie Lala Berlin, dass sie Demokratisierung dieses Musters vorantreiben wollen, zumindest eher, als Publicity zu haben. Gleichzeitig muss sich eben der Träger bewusst sein, dass man nicht in seinen Kopf gucken kann und er in eine Ecke/Identifikation gedrängt werden könnte, die ihm nicht behagt.

      Ein spannendes, schwieriges Thema – auf das ich bisher nicht die eine Lösung/Antwort parat habe.

      Liebe Grüße!

      • angesichts solcher Entwicklungen auch hier in Deutschland bei Pro-Palästina bzw. Pro-Israel-Demonstrationen würde ich wirklich davon abraten diesen Druck zu tragen
        http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19742
        „Als die demonstrierende Menge den Kippa tragenden Israeli erblickte, durchbrachen einige von ihnen die Menschenkette, die Polizeibeamte zum Schutz des Paares gebildet hatte. »Nazimörder Israel!«, »Scheiß Juden, wir kriegen Euch!« und »Wir bringen euch um!«, riefen die Aktivisten und versuchten, die Israelis zu attackieren.“

  4. Ich würde bei der derzeitigen Lage auch davon abraten diesen Print zur Mode zu erkiesen.

    Die Debatte hier in den Kommetaren stößt mir etwas auf, ich selbst bin politisch weit links zugeordnet, es könnte mir jedoch nicht egaler sein, wer welche Relkigionszugehörigkeit hat. Ich bewerte Menschen nach ihren Handlungen und nicht nach ihrem Glauben. Und gerade die Situation im Nahen Osten ist so vertrackt und historisch derart verschwurbelt gewachsen, dass „wir“ in Deutschland uns nur schwer ein Urteil anmaßen können. Ich persönlich bin über die vielen Toten und die Unbarmherzigkeit des Krieges entsetzt, „Seiten“ gibt es im Krieg nicht, da verlieren alle.

    Den Artikel der „Jüdischen Allgemeinen“ finde ich, trotz einiger erschreckender und interessanter Infos, recht reißerisch geschrieben. Auch wenn ich das Thema Antisemitismus niemals unterbewerten möchte, wird hier eine generelle Kritik an der israelischen Politik als Antisemitismus verstanden. Das ist nicht korrekt. Zudem verliert ein Artikel bei dem ca. 1/5 des Textes aus Teilzitaten der Demonstranten besteht ein wenig an journalistischer Glaubwürdigkeit. Bsp: „Linke Mitglieder des Linken-Bezirksverbandes Berlin-Neukölln verteilen Zettel, auf denen zu einer Veranstaltung eingeladen wird. Auf ihr soll mit der Linken-Bundestagsabgeordneten Christine Buchholz diskutiert werden, »warum Israel so erbarmungslos gegen die palästinensische Bevölkerung vorgeht«.“ Das wird im Folgenden nicht kommentiert oder erläutert, der Frage wird eine inhaltliche Brechtigung nicht gestattet.
    Eine Analyse dieses Artikels wäre weiterhin interessant, dies ist aber vielleicht nicht die richtige Plattform dafür.

    Gut, dass ihr solche Themen hier auch ansprecht!

    (Psst, es heißt übrigens PalÄstinenser.)

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