Cherry Picks #7

24. Februar 2019 von in

Burnout ist ein Modewort. Zumindest, wenn es um deutsche Angestellte geht. Immer mehr Menschen erkranken in unserer Leistungsgesellschaft an Burnout, kein Wunder, doch innerhalb der Statistiken tauchen MigrantInnen kaum auf. Woran das liegen mag? Die Autorin Fatma Aydemir hat über das Phänomen geschrieben und liefert eine Erklärung:  „Du musst immer doppelt so hart arbeiten wie die Deutschen, wenn du was schaffen willst.“ Wir alle kennen diesen Satz. Wir haben ihn verinnerlicht und werden ihn so schwer wieder los wie den Ohrwurm eines Ariana-Grande-Songs.“ Spannende Einblicke, in eine Welt, die so nah und doch so fern ist. Ich bin immer dankbar über jene Einblicke, die für mehr Verständnis, Toleranz und andere Blickwinkel sorgen. Der Text erschien als Vorauszug im Spiegel, mehr davon finden sich im Sammelband „Eure Heimat ist unser Albtraum“. Ein Buch, das es definitiv auf meinen Schreibtisch schaffen wird.

Die vorherrschende Nachricht dieser Woche war der Tod Karl Lagerfelds. Der Großmeister der Mode, einer der letzten seiner Art, wenn man es so sagen mag, starb mit 85 Jahren in Paris. Die Modewelt trauert – und doch bleibt ein kleiner, bitterer Beigeschmack. Denn so großartig seine Arbeit war, so kritisch betrachtet werden muss er als (öffentliche) Person. Die einseitige Betrachtung Karl Lagerfelds post mortem stieß nicht nur mir auf – und soll auch nächste Woche nochmal Thema auf amazed sein. Bis dahin lasse ich euch den spannenden und diskussionswürdigen Artikel von Vice hier sowie einen Nachruf von Leandra Medine, die zumindest das Ende einer Ära sowie die zwei Seiten des Karl Lagerfelds beleuchtete.

Hasskommentare im Internet gehören ja fast schon zum Alltag vieler, und doch schockiert es mich immer wieder, wie gnadenlos Menschen ihre Meinung Menschen ungefragt aufdrängen und beleidigen. Nichts ist mir fremder und ich leide oft mit, wenn Menschen in der Anonymität des Internets ihre Boshaftigkeit zur Schau stellen. Glücklicherweise trifft es uns nur sehr selten, andere AutorInnen haben hier mehr mit Gegenwind zu rechnen. Die Kolumne „Mein dickes Leben“ der Süddeutschen Zeitung war hier ein Paradebeispiel. Menschen gaben auf Facebook und Twitter ihrem Dicken-Hass freien Lauf, und ich war entsetzt, wie viele Menschen so unreflektiert böse sein können. Konstruktive Kritik darf immer sein, doch was sich hier abspielte, war nur eines: reiner Hass und Häme. Die Kolumne endet jetzt – und in ihrer letzten Folge nimmt die Autorin Natalie Rosenke Bezug auf all die Menschen, die so böse kommentierten. „Das kann nicht wiedergutmachen, was diese Trolle in meinem und im Leben vieler anderer anrichten. Trotzdem nehme ich aus diesen Erfahrungen etwas mit: Die Gewissheit, dass ich aktiv noch mehr tun muss für Akzeptanz als ersten Schritt zu einer Wir-Gesellschaft, in der jeder Mensch denselben Wert hat.“ Welch starken Schluss sie zieht. Ich weiß nicht, ob ich das nach all diesen Kommentaren gekonnt hätte.
Was auf jeden Fall für jeden von uns gilt: Immer denken, bevor man spricht oder schreibt. Was man nicht selbst erfahren will, sollte man auch niemand anderen tun. Und: Manchmal ist es besser, die Klappe zu halten.

Wie wichtig – oder auch einfach unwichtig – das Gewicht einer Person ist, beschreibt Garance Doré diese Woche in ihrem Artikel. Sie hat zugenommen, das erste Mal seit langer Zeit, weil sie losließ, von Konventionen, von eigenen Maßregelungen und einem Leben, das sie nicht mehr führen wollte. Endlich eine Beziehung zu sich und ihrem Körper herstellen, die aus Vertrauen und Wohlwollen besteht, war das Ziel. Der Weg zur Selbstliebe ist immer ein langer, er endet nie, und ist wahrscheinlich auch jeden Tag eine Entscheidung, die mal besser oder schlechter gelingt. Ihre Offenheit über den Kampf mit sich, den inneren Dämonen, die man eben nicht immer kontrollieren kann, und die schleichende Akzeptanz der Gewichtszunahme macht sich mehr als sympathisch. „In the meantime, I don’t know how you all are doing, but me, I gained a little weight. Nothing dramatic, no big deal – it happens.“ Lasst uns auf unsere inneren Werte fokussieren, unser Körper muss nur eines: gesund sein.

Sprache ist immer auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Wir prägen mit unseren Worten den Blick auf Dinge. Eine der Floskeln, die wir längst aus unserem Sprachgebrauch streichen sollten, ist „starke Frauen“. Wann sind Frauen stark? Wenn sie sich in einer Männerdomäne behaupten? Wenn sie Gehör in der Öffentlichkeit finden? Wenn sie einen Platz einnehmen, der sonst immer nur den Männern zugesprochen wurde? Ja – in der öffentlichen Wahrnehmung ist es nie nur eine Frau, sondern eine starke Frau. Was suggeriert, dass wir nicht einfach nur Frau sein dürfen, sondern in der Masse der Männlichkeit hervorstechen sollten. Auch Autor Matthias Dell von Deutschlandfunk ist dieses Phänomen auf der Berlinale aufgefallen. „Nein, gemeint waren ganz normale Frauen. Was sie zu „starken Frauen“ qualifizierte, ist allein der Umstand, dass sie Hauptfiguren in ihren Filmen waren. Wie albern diese Floskel ist, lässt sich an der Gegenprobe zeigen: Wenn Männer Hauptrollen in Filmen spielen, schreibt niemand von „starken Männern“. Warum? Weil die Frage sich nicht stellt, weil es normal ist: Männer spielen in Filmen die Hauptrolle.“ Wie traurig und gleichzeitig so wichtig. Sprache prägt – und deswegen streichen wir ab sofort mal das Adjektiv „stark“.

Und nach all den schweren, aber so wichtigen Themen noch ein kleiner Instagram-Tipp: Ich habe schon wieder einen Major-Modecrush. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber Instagram ist mein neues Tumblr-Pinterest-Mode-Inspirations-Tool. Das war es lange Zeit nicht mehr, möglicherweise liegt’s an meiner Frühjahrs-Modelaune. Say hello to Ida Sjunneson! Keine Skandinavierin kombiniert Logobags so schön mit Hoodies. Sicher, ein bisschen sehr typisch Influencer, aber hey, auch das ist hin und wieder okay.

 

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Photocredit: Garance Doré, Idasjunneson, Unsplash

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