Kolumne: Emanzipierte Sexyness

7. Mai 2014 von in

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Illustration: Simone Klimmeck

Sexy – schon das Wort ist out. So abwechslungsreich die aktuelle Mode sein mag – aufreizend oder freizügig ist sie nicht. „Vom Mainstream bis zur kleinsten modischen Minderheit ist auf der Straße fast alles vertreten: bunte Menschen in Leggins und Chucks, elegante Frauen in Bleistiftröcken, Jugendliche und Junggebliebene in Sportanzügen, Gruftis in schwarz, Spießer in blau-weiß-kariert. Nur von der wirklich sinnlich gekleideten Frau fehlt jede Spur“, stellte Claire vergangene Woche in ihrem Artikel fest, den ich schon in den letzten Cherry Picks verlinkt habe und der einigen von euch ziemlich aufgestoßen ist. Denn Claire vertritt die These, nicht die Negation von Sexyness, sondern die bewusste Entscheidung dafür, sei die eigentliche Emanzipation.

Weder in der Mode-, noch in der Alltagswelt findet man aktuell besonders viel Freizügigkeit – vielmehr werden aufreizend gekleidete Frauen schnell in eine bestimmte Schublade gesteckt. Sie werden für seicht, oberflächlich, stillos, vielleicht sogar berechnend gehalten. Und vor allem für unemanzipiert. Gerade Frauen sprechen bei diesem Thema schnell von Degradierung zum Objekt. Unsere Kleidung soll nicht den Männern gefallen, sondern uns selbst. Wir wollen uns wohlfühlen, uns frei bewegen können in unseren Klamotten, ernst genommen werden als intelligentes Wesen, nicht als Sexobjekt.

Die letzten Jahre haben in der Mode eine Art Downstyling hervorgebracht. Mode ist heute nicht mehr die Untermalung von Weiblichkeit, sondern alles ist möglich. Frauen hüllen sich in voluminöse Säcke, tragen Männerschuhe, Boyfriendjeans, Rollkragenpullis oder Herrenmäntel. Auch das ist heute Frauenmode, und es ist zweifellos eine wichtige, emanzipatorische Entwicklung, dass wir uns heute burschikos kleiden können, und damit nicht weniger stilvoll aussehen, als in Kleid und hohen Schuhen.

Wie einige von euch, die teilweise empört kommentierten, fühle auch ich mich in unfreizügiger Kleidung weitaus wohler als in Outfits, die Haut zeigen oder Schuhen, die meinen Gang zum Zehenspitzentrippeln ändern. Und doch sehe ich in Claires Sicht einen wichtigen Punkt, der in der einfachen „lieber Sack als sexy“-Haltung unter den Tisch gekehrt wird: Wohl dosierte Sexyness ist nicht automatisch Degradierung oder ein Rückschritt in der Emanzipation. Tatsächlich kann auch sie dem Ziel dienen, das wir immer, mit all unseren Outfits erreichen wollen: ein gesundes Selbstbewusstsein, ein sicherer Auftritt und gute Laune. Vielleicht sollten wir öfter mal durchatmen, bevor wir jeder Frau im kurzen Rock andichten, sie trage ihn der Männer willen. Ein tiefer Ausschnitt oder hoher Absatz mag der einen genau denselben Hauch Selbstliebe geben, wie der neue Kaschmir-Rollkragenpulli oder die Acne-Loafers der anderen.

Zugegeben: Das gute Gefühl, das sexy Kleidung bei der Trägerin hervorruft, mag auch durch den Anklang bei der Männerwelt bedingt sein. Mit dem Umkehrschluss, dass man nur ernst genommen werden kann, wenn man sich als Frau möglichst männlich, geschlechtsneutral oder körperverhüllend anzieht, bin ich aber genauso wenig zufrieden. Am Ende kommt es dann doch nur auf einen selbst an: Egal, ob man sich sexy, cool, androgyn oder Normcore-unscheinbar am wohlsten fühlt – wichtig ist, dass alles erlaubt sein sollte. Dass gerade die Frauen aufhören, sich gegenseitig vorzuschreiben, was geht und was nicht geht, und das alles unter dem Deckmantel der Emanzipation. Denn die sollte eigentlich vor allem eines bedeuten: die Freiheit, zu tun, zu sagen und zu tragen, was man möchte. Ohne bewertet, verurteilt oder abgestempelt zu werden.

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16 Antworten zu “Kolumne: Emanzipierte Sexyness”

  1. Gutes Thema zum Nachdenken! Ich finde sexy bedeutet nicht gleich kurzer Rock, tiefer Ausschnitt und 15cm Absatz. Und ich denke auch nicht, dass alle Männer das so sehen. Ich finde zum Beispiel schöne, enge, gut sitzende Jeans mit einem weißen H&M Men Basic T-Shirt mit Rundhalsausschnitt und einem 6cm schwarzen Bootie sexy. Und die Männer die das auch so sehen, für die kleide ich mich dann auch gerne so (wenn man davon ausgeht, dass sich Frau nur für die Männerwelt „sexy“ kleidet) – und für mich natürlich, weil ich mich darin auch wohl und sexy fühle. Ich denke das Thema sieht jeder ein bisschen anders, weil auch jeder andere Dinge sexy findet – Hände, Augen, Füße, Haare usw. reine Geschmackssache – und das ist auch gut so!!
    Schlussendlich weiß ich aber auch gar nicht genau, in welche Sparte ich mich stecken würde: Sportlich? Mädchenhaft? Burschikos? „Rockig“? – ist ja auch egal ;) Hauptsache wohl fühlen und man selbst sein!

    Liebe Grüße, Sissi

    http://thesamebutmoredifferent.blogspot.de

  2. „Dass gerade die Frauen aufhören, sich gegenseitig vorzuschreiben, was geht und was nicht geht, und das alles unter dem Deckmantel der Emanzipation. Denn die sollte eigentlich vor allem eines bedeuten: die Freiheit, zu tun, zu sagen und zu tragen, was man möchte. Ohne bewertet, verurteilt oder abgestempelt zu werden.“

    So ist es! Danke für diese Worte, Milena. Und selbst WENN man einen Minirock um der Männer willen trägt – warum sollte das verwerflich sein? Interessierte Blicke zu ernten, ist ein schönes Gefühl, sich sexy zu fühlen durch die Kleidung, die man wählt, kann großartig sein. Das ist nicht jederfraus Sache, aber es ist genauso legitim wie alle anderen Entscheidungen für die eigene Kleidung auch. Mir persönlich macht Vielfalt am meisten Spaß, ich habe keinen richtigen Stil – einen Tag möchte ich cool aussehen, einen Tag sexy, einen Tag mädchenhaft, einen Tag erfolgreich, einen Tag elegant, einen Tag exzentrisch … und so kleide ich mich täglich anders und habe Spaß daran. Andere haben einen eigenen Stil, den sie jeden Tag tragen – und auch das ist super. Jeder wie er will.:)

  3. Find ich gut. Ich halte sowieso den Gedanken: „Sexy Outfits trägt man für Männer und andere Outfits für sich selber“ (mal stark vereinfacht gesagt) für stark vereinfacht . Abgesehen davon, dass ganz ja auch verschiedene Sachen als attraktiv war genommen werden, denke ich dass wirklich niemand nur für sich selber gut aussehen oder angezogen sein möchte, sondern immer auch seine Mitmenschen im Hinterkopf hat. Ob man diese jetzt als potentielle Sexualpartner ansieht oder nicht, spielt dabei keine besonders große Rolle finde ich.

  4. Die Kolumne gefällt mir richtig gut!
    Ich finde auch, dass man Emanzipation nicht wirklich an der Kleidung ablesen kann. Denn, würde das dann bedeuten, ich bin weniger emanzipiert, nur weil ich an 95 von 100 Tagen einen Rock trage? Das glaube ich kaum.

    Und zum Thema, eher männliche oder geschlechtsneutrale Kleidung wäre ein Zeichen für Emanzipation habe ich auch noch was:
    Natürlich, ist es wunderbar, dass wir Jeans tragen dürfen und auch das mit den Männermänteln ist geschafft – dieser Schritt ist aber schon geschafft und ein (in europa) allgemein gültiger Zustand.
    Was allerdings mindestens genau so wichtig ist, ist dass wir uns auch sexy kleiden dürfen, wenn wir wollen.
    Dabei denke ich vor allem an Business-Frauen, in der oberen Etage, die in Hosenanzug und mit Kurzhaarschnitt (Wenn sie das wollen, ist das natürlich auch ganz wunderbar.) zu ihren Meetings erscheinen müssen – um von der Männerwelt „ernstgenommen“ zu werden. Damit man ihnen nicht nach sagt, sie würde irgendetwas nur durch ihr Aussehen bekommen.
    Das finde ich wirklich traurig und ich würde mir inständig wünschen, dass uns Frauen einfach die Entscheidung überlassen wird wie wir uns kleiden und dass wir dennoch einfach akzeptiert werden.

    Liebe Grüße!

    • Danke, Magda! Das sehe ich ganz genau so! Wahre Emanzipation ist eigentlich wohl erst dann erreicht, wenn es tatsächlich nicht mehr um Äußerlichkeiten (egal ob in die eine oder andere Richtung), sondern um Inhalte geht!

    • Dass ein Outfit erstmal eine „Waffe“ sein kann, stimmt (sowohl bei Frau als auch bei Mann). Ob man will oder nicht, die äußere Erscheinung ist nun mal das, was man als Erstes wahrnimmt und das Einzige, was 99% der Menschen um einen herum überhaupt von einem wahrnehmen. Mit einem guten Outfit kann man Eindruck machen, im Endeffekt zählt aber immer der Charakter. Keine Frau muss rumheulen, dass niemand sie ernst nimmt, wenn sie die Haare offen lässt und einen Rock anzieht. Wenn eine Frau erfolgreich sein will und das von ihren Qualitäten her kann, schafft sie es mit langen blonden Haaren und auf High Heels genauso gut wie im Hosenkostüm und mit Bürstenschnitt. Dass jemand nicht das Selbstbewusstsein hat, weiblich aufzutreten und auf die Sprüche irgendwelcher Schwachköppe und die abschätzigen von-oben-bis-unten-Blick anderer Frauen zu pfeifen und sein Ding durchzuziehen, ist ein anderes Problem. So jemand würde es mMn aber sowieso NIE bis ganz nach oben schaffen.

      Abgesehen davon hab ich im Gegenteil das Gefühl, es wäre salonfähiger geworden, beim Outfit Mühe erkennen zu lassen. Nicht unbedingt in Richtung „sexy“ im Sinne von Bauchnabelausschnitt und Wallemähe, aber es sind definitiv mehr Frauen in hohen Schuhen, mit rotem Lippenstift und Röcken in Berlin unterwegs als noch vor einigen Jahren.

  5. „…aufhören, sich gegenseitig vorzuschreiben, was geht und was nicht geht, und das alles unter dem Deckmantel der Emanzipation. Denn die sollte eigentlich vor allem eines bedeuten: die Freiheit, zu tun, zu sagen und zu tragen, was man möchte. Ohne bewertet, verurteilt oder abgestempelt zu werden.“

    So wie du das Thema angehst, ist es wirklich wunderbar. Es soll ja eben um Freiheit. Und um eigene Entscheidungen. Was mir beim Ursprungsartikel so fremd war, war wieder dieses Bewerten von ‚richtiger‘ und ‚falscher‘ Emanzipation.

    Danke für deinen kritischen Blick, Milena!

  6. […] Bei amazed gibt es eine Neuerung: die Kolumnen werden mit phantastischen Illustrationen von Simone Klimmeck unterlegt und sind seitdem noch bezaubernder. Ganz großartige Arbeit, liebe Simone! Aber natürlich ist auch der Text von der lieben Milena absolut lesenswert. Es geht um ein Thema, das viele Frauen von uns betrifft: emanzipierte Sexyness. […]

  7. Interessantes Thema und eine interessante, gut geschriebene Position.
    Ich finde du bringst es genau auf den Punkt, denn mal ganz im Ernst: Man läuft einfach eleganter, wenn man hohe Schuhe statt Sneaker trägt und bei sieht ein etwas weiterer Ausschnitt(und wenn es nur Rundhals ist) einfach meistens besser auf Grund meiner Figur aus.
    Wenn man sich Kleiderstücke verbietet, weil sie sexy sind, ist das doch genauso idiotisch wie sich für den Männerblick zu kleiden. Für mich ist das einfach Ästhetik und die ist nicht nur den Herren auf der Straße wichtig, sondern vor allem mir selbst.

  8. Natürlich bedeutet Emanzipation, dass Frauen sich kleiden dürfen wie es ihnen gefällt. Wenn ich allerdings mit Shorts und/oder im Tank-Top im Büro erscheine, dann fragt mich mein Chef wohl auch, ob ich Fieber habe und ob ich eigentlich an meinem Job hänge. Damit muss ich leben, als „emanzipierter“ Mann.

    „Zugegeben: Das gute Gefühl, das sexy Kleidung bei der Trägerin hervorruft, mag auch durch den Anklang bei der Männerwelt bedingt sein.“

    Außer wenn es wirklich heiß ist und man sonst schwitzen würde fällt mir kein plausibler Grund ein, warum eine Frau sich sonst so knapp, verführerisch und „sexy“ anziehen sollte, als der , dass sie Männer heiß auf sich machen will, was ihr offensichtlich ein gutes Gefühl der „Selbstbestätigung“ gibt. Auf der anderen Seite will sie natürlich nicht als Sexobjekt betrachtet werden, obwohl sie sich gut fühlt, wenn sie Männer dazu bringen kann (durch ihren „sexy“ Kleidungsstil, deswegen heißt es ja „sexy“ und nciht „gut-fühl-kleidungsstil), dass diese sie f***** wollen. Klingt für mich nach mehr als nur einer harmlosen, paradoxen Denkweise, sondern eher nach einer kollektiven, starken beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten. Wer sich selbst erst mal zum Sexobjekt reduziert, indem er sich, wie der Name passender Weise schon bekundet, „sexy“ kleidet, der darf sich nicht wundern, wenn die Gesellschaft als das erkennt, was er darzustellen versucht, ein Sexsymbol eben (http://de.wikipedia.org/wiki/Sexsymbol)

    Natürlich dürfen Frauen tragen was sie wollen, dass IST Emanzipation, dafür müsst ihr nicht mehr kämpfen. Emanzipation ist aber keine Freipass für Kritik. Um die werdet ihr, liebe Frauenwelt, niemals herum kommen un dafür dürft ihr auch gerne mal dankbar sein, denn nur weil ihr tragen dürft was ihr wollt und ihr ernst genommen werdet, deshalb kritisiert man euch auch, weil ihr ein gleichberechtigter Partner dieser Gesellschaft geworden seid und viele nciht verstehen, warum ihr euch unbedingt wieder zum Sexobjekt degradieren wollt. Aber selbst dass dürft ihr und ihr dürft es auch anders sehen und sagen, dass eine Frau, die sich „sexy“ kleidet damit gar ncihts sexuelles im Schilde führt. Aber eines könnt ihr nicht! Ihr könnt nicht erwarten, dass eure Handlungen kritikfrei bleiben. Das ist der Preis der Freiheit ;)

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