Winternähe: ein Gespräch mit Mirna Funk zu ihrem Debütroman

23. Juli 2015 von in

Winternähe ist Mirna Funks Romandebüt, und als ich es vor ein paar Wochen aus meinem Briefkasten zog, musste ich sofort anfangen zu lesen. So gespannt hatte ich das Buch erwartet, das von der Jüdin Lola handelt, die während des Gazakonfliktes 2014 nach Tel Aviv geht, den Sommer unter Iron Dome verbringt und sich versucht, ein Bild zu machen von den Menschen, den Positionen und den Geschehnissen. Genau wie die Protagonistin ging Mirna selbst letztes Jahr nach Tel Aviv, ist inzwischen ausgewandert und lebt dort. Zwischen Berlin, Tel Aviv und Thailand ist ihr schon vor der Erscheinung mit dem Uwe Johnson Förderpreis ausgezeichneter Roman entstanden, der von Altagsantisemitismus handelt, von Juden und Halbjuden, von Schuld und Verantwortung und von einem Konflikt, den man kaum noch verstehen kann.

Liebe Mirna, herzlichen Glückwunsch zu deinem großartigen Romandebüt. Ich habe das Buch verschlungen und bin schon sehr gespannt auf deine weiteren Veröffentlichungen. Wie fühlst du dich jetzt, wo Winternähe herausgekommen ist, und wie kamst du dazu, dein erstes Buch zu schreiben?

Eigentlich ist es der zweite Roman. Ich habe 2011 meinen Debütroman geschrieben, fand ihn dann aber so scheiße, dass er in der Schublade gelandet ist. Heute weiß ich, das war genau richtig so. Jeder sollte seinen ersten Roman in der Schublade verschwinden lassen und als Schreibschule verstehen. Im März 2014 bin ich nach Thailand geflogen und wollte eigentlich nur eine Kurzgeschichte schreiben, weil mir das immer Spaß gemacht hat. Schnell merkte ich, huch, die Geschichte findet kein Ende, das ist eigentlich ein Roman. Während der sechs Wochen habe ich dann 50 Seiten des Romans geschrieben und ihn vollständig konzipiert und strukturiert. Danach hieß es Disziplin.

Immer wieder sehe ich dich vor mir, wenn du von Lola sprichst. Wie viel von der echten Mirna steckt in deiner Protagonistin – charakterlich, als auch autobiographisch?

Naja, in jedem Roman steckt autobiografisches. In diesem auch. Was autobiografisch ist, sind die im Berlin-Teil beschriebenen Erlebnisse und Konfrontationen mit Antisemitismus. Die Familien- und auch Liebesgeschichte von Lola ist allerdings völlig fiktiv. Weder lebt mein Großvater in Tel Aviv noch hatte ich ein Verhältnis mit einem israelischen Soldaten. Genau das macht einen guten Schriftsteller aus, dass der Leser glaubt, die Figuren lebten tatsächlich.

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Du bist inzwischen nach Israel ausgewandert. Wie geht diese sogenannte Alija vor sich?

Es ist ein bürokratischer Albtraum. Man muss wahnsinnig viele Dokumente zusammensammeln und diese der sogenannten „Jewish Agency“ abliefern. Jede Person in dieser Welt, die einen jüdischen Vater und/oder eine jüdische Mutter hat, kann israelische StaatsbürgerIn werden. So sieht es das Law Of Return, das Rückkehrrecht, vor. Im Moment warte ich noch auf ein Dokument, das aber hoffentlich in den nächsten zwei Wochen eintrudeln wird, dann kann es offiziell losgehen. Ich muss dann einen Antrag auf Beibehaltung der Deutschen Staatsbürgerschaft beantragen, damit ich diese nicht verliere. Wenn alles gut läuft, habe ich in ein paar Monaten zwei Staatsbürgerschaften.

Was unterscheidet für dich das Leben in Israel von dem in Berlin, was waren deine ausschlaggebenden Gründe, diesen Schritt zu tun?

Ich lebe in Tel Aviv, also einer hochmodernen Großstadt mitten im Orient. Man sitzt dort in Cafés, trinkt frischen Minztee oder Rhabarbersaftschorle, isst Meeresfrüchtepasta und redet über die neusten Fashion-Trends, hört Minimal-Techno und geht gerne aus. Da Tel Aviv am Meer liegt, verbringt man dort viel Zeit, bräunt sich im Bikini und genießt das Leben. Eigentlich ist Tel Aviv wie Berlin nur 15 Grad wärmer. Auf der anderen Seite liegt es im Mittleren Osten, und das bedeutet auch Chaos, Unordnung, Lärm. So wie man es aus südlichen Ländern wie Italien oder der Türkei kennt. Die Entscheidung neben Berlin auch in Tel Aviv zu leben, fiel im letzten Sommer während des Gaza-Krieges. Das hatte viel mit der Kriegserfahrung an sich, aber auch mit den Reaktionen in Deutschland zu tun.

Wieso hast du deinen Zweitstandort in Berlin nicht aufgegeben? Wirst du irgendwann zurückkommen, wollt ihr in beiden Städten leben?

Zum einen, weil ich in Berlin natürlich genau so zu Hause bin wie in Tel Aviv. Ich bin beruflich aufgrund meiner Sprache an Deutschland gebunden. Gerne gebunden. Wir haben vor auch die nächsten Jahre in beiden Städten zu leben. Der Flug dauert nur vier Stunden und kostet mit Easyjet 100 Euro. Das ist also alles machbar und unkompliziert.

Das Thema Antisemitismus ist bis heute ein heikles, wenn nicht sogar ein Tabuthema, meinst du, man sollte mehr darüber sprechen und wie vorsichtig sollte man sein? 

Ich bin mir nicht sicher, ob Antisemitismus ein Tabu-Thema ist. Der Holocaust ist ein Tabu-Thema, auch wenn alle glauben, dass alles darüber gesagt wurde. Wichtig ist, einen anderen, weniger schambehafteten, Umgang mit beiden Themen zu bekommen und darüber gemeinsam, also mit Juden und Deutschen, zu sprechen. 

Lola wird in einer Szene mit Meinungen zum Nahen Osten und dem Gaza Krieg überschwemmt, und auch in Tel Aviv fällt es ihr schwer, eine Seite einzunehmen. Ist es überhaupt noch möglich, gerade in Tel Aviv, einen richtigen Umgang mit dem Konflikt zu finden?

Ich glaube, es sollte überall schwer sein, nicht nur in Tel Aviv, eine Meinung zu diesem Konflikt zu haben. Im Roman wollte ich zeigen, dass der Konflikt eine enorme Komplexität hat: geschichtlich, politisch, religiös, territorial. Wenn man sich also dazu äußern möchte, muss man sich schon sehr auskennen und man muss mindestens einmal da gewesen sein. Ich selbst, und das obwohl ich seit über zwanzig Jahren nach Israel fahre und seit einem Jahr dort lebe, maße mir nicht an, Israel zu kritisieren oder einen Allgemeinplatz zum Konflikt einzunehmen. Diese Position würde vielen ganz gut tun.

Du sprichst in einem Interview davon, dass die existenzielle Bedrohung in Israel eben auch Leben bedeutet, Deutschland ist deiner Meinung nach zu glatt. Wie spürst du das in Israel?

Israel ist komplex, kompliziert, verwoben, historisch außergewöhnlich, rau. Es ist aber auch sehr widersprüchlich und schwer zu durchdringen. Diese Widersprüchlichkeit erinnert mich an die Widersprüchlichkeit des Lebens an sich. Das Eckige und Kantige ist eigentlich wahr, die Schwierigkeit allgemeingültige Wahrheiten zu finden auch. In Deutschland neigt man dazu, in Diskussionen auf einen gemeinsamen Nenner kommen zu wollen, in Israel ist eine solche Diskussionskultur nicht nur nicht verankert, sondern schlichtweg unmöglich. Dass die einzige Wahrheit dort, das Fehlen von einer einzigen Wahrheit bedeutet, macht es für mich so ungeheuer lebendig. Das war mir auch im Roman wichtig. Zu zeigen, dass wenn es um den Israelisch-Palästinensischen-Konflikt geht, Offenheit und Lernwilligkeit an erster Stelle stehen. Nur so kommt man einem Verständnis dieser Situation wirklich näher.. 

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Du arbeitest momentan schon an deinem nächsten Roman – kannst du uns schon etwas darüber verraten?

Leider nicht. Ich habe auch über diesen Roman bis er fertig war kaum gesprochen. Ein bisschen Zeit lasse ich mir mit dem nächsten trotzdem, auch wenn der Prolog schon steht. Vor 2017 wird nichts veröffentlicht. Im Winter bekommen mein Mann und ich unser Baby, dann wird sich darum erstmal gekümmert. Ab nächstem Sommer setzte ich mich erneut an den Schreibtisch.

Wir sind sehr gespannt – vielen Dank für das Gespräch!

Unter allen Kommentaren verlosen wir ein Exemplar von Winternähe – das Gewinnspiel läuft bis zum Montag, 27. Juli!

Bildquellen: Naama Alex Levy, Bella Lieberberg

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30 Antworten zu “Winternähe: ein Gespräch mit Mirna Funk zu ihrem Debütroman”

  1. Wow. Das Buck klingt super spannend und ich würde mich sehr sehr freuen, wenn ich es gewinnen würde!
    Ich selbst fliege im November zum ersten mal nach Tel Aviv und bin schon sehr gespannt!

    Liebst
    Sophie

  2. Oh wie toll! Ich hab auch auf das Buch gewartet! Sehr schönes Interview, davon gerne mehr künftig!! :)
    Über das Buch würde ich mich natürlich sehr freuen.
    LG

  3. Das klingt unglaublich spannend, vor allem dass dieser Konflikt hier aus einer Innenansicht beschrieben wird. Ein Wunsch mehr auf meiner Geburtstagsliste :)

  4. Das klingt sehr spannend, lesenswert und vorallem lehrreich, das würde ich sehr gerne gewinnen:) Zumal ich ohnehin gerade nach gutem Lesestoff für die Semesterferien bin!

  5. Das klingt echt unheimlich interessant, wenn ich das Buch nicht hier gewinnen sollte, dann schau ich es mir auf jeden Fall im Buchladen mal genauer an!
    Lieben Gruß

  6. Klingt tatsächlich nach einem guten Buch, dass ich einerseits selbst gerne lesen und andererseits auch gern einer Freundin weiterreichen würde, die im September nach Israel reist!

  7. Fesselnd. Spannend. So stelle ich mir das Buch und auch Israel vor.
    Danke, ihr Damen, dass ihr mich auf die Autorin aufmerksam gemacht habt.

    Liebst, Rose

  8. Mir gefallen die Änderungen auf „amazedmag“ in letzter Zeit sehr gut.
    Ich lese euch ja schon seit dem ersten Tag liebend gerne, aber mit der (großartigen) Kolumne und dem Musik-Samstag seid ihr noch vielfältiger geworden.
    Ich weiß, dass es nicht immer möglich ist, aber neben euren Buchempfehlungen noch Interviews mit den AutorInnen zu lesen, macht euren Blog nur noch spannender.
    Gerne mehr davon!

  9. Da ein Teil der Familie meines Freundes in Israel wohnt, bin ich seid wir uns kennen nicht nur sehr am Judentum interessiert, sondern auch an der Geschichte Israels. Ein Thema, das zwar jedem geläufig ist, aber dennoch viel zu wenig aufgeschlüsselt wird. Ich würde mich sehr über das Buch freuen,da ich für jeden neuen Einblick in diese Thematik dankbar bin.

  10. so oder so, das buch wird sicher in meinem regal landen. da ich es kaum erwarten kann, würde ich mich natürlich sehr darüber freuen es hier zu gewinnen.
    nicht nur scheint die autorin eine interessante person zu sein, auch ist die thematik nach wie vor sehr aktuell und gerade eine literarische reflexion dessen sehr interessant!
    nebenbei bemerkt, hat das buch auch einen sehr schönen einband.

    ich finde es ganz toll, dass ihr immer mehr auch über literatur schreibt!

  11. Ich interessiere mich sehr für die Thematik, finde es wieder gerade hochaktuell und würde mich so sehr über neuen Lesestoff freuen!

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