Back to normal life: Meine Gedanken zwischen Vorsicht, Zuversicht und Überfordung der vielen neuen sozialen Möglichkeiten

9. Juni 2021 von in ,

So sehr ich im vergangenen Jahr immer wieder das Gefühl hatte, in „Täglich grüßt das Murmeltier“ gefangen zu sein, hatte diese Eintönigkeit auch ihr Gutes. Selten war ich so bedacht auf meine Bedürfnisse, hörte tief in mich hinein und entschied immer zugunsten meines Gefühls. Was fühlt sich gut an, was nicht? Leicht fiel das, weil ja meistens kein anderer eine andere Entscheidung einfordern konnte. War ja alles eh nicht erlaubt, das soziale Leben runtergefahren auf ein Minimum. Was mir in der Vergangenheit immer wieder schwer fiel, war plötzlich kinderleicht: Ich fühle das Treffen heute nicht, sorry, Leute, fühlt sich heute für mich nicht gut an. Und schwups, alle nickten es ab. Pandemie-Zeit, da muss ja jeder auch irgendwie auf sich achten. Diese Entschleunigung, ja der fehlende Druck nach sozialer Aktivität, er tat mir gut. Ich konzentrierte mich auf mich und genoss die neue Langsamkeit der Zeit. Wenngleich es natürlich Momente gab, vor allem im April und Mai, in denen ich am liebsten manchmal ins Kissen gebissen und geschrien hätte. So sehr durstete es mich danach, endlich wieder ein normales Leben zu führen. Endlich wieder Freundinnen zu treffen, Essen zu gehen und einen Tee im nächstgelegenen Café zu trinken. Endlich wieder raus, endlich wieder was erleben.

In den vergangenen zwei Wochen war es endlich soweit. Die Inzidenzen sinken weiterhin, ich habe meine erste Impfung und beim täglichen Spaziergang durch mein Viertel dachte ich: Okay, die Pandemie ist jetzt irgendwie – vorbei. Und damit klopfte er schon leise an, dieser Druck. Lauter wurde er, als nach und nach Freunde und Freundinnen ankamen, wann sehen wir uns jetzt endlich wieder? Meine Sportgruppe vermeldete ihr Comeback, und zu meinem Geburtstag kündigten sich nicht wie im gesamten vergangenen Jahr nur eine Person, nein, sondern gleich fünf Personen an. Ich war überfordert.

Was fühlt sich eigentlich für mich richtig an?

Es ist ein wundervoller Moment der Zuversicht, diese momentane Zeit. Das Leben kehrt zurück, durch die Impfungen wird die Gefahr langsam, aber stetig gebannt, und auch Urlaub scheint wieder möglich. Gleichzeitig – und das ist die vielleicht größte Herausforderung nach Monaten voller Einschränkungen – muss ich mir die Frage stellen: Egal, was möglich ist, was fühlt sich eigentlich für mich richtig an?

Denn Rationalität und Emotionalität lassen sich nicht immer völlig trennen. Auch wenn die Vernunft sagt, die Gefahr ist minimiert, das Leben geht zurück in die Normalität, gibt es da eben auch die Emotionalität, die sagt: Vielleicht braucht es seine Zeit, vielleicht geht es dir mit mehr Ruhe im Leben allgemein besser, vielleicht bist du lieber noch vorsichtig, vielleicht machst du Babyschritte statt eines opulenten Comebacks. Und vielleicht ist das auch völlig okay.

Vielleicht braucht es seine Zeit, vielleicht geht es dir mit mehr Ruhe im Leben allgemein besser, vielleicht bist du lieber noch vorsichtig,
vielleicht machst du Babyschritte statt eines opulenten Comebacks. Und vielleicht ist das auch völlig okay.

Jeder hat sein Tempo, wenn es darum geht, zurück ins normale Leben zu gehen. Zurück in die vielen möglichen sozialen Aktivitäten. Und jeder nimmt aus dieser Zeit andere Learnings für sich mit. Der eine weiß, wie sehr er all diese Möglichkeiten vermisst hat, jetzt endlich wieder unter Menschen zu können und bald wieder nächtelang unterwegs zu sein. Der andere hingegen hat für sich entschieden: Zurück zum normalen Leben – ohne mich. Er weiß heute, dass ihm der gemütliche Abend mit Freunden so viel mehr gibt, als eine durchtanzte Nacht. Er freut sich auf den Kaffee im Straßencafé, aber keinesfalls auf fünf Abende der Woche unter Leuten. Denn in all der Zeit hat er bemerkt: Die Ruhe, die Entschleunigung, das war das, was fehlte.

Unser sozialer Muskel ist eingeschlafen,
er war im langen Winterschlaf und muss wieder trainiert werden.

Und während der eine sich unbedarft wieder ins Leben stürzt, schiebt der andere vielleicht die Angst vor Ansteckung vor. Eine Angst, die legitim, aber oftmals nicht mehr von Nöten ist. Wäre es nicht schöner, einfach sagen zu können: Leute, ich brauche noch ein bisschen Zeit?

Denn einen Marathon rennen nach all der Zeit, das klappt für manche nur mit Muskelzerrung und Verletzung. Einige von uns müssen sich erstmal aufwärmen, locker starten und den sozialen Marathon auf später legen. Oder vielleicht nur noch Kurzstrecken laufen.

Die Fragen, die mich seit einigen Wochen umtreiben, sind nun also: Mit wie vielen Menschen fühle ich mich wohl? Was fühlt sich für mich gut an? Und auch die wichtige Frage: Wer fühlt sich gut an?

Denn die vergangenen Monate waren auch eine Zeit der Entfremdung, des voneinander Entfernens. Das Kontakthalten war schwierig, manchmal wir auch einfach müde. Beziehungen haben sich verändert, sind eingeschlafen und müssen erstmal wieder aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt werden. Und womöglich wachen beide auf und merken: Die gemeinsamen Träume gibt es nicht mehr.

Mit den sozialen Aktivitäten kommen auch die Erwartungen.
Doch welche will ich nur erfüllen?

Und so schwanke ich zwischen Zuversicht, dass mein Leben nicht mehr nur nach Murmeltier-Besuchen aussieht. Die Vorsicht treibt mich weiter um, denn ich möchte weiterhin gesund bleiben und auch keine Mutationen befördert. Und gleichzeitig gibt es auch die Überforderung. Mit den vielen Möglichkeiten der sozialen Aktivitäten und den damit einhergehenden Erwartungen. Wie viel ist denn jetzt genug?

Für mich habe ich entschieden: Egal, wie groß der soziale Druck nach sozialer Aktivität sein mag, ich mache nichts mehr, worauf ich keine Lust habe. Und wenn es die wichtigste Party der Stadt ist. Verpassen – und damit sind wir auch beim Thema Fomo – tut man sowieso nur selten was. Klar, ein schöner Abend ohne Freunde, ohne Gespräche, vielleicht. Aber wenn mir doch nach so viel anderem ist? Dann lass ich’s sausen. Beim nächsten Mal bin ich wieder dabei. Und dazwischen? Da trainiere ich meinen sozialen Muskel. In meinem Tempo, nach meinen Bedürfnissen. Damit ich irgendwann doch wieder einen Halbmarathon laufen kann. Wir wollen es ja nicht übertreiben.

 

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