Cycle Syncing mit Alisa Vitti

Cycle Syncing: Alisa Vitti und die hormonelle Balance des Zyklus

25. Mai 2020 von in

PMS: Ugh. Menstruation: Noch schlimmer. Die restlichen Tage: Alles normal – bis sie dann wieder kommen, die cursed PMS-Tage, die meine Clue-Zyklustracking-App jeden Monat schon vorsorglich mit Zorneswolken bebildert hat. Lange Zeit habe ich meinen Zyklus genau so wahrgenommen: Als einen Ablauf mit ein paar nervigen Tagen, auf die ich mich jeden Monat einstellen kann, die von Bauchschmerzen und Weltuntergangs-Sensibilität begleitet werden, und die am besten schnell vorbeigehen. Doch dann passierten ein paar Dinge, die mir einen völlig neuen Blick darauf gaben, was da eigentlich Monat für Monat in meinem Körper passiert – und plötzlich freue ich mich jeden Tag darauf, meine körperliche Verfassung meiner jeweiligen Zyklusphase zuzuordnen, meine Ernährung der jeweiligen Phase anzupassen und herauszufinden, ob meine energiegeladenen Socialising-Zeiten vielleicht tatsächlich vor allem in der ersten Zeit meines Zyklus vorkommen. Aber alles der Reihe nach.

„Hast du Tipps gegen PMS für mich?“, fragte ich vor ein paar Jahren meine Tante, als wir im August zusammen an Feldern und Wiesen vorbei radelten. Wenn es jemand wissen muss, dann sie, dachte ich, denn ich kenne niemanden, der sich besser mit dem weiblichen Körper und einer ganzheitlichen und spirituellen Auseinandersetzung damit auskennt, als meine Tante. Und tatsächlich gab sie mir einen ziemlich weisen Ratschlag: „PMS ist nicht die Ursache. PMS und deine Sensibilität in diesen Tagen verstärken nur alle Probleme und Sorgen, die eh schon da sind.“

Seit diesem Ratschlag fing ich an, meinen Zyklus genauer zu betrachten, besonders seit der Zeit, in der ich natürliche Verhütung für mich ausprobiert hatte und danach wieder auf den Kupferball umgestiegen war. Und ich begann, mich in den Tagen vor meinen Tagen genauer zu beobachten: Wenn ich plötzlich das Gefühl hatte, mit allem überfordert zu sein, schob ich es nicht mehr auf das böse PMS, sondern überlegte, ob ich mir vielleicht gerade tatsächlich zu viel vorgenommen hatte. Wenn ich von meinen Mitmenschen schon bei jedem kleinen Pieps genervt war, sagte ich Treffen eher ab, nahm mir mehr Zeit für mich und erklärte, gerade sensibler und reizbarer als sonst zu sein, bevor es zu Streitausbrüchen und Stress-Überforderung kam. Und wenn ich plötzlich Lust auf zwei Teller Nudeln und Gummibärchen hatte, erlaubte ich mir das – weil ich plötzlich merkte, dass Heißhunger nun mal ein wiederkehrender alter Bekannter war, der einmal im Monat vorbeischaut, nach ein paar Tagen aber auch wieder von der Lust auf frische Salate abgelöst wird.

So verging einige Zeit, bis ich zum einen auf den Begriff „Cycle Syncing“, und zum anderen auf einen ganz bestimmten Namen stieß – der mir seitdem immer öfter begegnet: Alisa Vitti. Sie ist Vorreiterin des Cycle Syncing, Ernährungsberaterin, Hormonspezialistin, Holistic Health Coach, Bestsellerautorin von Büchern wie Woman Code und Gründerin von FloLiving.

Das Grundprinzip, das sie und alle Cycle Syncing Experten vertreten: Den eigenen Zyklus und die verschiedenen Phasen mit all ihren Besonderheiten besser kennenzulernen und durch unterstützende Ernährung, die richtige Bewegung und mehr Aufmerksamkeit zu einem natürlichen hormonellen Gleichgewicht zu finden. Das im besten Falle PMS-Symptome, Menstruationsbeschwerden oder Begleiterscheinungen wie Akne oder Brustschmerzen mildern, für einen regelmäßigen Zyklus sorgen und sogar Krankheiten wie PCOS oder Endometriose lindern kann – und nebenbei einen besseren Zugang zum eigenen Körper in jeder Zyklusphase schafft.

Das ist erstmal sehr viel auf einmal, denn die Ernährung und den Lifestyle nach den Bedürfnissen der Zyklusphasen zu richten und genug Bewegung in den Alltag zu integrieren, ist nicht mal eben auf Knopfdruck erledigt. Was mich an der Thematik aber so fasziniert, ist, ein grundsätzliches Bewusstsein für die Phasen des eigenen Zyklus zu bekommen. Und jede einzelne Phase, auch die PMS-Tage, als Teil des Ganzen anzunehmen. Denn mit einem anderen Blickwinkel wird aus den nervigen PMS-Tagen plötzlich etwas ganz anderes: Ein paar Tage, in denen man eben sensibler ist als sonst, in denen man sich ein paar Termine weniger vornimmt, und besonders liebevoll mit sich umgeht.

Das sind die vier Zyklus-Phasen, die das Prinzip „Cycle Syncing“ unterscheidet:

Quelle: blog.daveasprey.com/cycle-syncing

Menstruationsphase – Der Winter

Die erste oder letzte Phase des Zyklus kennen wir alle am besten: Die Menstruationsphase, die etwa zwischen 3 und 7 Tagen dauert. Die Hormonkonzentration ist jetzt am niedrigsten, das Hormon Progesteron sinkt stark ab, die Östrogenproduktion steigt und der Körper bereitet sich auf den nächsten Zyklus vor. In der Menstruationsphase ist das Energielevel des Körpers am niedrigsten, wir fühlen uns eher in uns gekehrt. Die linke und rechte Gehirnhälfte sind während der Menstruationsphase besonders gut vernetzt, wir können besonders gut das, was wir fühlen, artikulieren oder aufschreiben – eine gute Phase, um über Aktuelles zu reflektieren und sich neue Ziele zu setzen.
Kopf: In der Menstruationsphase können wir besonders gut Reportings erstellen, Dinge analysieren und auswerten und daraus Schlüsse ziehen und neue Zielsetzungen anpeilen.
Körper: Weil wir in dieser Phase am wenigsten Energie haben, sind leichte Sportarten wie Spazierengehen, Yin Yoga oder Pilates empfehlenswert – oder sich viel Schlaf zu gönnen, wenn die Energie nicht ausreicht.
Essen: Weil der Körper mit der Menstruation besonders beschäftigt ist, ist sehr nahrhaftes und leicht verdauliches Essen in dieser Phase sinnvoll: Proteine, gesunde Fette, Gemüse und Obst. Der Körper braucht Eisen- und Zinkhaltiges wie Meeresfrüchte und wärmende Suppen, Eintöpfe oder Porridge.

Follikelphase – Der Frühling

In der Follikelphase reift die Eizelle heran, die Phase dauert etwa 7 bis 10 Tage. Die Hormonkonzentration nimmt zu, wir sind kreativer als sonst und offener für Neues. Wir bekommen wieder mehr Energie und sind belastbarer.
Kopf: In der Follikelphase klappt das Brainstorming besonders gut, wir sind kreativ und können neue Projekte planen. Auch das Socialising und Networken klappt jetzt besonders gut.
Körper: Sportlich können wir in dieser Phase Neues ausprobieren, was uns in Schwung bringt: Zumba, Tanzen, Cardio-Workouts oder Power Yoga.
Essen: In der Follikelphase ist unser Körper, die Verdauung und der Stoffwechsel in Schwung. Wir vertragen Dinge wie rohes Gemüse und kalte, erfrischende Smoothies gut und der Körper hat Kraft, Ballaststoffreiches wie Bohnen, Getreide oder Hülsenfrüchte zu verdauen.

Ovulationsphase – Der Sommer

Wenn das Ei gereift ist, kommt es zum Eisprung. Die Ovaluationsphase dauert drei bis vier Tage. Der Östrogenspiegel steigt, außerdem die Sexualhormone Follitropin und das Gelbkörper- oder Luteinisierungshormon, die für den Eisprung sorgen. Auch der Testosteronspiegel steigt und fördert die Libido, sinkt nach dem Eisprung aber schlagartig ab. In dieser Phase sind die verbalen und sozialen Bereiche im Gehirn besonders aktiv, man ist besonders anziehend auf andere und meistert jede noch so schwierige Konversation.
Kopf: Kommunikation und Zusammenarbeit sind im Flow, Ideen, Pitches und Verhandlungen gelingen besonders gut. Wenn man nach einer Gehaltserhöhung fragen will, dann ist diese Phase ideal.
Körper: In der Ovaluationsphase haben wir am meisten Energie. Wir können jetzt HIIT Workouts, Bikram Yoga, Bootcamps oder Cycling-Klassen besuchen.
Essen: Rohkost und Obst helfen dem Körper, überschüssiges Östrogen abzubauen. Wir vertragen in dieser Phase eher leichtere Getreide wie Quinoa oder Mais.

Lutealphase – Der Herbst

Die Lutealphase dauert 10 bis 14 Tage und ist die längste der vier Phasen. Östrogen, Progesteron und Testosteron sind jetzt auf ihrem Höchststand und fallen nach dieser Phase bis zur Menstruation ab. Wenn es zu keiner Befruchtung des Eis gekommen ist, verändern sich die Hormonmengen zum Ende der Lutealphase hin nochmals erheblich. Die Progesteronproduktion nimmt rapide ab, sodass die Menstruation eingeleitet werden kann. In der Ovaluationsphase findet daher eine Veränderung statt: von viel Energie, einer hohen Libido und großer Lust auf soziale Kontakte fangen wir an, uns mehr zurückziehen zu wollen. Auch können erste PMS-Symptome auftreten.
Kopf: In dieser Phase können wir uns besonders gut konzentrieren, Projekte fertigbringen, deutlich sagen, was wir wollen, und Ordnung ins Chaos bringen.
Körper: Am Anfang der Ovaluationsphase haben wir besonders viel Energie, die wir gut für Krafttraining einsetzen können. Später in der Phase sinkt das Energielevel und Spaziergänge, Yin Yoga oder Pilates bieten sich an.
Essen: Die ersten Zucker-Cravings können sich einstellen, gegen die Vitamin B helfen kann. Für Kalzium und Magnesium sorgt grünes Blattgemüse, und Wurzelgemüse unterstützt die Leber beim Abbau der Hormone.
Von diesen vier Phasen überhaupt erstmal zu hören, hat für mich schon wahnsinnig viel verändert. Und je tiefer ich in das Thema einsteige, desto interessanter finde ich es. Mit der MyFlo-App  tracke ich nun schon seit einiger Zeit meinen Zyklus, und hatte noch bei keiner anderen Menstruations-App so viel Spaß daran, an so vielen Tagen wie möglich meine Details einzutragen: Welche Symptome habe ich heute? Bilde ich es mir nur ein, oder melden sich Pickel am Kinn und Brustschmerzen tatsächlich jeden Monat aufs Neue vier bis fünf Tage vor meiner Menstruation? Und lohnt es sich dann wirklich, mich darüber zu ärgern?
Zusätzlich zum genauen Symptom-Tracking gibt die MyFlow-App (übrigens die weltweite Nr. 1 unter den paid Zyklus-Apps) auch noch jeden Tag Hinweise dazu, wie man gerade zur eigenen Hormon-Balance beitragen kann, oder wie die App es nennt „how to support yourself today“: Was in der heutigen Zyklus-Phase ernährungstechnisch sinnvoll wäre, oder welche Form von Bewegung sich gerade besonders anbietet. Und ein Hinweis auf die aktuelle mentale Verfassung laut Zyklus-Phase hilft dabei, sich mal mehr, mal weniger soziale Termine, persönliche Herausforderungen oder berufliche To-Dos vorzunehmen.

Mein Highlight: Nicht nur man selbst kann sich mit Hilfe der App „cycle syncen“, es gibt auch einen eigenen Reiter namens „sync your partner“. Wenn man dort Vorname und E-Mail-Adresse des Partners angibt, bekommt er ab sofort eine E-Mail, wenn eine neue Zyklusphase beginnt – mit ausführlichen Tipps, wie er einen gerade supporten kann, was gerade Streitpotential haben oder was gerade besonders gute Zweisamkeitsmomente sein könnten. Eine ambitionierte aber auch gleichzeitig schöne Idee, die dem Partner so einiges eröffnet. Über den Beispiel-Brief musste ich sehr lachen und ihn diversen FreundInnen schicken.

 

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Natürlich fühlt sich nicht jeder Tag genau an, wie die Zyklus-Phase es gerade vorgibt. Und es ist auch nicht immer realistisch, jeden Termin nach den Zyklusphasen zu planen. Ob sich durch Cycle Syncing Krankheiten wie PCOS oder Endometriose heilen lassen, ob „hormonelle Balance“ überhaupt ein realistisches Ziel ist, ob das Ganze mit Themen wie Fruchtbarkeit oder der Psyche zusammenhängen kann, kann ich nicht beurteilen. Und auch die sehr amerikanische Aufmachung von FloLiving und des Newsletters, der mit dem App-Kauf einhergeht, ist nicht ganz meins – von Datenschutz-Bedenken mag ich gar nicht erst anfangen, was auch der einzige Grund für mich sein könnte, die App nicht langfristig zu verwenden, sondern die Thematik unabhängig davon weiterzuführen.
Und trotzdem finde ich, egal ob mit App oder ohne, die für mich neue Herangehensweise an meinen Zyklus vor allem eines: Wahnsinnig liebevoll mir selbst gegenüber – denn plötzlich sind weder PMS, noch die Menstruation Tage, die ich verteufle. Sie werden zu einem Teil des gesamten Zyklus, der ganz natürlich zu mir gehört, und in dem mein Körper unterschiedliche Bedürfnisse hat. Vielleicht bekomme ich durch die bewusstere Bewegung und Ernährung passend zu meinem Zyklus mehr Energie, vielleicht werden die PMS-Tage auch weniger nervig. Doch allein schon zu versuchen, all die Bedürfnisse meines Körpers zu erkennen und ihnen nachzugehen, ist für mich schon die schönste Veränderung, die das Thema Cycle Syncing mit sich gebracht hat.

 

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5 Antworten zu “Cycle Syncing: Alisa Vitti und die hormonelle Balance des Zyklus”

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