Coffee Break: Kopf schlägt Herz

19. Juli 2015 von in

Letztens saß ich mit einem Freund auf einer Parkbank und er sagte zu mir: „Ich und eine kleine Rothaarige? Nee“. Seit einiger Zeit hat er mit der „kleinen Rothaarigen“ eine Affäre, sie verstehen sich, haben tollen Sex – soweit, so gut. Aber sie entspricht nicht seinen Vorstellungen. Das kann man oberflächlich finden, ich glaube dagegen, dass ganz viele von uns so denken, aber es sich nicht eingestehen wollen. Dem Anderen gegenüber und auch sich selbst nicht.

Die „kleine Rothaarige“ könnte perfekt sein für meinen Freund, sie könnte das Mädchen sein, bei dem er sich endlich fallen lassen kann, die ihn versteht, die ihm ein gutes Gefühl gibt, die für ihn da ist. Sie könnte vollkommen sein und hätte trotzdem keine Chance. Denn sie ist eben nicht das, was er sich vorgestellt hat. Sein Kopf stellt sich gegen sein Herz und sagt: „Nein, das ist nicht das Mädchen, das du neben dir siehst“. Welches Gefühl soll da noch dagegen ankommen?

Wir haben dermaßen überzogene Erwartungen an die Liebe – an unsere Gefühle, an gemeinsame Momente, vor allem natürlich an den Anderen. Wir lassen den Menschen neben uns oft nicht mehr eine eigene Person sein. Mit seinen Ansichten, Meinungen, Interessen, Wünschen und auch seinen Fehlern. Warum akzeptieren wir unsere Freunde mit all ihren Macken, sind aber bei Partnern höchstkritisch? Anstatt dessen sollte er eine perfekte Ergänzung zu uns sein. Wir wollen uns so ähnlich wie nur möglich sein, wir wollen uns selbst in dem Anderen widerspiegeln. Wir wollen nicht nur nebeneinander hergehen als zwei Individuen, die gerne ihr Leben miteinander teilen, sondern uns endlich selbst finden in jemand anderem. Und bestätigt werden.

Eine Amy & Pink-Autorin schrieb letztens den ultimativen Beweise dafür auf, „dass wir uns einfach nicht mehr ganz normal verlieben können“. Nicht, dass ich auf Amy & Pink-Texte irgendetwas gebe, ich würde das auch so für mich niemals unterschreiben, aber ihr Artikel machte mich traurig, weil er zeigt, wie kaputt das alles doch ist: „Irgendwas fehlt eben immer, seien es jetzt Zeit oder Lust, jemanden wirklich kennen (und lieben) zu lernen, oder dass wir über einfache Oberflächlichkeiten wie eine zu kleine Oberweite oder schiefe Zähne nicht mehr hinweg sehen können, weil es da draußen eben auch Menschen gibt, deren Brüste größer und deren Zähne irgendwie nicht ganz so schief sind.“

Die Sache ist ja: In unserer Erwartung sollte man nicht nur Beste-Freunde-Potenzial haben, lauthals miteinander lachen können, gemeinsame Interessen teilen (am besten identische) und sich körperlich megaanziehend finden, sondern auch noch in die Vorstellung des perfekten Partners passen. Und damit natürlich auch in die Vorstellung, wie man sich selbst gerne sieht. Wie man gerne gesehen werden möchte. Und das hat nichts mit Liebe zu tun, sondern nur mit fehlender Selbstliebe.

Leider häufen sich die Geschichten um mich herum. Geschichten, in denen alle nur noch auf ihren Kopf hören und nicht mehr auf ihr Herz. Dabei geht es natürlich nicht nur um Haarfarben oder Körpergrößen, sondern auch um Wohnorte, Lebensentwürfe, Berufe, Altersunterschiede. Eine Freundin von mir wurde nach Jahren von einem Mann verlassen, der meinte: „Im Endeffekt ist es ja keine Emotions-Entscheidung!“. Ach, nein? Was denn dann? Ich glaube, dass wir uns erstens nicht mehr trauen, auf unser Gefühl zu hören, weil es uns schon das ein oder andere Mal in die Irre geführt hat. Wir vertrauen ihm nicht mehr. Aber das ist wie nie wieder aufs Fahrrad steigen, weil man einmal gefallen ist – so kann man schon leben, aber man steht sich halt selbst im Weg. Zudem sind wir auf der endlosen Suche nach demjenigen, der alle unsere Erwartungen erfüllt. Aber ich habe langsam den Verdacht, dass es den gar nicht gibt.

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3 Antworten zu “Coffee Break: Kopf schlägt Herz”

  1. Mit 16 habe ich immer gesagt: „ich steh nur auf blonde Männer“… Nen blonden Freund hatte ich allerdings nie. Bevor ich meinen Lieblingsmenschen kennengelernt habe (der übrigens gerade schnarchend neben mir liegt), hab ich zwar auch Männer kennen gelernt und versucht ne Beziehung einzugehen, war aber schnell genervt von so Kleinigkeiten oder Äußerlichkeiten haben mich abgeschreckt. Jetzt gründen wir eine Familie und mein Freund ist so gar nicht der Mann, mit dem ich mich gesehen habe. Ingenieur und Autoschrauber, Instagram, Twitter und Co. sagen ihm gar nichts, Englisch ist auch nicht seins. Aber es passt unheimlich gut und vielleicht sogar besser als mit meiner „Wunschvorstellung“.

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