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München

23. Juli 2016 von in

Es ist Freitagabend, 18 Uhr. Ich bin gerade auf dem Weg zum Baumarkt, als die ersten fünf Polizeiwagen an mir vorbeirasen. Es werden die ersten von Hunderten sein. Mein Blick fällt sofort auf Twitter – unter dem Hashtag #muenchen erfahre ich, dass Schüsse im Olympiaeinkaufszentrum gefallen sind. Die Rede ist von mehreren Toten. Ich habe Gänsehaut.
Eine Stunde später sitze ich in der Redaktion einer Tageszeitung und arbeite. Die Stadt ist mittlerweile lahmgelegt. Kein öffentlicher Verkehr mehr, die Polizei warnt, auf die Straße zu gehen. Die Lage ist unübersichtlich, die Angst ist groß. Hat der Terror München erreicht? Die nächsten Stunden prüfe ich die Nachrichtenlage, schreibe Texte und halte Kontakt zu Familie und Freunden. Noch nie war die Frage „Geht’s dir gut?“ so ernst gemeint. Es ist surreal.

Paris, Brüssel, Nizza und Würzburg, aber auch Oslo, Winnenden oder Erfurt – und nun München. Immer wieder habe ich mich in den letzten Monaten gefragt, was macht diese Angst mit uns? Was machen terroristische Anschläge oder geplante Amokläufe mit Menschen? Was macht ein solcher Vorfall mit einer Stadt? Und was macht es mit einem selbst?

Die Terrorangst ist allgegenwärtig. Sie ist so groß, dass Falschmeldungen und Panik am Freitagabend die sozialen Medien bestimmten. Einen solchen Ausnahmezustand in der eigenen Stadt hat bisher niemand erlebt, die Nachrichten der letzten Wochen jeder verfolgt. Wir alle sind hellhörig geworden, haben Angst vor einer unkontrollierten Situation. Das ist menschlich. Gleichzeitig hat München, unsere Stadt, bewiesen, dass sie offen ist. Dass sie zusammenhält. So wie die Münchner vergangenes Jahr am Hauptbahnhof Tausende von Flüchtlingen empfingen, öffneten sie auch jetzt in der größtmöglichen Situation der Angst ihre Türen. Unter dem Hashtag #offenetuer nahmen Tausende von Bürgern gestrandete Menschen auf. Angst vor Fremden? Keinesfalls. „Wir halten zusammen“ war die Botschaft. Und das hat mich an diesem schrecklichen Abend sehr glücklich gemacht.

München ist noch gelähmt. Es ist es sehr ruhig. Die Straßen leer. Gespräche statt Feierei. Die Stadt besinnt sich, sammelt sich und geht dann weiter.

Einen Tag später wissen wir nun, dass es kein Terrorakt war. Dass der Täter alleine handelte, psychisch krank war. Wir wissen auch: Wir können uns nicht schützen. Weder in Syrien, in Nigeria, noch in Europa. Die Taten einzelner – seien sie politisch oder anders motiviert – können zu jeder Zeit überall passieren.

Wir dürfen der Angst keine Chance geben. Wir müssen weiterleben, zusammenhalten, eine offene Gesellschaft bleiben. Misstrauen keinen Platz geben – sofern es geht. Wie es künftig sein wird, ob wir zusammenzucken, wenn jemand neben uns unter seine Jacke greift? Möglich. Ob wir trotzdem weiterleben, uns nicht einschränken lassen? Mit Sicherheit.

Ich radelte in jener Nacht gegen 1 Uhr von der Redaktion nach Hause. Ohne Angst. Aber mit dem Wissen, dass es zwischen all dem Bösen auch das Gute gibt. Lasst uns uns darauf konzentrieren.

In Gedanken sind wir bei all den Opfern sowie allen, für die die Angst der letzten Nacht Realität geworden ist.

9 Antworten zu “München”

  1. Zuerst einmal : Eure Beiträge sind ,wie dieses Mal auch, „on point“.

    Ich muss gestehen, dass mich selbst hier (nicht weit von München) die Angst vor Terrorübergriffen überkommt. Besonders als mich die Nachricht von meiner im Einzelhandel arbeitenden Schwester erreichte, dass sie mit Kollegen und Kunden im Lager sitzt.

    Da fragt man sich mittlerweile ,mit wieviel Angst man den Alltag noch bewältigen kann. Und da schließe ich mich dir an ,Antonia . Wir dürfen den Schatten dieser schrecklichen Taten keine Chance geben. Und ganz besonders : Zusammenhalten! Ich wünsche München, dass der Alltag einkehrt und dass ihr mit einem besseren Gefühl die Innenstadt aufsuchen könnt.

  2. Der 84-jährige Priester, dem man gestern die Kehle durchgeschnitten hat, war laut Faz auch ein freundlicher, offener Mensch. Was für kranke Zeiten.

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